Das vergessene Stockwerk – Psychothriller Podcast

Das Zimmer hinter der Tapete

Klaus Nachtschatten Season 1 Episode 26

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Stell dir vor, du schiebst deinen Kleiderschrank zur Seite und blickst in die absolute Dunkelheit. Keinen Schacht, keinen Hohlraum, sondern eine exakte Kopie deines Lebens. Ein immersiver Psychothriller über Identitätsverlust und die dunklen Geheimnisse modernej Architektur. Kopfhörer aufsetzen. 

Was glaubst du – was ist wirklich passiert? Schreib mir.

Eine Geschichte von Klaus Nachtschatten.

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Sie hören eine Geschichte aus dem vergessenen Stockwerk. Ein Ort, den es offiziell nie gegeben hat. Doch manche Menschen behaupten, dort gewesen zu sein. Der Riss in der Tapete hinter dem Kleiderschrank war nicht breiter als ein Haar. Er verlief vollkommen senkreet vom Boden bis zur Decke. Er wirkte nicht wie ein Makel im Putz. Er wirkte wie eine saubere Schnittkante. Ich schob den Schrank nur wenige Zentimeter zur Seite. Das Holz kratzte unangenehm laut auf dem Parkett. Dahinter lag kein Beton und kein Mauerwerk. Dahinter lag eine tiefe, absolute Dunkelheit. Es roch nach verbranntem Zimt und altem Regenwasser. Dieser Geruch passte nicht zu meiner Wohnung. Er gehörte nicht in den vierten Stock eines Berliner Neubaus. Ich starrte in den Spalt und spürte einen kalten Luftzug an meiner Stirn. Mein Grundriss zeigt an dieser Stelle die Brandwand zum Nachbarhaus. Es dürfte dort keinen Hohlraum geben. Trotzdem bewegte sich der Vorhang in meinem Schlafzimmer durch den Wind aus der Wand. Ich legte meine Hand flach auf die Tapete neben dem Riss. Das Papier fühlte sich warm an. Es vibrierte ganz leicht unter meinen Fingerspitzen. Es klang wie ein sehr langsamer und sehr schwerer Herzschlag. Zuerst dachte ich an einen architektonischen Fehler, vielleicht ein vergessener Versorgungsschacht aus der Bauphase. Aber der Spalt weitete sich mit jedem Atemzug, den ich nahm. Die Ränder der Tapete rollten sich nach innen ab. Ich holte die Taschenlampe aus der Küchenschublade. Das Licht schnitt durch den Staub in der Luft. Der Strahl traf nach zwei Metern auf eine Tür aus dunklem Eichenholz. Sie war massiv und hatte keinen Türgriff. Mitten im Holz prangte ein messingfarbenes Namensschild. Es war leer und poliert wie ein Spiegel. Ich sah mein eigenes verzerrtes Gesicht darin reflektiert. Mein rechtes Auge wirkte im Metall deutlich tiefer liegend als das linke. In diesem Moment hörte ich das Geräusch zum ersten Mal. Es war ein leises Schlurfen auf Filzpantoffeln direkt hinter der Eichentür. Jemand blieb dort stehen und wartete. Ich hielt den Atem an, bis meine Lunge brannte. Die Logik sagte mir, dass dort niemand sein konnte. Mein Nachbar zur Linken ist ein pensionierter Lehrer, der kaum Gäste empfängt. Sein Wohnzimmer liegt direkt hinter dieser Wand. Er spielt jeden Abend um Punkt 9 Uhr Cello. Ich blickte auf meine Armbanduhr. Es war fünf Minuten vor neun. Die Stille im Haus war so schwer, dass sie in meinen Ohren dröhnte. Ich wartete auf den ersten Bogenstrich des Cellos. Stattdessen hörte ich, wie ein Schlüssel im Schloss der Eichentür gedreht wurde. Zweimal knackte das Metall im Riegel. Die Tür schwang lautlos nach innen in einen beleuchteten Flur auf. Der Flur sah exakt so aus wie meine. Die gleiche graue Auslegeware und die gleichen minimalistischen Wandleuchten. Nur hingen dort keine Bilder von meinen Reisen. Dort hingen gerahmte Aufnahmen von mir, wie ich schlief. Die Fotos waren aus Perspektiven aufgenommen, die physisch unmöglich waren. Eine Kamera schwebte direkt über meinem Gesicht. Eine andere blickte aus dem Inneren meines Kopfkissens nach oben. Auf jedem Bild trug ich ein Lächeln, das ich im Wachzustand niemals besessen habe. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Ich trat einen Schritt zurück in mein Schlafzimmer. Der Schrank versperrte mir den Weg zur Wohnungstür. Ich war gefangen zwischen meinem Leben und dieser fremden Kopie. Aus dem beleuchteten Flur trat eine Gestalt hervor. Sie bewegte sich mit einer unnatürlichen Steifheit in den Gelenken. Die Person trug meinen grauen Bademantel und meine blauen Hausschuhe. Sie blieb im Türrahmen stehen und sah mich nicht an. Sie starrte stattdessen auf die leere Stelle an der Wand, wo mein Fernseher hing. Die Gestalt hob die Hand und strich sich durch das Haar. Es war meine Geste, wenn ich nervös war. Ich wollte schreien, aber meine Kehle war wie mit trockenem Sand gefüllt. Die Person drehte den Kopf nun langsam in meine Richtung. Ihr Gesicht war eine glatte Fläche aus Haut ohne Augen und ohne Mund. Trotz der fehlenden Merkmale wußte ich, dass sie mich musterte. Sie wartete darauf, dass ich den Raum betrat. Sie wollte Platz machen für den rechtmäßigen Bewohner dieser unmöglichen Wohnung. In der Wohnung des Nachbarn begann das Cello zu spielen. Die Töne waren tief und hohl und klangen wie ein Weglagen. Aber die Musik kam nicht von links durch die Wand. Sie kam direkt aus dem Flur vor mir. Ich begriff, dass der Lehrer nicht nebenan wohnte. Er wohnte tiefer im Inneren meines eigenen Hauses. Jeder Bewohner dieses Gebäudes besaß einen Schattenraum, den er niemals betreten durfte. Die gesichtslose Gestalt trat einen Schritt auf mich zu. Der Geruch nach verbranntem Zimt wurde unerträglich stark. Ich spürte, wie mein eigener Körper an Substanz verlor. Meine Hände wurden blass und fast durchsichtig im Licht der Taschenlampe. Ich versuchte, die Taschenlampe als Waffe zu heben. Mein Arm gehorchte mir nur mit einer quälenden Verzögerung. Es fühlte sich an, als würde ich mich durch dicken Honig bewegen. Die Zeit in diesem Zwischenraum verlief nach anderen Regeln. Die Gestalt griff nach meinem Handgelenk. Ihre Haut war eiskalt und fühlte sich an wie polierter Stein. Sie zog mich sanft, aber mit einer unnachgiebigen Kraft in den beleuchteten Flur. Hinter mir schloss sich die Eichentür mit einem sanften Klicken. Ich hörte, wie der Schrank in meinem eigentlichen Schlafzimmer zurück an die Wand glitt. Das Kratzen des Holzes auf dem Parkett klang nun kilometerweit entfernt. Ich stand nun in dem Flur mit den Fotos. Die Bilder hatten sich verändert. Sie zeigten mich nun, wie ich in diesem Flur stand und auf die geschlossene Tür starrte. Auf jedem Bild sah ich ein Stück Verzweifelter aus. Die gesichtslose Gestalt war verschwunden. Ich war allein in einer Wohnung, die laut Bauplan nicht existierte. Ich lief zur Eingangstür am Ende des Korridors und riss sie auf. Dahinter lag nicht das Treppenhaus meines Hauses. Dahinter lag ein weiterer identischer Flur mit einer weiteren identischen Tür. Ich rannte los und öffnete die nächste Tür und die übernächste. Jedes Mal landete ich im selben grauen Korridor mit denselben Bildern an der Wand. Die Fotos an der Wand wurden immer aktueller. Sie zeigten mich jetzt beim Rennen und beim Schreien ohne Ton. Ich blieb stehen und hielt mir die Ohren zu. Das Cello spielte immer noch dieselbe monotone Melodie. Es klang jetzt so, als würde es direkt aus meinem eigenen Brustkorb vibrieren. Ich schaute an mir herunter. Meine Kleidung war verschwunden. Ich trug nun den grauen Bademantel und die blauen Hausschuhe. Meine Haut fühlte sich fest und glatt an wie Marmor. Ich tastete mit den Fingern über mein Gesicht. Dort, wo meine Augen sein sollten, war nur noch ebenmäßige, warme Haut. Wo mein Mund war, fühlte ich eine ununterbrochene Fläche. Ich versuchte zu atmen, aber es gab keine Öffnungen mehr für die Luft. Trotzdem erstickte ich nicht. Ich existierte einfach weiter in dieser absoluten Stille. Ich war nun ein Teil der Architektur. Plötzlich hörte ich ein vertrautes Geräusch. Es war das Kratzen von Holz auf Parkett ganz in der Nähe. Jemand schob auf der anderen Seite der Wand einen schweren Schrank zur Seite. Ein dünner Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit meines neuen Zuhauses. Ich sah, wie sich ein Riss in der Tapete öffnete. Eine Taschenlampe leuchtete zittrig in meinen Flur hinein. Ich wollte den Menschen dort warnen. Ich wollte ihm sagen, dass er den Schrank sofort wieder zurückschieben soll. Aber ich konnte nur dastehen und warten. Ich spürte, wie meine Gelenke steif wurden. Ich bewegte mich mit einer unnatürlichen Mechanik auf die Öffnung zu. Ich sah den Mann auf der anderen Seite. Er sah exakt so aus, wie ich vor zehn Minuten ausgesehen hatte. Er hielt die Taschenlampe wie eine zerbrechliche Waffe. Er starrte mich an, und ich wußte, dass er nichts sah außer einer gesichtslosen Bedrohung. Er sah nicht die Angst, die in mir schrie. Er sah nur den Platzhalter für sein zukünftiges Ich. Ich hob die Hand und wollte ihn berühren, um ihn wegzustoßen. Er wich erschrocken zurück. In seinen Augen spiegelte sich das blanke Entsetzen vor dem, was er in mir zu erkennen, glaubte. Ich trat in den Türrahmen und blockierte den Weg zurück in seine Welt. Ich wollte, daß er versteht, daß es kein Entkommen gibt. Das Haus braucht uns alle, um stabil zu bleiben. Die Melodie des Cellos erreichte ihren höchsten Ton und brach dann abrupt ab. In der plötzlichen Stille hörte ich das Herz des anderen Mannes schlagen. Es schlug viel zu schnell und viel zu unregelmäßig. Ich griff nach seinem Handgelenk. Seine Haut war so angenehm warm und lebendig. Ich wollte diese Wärme nie wieder loslassen. Ich zog ihn langsam zu mir in das Licht des Flurs. Er leistete kaum Widerstand. Er war bereits von der Unausweichlichkeit dieser Situation gelähmt. Das Haus nahm ihn auf wie ein Schwamm, der frisches Wasser aufsaugt. Hinter uns glitt der Schrank im Schlafzimmer wieder in seine Position. Die Nahtstelle in der Realität war wieder geschlossen. Es gab keine Beweise für das, was hier geschehen war. Ich stehe jetzt wieder im Flur und betrachte die Fotos. Es gibt ein neues Bild in der Serie. Es zeigt zwei Männer im Bademantel, die sich schweigend gegenüberstehen. Einer von ihnen beginnt bereits zu verblassen. Ich frage mich, wie viele Wohnungen dieses Haus wirklich hat. Ich frage mich, wer unter mir im dritten Stock gerade einen Schrank verschiebt. Ich höre ein leises Kratzen tief im Fundament. Vielleicht gibt es am Ende nur eine einzige Wohnung, und wir sind alle nur verschiedene Stadien derselben Verirrung. Ich setze mich auf den Boden und warte auf das nächste Geräusch. Irgendwo in der Ferne beginnt wieder ein Cello zu spielen. Es klingt heute ein wenig verstimmt. Es klingt so, als würde der Bogen über nackte Knochen streichen. Ich schließe die nicht vorhandenen Augen und lausche dem Haus beim Atmen. Es ist ein sehr tiefer und sehr hungriger Rhythmus, und ich bin endlich ein fester Teil davon. Wenn du heute Nacht deinen Kleiderschrank ein Stück zur Seite schiebst, schau nicht zu lange in den Spalt. Sie hörten das vergessene Stockwerk. Wenn Ihnen diese Geschichte gefallen hat, folgen Sie dem Podcast für weitere Psychothriller. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.