Gedankenspiele – Dunkle Rätselgeschichten von Elias Morgen

08:14 Uhr – Die Wohnung ohne Bewohner

Elias Morgen Season 1 Episode 18

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Ein neuer Altbau in Berlin, der Vormieter hat alles hinterlassen. Doch die Kaffeemaschine zeigt immer 08:14 Uhr, die Sonne bewegt sich nicht und das Holz der Möbel fühlt sich an wie grauer Staub. Leon glaubt an einen Umzugsstress, bis er sein eigenes Spiegelbild verliert. Eine psychologische Mystery-Geschichte über die Architektur der Stille und die Frage: Wie real ist deine Realität?

Eine Geschichte von  Elias Morgen.

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Willkommen bei Gedankenspiele, Geschichten, die erst am Ende ihren wahren Sinn zeigen. Hören Sie genau zu. Die Kaffeemaschine zeigt 8 Uhr 14, genau wie die Uhr an meinem Handgelenk. Dennoch steht die Sonne im Zenit und brennt mit einer unnatürlichen Hitze durch das Fenster. Es gibt keinen Schattenwurf auf dem Boden. Alles wirkt flach, wie ausgeleuchtet in einem sterilen Filmstudio. Ich lebe seit drei Tagen in dieser Wohnung. Sie liegt im vierten Stock eines Altbaus in Berlin Mitte. Der Vormieter hat alles hinterlassen: die Möbel, die Kleidung im Schrank, die Zahnbürste im Bad. Kommen Sie einfach mit Ihrem Koffer, hatte der Makler am Telefon gesagt. Seine Stimme klang hohl, als spräche er aus einem tiefen Brunnen. Ich habe keine Nachbarn gehört, kein Türenschlagen, kein Kinderlachen, kein Rauschen in den Wasserrohren. Die Wohnung ist perfekt schallisoliert, vielleicht zu perfekt. Gestern Abend wollte ich den Müll rausbringen. Ich öffnete die Wohnungstür und stand vor einer glatten, weißen Wand. Es gab keinen Flur mehr, nur diese massive, kalte Oberfläche direkt hinter dem Türrahmen. Ich schloss die Tür, wartete zehn Sekunden und öffnete sie erneut. Da war der Flur wieder, dunkel und staubig, wie er sein sollte. Ein Fehler meiner Wahrnehmung, dachte ich. Schlafmangel durch den Umzugsstress. Ich ging zurück in die Küche und wollte mir Wasser einschenken. Der Wasserhahn gab nur ein trockenes Zischen von sich. Ich drehte ihn ganz auf. Nichts geschah. Dann bemerkte ich die Flasche Mineralwasser auf dem Tisch. Sie war versiegelt, aber das Etikett fehlte. Als ich sie öffnete, roch das Wasser nach nichts. Es schmeckte nach absolut gar nichts, nicht einmal nach Plastik. Ich setzte mich auf die Couch. Das Leder fühlte sich unter meinen Fingern nicht wie Leder an. Es war zu glatt, zu gleichmäßig temperiert. Es fühlte sich an wie poliertes Glas, das so tut, als wäre es weich. Ich sah mich im Wohnzimmer um. An der Wand hängt ein Bild von einer Landschaft. Mir fiel auf, dass die Vögel auf dem Bild heute an einer anderen Stelle sind. Drei kleine Punkte am Horizont sind nun fast am oberen Bildrand. Ich lachte nervös. Bilder verändern sich nicht von selbst. Vielleicht ist es eine digitale Leinwand. Ich berührte die Oberfläche. Es war Leinwand. Ich spürte die Struktur der Pinselstriche. Trotzdem wanderten die Vögel weiter, Millimeter für Millimeter. Ich beschloss, die Wohnung zu verlassen. Ich brauchte frische Luft und Menschen. Ich griff nach meinem Schlüsselbund auf der Kommode. Er war weg. Ich suchte überall, in den Taschen meiner Jacke, unter den Kissen, im Kühlschrank. Dann sah ich ihn. Er lag in einer kleinen Glasschale auf dem Esstisch. Das Merkwürdige war, ich besitze gar keine Glasschale. Gestern stand dort ein hölzernes Tablett. Ich nahm den Schlüssel ging zur Wohnungstür. Ich drückte die Klinke, aber sie bewegte sich nicht. Das Schloss war nicht verriegelt. Die Klinke war einfach starr, als wäre sie Teil des Türblatts gegossen worden. Ich fing an zu schwitzen. Die Hitze der Mittagssonne in der Küche wurde unerträglich. Ich sah auf die Kaffeemaschine. 8.14 Uhr. Meine Armbanduhr. 8.14 Uhr. Ich hielt die Uhr an mein Ohr. Kein Ticken. Ich blickte aus dem Fenster auf die Straße hinunter. Es gab keine Autos, keine Fußgänger, keine abgestellten Fahrräder. Nur grauer Asphalt und blinde Hauswände. Die Fenster der Häuser gegenüber spiegelten nichts. Sie ließen keinen Blick ins Innere zu. Ich ging zum Telefon im Flur. Es ist ein alter Apparat mit Wählscheibe. Ich hob den Hörer ab. Kein Freizeichen. Stattdessen hörte ich ein rhythmisches Klopfen. Es klang wie ein Herzschlag, nur viel langsamer. Bumm, stille. Bumm. Ich wählte die Notrufnummer. Die Wählscheibe drehte sich quälend langsam zurück. In dem Moment, als sie einrastete, hörte das Klopfen auf. Eine Stimme am anderen Ende flüsterte meinen Namen. Leon, bist du schon so weit? Es war meine eigene Stimme. Ich legte sofort auf. Mein Herz raste so fest, dass ich den Druck im Hals spürte. Ich rannte ins Badezimmer und spritzte mir Wasser ins Gesicht. Aber das Wasser war nicht kalt, es war heiß, kochend heiß. Ich schrie auf, doch meine Haut verbrannte nicht. Es gab keine Rötung, keinen Schmerz. Ich sah in den Spiegel über dem Waschbecken. Mein Gesicht war klar zu erkennen. Aber hinter mir, im Spiegelbild, fehlte die Tür des Badezimmers. Da war nur die weiße Wand aus dem Flur. Ich drehte mich blitzschnell um. Die Tür war da. Ich sah zurück in den Spiegel. Die Wand blieb. Ich ging zurück in die Küche. Irgendetwas musste einen Sinn ergeben. Ich nahm ein Messer aus der Schublade. Ich wollte wissen, woraus die Dinge hier wirklich bestehen. Ich ritzte in die Tischplatte aus schwerem Eichenholz. Es gab keinen Widerstand. Das Messer glitt durch das Holz wie durch weichen Ton. Darunter war kein Holz, sondern eine graue, faserige Masse. Es sah aus wie Demmaterial oder gepresster Staub. Ich schnitt in das Polster der Couch. Das gleiche Ergebnis Graue Fasern. Ich rannte zum Fenster und versuchte, es zu öffnen. Die Griffe ließen sich drehen, aber der Rahmen war fest mit der Wand verbunden. Ich nahm einen Stuhl und schlug gegen die Scheibe. Es gab kein klirrendes Geräusch. Der Stuhl prallte lautlos ab, als bestünde das Glas aus festem Gummi. Die Scheibe vibrierte kurz und war dann wieder starr. Ich brach zusammen und setzte mich auf den Boden. Die Stille in der Wohnung wurde zu einem Summen, ein tiefer, konstanter Ton, der direkt in meinem Kopf zu entstehen schien. Fünfzig Herz. In diesem Moment klopfte es an der Tür, ein lautes, deutliches Klopfen. Ich sprang auf und rannte in den Flur. Wer ist da? schrie ich. Keine Antwort, nur das Klopfen wiederholte sich. Ich griff nach der Klinke. Diesmal gab sie nach. Ich riss die Tür auf. Der Flur war wieder da, aber er war verändert. An jeder Tür im langen Korridor klebte ein Schild. Auf jedem Schild stand mein Name, Leonvogel. Leon Vogel, Leonvogel. Ich trat hinaus und die Tür hinter mir fiel ins Schloss. Ich versuchte, sie sofort wieder zu öffnen, aber sie war fest. Ich lief den Flur entlang. Ich zählte die Türen. Eins, zwei, drei. Bei der vierten Tür blieb ich stehen. Sie stand einen Spalt weit offen. Ich spähte hinein. Es war meine Küche. Dort saß ein Mann am Tisch. Er trug meine Kleidung, er hielt ein Messer in der Hand und ritzte in die Tischplatte. Er sah verzweilt aus. Ich wollte ihn rufen, doch meine Stimme versagte. Er blickte auf die Kaffeemaschine. Ich sah, wie er zitterte. Ich wusste, was er sah. 8 Uhr vierzehn. Ich wollte weglaufen, doch am Ende des Flurs stand ein großer Spiegel. Ich rannte darauf zu. Doch im Spiegel war ich nicht zu sehen. Der Spiegel zeigte einen leeren Flur. Ich blieb stehen und starrte auf die glatte Oberfläche. Ich hob meine Hand und berührte das Glas. Es war warm, es fühlte sich an wie menschliche Haut. Hinter dem Glas bewegte sich etwas. Eine dunkle Gestalt trat aus dem Schatten des gespiegelten Flurs hervor. Es war der Makler. Er trug ein Klemmbrett und einen weißen Kittel. Er sah mich nicht an. Er machte sich Notizen auf seinem Block. Subjekt 402 zeigt Anzeichen von räumlicher Desorientierung, sagte er laut. Seine Stimme kam von überall her. Die materielle Auflösung wird nun beschleunigt, fuhr er fort. Die Kohärenz sinkt unter den Schwellenwert. In diesem Moment begann der Boden unter meinen Füßen weich zu werden. Der Teppichboden löste sich in graue Fasern auf. Die Wände des Flurs begannen zu schmelzen wie heißes Wachs. Die Türen verschwanden nacheinander. Ich sah zu dem Mann in der Küche zurück. Er war weg. Dort stand jetzt nur noch ein leerer weißer Raum. Ich blickte auf meine Hände. Sie begannen nicht zu schmelzen, sie wurden durchsichtig. Ich konnte ein flimmerndes Netz aus feinen blauen Lichtstrahlen unter meiner Haut sehen. Es waren keine Adern, es waren leuchtende Pfade, die in Mustern pulsierten. Meine Finger flackerten kurz. Für einen Moment war meine rechte Hand nur ein flaches Gittermodell ohne Textur. Der Makler im Spiegel sah nun doch zu mir auf. Er lächelte mitleidig. Du hast es fast geschafft, Leon, sagte er. Diesmal hast du acht Minuten länger durchgehalten. Er hob eine Fernbedienung und drückte auf einen roten Knopf. Das Summen in meinem Kopf wurde ohrenbetäubend. Ich sah auf meine Armbanduhr. Die Zeiger begannen plötzlich zu rasen. Sie drehten sich rückwärts, immer schneller. Die Zahlen auf dem Zifferblatt verblassten, bis nur noch eine glatte Fläche übrig war. Es wurde eiskalt und absolut dunkel. Mein Name fühlte sich plötzlich an, wie ein Wort in einer fremden Sprache, das ich nicht mehr verstand. Plötzlich spürte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Das Summen verstummte. Ich öffnete die Augen. Ich stand in einer hellen, modernen Küche. Die Sonne brannte heiß durch das Fenster. Ich fühlte mich seltsam benommen, als wäre ich gerade erst aufgewacht. Ich sah auf die Kaffeemaschine. Sie zeigte 8 Uhr an. An meinem Handgelenk spürte ich das kühle Metall meiner Uhr. Acht Uhr Vierzehn. Ein wunderbarer Tag für einen Neuanfang, dachte ich. Die Wohnung ist perfekt. Ich ging zum Esstisch und wollte mir Wasser einschenken. Dabei bemerkte ich eine kleine Glasschale, die dort stand. Darin lag ein Schlüsselbund. Ich nahm ihn in die Hand und lächelte. Alles war so, wie es sein sollte. Alles war absolut logisch und real. Ich ging zum Fenster und blickte hinaus auf die Straße. Unten fuhren Autos, Menschen eilten über den Bürgersteig. Es wirkte alles so lebendig, so unglaublich detailliert. Nur eine Sache irritierte mich kurz. Ein kleiner Vogel landete auf dem Fenstersims. Er bewegte seine Flügel, aber er machte kein Geräusch. Er pickte gegen das Glas, doch es gab keinen Ton. Dann sah ich seine Augen. Sie waren keine biologischen Augen, sondern winzige, rot leuchtende Linsen. Der Vogel starrte mich an. Für einen Sekundenbruchteil sah ich in seinem Spiegelbild nicht mein Gesicht. Ich sah eine endlose Kaskade aus grünen Zahlen, die durch eine tiefe Schwärze fielen. Dann zwinkerte der Vogel und flog lautlos davon. Ich lachte über meine alberne Fantasie. Ich drehte den Wasserhahn auf und füllte ein Glas. Das Wasser war klar und erfrischend. Ich setzte mich auf die Couch. Das Leder fühlte sich wunderbar weich und natürlich an. Ich griff nach dem Buch auf dem Nachttisch. Die Architektur der Stille. Ich schlug die erste Seite auf. Sie war bedruckt mit schwarzer Tinte. Kapitel 1 Der erste Tag in der Ewigkeit las ich laut vor. Meine Stimme klang fest und ruhig. Ich fühlte mich zum ersten Mal wirklich zu Hause. Ich wusste, dass ich diesen Ort niemals verlassen müsste. Ich schloss die Augen und genoss die Wärme der Sonne auf meine Haut. Es war ein perfekter Vormittag in Berlin. Plötzlich hörte ich wieder dieses Geräusch. Ganz leise, fast unhörbar hinter der Wand. Bumm! Stille! Bumm! Ich ignorierte es und las weiter. Ich wollte nicht wissen, was auf der letzten Seite steht. Ich strich über die Seite und spürte die raue Textur des Papiers. Es fühlte sich so echt an, dass es fast wehtat. Dann bemerkte ich den Schatten meines Armes auf dem Buch. Er bewegte sich nicht, obwohl ich meinen Arm bewegte. Der Schatten blieb starr auf der Seite liegen. Er hatte die Form einer Hand, aber sie hatte sechs Finger. Ich starte auf meine eigene Hand. Fünf Finger. Ich starrte auf den Schatten. Sechs Finger. Kompilierung abgeschlossen, flüsterte eine Stimme direkt hinter meinem Ohr, die genau wie meine klang. Ich blätterte um, doch die nächste Seite bestand nur noch aus einer einzigen endlosen Zeile Code, die ins Leere lief. Sie hörten eine Geschichte aus Gedankenspiele. Wenn Sie Rätsel und unerwartete Wendungen mögen, folgen Sie diesem Podcast. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.