Das vergessene Stockwerk – Psychothriller Podcast

Der Mann kannte Dinge über mich… die ich nie getan habe

Klaus Nachtschatten Season 1 Episode 13

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Ein fremder Mann taucht plötzlich auf.

Er spricht ruhig. Präzise.

Und er weiß Dinge über mich, die nie passiert sind.

Zuerst sind es Kleinigkeiten. Ein Satz. Ein Zufall.

Dann häufen sich die Details. Zu genau. Zu persönlich.

Und irgendwann bleibt nur noch eine Frage:

Was, wenn er nicht lügt…

sondern ich mich irre?

Eine psychologische Thriller-Geschichte über Erinnerung, Identität und die Angst, sich selbst nicht mehr zu kennen.

Perfekt für Fans von subtiler Spannung, intelligentem Horror und Geschichten, die noch lange nach dem Hören im Kopf bleiben.



Was glaubst du – was ist wirklich passiert? Schreib mir.

Eine Geschichte von Klaus Nachtschatten.

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Sie hören eine Geschichte aus dem vergessenen Stockwerk. Ein Ort, den es offiziell nie gegeben hat. Doch manche Menschen behaupten, dort gewesen zu sein. Als ich die Wohnungstür aufschloss, steckte bereits ein Zettel im Rahmen. Nicht in meinem Briefkasten, nicht unter der Matte, im Rahmen. Darauf stand nur ein Satz. Schön gerade geschrieben, fast höflich. Du solltest den linken Schuh heute nicht im Flur ausziehen. Ich blieb eine Weile stehen und sah auf meine Schuhe, als könnte einer von beiden etwas damit zu tun haben. Dann lachte ich kurz, nur aus Trotz. Ich zog den Rechten zuerst aus, danach den linken, im Flur, genau dort, wo ich es immer tat. Als ich später ins Bad ging, trat ich in eine kleine Pfütze. Dünn, klar, geruchlos. Das Wasser lief unter dem Heizkörper hervor, genau an die Stelle, an der mein linker Schuh sonst lag. Ich erinnere mich daran, weil ich mich ärgerte. Nicht erschrak. Ärger war leichter. Der Tag hätte damit enden können. Tat er aber nicht. Im Büro saß ein Mann am Empfang, den ich noch nie gesehen hatte. Kein Anzug, kein Ausweis um den Hals, dunkler Mantel, glatte Hände, ein Gesicht, das man eine Minute später nicht mehr beschreiben konnte. Er sah nicht auf, als ich an ihm vorbeiging. Trotzdem sagte er: Heute lassen Sie den Kaffee besser stehen. Ich blieb stehen. Er hob den Blick erst, als ich mich bereits umgedreht hatte. Seine Augen waren weder freundlich noch unfreundlich. Er beschäftigt, als würde er eine Zeile lesen, die nur für ihn sichtbar war. Kennen wir uns? Er schüttelte den Kopf. Dann nahm er einen Stempel von der Theke und richtete ihn parallel zur Tischkante aus. Eine beiläufige Bewegung, präzise, fast intim. Ich ging weiter, ohne noch etwas zu sagen. Zehn Minuten später stieß mir im Großraumbüro jemand gegen den Arm. Der Kaffee lief über die Tastatur, in den Schoß, auf den Boden. Ich sprang auf, fluchte zu laut und hörte hinter mir zwei Kollegen lachen. So fan Dinge an, dachte ich später, nicht mit Schreien, mit Kleinigkeiten, die sich benehmen wie Zufall und trotzdem aussehen wie Absicht. Am Nachmittag fragte ich die Empfangsdame nach dem Mann im Mantel. Sie sah mich an, als hätte ich mich versprochen. Hier war heute niemand. Doch am Empfang, vorhin. Sie lächelte unsicher. Vielleicht meinte sie, ich solle weniger arbeiten. Vielleicht meinte sie etwas anderes. Ich ging zurück in die Eingangshalle. Der Stuhl am Empfang war leer, kein Mantel, kein Mann, nur ein Kugelschreiber, der dort vorher nicht gelegen hatte. Ich nahm ihn nicht an mich. Ich weiß nicht, warum ich das erwähne. Vielleicht, weil ich sonst zugeben müsste, dass ich schon da begriff, dass etwas an mir zu arbeiten begonnen hatte. Am Abend fand ich in meiner Jackentasche einen Kassenzettel, nicht meinen Milch, Brot, Rasierklingen, Bananen, schwarze Socken, gekauft in einem Supermarkt am anderen Ende der Stadt um 17 Uhr 42 Uhr. Zu dieser Zeit saß ich noch im Büro, das wusste ich genau, weil ich um 17.40 Uhr eine Mail an meinen Chef geschickt hatte. Mit Anhang, mit Uhrzeit. Trotzdem drehte ich den Zettel um. Auf der Rückseite stand wieder dieser saubere Satz. Die Rasierklingen hättest du nicht kaufen sollen. Ich rasierte mich seit Jahren elektrisch. In meiner Wohnung roch es nach etwas Süßlichem, nicht stark, nur so, als hätte kurz vorher jemand eine Orange geschält. Ich blieb im Flur stehen und lauschte. Kühlschrank, Heizung, Straßenlärm. Sonst nichts. Im Badschrank lagen Rasierklingen. Ein billiges Pack aus dem Drogeriemarkt. Dieselbe Marke wie auf dem Zettel. Ich setzte mich auf den Badewannenrand und versuchte nicht zu schnell zu denken. Jemand wollte mich erschrecken. Das war vernünftig, das war möglich. Aber vernünftige Dinge haben gewöhnlich sichtbare Ränder. Hier fehlten sie. Ich rief meine Schwester an, nicht weil sie helfen konnte, sondern weil ihre Stimme mich zurückholte. Sie meldete sich verschlafen, obwohl es noch früh war. Du klingst komisch, sagte sie. Ich erzählte ihr nichts von den Zetteln, nur von einem fremden Mann, der merkwürdige Dinge sagte. Lange Pause. Dann fragte sie, hat er wieder von den Bananen gesprochen? Ich sagte nichts, nicht aus Dramaturgie, aus Lehre. Woher weißt du das? Wieder Pause. Diesmal hörte ich sie atmen. Du hast mir davon doch vor Monaten erzählt, sagte sie leise. Beim Abendessen bei Mama. Du meintest, da sei einer gewesen, der Sachen über dich wußte. Ich war seit acht Monaten mit meiner Schwester, nicht mehr bei meiner Mutteressen gewesen. Seit der Beerdigung meines Vaters hatten wir uns kaum gesehen. Das wußte ich so sicher, wie man das eigene Geburtsdatum weiß. Ich sagte es ihr. Am anderen Ende der Leitung entstand eine Stille, die nicht beleidigt klang, sondern prüfend. Als tastte sie nach etwas, das nicht mehr dort war. Dann lachte sie kurz. Unsicher. Vielleicht verwechsel ich was. Vielleicht. Aber nachdem ich aufgelegt hatte, blieb ich im Bad sitzen und starrte auf die Rasierklingen, als gehörten sie zu einem Gespräch, das ohne mich geführt worden war. In dieser Nacht träumte ich von einem Restaurant, das ich nicht kannte. Rotes Licht, Besteck aus schwerem Metall, ein Glas mit einem Lippenabdruck am Rand. Gegenüber saß ein Mann und faltete eine Serviette in exakte Viertel. Ich sah sein Gesicht nicht, nur seine Hände. Als ich aufwachte, war mir ein Satz im Kopf geblieben, kein Traumsatz, eher eine Erinnerung. Du hast damals gelogen. Ich stand auf und schrieb ihn nicht auf. Ich wollte ihm keine Form geben. Am nächsten Morgen wartete vor meiner Tür kein Zettel. Dafür lag im Briefkasten ein Umschlag ohne Marke. Darin war ein Foto. Ich stand darauf vor einem Schaufenster, den Kopf leicht gesenkt, die rechte Hand in der Manteltasche. Nichts Besonderes. Nur, dass ich diesen Mantel nicht besaß. Und das Schaufenster zeigte ein Geschäft, das vor Jahren geschlossen worden war. Auf die Rückseite hatte jemand geschrieben: Du hast dort länger gewartet als nötig. Diesmal fuhr ich nicht ins Büro. Ich nahm das Foto, den Kassenzettel und die Rasierklingen und ging zur Polizei. Schon im Warteraum wurde mir klar, wie unerquicklich das werden würde. Fremde Zettel, ein unbekannter Mann, Gegenstände in der Wohnung. Ein Foto, auf dem ich selbst in einer Version von mir zu sehen war, die nicht stimmen konnte. Der Beamte war freundlich genug, um mich ernst zu nehmen, und routiniert genug, um es nicht zu zeigen. Haben Sie Streit mit jemandem? Nicht, dass ich wüsste. Gab es in letzter Zeit Gedächtnislücken? Nein. Die Antwort kam zu schnell. Er bemerkte es. Ich auch. Schließlich nahm er das Foto länger in die Hand als nötig. Dann fragte er, ob ich mich setzen wolle. Wieso? Weil er nun anders klang. Vorsichtiger, fast persönlich. Er legte das Foto neben sich auf den Tisch und drehte seinen Monitor etwas weg. Nicht ganz, nur genug, dass ich aufblitzende Ordnerregister sah. Grau, digital, verwaltungsdeutsch. Dann sagte er, waren Sie vor zwei Jahren schon einmal deswegen hier? Mir wurde kalt. Nein. Er sah mich lange an, nicht misstrauisch, sondern so, wie Ärzte einen Röntgenbefund betrachten. Hier gibt es eine Notiz mit Ihrem Namen, sagte er, keine Anzeige, kein Verfahren, nur ein Gesprächsvermerk. Ich fragte ihn, worum es ging. Er antwortete nicht sofort. Offenbar entschied er noch, ob er es durfte. Dann sagte er, Sie hätten von einem Mann berichtet, der ihnen Dinge zuschreibt, an die sie sich nicht erinnern. Sie hätten mehrfach betont, dass diese Dinge trotzdem passen. Ich hörte auf, mit dem Fuß zu wippen. Das ist unmöglich. Er nickte langsam, nicht zustimmend, nur registrierend. Der Vermerk wurde von einer Kollegin erstellt, die inzwischen nicht mehr hier ist. Mehr steht nicht drin. Haben Sie das Protokoll? Nur diese Zusammenfassung. Ich verlangte eine Kopie. Er sagte, das müsse geprüft werden. Als ich das Gebäude verließ, stand der Mann im Mantel auf der anderen Straßenseite. Nicht dramatisch, nicht plötzlich, einfach da. Er telefonierte nicht, er rauchte nicht, er wartete auch nicht sichtbar. Er stand nur mit leicht gesenktem Kopf vor einem geschlossenen Schaufenster, als würde er lesen. Ich ging auf ihn zu. Er hob den Blick in dem Moment, in dem ich loslief. Kein Schreck, kein Fluchtreflex, nur ein fast müdes Einverständnis. Wer sind Sie? Er antwortete sofort. Sie haben das schon einmal gefragt. Ich blieb zwei Schritte vor ihm stehen. Es roch nach kaltem Stein und nasser Jacke. Was wollen Sie von mir? Er legte den Kopf ein wenig schief, dass Sie aufhören, nur das zu glauben, was in ihnen sauber aussieht. Ich packte ihn am Ärmel. Nicht fest, eher um zu prüfen, ob er wirklich da war. Er sah auf meine Hand, dann sagte er ruhig. Das haben sie früher auch gemacht, kurz bevor sie zu streiten beginnen. Früher wann? In der Straßenbahn, nach dem Kino, vor dem Restaurant. Ich ließ seinen Ärmel los. Ich kenne sie nicht. Sein Blick wurde zum ersten Mal hart. Doch, sagte er, Sie kennen nur den Teil nicht, in dem Sie mir widersprochen haben. Ich hätte mehr fragen müssen. Jeder würde das denken. Stattdessen trat ich zurück, weil etwas an seiner Stimme schlimmer war als Drohung. Er klang wie jemand, der mich nicht überzeugen will, nur erinnern. Als ich mich umdrehte, hatte ich das seltsame Gefühl, einen Satz vergessen zu haben, der entscheidend gewesen wäre. Zu Hause suchte ich alte Fotos, Mails, Kalender, Chatverläufe, alles, was beweisen konnte, dass ich mein Leben kannte. Anfangs beruhigte mich das. Zu jedem Monat gab es Termine, Rechnungen, Ortsdaten, gewöhnliche Spuren, ein Leben, das plausibel und sauber aussah. Dann fand ich in meinem Mail-Archiv einen Ordner ohne Namen. Leer, dachte ich zuerst. Doch ganz unten lag eine einzige Nachricht: Gesendet von meiner Adresse an meine Adresse. Vor zwei Jahren. Kein Betreff, nur ein Satz. Wenn er wieder auftaucht, las ihn nicht über das Restaurant reden. Ich las die Nachricht zehnmal. Keine Signatur, kein Anhang, keine Erklärung. Darunter die automatische Zeile des Systems. Nachricht erfolgreich archiviert. Ich setzte mich auf den Boden zwischen die Kartons und begriff zum ersten Mal, daß das Problem vielleicht nicht war, ob dieser Mann log, sondern für wen? Am Abend rief mich meine Mutter an. Nicht ungewöhnlich, außer dass sie mich sonst nie abends anrief. Ihre Stimme war angestrengt heiter, diese Art Heiterkeit, die aus Angst gebaut wird. Warst du heute wieder bei der Polizei? Ich fragte sie, woher sie das wisse. Du hast damals versprochen, nicht noch einmal hinzugehen. Damals wann? Stille. Dann sagte sie: Hör auf, so mit mir zu sprechen. Mir wurde übel. Mama, wovon redest du? Sie atmete hörbar ein. Von diesem Mann natürlich, von dem mit dem gebrochenen Ringfinger. Du hast gesagt, wenn er wiederkommt, wirst du endlich zugeben, was in dem Restaurant passiert ist. Ich lehnte mich gegen die Küchenzeile und sah auf meine Handflächen, als würden sie zu einem anderen gehören. Ich kenne kein Restaurant. Diesmal schwieg sie lange genug, daß ich dachte, die Leitung sei tot. Dann fragte sie leise: Wie lange weißt du das schon nicht mehr? Nach dem Gespräch stand ich im Dunkeln in meiner Küche, ohne das Licht einzuschalten. Der Kühlschrank sprang an. Irgendwo draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei. Ich versuchte, dem Geräusch zu folgen, als könnte es mich in einen anderen Abend ziehen. Restaurant, Kino, Straßenbahn. Gebrochener Ringfinger. Am nächsten Morgen suchte ich den Mann, nicht aus Mut, aus Erschöpfung. Ich fand ihn dort, wo ich ihn gestern gesehen hatte, vor demselben Schaufenster, diesmal mit den Händen in den Manteltaschen. Ich trat neben ihn, ohne ihn anzusehen. Was habe ich getan? Er antwortete nicht. Ich spürte, wie meine Kehle trocken wurde. Sagen Sie es. Er sah noch immer auf das dunkle Glas vor uns. Sie verwechseln immer dieselbe Frage, sagte er. Welche Frage? Nicht, was habe ich getan? Sondern Was davon dürfen Sie behalten? Ich drehte mich zu ihm. Zu nah. Ich sah zum ersten Mal seine rechte Hand. Der Ringfinger war schief verheilt. Etwas in mir machte keinen Sprung, eher ein Nachgeben, als würde eine Schraube, die zu lange zu fest saß, plötzlich locker. Ich hörte Besteck, nicht real, nicht laut, nur ein kurzes, metallisches Klirren, direkt hinter meiner Stirn. Erst da verstand ich, was an seinen Sätzen so unerträglich war. Er erzählte nie Fremdes, nur Dinge, die in mir keinen Platz mehr hatten. Ich fragte ihn nicht mehr, wer er war. Ich fragte nur noch, Warum kommen Sie jetzt zurück? Da lächelte er zum ersten Mal, nicht freundlich, nicht grausam, eher traurig, als hätte er sehr lange auf eine schlechte Nachricht gewartet. Weil sie wieder anfangen, sagte er. Was? Er wandte sich endlich ganz zu mir. Geschichten über sich zu bauen, in denen sie nichts getan haben. Dann ging er einfach los, nicht schnell, nicht heimlich. Er ließ mir alle Zeit, ihm zu folgen. Ich tat es nicht. Ich blieb vor dem Schaufenster stehen und sah mein Spiegelbild an. Es zitterte leicht im Glas, weil hinter mir eine Straßenbahn vorbeifuhr. Für einen Moment standen wir beide darin. Ich und jemand, der aussah wie ich, aber früher den Mund geöffnet hatte, als ich es heute konnte. Als die Scheibe wieder nur noch mich zeigte, wußte ich nicht, welcher von uns verschwunden war. Sie hörten das vergessene Stockwerk. Wenn Ihnen diese Geschichte gefallen hat, folgen Sie dem Podcast für weitere Psychothriller. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.