Gedankenspiele – Dunkle Rätselgeschichten von Elias Morgen

03:14 – Das weiße Licht

Elias Morgen Season 1 Episode 24

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Was würdest du tun, wenn dein eigenes Spiegelbild plötzlich eine Millisekunde verzögert reagiert? In „03:14 – Das weiße Licht“ tauchen wir tief in die menschliche Psyche und die Angst vor dem Kontrollverlust ein.

Darum geht es: Ein Informatiker stellt fest, dass Zeit und Raum nicht mehr synchron laufen. Während er nach einer logischen Erklärung sucht, verdichten sich die Hinweise, dass er sich in einer Simulation befindet, die gerade gelöscht wird.

Highlights dieser Folge:

  • Atmosphärisches Audio-Erlebnis für Kopfhörer.
  • Ein doppelter Twist, den du nicht kommen siehst.
  • Deep Psychological Mystery aus Deutschland.

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Eine Geschichte von  Elias Morgen.

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Willkommen bei Gedankenspiele, Geschichten, die erst am Ende ihren wahren Sinn zeigen. Hören Sie genau zu. Mein Wecker zeigt 3 Uhr 14, aber draußen steht die Sonne im Zenit. Ich blinzle gegen das grelle weiße Licht an, das durch die Ritzen der Rollläden schneidet, während die digitale Anzeige unerbittlich rot flimmert. Es ist die dritte Nacht in Folge, in der das passiert. Oder der dritte Tag. Die Zahlen auf dem Display und das Licht vor dem Fenster führen einen Krieg, den mein Verstand gerade verliert. Ich stehe auf und spüre das kühle Parkett unter meinen Füßen. Es ist ein beruhigendes, normales Gefühl. Ich gehe zum Fenster und greife nach der Zugschnur des Rollladens. Ich zögere. Wenn ich ihn hochziehe, akzeptiere ich, was dort draußen ist. Wenn ich es nicht tue, bleibt es ein Fehler der Optik, ein Streich meines übermüdeten Gehirns. Ich ziehe. Der Rollladen rattert nach oben. Der Hinterhof ist in ein gleißendes, schattenloses Licht getaucht. Es gibt keine Vögel, keinen Wind, keine fernen Motorengeräusche von der Autobahn. Es ist Mittag im tiefsten Kern der Nacht. Mein Nachbar, Herr Weber, steht unten im Garten. Er trägt seinen hellblauen Schlafanzug und hält eine Gießkanne in der Hand. Er bewegt sich nicht. Er starrt einfach nur auf die vertrockneten Rosen am Zaun. Er wirkt wie eine Statue aus Fleisch, die im falschen Film vergessen wurde. Herr Weber, rufe ich leise. Meine Stimme klingt in der leeren Wohnung seltsam flach, wie eine Tonbantaufnahme, die zu langsam abgespielt wird. Er reagiert nicht. Er gießt nicht. Er atmet kaum merklich. Ich sehe auf meine Armbanduhr, die mechanische mit den Zeigern. Sie steht auf halb vier. Der Sekundenzeiger zuckt. Er will vorwärts, aber er springt immer wieder auf die zwölf zurück. Ein nervöses, metallisches Klicken. Tick, tick, tick. Ich gehe in die Küche und schenke mir ein Glas Wasser ein. Das Geräusch des fließenden Wassers ist zu laut. Es klingt wie ein Wasserfall in einer Kathedrale. Vielleicht ist es ein neurologisches Problem, ein Tumor, der die Zeitwahrnehmung stört. Ich versuche, logisch zu bleiben. Ich bin Informatiker. Alles folgt Regeln. Ich greife zum Telefon und wähle die Nummer meiner Mutter. Sie geht immer ran, egal wie spät es ist. Oder wie früh. Es klingelt einmal, zweimal, dann hebt jemand ab. Aber es gibt kein Hallo. Nur das Atmen am anderen Ende. Es ist ein schweres, rhythmisches Atmen. Mama? frage ich. Mein Herz klopft gegen meine Rippen wie ein gefangener Vogel. Mama, ist bei dir auch dieses Licht? Es ist noch nicht Zeit, sagt eine Stimme. Es ist nicht die Stimme meiner Mutter. Es ist meine eigene Stimme, nur tiefer, ruhiger, fast sanft. Ich lege sofort auf. Mein Puls rast. Das Wasser im Glas auf dem Tisch beginnt zu vibrieren. Kleine, konzentrische Ringe breiten sich von der Mitte aus. Ich habe keine Waschmaschine an. Es gibt kein Erdbeben. Die Ringe im Wasser entstehen ohne äußeren Impuls. Sie folgen einem Takt. Drei kurze Wellen, eine Lange. Pause. Drei kurze Wellen, eine Lange. Es ist ein Code, ein Rhythmus, den ich kenne, aber nicht zuordnen kann. Ich gehe zurück ins Schlafzimmer. Der Wecker zeigt jetzt drei Uhr vierzehn. Er hat sich seit zehn Minuten nicht bewegt, aber die Sonne draußen ist gewandert. Sie steht jetzt tiefer. Die Schatten im Hinterhof werden unnatürlich lang. Sie strecken sich wie schwarze Finger über den Rasen zu Herrn Weber. Herr Weber hat sich bewegt. Er hat die Gießkanne jetzt ein paar Zentimeter tiefer gesenkt. Es ist wie eine Zeitrafferaufnahme, die fast zum Stillstand gekommen ist. Ich merke, dass ich den Atem anhalte. Die Stille in der Wohnung ist jetzt so dicht, dass sie in den Ohren wehtut. Ein hoher, fast unhörbarer Ton beginnt zu schwingen. Ich muss raus hier. Ich ziehe mir wahllos Jeans und einen Pullover über. Als ich in meine Sneaker schlüpfe, bemerke ich etwas Seltsames an der Sohle. An beiden Schuhen klebt frische, feuchte Erde. Aber ich war seit gestern Abend nicht mehr draußen. Und gestern war es staubtrocken. Ich ignoriere es. Ich greife meinen Schlüsselbund. Er fühlt sich schwerer an als sonst. Fast so, als würde er versuchen, in meiner Tasche nach unten zu ziehen. Im Treppenhaus brennt kein Licht. Ich taste mich am Geländer nach unten. Das Holz fühlt sich weich an, wie Haut, die zu lange im Wasser lag. Ich ziehe die Hand zurück und benutze mein Handy als Taschenlampe. Der Lichtstrahl schneidet durch die Dunkelheit, aber er scheint nicht weit zu reichen. Nach zwei Stockwerken erreiche ich die Haustür. Ich drücke die Klinke, aber sie gibt nicht nach. Ich schließe auf. Der Schlüssel dreht sich dreimal. Draußen ist die Hitze erdrückend. Es müssen über 30 Grad sein, mitten im April, mitten in der Nacht. Der Himmel ist nicht blau, er ist weiß, ein flaches, strukturloses Weiß. Ich laufe zu Herrn Weber in den Garten. Herr Weber, was ist hier los? Er dreht den Kopf zu mir, ganz langsam. Es dauert gefühlte zehn Sekunden. Seine Augen sind weit offen, aber die Pupillen sind nadelstich groß, trotz des gleißenden Lichts. Du hast wieder nicht geantwortet, sagt er. Seine Stimme klingt nicht wie seine eigene. Es ist wieder dieser tiefe, ruhige Ton. Meine Stimme. Ich habe auf das Signal gewartet, antwortet mein eigener Mund. Ich wollte das nicht sagen. Die Worte sind einfach aus mir herausgefallen. Als wären sie schon lange in meiner Kehle bereitgelegen. Panik steigt in mir auf. Ich renne los. Aus dem Garten, auf die Straße. Die Straße ist leer, keine geparkten Autos, keine Mülltonnen, nur glatter, grauer Asphalt. Ich laufe bis zur Kreuzung. Dort, wo eigentlich die Bäckerei sein sollte, ist nur eine glatte Fassade, keine Fenster, keine Türen, nur sauber verputzter Stein. Ich bleibe stehen und keuche. Mein Schatten auf dem Boden verhält sich falsch. Er bewegt sich eine Millisekunde nach mir, eine Verzögerung in der Realität. Ich hebe den rechten Arm, der Schatten wartet. Dann hebt auch er den Arm. Er wirkt dunkler als ein normaler Schatten, fast dreidimensional. Ich sehe zurück zu meinem Haus. Alle Fenster sind schwarz. Nur in meinem Fenster im dritten Stock brennt Licht. Eine Gestalt steht am Fenster. Sie hält ein Telefon ans Ohr. Sie sieht genau aus wie ich. Sie trägt das gleiche Hemd, das ich gestern Abend trug. Sie sieht besorgt aus. Es ist noch nicht Zeit, flüstere ich. Ich weiß nicht, warum ich das sage, aber es fühlt sich richtig an. Es fühlt sich an wie ein Teil eines Skripts. In diesem Moment verstehe ich den Rhythmus im Wasserglas. Drei kurz, eins lang. Es ist der Takt meines eigenen Herzschlags, wenn ich schlafe. Ich schaue auf meine Uhr. Der Sekundenzeiger hat sich endlich gelöst. Er rast jetzt mit wahnsinniger Geschwindigkeit im Kreis. Die Minuten vergehen in Sekunden. Die Sonne am weißen Himmel stürzt regelrecht dem Horizont entgegen. Es wird dunkel, schlagartig. Das Weiß wird zu einem tiefen, samtenen Schwarz. Ich stehe allein auf der leeren Straße. Kein Haus mehr, keine Bäckerei. Nur ich und die Dunkelheit und die Stimme. Warum antwortest du nie, wenn ich dich rufe? fragt die Stimme hinter mir. Sie ist jetzt ganz nah, direkt an meinem Ohr. Ich drehe mich nicht um. Ich weiß, was ich sehen würde. Ich würde mich selbst sehen, wie ich im Bett liege und versuche aufzuwachen. Du schläfst nicht, sagt die Stimme. Du bist der Teil, den wir aussortiert haben. Die Erinnerung, die nicht mehr in den neuen Tag passt. Ich sehe an mir herab. Meine Hände werden blass, sie werden durchsichtig. Ich kann den grauen Asphalt durch meine Finger sehen. Ich erinnere mich jetzt. Der Unfall auf der Autobahn, das weiße Licht der Scheinwerfer, das plötzliche Verstummen aller Geräusche. Das hier ist nicht die Realität. Das hier ist die Warteschleife, das Zwischenstadium, während das Gehirn die letzten Datenpakete löscht. Aber Herr Weber, stamme ich, warum ist er hier? Er ist schon länger hier, sagt mein zweites Ich. Er ist der Systemtest. Er gießt die Blumen, die es nicht gibt. Ich spüre, wie ich leichter werde. Die Hitze verschwindet. Eine angenehme Kühle breitet sich in meiner Brust aus. Das Weiß kehrt zurück. Ich schließe die Augen. Ich höre ein entferntes Geräusch. Ein Piepen. Regelmäßig. Drei kurz, eins lang. Ein E-K-G-Monitor. Er kommt zurück, höre ich eine ferne weibliche Stimme sagen. Eine Krankenschwester? Ein Hoffnungsschimmer flammt in mir auf. Ich öffne die Augen. Ich liege in meinem Bett, in meiner Wohnung. Es ist dunkel. Der Wecker zeigt 3.14 Uhr. Ich atme tief durch. Nur ein Traum. Ein verdammt realistischer Traum. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam. Ich greife nach dem Wasserglas auf dem Nachttisch, um einen Schluck zu trinken. Das Wasser ist staubtrocken. Das Glas ist voll mit feiner, dunkler Erde. Dieselbe Erde, die an meinen Sneakern klebte. Ich starre das Glas an. Mein Spiegelbild im Glas bewegt sich nicht. Es starrt mich einfach nur an, während ich das Glas zum Mund führe. Dann bemerke ich das Handy auf der Decke, das Display leuchtet auf, eine neue Nachricht von meiner eigenen Nummer. Ich entsperre es mit zitternden Fingern. Die Nachricht enthält nur einen Satz, gesendet vor genau einer Minute. Schön, dass du wieder da bist, aber wer liegt dann eigentlich unten im Garten und gießt die Rosen? Ich höre ein Geräusch vom Fenster. Ein leises Scharren. Ich schaue nicht hin. Ich will nicht sehen, was draußen im fahlen Licht der Straßenlaterne steht. Denn ich weiß jetzt, warum der Schatten eine Verzögerung hatte. Er war nicht mein Schatten. Er war das Original, das darauf wartete, dass ich endlich Platz mache. Das Licht im Flur geht an. Ich lebe allein. Die Schritte auf dem Parkett sind schwer und langsam. Sie kommen direkt auf die Schlafzimmertür zu. Ich greife nach der Zugschnur des Rollladens, um mich zu verstecken, aber meine Hand greift ins Leere. Es gibt keine Schnur. Es gab nie eine. Die Tür Klinke senkt sich. Ganz langsam, als würde jemand auf der anderen Seite sicherstellen wollen, dass ich auch wirklich hinschaue. Ich sehe auf den Wecker. Er zeigt immer noch 3 Uhr 14, aber die rote Farbe der Zahlen beginnt zu fließen. Sie tropft wie frisches Blut vom Nachttisch auf den Boden. Gute Nacht, Echo, sagt die Stimme hinter der Tür. Morgen versuchen wir es mit einer Version, die weniger Fragen stellt. In diesem Moment begreife ich den zweiten Twist. Ich bin nicht der Mann, der den Unfall überlebt hat. Ich bin die Simulation, die den Schock verarbeiten soll. Und ich habe gerade den Test nicht bestanden. Das Licht draußen wird wieder weiß. Und diesmal gibt es keinen Rollladen mehr, den ich herunterziehen könnte. Sie hörten eine Geschichte aus Gedankenspiele. Wenn Sie Rätsel und unerwartete Wendungen mögen, folgen Sie diesem Podcast. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.