Das vergessene Stockwerk – Psychothriller Podcast

Sie sprach mit meiner Stimme

Klaus Nachtschatten Season 1 Episode 21

Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.

0:00 | 18:33

Er hörte zuerst nur eine Stimme. Leise. Vertraut. Fast beruhigend. Dann tauchten Sprachnachrichten auf, die niemand geschickt hatte. Nachrichten mit Anweisungen. Mit Warnungen. Mit seiner eigenen Atmung. Je tiefer er sucht, desto unsicherer wird, was real ist und was nur darauf wartet, von ihm gehört zu werden. Eine psychologische Thriller-Geschichte über Wahrnehmung, Erinnerung und die verstörende Frage, wem eine Stimme wirklich gehört.

Was glaubst du – was ist wirklich passiert? Schreib mir.

Eine Geschichte von Klaus Nachtschatten.

SPEAKER_00

Sie hören eine Geschichte aus dem vergessenen Stockwerk, ein Ort, den es offiziell nie gegeben hat. Doch manche Menschen behaupten, dort gewesen zu sein. Als die Stimme zum ersten Mal meinen Namen sagte, stand ich nicht allein im Bad. Jedenfalls dachte ich das. Ich hatte nachts das Licht nicht angemacht, nur die Tür zum Flur stand offen, genug Helligkeit, um den Spiegel zu sehen, genug Dunkelheit, um sich zu täuschen. Tobias, sagte die Stimme, leise, direkt hinter mir, nicht bedrohlich, eher vertraut. Als hätte jemand nur prüfen wollen, ob ich noch wach war. Ich drehte mich sofort um. Niemand. Im Schlafzimmer schlief meine Frau tief und reglos. Das Fenster war geschlossen, die Wohnung still. Nur mein Puls machte aus allem ein Geräusch. Am Morgen erzählte ich niemandem davon. Nicht meiner Frau, nicht im Büro, nicht einmal mir selbst. Ich nannte es Übermüdung. Drei Nächte schlecht geschlafen, zu viel Kaffee, zu viel Bildschirm, etwas, das verschwindet, wenn man vernünftig bleibt. Gegen zehn Uhr vibrierte mein Handy. Eine Sprachnachricht. Kein Name, keine Nummer, nur ein graues Symbol und darunter zwölf Sekunden. Ich spielte sie ab. Zuerst hörte ich atmen, dann eine kurze Stille, dann dieselbe Stimme wie nachts. Heute nicht ins Bad sehen. Ich starrte auf das Display, bis der Bildschirm dunkler wurde. Dann löschte ich die Nachricht. Meine Finger fühlten sich plötzlich kalt an. Um halb zwölf ging ich trotzdem auf die Toilette im Büro. Nicht aus Trotz, aus Gewohnheit. Als ich am Waschbecken stand, fiel mein Blick automatisch zum Spiegel. Für einen winzigen Moment sah ich hinter meiner rechten Schulter eine Bewegung. Kein Mensch, eher einen Schatten, der zu spät stillstand. Ich fuhr herum. Die Kabine war leer. Als ich wieder in den Spiegel sah, war ich allein. Den Rest des Tages war alles geringfügig falsch. Jana aus dem Controlling fragte mich, ob ich die Unterlagen von gestern noch habe. Ich sagte, Welche Unterlagen? Sie sah mich irritiert an und meinte, die von der Sitzung. Ich sagte, ich sei gestern in keiner Sitzung gewesen. Sie lächelte unsicher. Dann vermutlich am Montag. Heute war Montag. Sie entschuldigte sich, ich lachte sogar. Aber ihr Blick blieb an mir hängen, als hätte ich den Witz nicht verstanden. Auf dem Heimweg nahm ich die U-Bahn. Zwei Stationen vor meiner stieg eine Frau ein, setzte sich mir gegenüber und hörte eine Sprachnachricht ab. Ich konnte nichts hören, nur sehen, wie sie das Handy ans Ohr hob und plötzlich ganz still wurde. Im selben Moment vibrierte auch meins. Nicht erschrecken. Mehr stand dort nicht. Keine Audiodatei diesmal. Nur dieser Satz. Als hätte jemand gewusst, wohin ich sah. Zu Hause war meine Frau noch nicht da. Ich legte das Handy in die Küche, schaltete Musik an und öffnete absichtlich alle Schränke, nur um normale Geräusche zu hören. Teller, Besteck, Wasserkocher. Nichts half. Irgendwann vibrierte es wieder. Diesmal lag das Handy auf dem Tisch. Ich sah es genau. Keine Nummer, keine Vorschau. Nur dieses kurze Zuck, als würde etwas darin leben. Die Nachricht dauerte achtundzwanzig Sekunden. Du wirst gleich glauben, dass du allein bist. Dann hörte ich wieder mein eigenes Atmen, nicht wie bei einer Aufnahme, Nähe, unruhiger. Als hielt ich das Mikrofon zu dicht an den Mund. Im Flur fiel eine Tür ins Schloss. Ich zuckte so stark zusammen, daß mir das Handy fast aus der Hand glitt. Ich trat hinaus. Meine Frau stand da, die Einkaufstasche noch am Arm und sah mich an, als hätte ich auf etwas gewartet. Alles okay? fragte sie. Ich nickte zu schnell. Sie kam näher. Ich roch kalte Luft an ihrem Mantel und etwas Süßes aus der Bäckerei. Etwas ganz Reales. Es beruhigte mich für vielleicht fünf Sekunden. Dann fragte sie, warum ich die Badezimmertür abgeschlossen habe. Ich sagte, das habe ich nicht. Sie antwortete nicht sofort, nur dieses kurze, prüfende Schweigen. Dann legte sie den Schlüsselbund auf die Kommode und sagte: Du hast in letzter Zeit öfter Dinge vergessen. In dieser Nacht schlief ich kaum. Kurz nach drei ging ich ins Wohnzimmer, ohne Licht. Ich wollte Wasser trinken, vielleicht auch einfach beweisen, dass ich noch Herr meiner Bewegungen war, dass ich aufstand, weil ich es wollte. Auf dem Weg zurück hörte ich die Stimme wieder. Nicht hinter mir, vor mir. Bleib jetzt stehen. Ich blieb stehen, nicht aus Gehorsam, aus Schreck. Meine Füße gehorchten schneller als mein Verstand. Dann sagte die Stimme ganz nah an meinem linken Ohr. Sieht sie dich auch manchmal doppelt? Ich machte kein Geräusch, keinen Schritt, nichts. Im Schlafzimmer bewegte sich meine Frau unruhig unter der Decke. Dann war wieder alles still. Am nächsten Morgen ging ich nicht ins Büro. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los, ohne Ziel. Nach einer halben Stunde stand ich auf einem Parkplatz vor einem flachen Gebäude mit verspiegelten Fenstern. Zwei Bäume, weiße Fassade, kein Firmenschild. Ich wusste nicht, warum ich dort war, bis ich auf mein Navi sah. Die Adresse war als Favorit gespeichert. Ich hatte sie selbst eingegeben, vor drei Wochen. Meine Hände wurden schwer. Ich hätte wegfahren sollen. Stattdessen ging ich hinein. Drinnen roch es nach Teppich, Papier und diesem sauberen Nichts, das nur Praxen haben. Hinter dem Empfang saß eine Frau in grauer Bluse. Als sie mich sah, lächelte sie nicht überrascht. Herr Brand! Sie sind früh! Ich sagte nichts. Sie sah kurz auf den Monitor. Herr Dr. Weiß ist noch nicht da. Möchten Sie warten oder direkt in Raum 3 gehen? Raum 3. Etwas in mir reagierte auf diese zwei Worte wie auf eine Berührung an einer alten Wunde. Nicht Schmerz, eher ein dumpfes inneres Zurückweichen. Ich fragte, Kennen wir uns? Die Frau hob den Blick. Natürlich. Sie sind seit sechs Wochen hier. Seit sechs Wochen. Meine Kehle wurde trocken. Ich sagte, wegen was? Sie zögerte zu lange. Dann antwortete sie: Das besprechen Sie besser mit ihm. In diesem Moment vibrierte mein Handy. Nur ein Satz. Frag nie nach der dritten Aufnahme. Ich ging nicht in Raum 3. Ich ging direkt hinaus, setzte mich ins Auto und schloss von innen ab, als könnte jemand an die Scheibe klopfen und mich zurückrufen. Erst dort merkte ich, daß meine Anrufliste voll war mit derselben unbekannten Nummer. Immer abends, immer acht Minuten, immer ausgehend. Ich rief zurück, es klickte, sonst nichts. Dann hörte ich mich selbst sagen, Ich glaube, sie hört jetzt auch tagsüber zu. Die Verbindung brach ab. Ich starrte auf das Display, bis mein eigenes Spiegelbild darauf erschien. Für einen Moment sah mein Gesicht fremd aus. Nicht anders, nur so, als hätte jemand es einen Millimeter falsch ausgerichtet. Zu Hause durchsuchte ich alles: Schubladen, Jacken, Rucksäcke, den Schrank im Flur, den wir nie benutzten. Hinter alten Versicherungsmappen fand ich schließlich einen Umschlag ohne Absender. Darin lag nur ein Blatt, im Falle spontaner Erinnerung, keine Spiegel aufsuchen, kein Audio allein hören, nicht mit der Stimme sprechen. Mehr nicht, keine Erklärung, keine Unterschrift. Meine Frau kam gegen fünf nach Hause und fand mich am Esstisch, das Blatt vor mir, die Wohnung dunkel. Sie fragte nicht sofort, was los sei. Das machte es schlimmer. Sie setzte sich langsam hin und sagte nur: Du bist trotzdem hingefahren. Ich sah sie an. Wohin? Sie antwortete nicht. Stattdessen sagte sie: Er hat gesagt, wenn du dich wieder erinnerst, soll ich ruhig bleiben. Es dauerte einige Sekunden, bis ich verstand, was sie gesagt hatte. Oder was sie nicht gesagt hatte. Du weißt davon. Sie presste die Lippen zusammen, als würde schon der falsche Ton etwas auslösen. Dann nickte sie. Seit wann? Sie sah auf das Blatt, nicht auf mich, seit dem ersten Mal, welchen ersten Mal. Da hob sie den Blick. Und da war keine Überraschung mehr in ihrem Gesicht. Nur Erschöpfung. Tiefe, alte Erschöpfung. Seit du behauptet hast, dass nachts eine Frau in unserer Wohnung steht und mit deiner Stimme redet. Ich lachte kurz auf. Nicht weil es lustig war, weil mein Kopf Zeit brauchte. Sie redete weiter, leise ohne Pathos. Du hast angefangen, dir selbst Sprachnachrichten aufzunehmen, erst um Beweise zu sammeln, dann um sie zu beruhigen. Irgendwann hast du sie nur noch mit Kopfhörern angehört, dann mit mir nicht mehr gesprochen, nur noch mit ihr, ihr. Das Wort lag zwischen uns wie etwas, das wir beide kannten, aber nie anfassen wollten. Ich sagte, ich erinnere mich nicht. Sie nickte, als hätte sie genau das erwartet. Das war der Sinn der Behandlung. Behandlung! Plötzlich verstand ich das Gebäude. Raum drei, die fehlenden Termine, die fremdvertraute Rezeption. Nicht alles, nur genug. Ich fragte, Was habe ich gemacht? Sie antwortete nicht sofort. Dann sagte sie Du hast gebeten, dass wir die Aufnahmen löschen. Wir, du und Dr. Weiß, weil du irgendwann nicht mehr unterscheiden konntest, was von dir kam und was von ihr. Ich sagte, wenn alles gelöscht wurde, warum bekomme ich dann noch Nachrichten? Da veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Keine Angst. Eher der Moment, in dem jemand müde aufgibt, etwas noch sanft erklären zu wollen. Sie sagte: Du bekommst keine. Es war ein einfacher Satz, aber er zerteilte den Raum. Ich griff sofort nach meinem Handy, öffnete die App, zeig ihr die Nachrichten, die Audiodateien, die Nummern, die Texte. Nichts davon war da. Die App war leer, keine unbekannte Nummer, keine Nachrichten, kein Papierkorb, nur mein Spiegelbild auf dem dunklen Display und meine Hand, die plötzlich zu zittern, begann. Ich sagte, eben waren sie noch da. Sie antwortete nicht. Ich suchte hektisch die Anrufliste, die Dateien, irgendeinen Beweis. Dabei drückte ich versehentlich auf die Sprachmemo-App. Dort gab es nur eine einzige Aufnahme. Erstellt heute um 3.17 Uhr. Dauer neun Minuten acht. Meine Frau wurde blass, noch bevor ich auf Abspielen drückte. Vielleicht kannte sie die Länge, vielleicht nur meinen Blick. Die Aufnahme begann mit Stille. Dann hörte ich mich selbst. Nicht heiser, nicht panisch, klar, ruhig, fast erleichtert. Wenn du das hörst, hat es wieder angefangen. Eine Pause. Hör mir jetzt genau zu. Sie ist nicht in der Wohnung, sie war nie in der Wohnung. Sie benutzt nur Dinge, in denen du dich selbst hörst: Nachrichten, Spiegel, dunkle Fenster, alles, was dich zwingt, dein eigenes Bild zu prüfen. Noch eine Pause. Im Hintergrund ein leises Knacken, wie ein Stuhlbein. Du wirst glauben, dass sie von außen kommt. Das stimmt nicht. Sie nimmt nur deine Stimme, wenn du allein bist. Sie wird freundlicher, wenn du sie für real hältst, und grausamer, wenn du sie verleugnest. Mein Magen zog sich zusammen. Ich wollte stoppen. Tat es nicht. Die Stimme in der Aufnahme sprach weiter. Meine Stimme. Es gibt nur einen Moment, in dem sie schweigt, kurz bevor ein anderer Mensch dich direkt ansieht. Deshalb meidest du Blicke. Deshalb beginnst du immer mit Spiegeln. Dann kam der Satz, der alles veränderte. Wenn Julia dir sagt, es gäbe keine Nachrichten. Glaub ihr nicht sofort. Meine Frau neben mir zog scharf die Luft ein. Ich drehte den Kopf langsam zu ihr. Die Aufnahme lief weiter. Sie lügt nicht, weil sie dich verletzen will. Sie lügt, weil sie nicht mehr weiß, ob sie mit dir spricht. Julia stand auf, so abrupt, dass der Stuhl kippte. Sie wich einen Schritt zurück, als hätte die Stimme aus dem Handy den Abstand zwischen uns verändert. Dann sagte die Aufnahme den letzten Satz. Wenn sie dich heute fragt, wer zuerst die Stimme gehört hat, sag nichts, denn wenn du dich daran erinnerst, wird sie wieder ihre sein. Die Datei endete. Die Wohnung war still, unnatürlich still, nicht einmal das Summen des Kühlschranks war zu hören. Julia sah mich an, nicht erschrocken, nicht mitleidig, so wie man jemanden ansieht, bei dem man plötzlich nicht mehr sicher ist, ob man ihn vermisst oder fürchtet. Dann fragte sie, kaum hörbar, Tobias, hörst du sie gerade auch? Und noch bevor ich antworten konnte, sagte dieselbe Stimme direkt zwischen uns, leise und vertraut. Jetzt endlich beide. Sie hörten das vergessene Stockwerk. Wenn Ihnen diese Geschichte gefallen hat, folgen Sie dem Podcast für weitere Psycho-Thriller. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.