Sabeas Traum
Sabeas Traum ist der dritte Roman in der "Sabea"-Serie des Berner Schriftstellers Markus Stadler. Er ist 2026 erschienen und im regulären Buchhandel erhältlich oder direkt bei amazon bestellbar.
Die Story handelt von der materiellen Armut von Pflegestudierenden, aber auch von Freundschaft sowie der Weiterentwicklung des Anthropomorphismus, des Versuchs, Pflegefachpersonen aus ökonomischen Gründen durch deren digitale Zwillinge zu ersetzen.
Sabeas Traum
Sabeas Traum - 19. Episode - der Deal
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Samira, eine der Pflege-Studierenden, tut intuitiv etwas, das viel zu selten geschieht. Sie setzt sich ans Bett von Frau Engel, einer Bewohnerin, die zuhause gestürzt ist und nun in erster Linie Schmerzmittel verordnet bekommen hat. Frau Engel bewegen aber ganz andere Dinge als ihre Schmerzen nach dem Sturz. Die alte Frau öffnet der jungen Pflegestudierenden ihr Herz.
Sabejas Traum Der Podcast Autor Markus Stadler Sebejas Traum sowie die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel erhältlich oder bei Emerson bestellbar. 19. Kapitel Der Deal. Bühlwil mit seinen 800 Einwohnerinnen und Einwohnern war ein überschaubares Dorf. So blieb es kaum jemandem verborgen, dass Melchior und Bruno, die beiden seit vielen Jahren heillos zerstrittenen Brüder, sich eines Tages einträchtig an einen Zweiertisch in der Goldenen Brezel setzten und miteinander heftig diskutierten und gestikulierten. Kurz darauf war es soweit, und die beiden ehemaligen Streithelne machten sich auf den Weg zum Gemeindehaus und zum Grundbuchamt. Hätten sie ihr Landstück beim Bühlgraben verpachtet, wären kaum etwas mehr als 100 Franken pro Jahr herausgesprungen. Jetzt aber, da eine Umzonung zu Bauland stattfinden würde, dank eines Kniffs des Regierungsstattalteramts, sah die Sache anders aus. Die Gemeinde war bereit, das versteppte Gebiet von etwa 5 Quadratkilometern für 100.000 Franken zu erwerben. Nach Abzug der Steuern blieb noch immer ein beträchtlicher Betrag übrig, den die beiden Brüder heftig untereinander aufteilen würden. Melchior brummte der Schädel, und ihm war mit einem Mal nicht mehr klar, ob der jahrelange Zwist mit seinem Bruder überhaupt notwendig gewesen war. Dann dämmerte es ihm, dass sich noch vor kurzem niemand für das Landwirtschaftsland interessiert hatte. Darum wollte er vom Grundbuchamt erfahren, wieso das Landstück, das über mehrere Generationen hinweg der Familie gehört hatte und bis zuletzt von Elisabeth Tiefenthaler bewirtschaftet worden war, mit einem Mal einen derart hohen Wert hatte. Vermutet man eine Goldader, sagte sein Bruder. Melchior waren ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen. Die beiden wurden in ein Büro am Ende des Korridors gebeten, und dort löste ein Bühlwiler Beamter das Rätsel. Es soll ein Studierendendorf entstehen, sagte er in einem Tonfall, der alles andere als Begeisterung ausdrückte. Einst du, was, erkundigte sich Bruno. Ein Studierendendorf. Wir hatten während unserer Ausbildung auch kein Geld, falls wir überhaupt eine Ausbildung machen dürften, sagte der Beamte im Versuch, sich mit dem Bauernbrüll d'Apas, das bestimmt keine Ausbildung vorzuweisen hatte, zu solidarisieren. Heute macht man alles möglich und trägt diese Jungen auf Samthand schon. Aber die werden schon noch erwachen. Seine Stimme wurde lauter und nahm das Pathos eines Propheten an. Bruno hörte schon gar nicht mehr hin und schielte auf die beiden Schecks, die auf dem Tisch lagen. Jedem die Hälfte, sagte der Beamte unumwunden und ließ die beiden Brüder verschiedene Vertragspapiere unterzeichnen. Die beiden Brüder erachteten es nicht einmal als notwendig, sie durchzulesen. Sie setzten ihr volles Vertrauen in die Gemeinde und deren Administration. Dann zogen sie davon. Der Kirchturm blitzte in der Sonne und reckte sich einem strahlenden Mihimmel entgegen. Die beiden Brüder schritten grinsend in eine freie, bessere Welt mit je einem Scheck in der Tasche, mit dessen Erlös sie vielleicht sogar eine Frau anlocken konnten, auf jedem der beiden Höfe eine, genauso, wie ihre Mutter es ihnen prophezeit hatte. Du bist immer noch jung genug, um auf eine Frau zu hoffen, die dich liebt und die zu dir schaut. Beide Brüder dachten gleichzeitig an den Satz, den sie vom digitalen Zwilling ihrer Mutter eben erst vernommen hatten. Aber sie sprachen nicht darüber, tauschten sich nicht aus. Jeder ging seinen Weg, es galt, die Kühe auf die Weiden zu lassen. Anni war im Tagdienst eingeteilt und ergab sich in die Routine des Tagesablaufs auf ihrer Pflegestation. Es gab da eine Maas- und eine Venusabteilung. Die Namensgebung stammte von einem mittlerweile pensionierten Pflegefachmann, der offenbar eine Schwäche für Gestirne gehabt hatte. Samira arbeitete auf der Venus, eine auf dem Mars, wie die beiden Studierenden oft scherzhaft zueinander sagten. Gegen 9 Uhr verteilte Samira Tee und Kuchen. Sie schob das silbern glänzende Wegchen durch den Korridor und freute sich auf das eine oder andere zufrieden reinblickende Gesicht. Im Gegensatz zur Privatabteilung im Erdgeschoss, wo Lena arbeitete, waren die Bewohnerinnen und Bewohner im zweiten Stock etwas anspruchsloser. Viele von ihnen waren noch gut zu Fuß unterwegs, und bei schönem Wetter begaben sie sich an ihren Rollatoren in den Garten, wo sie vor dem Streichel so innehielten. An die stillenden Frauen auf den Bänken zwischen dem Rhododendron, den Hortensien und den Darien hatten sich die Bewohnerinnen und Bewohner mittlerweile gewöhnt. Die alten Männer gingen ein bisschen gelassener mit der Tatsache um, dass das Geburtshausareal ans Pflege- und Alterszentrum angrenzte, aber auch die greisen Bewohnerinnen konnten den kleinen Geschöpfen, die zum Teil neugierig aus den Tragetüchern oder den Kinderwagen blinzelten, viel abgewinnen. Wer seinen Platz immer energisch verteidigte, war Frau Urber, die Strickerin. Sie war die Zimmernachfolgerin von Frau Hohl, einer sehr interessanten und lebhaften alten Dame, die vor ein paar Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Zur Zeit, als Bülwil noch von Korridoren untertunnelt gewesen war, hatte Frau Hohl eine wichtige Rolle inne gehabt. Frau Ober strickte seit langer Zeit an einem Wollstück, das mittlerweile so lang war, dass Annie einen Teil hatte abtrennen und abnähen müssen, unter heftigem Protest der alten Dame. Zwei Schals sind auf jeden Fall besser als nur einer, war Annis Logik gewesen, und schließlich hatte Frau Ober zufrieden eingelenkt. Im Moment wechselten die Wollfarben zwischen Lila und Giftgrün. Als Samira das Zimmer von Frau Engel betrat, stellte sie sofort fest, dass etwas nicht stimmte. Die Bewohnerin saß zusammen gekrümmt auf ihrem Lehnstuhl, so, als hätte sie Bauchschmerzen. Samira ließ den Teewagen vor der Tür stehen, schaltete das Präsenzlicht ein und setzte sich zu Frau Engel. Eigentlich möchte ich gerne nach draußen, flüsterte die alte Dame mit dem blau-silbernen, gelockten Haar. Aber da ist er wieder, mein Rücken. Samira hatte schon mehrmals, vor allem ihrer Studienkollegin einige gegenüber, kritisiert, dass in der Dokumentation vieler Bewohnerinnen und Bewohner kaum eine Vorgeschichte zu finden war, geschweige denn einen Schmerz oder eine sonstige Anamnese. Demzufolge waren auch die Therapiepläne, was Medikamente anging, ihr dürftig. Die 81-jährige Frau Engel war aufgrund eines nächtlichen Sturzes, als sie sich nicht mehr von selbst hatte aufrichten können und zwei Tage später von einer Nachbarin entdeckt worden war, ins Pflege- und Alterszentrum Elfenberg eingetreten. Seit dem Tod ihres Ehemanns galt sie als depressiv, und das nun über einen Zeitraum von zehn Jahren. Zum Glück hatte sie sich beim Ereignis nichts gebrochen, die Prellung und der Bluterguss im unteren Rücken waren aber schmerzhaft. Frau Engel wurde weitgehend mit Medikamenten versorgt, welche die Verdauung regulierten oder mit solchen, die ihr bei Einschlafstörungen helfen sollten. Die Schmerztherapie bei ihr erschöpfte sich in der Gabe entsprechender Tabletten, die sie allerdings konsequent ablehnte. Samira saß Frau Engel etwas hilflos gegenüber. Sie wusste nicht einmal genau, was sie mit der alten Frau besprechen sollte. Dann begann die Bewohnerin von sich aus zu erzählen, dass sie kaum schlafen könne und dass ihre Schmerzen im Stehen zunehmen würden. Sie leide seit vielen Jahren an Arthrose, und sie vermisse ihren Ehemann David jeden Tag. Er hätte ihr damals jeden Wunsch von den Augen abgelesen und sogar für sie gekocht, meistens ein Spiegelei. Sie nehme sich sehr zusammen und möchte weiterhin alle Mahlzeiten gemeinsam mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern einnehmen. Dann streckte sie ihre knochige Hand aus und fasste Samira am Ellenbogen. Du bist sehr lieb zu mir. Schon lange hat sich niemand mehr einfach so zu mir gesetzt, um mir ein bisschen zuzuhören. Genau so ein Mädchen, wie du eines bist, hätte ich immer gerne als Tochter gehabt. Natürlich war Samira längst kein Mädchen mehr, aber wegen des großen Altersunterschieds zwischen Frau Engel und ihr ebenwohl doch. Samira stand auf, versorgte Frau Engel mit einem Schwarztee und verteilte in den anderen Zimmern die restlichen Kuchenstücke. Aber Frau Engel ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Da müsste doch mehr zu machen sein, als bei Bedarf ein Schmerzmedikament zu verteilen, dachte sie bei sich. Sie würde am Abend, wenn sie sich in ihre Rosengartenwohnung zurückzog, mit ihrer Freundin Annie darüber reden. Etwas später besuchte Samira die alte Frau nochmals. Ich habe ganz vergessen, dir zu erzählen, dass ich sehr gerne Tiere habe. Ich habe früh im Familienbetrieb mitgeholfen und zu den Kühen, zu den Schafen, zu den Schweinen und zu den Bienen geschaut. Als meine Mutter schwächer geworden ist, habe ich sie bis ans Lebensende gepflegt. Samira stellte fest, dass die Augen von Frau Engel feucht wurden. Wie es schien, hatte ihr nicht nur ihr verstorbener Ehemann, sondern auch ihre Mutter sehr viel bedeutet. Als die beiden Freundinnen sich in ihrer unterirdischen Bleibe trafen, hatte auch Annie viel zu erzählen. Sie hätte auf ihrer Maßstation einen Mann getroffen, der außer einem Brummen und einem Krezen kein einziges Wort über die Lippen brachte. Ein Maßmensch, lachte Samira, aber Annie blieb ernst. Das ist nicht lustig, Samira. Seit Matteo den Lamellenvorhang montiert hatte, lebte es sich viel entspannter, und die beiden Studierenden begannen allmählich damit, ihre Wohnung zu mögen. Der etwas feuchte Kellergeruch würde sich wohl nie ganz beseitigen lassen, aber Heizung, Wasser und Licht taten ihren Dienst, und Samira hatte sogar wieder damit begonnen, Bilder von ihren beiden kleinen Brüdern über ihr Bett zu hängen, die ihre Mutter ihr nachgesandt hatte, nachdem die Fotos in der vorderen Wohnung dem Feuer zum Opfer gefallen waren. Auf dem Tisch stand eine Vase mit Aprilglocken. Ani und Samira kuschelten sich in ihre Decken, löschten das Licht und genossen den Blick auf die schimmernden Zwischenräume des Lamellenvorhangs über ihnen. Dort draußen wölbte sich ein wunderschöner Maisternenhimmel.