Das vergessene Stockwerk – Psychothriller Podcast

Ich war nicht das Original

Klaus Nachtschatten Season 1 Episode 22

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Als er nach Hause kommt, klingelt sein Handy in der Wohnung, obwohl es in seiner Jackentasche steckt. Auf dem Küchentisch liegt ein zweites Telefon. Identisch. Dazu Nachrichten in seiner eigenen Handschrift und Warnungen, die immer zu spät kommen. Als ihm schließlich auf einem Bahnsteig sein zweites Ich gegenübersteht, begreift er etwas viel Schlimmeres als einen Doppelgänger. Er ist nicht das Original. Und irgendetwas kommt ihm schon wieder näher.



Was glaubst du – was ist wirklich passiert? Schreib mir.

Eine Geschichte von Klaus Nachtschatten.

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Sie hören eine Geschichte aus dem vergessenen Stockwerk. Ein Ort, den es offiziell nie gegeben hat. Doch manche Menschen behaupten, dort gewesen zu sein. Als ich an diesem Abend die Wohnungstür aufschloss, hörte ich drinnen schon mein Handy klingeln. Ich blieb sofort stehen. Mein Handy lag in meiner Jackentasche. Ich spürte es mit der Hand. Trotzdem klingelte es eindeutig aus meiner Wohnung. Zwei kurze Töne, dann stille. Die Tür war nicht abgeschlossen. Ich war sicher, sie morgens verriegelt zu haben. Nicht aus Gewohnheit. Aus Angst, die ich seit einigen Tagen nicht mehr richtig erklären konnte. Im Flur roch es nach nasser Kleidung. So roch es nur, wenn ich im Regen heimkam. Draußen war es trocken gewesen. Auf dem Boden lag mein Schlüsselbund. Nicht der in meiner Hand, ein zweiter, gleiche abgewetzte schwarze Kappe, gleicher kleiner Sprung im Metallring. Sogar der alte Anhänger vom Baumarkt war dran, den ich seit Jahren nicht ersetzt hatte. Ich bückte mich nicht danach. In der Küche brannte Licht. Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser. Daneben ein Handy, mein Modell, meine Hülle. Der feine Kratzer unten rechts war da, als hätte jemand mein Gerät kopiert und den Schaden mitgedruckt. Auf dem Display leuchtete eine Nachricht. Du bist später als sonst. Mein echtes Handy vibrierte in meiner Tasche. Gleiche Nachricht. Ich drehte mich zur Küchentür, aber da war niemand. Nur mein Schatten an der Wand. Für einen Moment wirkte er schmaler als ich. Ruhiger. Im Bad war der Spiegel beschlagen. Mit dem Finger hatte jemand ein einziges Wort hineingeschrieben. Nicht. Ich wischte es weg. Meine Hand zitterte dabei stärker, als sie sollte. In dieser Nacht schlief ich kaum. Immer wenn ich kurz wegdämmerte, glaubte ich in der Wohnung etwas zu hören. Keine Schritte. Eher Unterbrechungen. Kleine Pausen in der Stille. Als bliebe jemand in jedem Zimmer kurz stehen und lausche, ob ich noch wach sei. Kurz nach drei stand ich auf. Auf dem Küchentisch lag jetzt ein gelber Klebezettel. Nicht nach links schauen. Die Schrift war meine, nicht ähnlich, nicht fast meine. Am nächsten Morgen ging ich trotzdem zur Arbeit. Ich wollte Stimmen hören, Licht regeln. Menschen, die mich mit meinem Namen ansprachen und damit bestätigten, dass ich noch derselbe war. Lea stand am Drucker, als ich ins Büro kam. Sie sah mich an und runzelte die Stirn. Du bist schon wieder da, sagte sie. Was meinst du? Sie legte die Ausdrucke langsam aufeinander. Vor zehn Minuten warst du schon hier. Du hast mich gefragt, ob ich gestern Abend allein war. Warst du es? Jetzt wurde sie blass. Ich sagte zu schnell, dass ich nur müde sei. Sie nickte, aber sie glaubte mir nicht. Das sah ich sofort. Auf meinem Schreibtisch lag ein weiterer Zettel. Nicht rangehen um elf. Ich zerknüllte ihn. Um elf klingelte mein Telefon. Unbekannte Nummer. Ich ließ es klingeln. Kurz danach kam eine Sprachnachricht. Sechs Sekunden, Straßenlärm, ein Ausatmen, dann meine eigene Stimme. Wenn sie dich heute ansieht, lächel nicht zurück. Mehr nicht. Ich hörte die Nachricht zweimal. Beim dritten Mal merkte ich, dass im Hintergrund eine Straßenbahn bremste. Genau in diesem Augenblick fuhr vor dem Bürofenster eine vorbei. Lea beobachtete mich später in der Kaffeeküche. Nicht neugierig, nicht besorgt. Eher so, als vergleiche sie etwas. Zwei Versionen desselben Gesichts, zwei Erinnerungen, die nicht zusammenpassen. Auf dem Heimweg setzte sich eine ältere Frau mir gegenüber. Sie musterte mich lange und sagte dann leise: Sie schaffen es also doch nie. Ich fragte nicht, was sie meinte. Sie stieg an der nächsten Station aus. Dabei drehte sie sich noch einmal um und sah nicht mich an, sondern die dunkle Scheibe hinter mir. Als ich zu Hause ankam, brannte im Bad Licht. Ich blieb im Flur stehen. Unter der Tür lag ein schmaler, warmer Streifen. Dahinter war kein Geräusch, nicht einmal Wasser, nur dieses Schweigen, das nie leer klingt, wenn jemand drinnen wartet. Ich ging rückwärts zur Wohnungstür, trat hinaus und zog sie leise zu. Dann schrieb ich Lea. War gestern jemand bei dir? Die Antwort kam erst nach drei Minuten. Ja, wer? Lange nichts? Dann. Ich dachte zuerst, du. Ich fuhr sofort zu ihr. Lea wohnte in einem Altbau, vier Stationen entfernt. Als sie öffnete, sah sie nicht überrascht aus, eher erschöpft. Als hätte sie seit Stunden gewusst, dass einer von uns klingeln würde. Er war gestern hier, sagte sie, noch bevor ich etwas sagen konnte. Oder du? Ich weiß es nicht mehr. Ich trat ein. Auf ihrem Küchentisch standen zwei Tassen, eine davon noch feucht am Rand. Was hat er gesagt? Lea verschränkte die Arme vor dem Körper, als fröhre sie, dass ich heute nichts glauben soll, was ich zuerst sehe, und dass du später kommen wirst. Nervöser, ungeduldiger. Sie holte ihr Handy und zeigte mir ein Foto. Es war gestern Abend aufgenommen worden. Darauf stand ich in ihrem Flur. Nicht fast, nicht ähnlich, ich, gleicher Mantel, gleiche Narbe am Kinn, gleiche Falte über der rechten Braue. Nur der Blick war anders, ruhiger, als hätte dieses andere ich längst aufgehört, auf Erklärungen zu hoffen. Er hat mich gefragt, sagte Lea leise, ob du noch dieselben Träume hast. Welche Träume? Jetzt sah sie weg, die, von denen du manchmal im Schlaf redest. Mir wurde kalt, wir waren nie zusammen gewesen. Ein Kuss auf einer Weihnachtsfeier, ein paar Nachrichten, mehr nicht. Ich hatte nie neben ihr geschlafen, nicht einmal annähernd lange genug, dass sie so etwas wissen konnte. Oder ich erinnerte mich nur nicht daran. Auf dem Weg zurück öffnete ich die Frontkamera meines Handys. Ich weiß nicht warum. Vielleicht brauchte ich einen Beweis. Auf dem Display sah ich mein Gesicht. Dahinter das schwarze Fenster der Bahn, und in diesem Fenster stand jemand, nicht scharf, nur als dunkle Form. Aber er stand genau dort, wo niemand stehen konnte. Ich riss das Handy herunter. Hinter mir saß nur ein Junge mit Kopfhörern. Als ich wieder aufs Display sah, war die Gestalt verschwunden. Zu Hause war das Bad dunkel, die Wohnung still. Auf dem Küchentisch lag ein kleiner silberner Schlüssel mit Papierstreifen. Schließfach 23, Ostbahnhof. Ich fuhr noch in derselben Nacht dorthin. Im Schließfach lag ein Umschlag, darin eine Speicherkarte und ein zusammengefaltetes Blatt. Auf dem Blatt standen drei Sätze. Wenn du das liest, bist du wieder zu spät. Vertrau Lea nicht, wenn sie zuerst deinen Namen sagt. Und schau morgen nicht nach links. Ich hasste diesen Satz inzwischen. Auf der Speicherkarte war nur eine Videodatei. Zeitstempel Morgen 16.11 U. Das Video zeigte den Bahnsteig des Ostbahnhofs. Menschen liefen durchs Bild. Dann sah ich mich selbst am Rand stehen, unruhig, wartend. Kurz darauf trat ein zweites Ich von links ins Bild und blieb vor mir stehen. Kein Trick, kein Spiegel. Zwei von mir. Der eine sagte etwas, der andere wich zurück. Dann endete die Datei abrupt. Nicht mit einem Schnitt, eher so, als wäre der Rest entfernt worden. Am nächsten Tag ging ich nicht zur Arbeit. Ich fuhr um kurz vor vier zum Ostbahnhof. Der Bahnsteig sah genauso aus wie im Video. Dieselbe Reklametafel, dieselbe Frau mit rotem Schal, derselbe Junge mit dem zu großen Rucksack. Mir wurde übel. Um 16 Uhr elf kam ich von links. Es war schlimmer, als ich erwartet hatte. Er war ich, aber Lehrer, nicht wie ein Gespenst, eher wie jemand, der längst alles Überflüssige verloren hatte. Zweifel, Panik, Reue. Was übrig blieb, war nur Absicht. Er blieb zwei Schritte vor mir stehen. Keiner von uns sprach zuerst. Dann sagte er Du brauchst immer länger. Seine Stimme war meine. Wer bist du? Er neigte den Kopf leicht. Die schlechte Antwort wäre Du und die Gute. Er sah an mir vorbei, über meine Schulter, als sei dort etwas viel wichtiger als ich. Die Gute macht keinen Unterschied mehr. Ich wich einen Schritt zurück. Menschen liefen an uns vorbei. Niemand sah zweimal hin, niemand zögerte, zwei identische Männer auf demselben Bahnsteig. Für alle anderen schien das vollkommen normal zu sein. Was willst du? Er zog etwas aus der Manteltasche und hielt es mir hin. Das zweite Handy. Du wolltest gewarnt werden, sagte er. Jedes Mal. Dieses Mal traf mich härter als alles andere. Wie oft? Sein Blick wurde für einen Moment weich, fast entschuldigend. Du fragst das immer an dieser Stelle. Immer. Dann fuhr die Bahn ein, und in der schwarzen Scheibe hinter ihm sah ich unser Spiegelbild. Da begriff ich, was an ihm anders war. Er war nicht mein Doppelgänger. Ich war seiner. Hinter uns knackte die Lautsprecheranlage, eine Ansage begann. Ich verstand kein Wort. Wenn sie dich heute ansieht, sagte er, lächel nicht zurück. Wer? Jetzt sah er mich endlich direkt an, und zum ersten Mal wirkte er erschrocken. Nicht wegen mir, wegen etwas links von mir. Ich wusste, dass ich nicht schauen durfte. Ich tat es trotzdem. Am anderen Ende des Bahnsteigs stand Lea, reglos, zu weit entfernt für Einzelheiten. Aber ich erkannte sie sofort. Sie hob langsam die Hand, und neben ihr stand noch jemand. Ich, nicht derselbe wie vor mir, ein dritter. Vielleicht der Erste, vielleicht der einzige. Er legte Lea ruhig eine Hand in den Nacken, als müsse er sie vor mir schützen. Als ich zurück zu dem Mann vor mir sah, war er verschwunden. Auf dem Boden lag nur das zweite Handy. Es klingelte. Auf dem Display stand nicht eine Nummer. Dort stand mein Name, nicht als Kontakt, als Anrufer. Ich nahm ab. Zuerst hörte ich nur atmen, dann meine Stimme. Nicht die vom Bahnsteig. Eine andere. Müder, näher. Schau jetzt nicht nach rechts. Ich drehte den Kopf nicht. Aber in der glänzenden Scheibe der stehenden Bahn sah ich es trotzdem. Hinter mir hob gerade jemand meine Hand ans Ohr. Sie hörten das vergessene Stockwerk. Wenn Ihnen diese Geschichte gefallen hat, folgen Sie dem Podcast für weitere Psychothriller. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.