Das vergessene Stockwerk – Psychothriller Podcast

Der Fahrstuhl zeigte mir mein Todesdatum.

Klaus Nachtschatten Season 1 Episode 12

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Ich wollte nur nach Hause fahren. Doch der Fahrstuhl hielt in einem Stockwerk, das es nicht geben dürfte. Zuerst war es nur eine Anzeige, ein kleiner Fehler. Ein Wort. Dann begann er, Entscheidungen zu treffen. Ohne mich.

Nachts hörte ich die Glocke. Immer zur gleichen Zeit. Immer näher.

Ein altes Foto. Ein Protokoll ohne Ziel. Und ein Stockwerk, das nie existiert hat.

Bis ich verstand, dass der Fahrstuhl nicht kaputt ist.

Er wartet.

Diese psychologische Thriller-Geschichte zieht dich langsam in eine Realität, in der nichts mehr sicher ist. Perfekt für Fans von subtiler Spannung, tiefem Unbehagen und Geschichten, die noch lange im Kopf bleiben.



Was glaubst du – was ist wirklich passiert? Schreib mir.

Eine Geschichte von Klaus Nachtschatten.

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Sie hören eine Geschichte aus dem vergessenen Stockwerk, ein Ort, den es offiziell nie gegeben hat. Doch manche Menschen behaupten, dort gewesen zu sein. Ich merkte es erst, als die Türen schon wieder zuglitten. Über der Anzeige stand nicht die Zahl des nächsten Stocks, sondern ein einzelnes Wort Bald. Ich trat sofort zurück und sah noch einmal hin. Da war wieder nur die rote Sieben. So klar, als hätte dort nie etwas anderes gestanden. Trotzdem blieb dieses kurze, trockene Gefühl im Hals, als hätte jemand meinen Namen in einem leeren Raum gesagt. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung, obwohl ich keinen Knopf gedrückt hatte. Ich wohnte seit fast vier Jahren in diesem Gebäude, alt genug, um Geräusche zu kennen, neu genug, um keine Geschichten über sich zu haben. Ein renovierter Block aus den Neunzigerjahren, helle Flure, grauer Steinboden, Kameras über dem Eingang. Nichts daran war unheimlich. Gerade das machte es schlimmer. Als die Türen im siebten Stock aufgingen, stand dort niemand. Nur der lange Flur mit den identischen Türen und dem Bewegungsmelder am Ende, der zu spät ansprang. Für einen Moment wirkte der Gang wie ein Foto. Flach, still, falsch. Ich blieb in der Kabine stehen. Dann fiel mir auf, dass ich gar nicht in den siebten Stock wollte. Meine Wohnung lag im elften. Ich drückte elf. Die Taste leuchtete nicht. Der Fahrstuhl reagierte erst, als ich die Hand zurückzog. Die Türen schlossen sich. Dieses Mal fuhr er nach oben, langsamer als sonst, so langsam, dass ich das Summen der Neonröhre über mir hörte. Im Spiegel an der Rückwand sah ich müde aus, als ich mich fühlte. Blasser auch, die Augen zu offen, als hätte mein Gesicht etwas vor mir bemerkt. Im elften Stock war alles normal, meine Tür, meine Fußmatte, das Paket vom Versandhandel, das ich morgens vergessen hatte. Ich hob es auf, schloss auf und versuchte, den kurzen Moment im Fahrstuhl aus dem Kopf zu schieben. Es gelang mir fast bis nachts. Kurz nach zwei wachte ich auf, weil ich glaubte, eine Aufzugsglocke gehört zu haben. Nicht laut, eher gedämpft, als käme sie durch Wasser. Ich lag reglos im Bett und hörte in die Stille hinein. Dann kam sie wieder. Ein einzelner Ton, danach nichts. Meine Wohnung lag zu weit vom Treppenhaus entfernt, um die Glocke so deutlich hören zu können. Trotzdem stand ich auf. Der Flur vor meiner Tür war leer, das Haus schlief. Nur am Ende des Gangs brannte das kleine Notlicht über dem Treppenhaus. Ich ging barfuß bis zur Ecke. Der Boden war kalt. Ich weiß noch, dass ich mir einredete, genau das sei beruhigend kalte Böden, graue Wände, reale Dinge. Der Fahrstuhl stand im elften Stock. Die Türen waren geschlossen. Über der Anzeige leuchtete eine Zahl, die es in unserem Haus nicht gab. Vierzehn. Ich sah sie lange an, vielleicht zu lange, denn irgendwann wechselte die Anzeige auf elf, obwohl sich nichts bewegt hatte: kein Motor, kein Ru, nur dieser lautlose Wechsel, als hätte ich mich eben verlesen. Ich ging zurück in die Wohnung und schlief bis zum Morgen nicht mehr. Am nächsten Tag fragte ich den Hausmeister, ob es Probleme mit der Steuerung gebe. Er schaute kaum von seinem Tablet auf. Er sagte, Der Aufzug sei vor zwei Monaten gewartet worden. Alles in Ordnung, keine Störungen. Dann fragte er, warum ich das wissen wolle. Ich sagte, die Anzeige spinne manchmal. Er nickte, als hätte er diese Antwort erwartet. Nicht überrascht, nicht interessiert, nur kurz still. Dann sagte er: Anzeigen zeigen oft nur das, was man ohnehin schon denkt. Ich lachte nicht. Er auch nicht. Im Büro wurde ich den Gedanken nicht los. Dreimal ertappte ich mich dabei, in offenen Aufzügen auf die Stockwerksanzeige zu starren, in einem Kaufhaus, in einem Parkhaus, in der U-Bahn-Station am Ostbahnhof, immer nur Zahlen, sachlich, harmlos. Aber ich wartete jedes Mal darauf, dass wieder ein Wort erschien. Abends nahm ich die Treppe. Im fünften Stock hörte ich unter mir das Surren des Fahrstuhls. Ich blieb stehen, es kam nähe. Dann stoppte es auf meiner Höhe. Obwohl ich im Treppenhaus war, nicht im Flur, hörte ich das Öffnen der Türen. Ein leises Gleiten, ein kurzer Stillstand, als würde etwas warten. Ich ging nicht hinaus. Erst als die Türen sich wieder schlossen, stieg ich weiter nach oben, langsam, ohne mich umzudrehen. In meiner Wohnung fiel mir auf, dass meine Hände zitterten. Nicht stark, nur so, dass ich das Glas zweimal absetzen musste. Zwei Tage später fand ich im Briefkasten einen Umschlag ohne Absender. Darin lag kein Brief, nur ein altes schwarz-weißes Foto. Unser Gebäude noch unrenoviert, die Fassade dunkler, die Fenster kleiner. Vor dem Eingang stand ein Rettungswagen. Die Aufnahme war unscharf, aber links unten erkannte man das Datum 1999. Auf der Rückseite stand in sauberer Druckschrift ein Satz. Er hält nie dort an, wo man hin will. Mehr nicht. Ich fragte die Nachbarn. Keiner wusste etwas. Eine Frau aus dem achten Stock sagte: Früher habe das Haus anders ausgesehen. Mehr nicht. Ein Mann aus dem Dritten meinte, hier sei einmal jemand im Aufzug kollabiert, aber das könne überall passieren. Er sagte es mit der Gleichgültigkeit eines Mannes, der zu viele Pakete entgegengenommen hat, um noch an Geschichten zu glauben. In dieser Nacht träumte ich zum ersten Mal von dem vierzehnten Stock. Im Traum öffneten sich die Türen zu einem Flur, den ich kannte, obwohl er nicht existierte. Derselbe Boden, dieselben Lampen, dieselben Türen. Aber alles war ein wenig zu schmal, zu lang, zu still. An einer Tür hing mein Namensschild. Ich wachte auf, bevor ich sie berührte. Von da an begann der Fahrstuhl, sich an mich zu erinnern. Wenn jemand mit mir einstieg, war alles normal. Stockwerke, Türen, das übliche Rocken. Sobald ich allein war, veränderte sich etwas, nicht immer, gerade oft genug. Manchmal hielt er Sekundenlang zwischen zwei Etagen. Manchmal schloss er die Türen, öffnete sie wieder und tat, als hätte niemand ihn gerufen. Einmal fuhr er vom Erdgeschoss direkt in den Keller, obwohl ich nach oben wollte. Dort gingen die Türen auf. Vor mir nur die Betonwand des Technikraums. Die Kabine hatte ein Stück zu früh gestoppt. Ich sah keine Wandanschlüsse, keine Rohre, keine Schatten, nur Beton, wenige Zentimeter vor meinen Schuhen. Die Türen schlossen sich von allein. Ich meldete die Vorfälle dem Verwalter. Der antwortete mit einer höflichen Mail: Techniker habe alles geprüft, keine Auffälligkeiten im Protokoll, keine unerklärlichen Fahrten, keine Türfehler, keine Abweichungen. Das Wort Protokoll blieb hängen. Am selben Abend sprach ich den Techniker ab, der tatsächlich am Aufzug arbeitete. Er war jünger als erwartet und roch nach Metallstaub. Ich fragte, ob man die Fahrten nachträglich sehen könne. Er musterte mich kurz, dann sagte er ja. Theoretisch. Wieso? Ich log schlecht, er merkte es. Trotzdem zeigte er mir auf seinem Tablet die letzten Bewegungen. Normale Fahrten, Erdgeschoss, 3, 8, elf, Keller, alles sauber getaktet. Dann scrollte er weiter zurück. Zwischen den üblichen Zahlen stand an mehreren Stellen ein leeres Feld, keine Etage, keine Kennung, nur ein Zeitstempel und ein Eintrag ohne Ziel. Ich fragte, was das sei. Er zog die Stirn kraus und sagte: Das könne von einer alten Software kommen. Ein Auslesefehler vielleicht. Dann wurde er still. Mit dem Finger vergrößerte er einen Eintrag vom Vorabend. Uhrzeit 2.13 Uhr. Start elf. Ziel leer. Belegung 1. Person Er sah mich an, als wollte er prüfen, ob ich scherzte. Ich sagte nichts. Das war der Punkt, an dem sich etwas verschob. Nicht im Haus, in mir. Bis dahin hatte ich gehofft, ich würde Dinge missverstehen, zu wenig schlafen, zu viel hineinlesen. Aber ein Protokoll denkt nicht, es irrt anders. Ich begann, das Haus zu meiden, ging früher los, kam später zurück, bestellte Pakete nicht mehr nach Hause. Und doch stand ich jeden Abend irgendwann vor diesen Türen aus gebürstetem Stahl. Ich achtete auf Details, die mir früher entgangen waren. Kleine Kratzer neben dem Bedienfeld, ein dunkler Fleck in der Fuge des Bodens, ein fast abgeriebener Kreis um die Taste für den Keller. Vor allem aber entdeckte ich hinter der Spiegelwand eine feine Linie, als wäre dort einmal eine zweite Platte eingesetzt worden. Ich drückte mit dem Daumen dagegen. Nichts. Drei Tage später lag wieder ein Umschlag im Briefkasten, dieses Mal nur ein Ausdruck. Eine Kopie aus einer Zeitung, Lokalteil, kleinformatig. Über einem kurzen Text stand die Überschrift Mann stirbt im Wohnhaus, an internistischem Notfall. Das Datum war dasselbe wie auf dem Foto. Der Artikel war unspektakulär. Ein Bewohner habe den Rettungsdienst nicht mehr lebend erreicht, zusammengebrochen im Aufzug, keine Fremdeinwirkung, keine weiteren Ermittlungen. Unter dem Text hatte jemand mit Kugelschreiber ein Wort unterstrichen. Erreicht! In dieser Nacht fuhr ich nicht allein. Als ich einstieg, stand bereits eine Frau in der Ecke, Mitte vierzig vielleicht, grauer Mantel, zu blass für die Jahreszeit. Ich hatte sie noch nie gesehen. Sie nickte nicht, sah mich nicht an. Über ihrem Kopf lief die Anzeige von eins auf zwei. Ich sagte elf, sie drückte nichts. Bei sechs stoppte der Fahrstuhl. Niemand wartete draußen. Die Türen blieben offen. Zu lange. Die Frau hob langsam den Blick zur Anzeige. Ihr Gesicht veränderte sich nicht, aber ich sah, wie sich ihre Finger in den Stoff des Mantels krallten. Dann sagte sie leise, fast ohne die Lippen zu bewegen. Wenn er nicht weiterfährt, nicht umdrehen. Ich fragte, was sie meinte. In genau diesem Moment schlossen sich die Türen. Der Fahrstuhl fuhr nicht weiter nach oben. Er fuhr tiefer. Sieben, fünf, drei, eins, Keller, dann darunter. Die Anzeige wurde dunkel, kein Alarm, kein Ruck, nur dieses gleitende Sinken, als würden wir durch etwas fahren, das im Plan nie vorgesehen war. Mein Herz schlug so laut, dass ich die Frau kaum atmen hörte. Dann erschien wieder eine Zahl. Vierzehn. Die Türen öffneten sich. Dahinter lag kein Flur. Zuerst dachte ich, es sei völlige Dunkelheit. Dann begriff ich, daß dort etwas war, eine Art Korridor, nur weiter hinten, als müsste man erst einen Schritt in einen blinden Raum tun, bevor das Licht einen erreicht. An der rechten Seite stand eine Trage, alt, mit verchromten Rädern. Dahinter eine Wandtafel mit kleinen Metallfächern wie in einem Krankenhaus. Die Frau neben mir flüsterte. Ich habe damals nur die Glocke gehört. Ich drehte den Kopf zu ihr. Ihr Gesicht kam mir plötzlich bekannt vor. Nicht aus dem Haus, vom Foto. Nur älter war sie nicht geworden. Ich wich zurück, stieß gegen das Bedienfeld und suchte blind nach der Türtaste. Nichts reagierte. Die Kabine wartete still. Vor uns stand der dunkle Korridor, wie eine Erinnerung, die nicht mir gehörte und mich trotzdem wiedererkannte. Auf der Trage lag jemand. Ich sah zuerst nur Schuhe, dann die Kante einer Hose, dann meine Hand ausgestreckt auf der Decke, als hätte ich im Schlaf nach etwas gegriffen. Ich weiß nicht, wie lange ich hinsah, vielleicht eine Sekunde, vielleicht länger. Genug, um zu erkennen, dass das Gesicht unter dem kalten Licht meines war. Nicht tot im dramatischen Sinn, nicht entstellt, nur vollkommen ruhig, als hätte es den entscheidenden Satz schon gehört. Neben der Trage stand ein Monitor, ausgeschaltet. In der schwarzen Scheibe spiegelte sich die rote Anzeige über den Fahrstuhltüren. Sie wechselte langsam. Nicht vierzehn, nicht elf, sondern das heutige Datum. Die Frau sagte nichts mehr, ich auch nicht. Ich spürte nur, dass etwas hinter mir im Aufzug enger wurde, als hätte die Kabine beschlossen, dass zwei Menschen genug seien und ein dritter längst mitgezählt wird. Dann hörte ich die Glocke. Einmal. Die Türen begannen sich zu schließen, obwohl ich mich nicht bewegt hatte. Langsam, fast zärtlich. Der Spalt wurde schmaler. Der Raum dahinter blieb sichtbar. Die Trage, mein Gesicht, die rote Anzeige über dem Ausgang des Korridors. Im letzten Moment sah ich, daß dort noch eine Zahl stand, ein Stockwerk. Das, in dem ich gerade wohnte. Als die Türen zufuhren, wußte ich nicht mehr, ob der Fahrstuhl mich hinaufbrachte oder endlich dorthin, wo er die ganze Zeit schon mit mir unterwegs gewesen war. Sie hörten das vergessene Stockwerk. Wenn Ihnen diese Geschichte gefallen hat, folgen Sie dem Podcast für weitere Psychothriller. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.