Sabeas Traum

Sabeas Traum - 20. Episode - Annie und der Marsmensch

Kevin MacLeod Season 3 Episode 30

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Annie, Pflegestudierende, wird überraschend mit Sina, einem digitalen Zwilling, konfrontiert. Sina nimmt die Rolle einer Berufsbildnerin ein. Besonders ans Herz geht Annie ein junger blinder Bewohner mit einem langsam wachsenden, aber inoperablen Hirntumor. Lorenz.

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Sabejas Traum Der Podcast Autor Markus Stadler Sebias Traum sowie die beiden vorangehenden Romane Sabeas Haus und Sabeas Baby sind im regulären Buchhandel erhältlich oder bei Amazon bestellbar. 20. Kapitel Anni und der Mars-Mensch Auf der Abteilung Mars, auf der Annie arbeitete, lagen derzeit mehrere sehr anspruchsvolle Bewohnerinnen und Bewohner. Anspruchsvoll nicht etwa, was deren Bedürfnisse anging, sondern anspruchsvoll durch ihre zum Teil tragischen, zum Teil gar unergründlichen Diagnosen. Darum musste Annie, wenn sie im Tagdienst eingeteilt war, jeden Morgen eine halbe Stunde vor Samira auf der Station erscheinen, somit bereits um 6.30 Uhr. Der Weg von der Rosengartenwohnung zum Pflege- und Alterszentrum war sehr kurz und zu Fuß in 15 Minuten zu bewältigen. Anni verzichtete auf ihr Fahrrad, weil sie den Arbeitsweg am Morgen, vorbei am schlafenden Dorf, über den Kiesweg mit den Pappeln entlang, mit Blick auf das weit hinten im Schatten liegende Mönchs und das Nonnenklostergenoss. Anni war lieber noch etwas früher auf der Station, um sich auf ihren arbeitsreichen Tag einstellen zu können. Bereits in der Garderobe, während sie sich umzog und in ihre blaue Arbeitshose schlüpfte, beschlich sie ein seltsames Gefühl. Anni war, im Gegensatz zu Samira, etwas weniger schreckhaft, aber da lag etwas in der Luft, das sie irritierte. Womöglich hing das mit einem seltsamen Traum zusammen, der sie letzte Nacht ereilt hatte. Annie wusch sich ausgiebig die Hände und wartete vor dem Personallift, um in den zweiten Stock zu gelangen. Kurz vor dem Kling, das die Ankunft des Liftes ankündigte, berührte etwas Anis linke Schulter. Sie fuhr herum. Da stand Sina, der digitale Zwilling, von dem Ambrosius und auch Wu, der sie mitentwickelt hatte, so fasziniert waren, weil Sina den Eindruck vermittelte, ihr künstlich angelegtes neuronales Netzwerk führe ein Eigenleben. Annie hatte ihr Praktikum erst vor ein paar Wochen begonnen, und sie war bis dahin viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, mit dem Einleben auf der Station, mit der ursprünglichen Bleibe in Bühlwil, die in Flammen aufgegangen war, und mit der neuen Wohnsituation unter dem Rosengarten, als dass sie auf das Gemunkel gehört hätte, das die digitalen Zwillinge betraf. Sina war eine Kopie der ehemaligen Stationsleiterin Amalia, und diese hatte jahrelang die Pflegestation Maas unter sich gehabt. Im Halbdunkel des Untergeschosses wirkte Sina sehr lebensecht, und die ahnungslose Annie erstarrte. Wer, bist du? Ich bin Sina. Ich bin nichts Besonderes, weißt du, aber ich übernehme mit dir zusammen den Tagdienst auf deiner Station. Der Lift war längst angekommen. Als täte sie das jeden Tag, betätigte Sina den Türöffner. Wir können auch Freundinnen werden, sagte sie. Annie schauderte. Sina hatte eine ausgesprochen warme, sanfte Stimme, allerdings einen Tick zu warm und zu sanft für Annis Begriffe. Sina hatte sich mal wieder selbst einen Zopf geflochten, der ihr ein strenges Aussehen verlieh, weil jedes Herrchen seinen Platz hatte und die Frisur so glatt anlag. Vor Annie huschte sie aus dem Lift, diese folgte ihr wortlos. Was hätte sie auch anderes tun sollen? Die beiden Pflegefachfrauen betraten das Stationszimmer, der Nachtdienst war noch unterwegs, um die letzten Kontrollen vorzunehmen und um den einen oder anderen Urinbeutel zu leeren. Um das in der Nacht knapp vorhandene Personal zu entlasten, war bei den übergewichtigen, hochgradig inkontinenten Bewohnerinnen und Bewohnern ein Urinkatheter gang und gäbe, allerdings immer nur über eine begrenzte Zeit hinweg. Auch den Ärzten war bewusst, dass andernfalls Harmwegsinfekte drohten. Kaffee. Sina lächelte Annie zu und machte sich an der Nespresso-Maschine zu schaffen, dem Apparat, der schon so mancher Pflegefachfrau das Leben gerettet hat. Sina hantierte mit einer für Anni irritierenden Selbstverständlichkeit. Anni kam sich nun endgültig vor wie auf einer Maßstation. Sinas Lächeln erreichte deren Augen nicht. Anni war ausgesprochen sensibel und reagierte stark auf die Mimik des Gegenübers. Mit wem oder womit hatte sie es hier zu tun? Da seid ihr ja schon alle beide, wurden sie fröhlich von Ado, dem Pflegeinformatiker, begrüßt. Dieser hatte eine reguläre Pflegeausbildung hinter sich, aber kurz nach der Diplomierung hatte ihn die Neugierde in eine weitere Ausbildung getrieben. In Biel, einer Schweizer Industriestadt, gab es ein Labor, in dem an der Pflege der Zukunft geforscht wurde, an Techniken, die älteren Menschen ein längeres Leben zu Hause, in den eigenen vier Wänden, ermöglichen sollte. Ado hatte in Biel einen Teil seiner Ausbildung absolviert und war nun die rechte Hand von Ambrosius und Wu, wenn es darum ging, die digitalen Zwillinge auf der Abteilung Klosterblick zu trainieren. Er war Teil eines Geheimprojekts, in dem beforscht wurde, welche Art von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern künftig am ehesten durch Pflegeroboterinnen und Roboter ersetzt werden konnte. Das verriet er Annie aber nicht. Studierende ziehen naturgemäß einen Betreuungsaufwand nach sich, selbst dann, wenn sie weitgehend selbstständig arbeiten. Annie war eine aufmerksame, flexible und intelligente Studentin, aber an ihr, an ihrer Arbeitsweise, an der Art, wie Annie Fragen stellte, konnten künftige digitale Zwillinge Verhaltensmuster auf sich selbst übertragen, um Hilfspersonal, Pflegestudierende und eines Tages womöglich auch diplomiertes Pflegepersonal zu ersetzen. Von all dem ahnte Annie nichts, als sie am Bildschirm die Bewohnerinnen und Bewohnerverlaufsberichte prüfte und sich zu allfälligen Änderungen in der vergangenen Nacht ein paar Notizen machte. Es gab auf der Station Maß zwar interessante Bewohnerinnen und Bewohner mit multipler Sklerose, mit neurodivergenten Verhaltensweisen oder mit inoperablen Hirntumoren, aber es gab derzeit wenige Neueintritte, und wer austrat, ging nicht etwa nach Hause, sondern wurde auf dem Bühlwieler Friedhof von Arthur, Darias noch immer trauerndem Partner beerdigt. Du musst das ein paar Tage lang aushalten, Anni, sagte Ado mit gespielter Empathie. Sina wird dir folgen wie ein Schatten. Denk dir einfach, sie sei eine Praktikantin, die dich zum Vorbild nimmt und dir Dinge abschaut. Annie schauderte. Mit Menschen wie Ado konnte sie nicht warm werden, geschweige denn mit einem Schatten wie dieser Sina. Sina ist eine Roboterin, ein digitaler Zwilling, erläuterte Ado die Situation. Ihr Original hat den Elfenberg vor einiger Zeit verlassen. Bevor Amalia hier wegging, haben wir aus ihr Sina, diesen Zwilling hier, hergestellt. Und wozu, wollte Annie wissen, die von der Bühlwiler Vorgeschichte, von unterirdischen Korridoren und Labors, in denen an Avataren getüftelt wurde, keine Ahnung hatte. Selbstverständlich verschwieg Ado den wahren Zweck der aktuellen Entwicklungen, das mit diesen Roboterinnen der einst Personal, vor allem erst einmal Studierende, eingespart werden sollten. Es handelt sich um ein Informatikprojekt, sagte er leichthin, zu Annie gewandt. Dass das Pflege- und Alterszentrum Elfenberg innovativ unterwegs ist, das weißt du ja sicher schon. Und so kam es, dass Annie den ganzen Tag auf Schritt und Tritt von Sina begleitet wurde. Bloß während den Essenspausen ließ sich Sina nicht blicken. Über Mittag ging sie zurück auf die Abteilung Klosterblick und lud ihren Akku auf. Dann betraten die beiden Frauen das Zimmer 212, wo Lorenz lag. Lorenz war Autist. Seit sein Mitbewohner, Herr Bürli, in der hauseigenen Sauna ums Leben gekommen war, weil die Holztür blockiert war und er sie von innen nicht hatte öffnen können, war der 15-Jährige noch stiller geworden, noch stärker in sich gekehrt. Sie nennen ihn hier Marsmensch, sagte Annie zu Sina, im Wissen, dass Lorenz seinen Übernahmen durch Zufall mitbekommen hatte, sich aber sehr darüber freute. Beim blinden Lorenz war vor kurzem zusätzlich ein Gehirntumor festgestellt worden, als ihn ein Teammitglied auf der Mars-Abteilung zusammengekrümmt auf den Boden gefunden und den Notfalldienst avisiert hatte. Das radiologische und das onkologische Konsilium hatten ergeben, dass Lorenz Tumor zwar nur langsam wachsen würde, aber unheilbar war. Die Symptome, die sich daraufhin zeigten, waren einem Schlaganfall nicht unähnlich. Betroffen war die linke Hemisphäre und somit das Sprachzentrum von Lorenz. Seine Sprachmuster deuteten auf eine globale und somit auf die schwerste Form der Aphasie hin. Pas, war das von ihm am häufigsten verwendete Wort. Pas, passt, passt. Eine repetitive Antwort auf an Lorenz gerichtete Fragen nach dem Essen, dem TV oder einem Musikprogramm, einem Spaziergang oder dem Zubett gehen. Lorenz hatte eine schwierige Lebenszeit vor sich. Eni hatte den jungen Patienten von Anfang an ins Herz geschlossen, nahm sich für ihn so viel Zeit, wie ihr Arbeitspensum es zuließ, und sie hatte interessante Beobachtungen gemacht. Tief in seinem Kopf und in seinem Herzen, hatte sie Samira einmal vor dem Einschlafen erzählt, tief in seinem Kopf und in seinem Herzen ist er eigentlich fast normal. Er kann Dinge wahrnehmen, aber er kann sie sprachlich nicht ausdrücken oder zu Papier bringen. Hat er eine bestimmte Mimik in gewissen Momenten? Körpersprache. Anni fand Samiras Gedanken interessant. Sie stützte sich im Bett auf und bewunderte einmal mehr Samiras gelocktes, rotes, vom Mondlicht beschienenes Haar. Ihre Freundin, die derart kluge Dinge von sich gab, lag von ihr abgewandt, tief ins Kissen gekuschelt, und es war tatsächlich nur ihr faszinierender Haarschopf zu sehen gewesen. Anni hatte in jener Nacht lange nicht schlafen können und sich vorgestellt, wie es wohl war, im eigenen Kopf gefangen zu sein. Eine Therapie für Lorenz aufzugleisen, war offenbar schwierig, selbst wenn bei den Ärzten sowie dem Pflege- und weiterem Fachpersonal fundierte Kenntnisse zu neurologischen Zusammenhängen, zu Kommunikationsmodellen und zur psychoemotionalen Entwicklung junger Menschen vorhanden waren. Selbst Mira, die erfahrene Logopädin, war ratlos. Elena, eine Praktikantin, die das Pflege- und Alterszentrum mittlerweile leider hatte verlassen müssen, weil andere Aufgaben auf sie warteten, hatte zu Lorenz einen Zugang gefunden. Mit ertastbaren, physischen Piktogrammen in Form von Holzwürfeln mit kleinen Grafiken zu Themen wie Hygiene und Körperpflege, Bekleidung, Essen und Trinken, Arzneimitteln sowie Emotionen hatte sie einen Schlüssel zum Innern von Lorenz in der Hand gehabt und ihn, wenn auch nicht perfekt, aber doch beständig, durch den Tag führen können. Noch jetzt leuchteten die Augen der Teammitglieder, wenn die Rede auf die intelligente, geduldige und liebevolle Elena kam. Sie hatte eine große Karriere, womöglich als Neurologin, vor sich, davon waren alle überzeugt. Elena, der präzises Denken so sehr lag, entschied sich aber für eine Ausbildung zur biomedizinischen Analytikerin. Lorenz, Augen weiteten sich trotz seiner Blindheit, als zwei Pflegefachfrauen zugleich sein Zimmer betraten, die eine, Annie, mit wilden schwarzen Locken, die andere, Sina, mit ihrem kunstvoll gefertigten Zopf. Was machen wir denn mit dir? In Anbetracht der Tatsache, dass Sina den 15-Jährigen zum ersten Mal sah, war die Frage sehr direkt und ein bisschen unüblich. Ich bin Sina. Aber, war Lorenz, Antwort auf die ihm gestellte Frage. Das Stichwort löste bei der Pflegeroboterin etwas aus. Sie drehte sich um die eigene Achse, dann wandte sie sich dem kleinen Büchergestell neben dem Bett von Lorenz zu. Dort verwahrte dieser den gesamten Musikkatalog der schwedischen Gruppe in Form von Tonbandkassetten und ein paar Platten, wovon eine einzige Nichtwin aber stammte, Venus ⁇ Mars von den Wings. Der Titel des eindrücklichen Werks von Paul McCartney passte akkurat zu den beiden Stationen im zweiten Stock. Venus und Mars. Annie glaubte willkürlich eine Scheibe heraus, zog die Schallplatte aus dem silbernen Umschlag und legte sie auf den Plenteller, der auf Lorenz, Nachttisch stand. Schon nur das leise Knistern des Tonarms, bevor der erste Song zu hören war, verursachte bei Lorenz und auch bei Annie Gänsehaut. Bei Sina aus nachvollziehbaren Gründen nicht. Dafür tanzte diese mit leichten, schwebenden Schritten durchs Zimmer. Lorenz spürte ihre Bewegungen und nahm sie in sich auf. Sein Tag war gerettet.