Sabeas Traum

Sabeas Traum - 18. Episode - Kartoffelschnaps

Kevin MacLeod Season 3 Episode 26

Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.

0:00 | 14:43

Samira, eine der Pflege-Studierenden, tut intuitiv etwas, das viel zu selten geschieht. Sie setzt sich ans Bett von Frau Engel, einer Bewohnerin, die zuhause gestürzt ist und nun in erster Linie Schmerzmittel verordnet bekommen hat. Frau Engel bewegen aber ganz andere Dinge als ihre Schmerzen nach dem Sturz. Die alte Frau öffnet der jungen Pflegestudierenden ihr Herz.

SPEAKER_00

Sabejas Traum Der Podcast Autor Markus Stadler Sebias Traum sowie die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel erhältlich oder bei Amazon bestellbar. 18. Kapitel Kartoffelschnaps Melchior, mein Sohn. Ich suche dich auf, weil ich dir etwas zu sagen habe. Ich bin zutiefst enttäuscht, dass du und dein Bruder sich wegen eines kleinen Landstücks dermaßen in den Haaren liegen. Schau in die Zukunft. Du bist jetzt 40 Jahre alt und somit immer noch jung genug, um auf eine Frau zu hoffen, die dich liebt und die zu dir schaut. Wenn du dich mit Bruno einigst, das Land beim Bühlgraben an die Gemeinde zu verkaufen, wird es dir besser gehen, als du dir das jemals vorstellen konntest. Lade Bruno, auch wenn es dir im Moment schwerfällt, auf einen Kartoffelschnaps ein. Dann redet ihr in Ruhe zusammen und geht anschließend zur Gemeinde und zum Grundbuchamt. Alles ist gleich um die Ecke. Ihr seid meine Söhne, und ich liebe euch beide. Aber vertragt euch, Kumistfladen nochmal. Sabea hatte Elisabeth Tiefenthaler noch in bester Erinnerung. Sie war eine lustige alte Dame gewesen, und was sie nie vergessen hatte, waren die prägnanten Flüche der Bauersfrau. Kuhmistfladen nochmal. Zum gequirlten Schweinedarm. Zur gestampften Hühnerkacke in Ewigkeit. Bruno, mein Sohn. Ich suche dich auf, weil ich dir etwas zu sagen habe. Ich bin zutiefst enttäuscht, dass du und dein Bruder sich wegen eines kleinen Landstücks dermaßen in den Haaren liegen. Schau in die Zukunft. Du bist jetzt 38 Jahre alt und somit immer noch jung genug, um auf eine Frau zu hoffen, die dich liebt und die zu dir schaut. Wenn du dich mit Melchior einigst, das Land beim Bühlgraben an die Gemeinde zu verkaufen, wird es dir besser gehen, als du dir das jemals vorstellen konntest. Lass dich von Melchior, auch wenn es dir im Moment schwerfällt, auf einen Kartoffelschnaps einladen. Dann redet ihr in Ruhe zusammen und geht anschließend zur Gemeinde und zum Grundbuchamt. Alles ist gleich um die Ecke. Ihr seid meine Söhne, und ich liebe euch beide. Aber vertragt euch, Kuhmistfladen nochmal. Mit tatkräftiger Unterstützung von Xeneputt, die Sina ein weiteres Mal sanft die Hand auf den Thorax legte und sie so ausschaltete, ohne dass der digitale Zwilling Widerstand leistete, konnte Elisabeth Tiefenthaler im technischen Labor operiert werden. Der MP3-Player wurde mit den beiden Textdateien bespielt, und somit war klar, dass Elisabeths Auftritt zuerst bei Melchior und anschließend, eine halbe Stunde später, bei Bruno stattfinden würde. Die beiden Höfe waren zehn Fußminuten voneinander entfernt. Dann verlief die Planung generalstabsmäßig. Florina observierte die beiden Bauern Söhne, um sicherzustellen, dass in der entscheidenden Nacht nicht nur der eine der beiden zu Hause war. Isabel kümmerte sich zuversichtlich um den Verkauf der beiden Bunker an die Bühlwiler-Gemeinde. Xeneputt arbeitete mehrere Tage hintereinander auf der Abteilung Klosterbleck, um allfällige Unregelmäßigkeiten mitzubekommen. Sabea überwand ihren moralischen Zwist und sprach Ambrosius Mut zu. Seit langem war sie mal wieder bereit für mehr als für eine kleine Kuschelrunde. Als sie sein Harz zerzauste, während er in ihr war, spürte sie tief in sich, wie sehr sie ihn noch immer liebte. Es wurde Ende Mai, bis alles bis ins kleinste Detail zu stimmen schien. Am späteren Nachmittag setzte Xeneput Sina mit einer ihrer sanften Berührungen außer Gefecht und legte den digitalen Zwilling in einem der leeren Zimmer auf ein unbenutztes Bett. Im Zimmer von Elisabeth Tiefenthaler stellte Xeneput fest, dass Sina ganze Arbeit geleistet hatte. Die alte Dame saß mit gefalteten Händen im Lehnstuhl. Sie trug ein blaues Sonntagskleid. Sina hatte ihr nicht nur zwei, sondern gleich drei Zöpfe ins silberne Haar geflochten, von denen sie den einen kunstvoll um Elisabeth Tiefenthalers Kopfherum drapiert und diskret mit einem Haarband gesichert hatte. So würde die Mama ihre beiden Söhne in der Nacht besuchen und ihnen mit ihrer wichtigen Botschaft gegenübertreten können. Es ging gegen 22 Uhr, als Ambrosius mit Hilfe von Xeneputt und Florina Elsbeth Tiefenthaler, die sie aufgestellt hatten, zum Lieferwagen transportierten, der in der unterirdischen Zufahrt zur Abteilung Klosterblick bereitstand. Alles war ruhig. Ein warmer Vorsommerhimmel wölbte sich über Bühlwil, und es war eine klare Sternennacht. Florina, die die beiden Bauern ein paar Tage lang Obserpferd hatte, kannte den Weg bestens und sorgte dafür, dass Ambrosius rechtzeitig abbog. Im Hof von Bruno brannte noch Licht. Florina schlich nahe heran und vergewisserte sich, dass der Bauer im Haus war und nicht etwa Verdacht schöpfte, wenn da eine kleine Karawane auf den Hof seines Bruders zuging. Auch wenn der Weg vom einen Hof zum anderen zehn Fußminuten dauerte, die beiden verfallenen Gebäude befanden sich auf Sichtweite, und die kleine Truppe wollte nicht das geringste Risiko eingehen. Ambrosius zuckte zusammen, als eine Kuh unwillig mute. Obwohl er sehr gerne mit dabei gewesen wäre, um zu erleben, wie die beiden Brüder auf ihre virtuelle Mutter reagierten, beschloss er, am Steuer zu bleiben, um im Notfall reagieren und mit den beiden Frauen und dem digitalen Zwilling in der Nacht verschwinden zu können. Florina und Xeneputt waren ausnehmend kluge Frauen, und sie würden alles richtig machen, so seine Überzeugung. Filmreif, das Ganze, lachte er. Wirklich, filmreif. Die Herausforderung bestand nun darin, den leblosen Körper von Elisabeth Tiefenthaler unauffällig unter das Vordach von Melchiors Hof zu bringen. Zu dritt schafften sie es, und seufzend ließ Xeneput den digitalen Zwilling zu Boden gleiten. Erwecken wir sie zum Leben, sagte Ambrosius patetisch und drückte aufs Sternum der alten Frau. Diese öffnete die Augen und richtete sich auf. Sie wirkte feierlich bedrohlich und löste in den drei Anwesenden seltsame Gefühle aus. Florina hielt die Fernsteuerung des MP3-Players umklammert. Im richtigen Moment würde die alte Frau den Melchior-Text aufsagen müssen, mitten in dessen Zimmer. Ambrosius ging zurück zum Lieferwagen, den sie hinter einem wuchtigen Haselstrauch versteckt hatten. Zitternd vor Aufregung drückte Xeneputt auf die Klinke. Die Tür war erwartungsgemäß unverschlossen. Keiner der beiden Brüder kam auch nur ansatzweise auf den Gedanken, dass jemand eindringen könnte. Überall lag Stroh und Unrat am Boden, die beiden Traktor waren eingerostet und wirkten nicht so, als würden sie noch benutzt. Die Küche war leer. Auf dem Tisch lagen Käseresten und ein Kantenbrot. Melchior lebte nicht nur einsam, sondern auch sehr bescheiden. Dann atmete Xeneput auf. Vom oberen Stock war ein sonores Schnarchen zu vernehmen. Wortlos gab sie Florina ein Zeichen, und diese betrat Hand in Hand mit der digitalen Kopie von Elisabeth Tiefentaler die Küche. Beinahe wäre der Avatar über die Holzschwelle gestürzt und konnte von Florina gerade noch aufgefangen werden. Scheiße, entfuhr es ihr. Wie bringen wir die Frau bloß die Treppe hoch? Bei aller Vorbereitung hatten die beiden nicht bedacht, dass die digitalen Zwillinge so programmiert waren, dass sie sich auf dem Korridor einer Pflegestation bewegen konnten. Hürden wie Türschwellen oder Treppen waren nicht mitgedacht worden. Barrierefreiheit für Roboterinnen, sagte Florina leise. Dann hob sie Melchiors virtuelle Mutter mit Hilfe von Xeneput hoch und wuchtete sie über die knarrende Holztreppe nach oben. Dort schien es nur einen Raum zu geben, das Schlafzimmer. Die beiden Frauen mussten einen Moment lang verschnaufen. Das Manöver war körperlich viel anstrengender, als sie sich das vorgestellt hatten. Dann unterdrückte Xeneput einen Schrei. Eine Katze zischte zwischen ihren Beinen hindurch. Die Tür zu Melchiors Schlafzimmer war geschlossen, und durch eine breite Ritze im Holz sahen die beiden Frauen, dass der Bauer auf der Seite lag und rührend schnarchte. Los! Florina stieß die Tür auf, und beide Freundinnen hoben Elisabeth Tiefenthaler über die Holzschwele, um zu verhindern, dass sie im letzten Moment stürzte. Die Sensoren schienen zu funktionieren, Elisabeth Tiefenthaler wehnte sich in einem Pflegezimmer, und die Wärmesensoren signalisierten ihr, dass da jemand im Bett lag. Mit vor Aufregung verschwitzten Händen griff Florina nach der Fernsteuerung für den MP3 Player. Sobald Melchiors virtuelle Mutter in der Mitte des Schlafzimmers stand, drückte Florina die Play-Taste. Nichts geschah. Verdammt! Aber es handelte sich nur um eine technische Verzögerung. Dann setzte die wispernde Stimme der alten Frau ein. Alles wirkte so echt, dass Florina und Xeneput erschauderten. Mit einer derart heftigen Reaktion von Melchior hätten sie allerdings doch nicht gerechnet. Mit einem inbrünstigen Schrei fuhr er hoch und starrte auf die Gestalt in seinem Schlafzimmer. Mutti, krächzte er. Aber Elisabeth tiefenthalers Stimme fuhr ungerührt fort und teilte ihm mit, was es mitzuteilen gab. Melchior, mein Sohn. Ich suche dich auf, weil ich dir etwas zu sagen habe. Erst jetzt fiel Florina auf, dass diese eloquente Ausdrucksweise wohl kaum der Alltagssprache einer Bäuerin entsprach. Aber Melchior reagierte nicht auf stilistische Kleinigkeiten. Er rüchelte nur noch, so, dass er Florina und Xeneput fast ein bisschen leid tat. Genau wie Sabea sich das vorgestellt hatte, als sie Ambrosius zum ersten Mal von ihrem Plan erzählt hatte, klammerte Melchior sich tatsächlich mit der einen Hand an seiner Matratze fest, mit der anderen am Kopfkissen. Das, was seine Mutter ihm zu sagen hatte, dauerte ewig lange. Beinahe hätte Florina vergessen, am Schluss auf Stopp zu drücken. Aber die Botschaft tat ihre Wirkung. Melchior liefen die Tränen übers Gesicht. Ja, Mutti, ich werde es tun. Ich werde Bruno zu einem Kartoffelschnaps einladen. Und, ja, wir verkaufen das verdammte Land. Etwas weiteres hatten weder Xeneput noch Florina, weder Ambrosius noch Wu, der das Projekt ebenfalls aktiv mitunterstützt hatte, bedacht. Elisabeth Tiefenthaler blieb einfach regungslos mitten im Raum stehen. Im Gegensatz zur Abteilung Klosterbleck gab es hier keine elektronischen Leitschienen, an denen sich die digitalen Zwillinge orientieren konnten. Doch auch dieses Mal war den beiden Frauen Glück beschieden. Melchior vergrub seinen Kopf unter dem Leintuch und begann, haltlos zu schluchzen. Xeneputt vergeudete keine Sekunde. Wie eine Schlange wandte sie sich über den staubigen Boden, ergriff Elisabeth Tiefenthalers rechte Hand und drückte auf den Handballen. Das war eine der Möglichkeiten, wie auf der Abteilung Klosterblick festgefahrene digitale Zwillinge manuell wieder auf Kurs gebracht werden konnten. Folgsam drehte sich Melchiors virtuelle Mutter um, und Hand in Hand verließen Xeneput und sie den Ort des Geschehens. Florina vermeinte ihr Herz klopfen zu hören, aber es galt keine Zeit zu verschwenden. Die beiden Freundinnen zerrten den digitalen Zwilling über die Treppe nach unten und schleppten ihn nach draußen, wo sie bereits von Ambrosius erwartet wurden. Wir erzählen dir später, wie es war, kam ihm Florina zuvor. Sie verstauten Elisabeth Tiefenthaler im Lieferwagen, Ambrosius wendete das Gefährt, und sie machten sich auf den Weg zu Brunos Hof. Dort verlief alles ähnlich wie bei Melchior, außer in einem Punkt. Als Elisabeth Tiefenthaler auch hier ihrem zutiefst verstörten Sohn ihr Sprüchlein aufgesagt hatte, versagte oben an der Treppe der Akku. Der digitale Zwilling von Brunos Mutter sank in die Knie und stürzte kopfforan hinunter ins Erdgeschoss, wo er geräuschvoll aufprallte. Die Schäden an der Roboterin waren erheblich, aber Florina und Xeneput nahmen sich keine Zeit für eine Diagnose. Sie zerrten die ledierte alte Frau zum Lieferwagen, hissen sie mit Hilfe von Ambrosius in den Stauraum und verschwanden in der Nacht. Am nächsten Morgen hatte Bruno, der mit dem Frühstück länger beschäftigt war als üblich, Besuch. Es klopfte. Kommst du auf einen Kartoffelschnaps zu mir? fragte Melchior seinen Bruder. Bruno schien es, Melchiors Augen seien gerötet. Außerdem ragte ein Hemdzipfel aus dessen Hosenstall. Der Mann war komplett durcheinander.