Das vergessene Stockwerk – Psychothriller Podcast

Die namenlose Taste

Klaus Nachtschatten Season 1 Episode 29

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Herr Kuhlmann ist kein gewöhnlicher Hausmeister. Er bewacht ein Stockwerk, das auf keinem Plan existiert. Als die namenlose Taste im Aufzug bernsteinfarben leuchtet, beginnt ein Albtraum aus Staub, Fleisch und verlorener Identität. Wirst du den Nagel wirklich aus der Wand ziehen?


Was glaubst du – was ist wirklich passiert? Schreib mir.

Eine Geschichte von Klaus Nachtschatten.

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Sie hören eine Geschichte aus dem vergessenen Stockwerk. Ein Ort, den es offiziell nie gegeben hat. Doch manche Menschen behaupten, dort gewesen zu sein. In diesem Haus atmet der Staub. Er legt sich schwer auf die Lungen, wenn ich im Treppenhaus stehe. Es ist kein gewöhnlicher Schmutz. Es ist der Abrieb von Jahrzehnten, die hier lautlos verstrichen sind. Das Gebäude im Berliner Westen hat zwanzig Stockwerke. Jeder Mieter hat seinen Schlüssel. Jedes Schloss hat seinen Rhythmus. Nur der Aufzug verweigert den Dienst auf eine Weise, die mich nachts wach hält. Es gibt eine Taste zwischen dem achten und neunten Sto. Sie hat keine Nummer. Sie ist glatt gerieben von Fingern, die nicht existieren sollten. Manchmal leuchtet sie schwach bernsteinfarben auf, wenn ich spätabends nach Hause komme. Herr Kuhlmann, der Hausmeister, beobachtet mich oft aus seinem Verschlag. Er sagt nie ein Wort, er hält nur einen schweren Schlüsselbund fest umschlossen. Seine Knöchel sind dabei weiß, wie altes Elfenbein. Gestern fand ich einen Briefschlitz in der Wand meines Flurs. Er führt nirgendwo hin. Wenn ich mein Ohr an die kühle Tapete presse, höre ich ein Summen. Es klingt wie tausend Stimmen, die gleichzeitig das Alphabet rückwärts aufsagen. Die Wände in meiner Wohnung fühlen sich heute weicher an. Als wäre der Beton unter der Farbe zu Fleisch geworden. Ich habe versucht, ein Bild aufzuhängen. Der Nagel drang ohne Widerstand tief in die Substanz ein. Ein dunkler Saft trat aus dem kleinen Loch aus. Er roch nach Kupfer und sehr altem Regenwasser. Ich habe die Stelle hastig mit einem Schrank verdeckt, das Pochen hinter dem Holz hat jedoch nicht aufgehört. In der Nacht hörte ich Kuhlmanns Schritte auf dem Flur. Er schleift den linken Fuß leicht über den Teppichläufer. Er blieb genau vor meiner Tür stehen. Ich hielt den Atem an, bis meine Lungen brannten. Er steckte keinen Schlüssel ins Schloss. Er flüsterte nur eine einzige Zahl durch das Holz. Es war keine Hausnummer und kein Stockwerk. Es klang wie ein Datum, das in der Zukunft liegt. Heute Morgen war der Aufzug geöffnet, als ich zur Arbeit wollte. Die namenlose Taste leuchtete hell und fordernd. Die Kabine roch nach Bonawachs und Desinfektionsmittel. An der Rückwand klebte ein kleiner, handgeschriebener Zettel. Gehen Sie nicht tiefer als der Schatten, stand darauf. Die Handschrift glich meiner eigenen bis ins kleinste Detail. Ich besitze diesen speziellen blauen Kugelschreiber. Er lag heute Morgen nicht mehr auf meinem Schreibtisch. Ich drückte die Taste für das Erdgeschoss, der Aufzug bewegte sich jedoch nach oben. Er hielt nicht im neunten Stock an. Er hielt auch nicht im zehnten Stock an. Die Anzeige blieb einfach schwarz. Die Türen glitten lautlos zur Seite. Draußen lag ein Korridor, der exakt wie meine aussah. Nur die Beleuchtung war von einem kränklichen Violett. Ich trat einen Schritt aus der Kabine. Die Luft hier oben ist dünner und schmeckt nach Ozon. Alle Türen in diesem Flur haben keine Klinken. Es gibt nur glatte Holzflächen, die fest in den Rahmen sitzen. Am Ende des Ganges stand Herr Kuhlmann. Er trug seine blaue Arbeitsjacke, aber sein Gesicht fehlte. Wo Augen und Mund sein sollten, spannte sich nur glatte, graue Haut. Er hob die Hand und deutete auf eine der klinkenlosen Türen. Ich hörte ein Kratzen von der anderen Seite des Holzes. Es klang wie Fingernägel, die versuchen, sich durch die Eiche zu graben. Jemand rief meinen Namen mit einer Stimme, die ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört hatte. Es war die Stimme meiner Mutter, die vor sieben Jahren verstorben ist. Ich rannte zurück in den Aufzug und schlug auf alle Knöpfe ein. Die Türen schlossen sich quälend langsam. Kurz bevor der Spalt verschwand, schob sich eine Hand hindurch. Sie war bleich und hatte sechs Finger. In meiner Wohnung angekommen verriegelte ich alle Schlösser. Ich schob die Kommode vor die Tür. Dann bemerkte ich die Stille im Haus. Das Summen in der Wand war verstummt. Ich ging zum Fenster, um frische Luft zu atmen. Draußen war nicht die Straße zu sehen. Vor meinem Fenster erstreckte sich ein endloses Treppenhaus. Stufen führten in die graue Unendlichkeit nach oben und unten. Die Schwerkraft fühlte sich plötzlich falsch an. Ich rutschte über den Boden in Richtung der Decke. Mein Schrank kippte um und gab die Stelle an der Wand frei. Das Loch vom Nagel war nun so groß wie ein menschliches Auge. Ich sah hindurch und erblickte mich selbst. Ich saß in einem kleinen Verschlag im Keller. Ich hielt einen schweren Schlüsselbund in der Hand. Meine Knöchel waren weiß wie Elfenbein. Das Telefon in der Küche klingelte schrill. Ich kroch über die Zimmerdecke zum Apparat. Niemand war am anderen Ende der Leitung. Man hörte nur das rhythmische Schleifen eines linken Fußes. Ich schaute an mir herab. Meine Kleidung hatte sich in einen blauen Arbeitsanzug verwandelt. Auf der Brusttasche stand mein Name in sauberer Stickerei. Darunter stand das Wort Hausmeister. Ich suchte den Spiegel im Badezimmer. Das Glas war blind und mit einer Schicht Staub bedeckt. Ich wischte mit dem Ärmel darüber, um mein Gesicht zu sehen. Die Haut unter dem Staub war vollkommen glatt. Es gab keine Augen mehr, die mich anstarrten. Es gab keinen Mund, um einen Schrei auszustoßen. Nur das dumpfe Wissen blieb, daß jemand im achten Stock gerade einen Nagel in die Wand schlägt. Ich spüre den Schmerz tief in meiner neuen, grauen Substanz. Ich nahm den Schlüsselbund und verließ die Wohnung. Mein linker Fuß schleifte schwer über den Teppichläufer. Ich mußte nach oben fahren. Jemand wartet dort auf seinen ersten Tag im Dienst. Der Aufzug wartete bereits mit offener Tür auf mich. Die namenlose Taste pulsierte im Takt meines Herzschlags. Ich drückte sie mit meinem sechsten Finger. Die Welt unter mir begann, sich aufzulösen wie nasses Papier. Es gibt kein Erdgeschoss mehr für Menschen wie mich. Es gibt nur die Etagen, die auf keinem Plan verzeichnet sind. Wir bewachen die Stille zwischen den bewohnten Räumen. Wir füttern den Staub mit unseren Erinnerungen. Ich stehe jetzt vor ihrer Tür. Ich höre, wie Sie den Atem anhalten. Ich kenne das Datum, das auf Ihrer Innenseite der Tür steht. Es ist heute. Sie werden gleich versuchen, den Nagel wieder aus der Wand zu ziehen. Aber das Loch wird bleiben. Und durch dieses Loch werde ich zu Ihnen hineinsehen. Wir brauchen einen neuen Mann für das Stockwerk, das niemand betreten darf. Sie hörten das vergessene Stockwerk. Wenn Ihnen diese Geschichte gefallen hat, folgen Sie dem Podcast für weitere Psychothriller. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.