Gedankenspiele – Dunkle Rätselgeschichten von Elias Morgen

Das atmende Haus

Elias Morgen Season 1 Episode 27

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„Etwas stimmt hier ganz und gar nicht.“ Stell dir vor, jeder Blinzelschlag verändert deine Realität. In dieser ultra-premium Mystery-Story begleiten wir einen Mann, dessen Zuhause zur lebendigen Falle wird. Ein psychologisches Labyrinth mit einem Twist, der alles infrage stellt. Nichts für schwache Nerven. Hör bis zum Ende – wenn du dich traust.


Eine Geschichte von  Elias Morgen.

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Willkommen bei Gedankenspiele, Geschichten, die erst am Ende ihren wahren Sinn zeigen. Hören Sie genau zu. Ich habe heute Morgen die Kaffeetasse in den Schrank gestellt, in dem gestern noch der Kühlschrank stand. Der Kühlschrank befindet sich jetzt dort, wo eigentlich die Balkontür sein sollte, und die Balkontür führt direkt in mein Badezimmer. Es ist nicht so, dass die Möbel wandern. Die Architektur meiner Wohnung verhält sich wie ein Kartendeck, das jede Nacht neu gemischt wird. Zuerst dachte ich an einen neurologischen Aussetzer: ein Tumor, eine Psychose, vielleicht extremer Schlafmangel durch die Arbeit in der Kanzlei. Ich setzte mich auf den Boden, dort, wo der Teppich gestern noch blau war und heute ein raues Parkettmuster zeigt. Ich schloss die Augen und zählte bis zehn. Als ich sie öffnete, hatte sich nichts verändert. Das Waschbecken starrte mich aus der Ecke an, in der eigentlich mein Bücherregal stehen müsste. Ich versuchte, rational zu bleiben. Ich nahm ein langes gelbes Maßband aus meinem Werkzeugkasten. Gestern war das Wohnzimmer exakt vier Meter und zwanzig Zentimeter breit. Heute Morgen maß ich denselben Raum, und das Band stoppte bei 3,90 Meter. Dafür ist der Flur jetzt so lang, dass ich das Ende kaum sehen kann. Er verschwindet in einer unnatürlichen Dunkelheit, die das Licht meiner Taschenlampe einfach verschluckt. Ich begann, Markierungen zu setzen. Ein kleines Kreuz mit einem Bleistift direkt neben dem Türrahmen der Küche. Zwei Stunden später wollte ich nachsehen, ob das Kreuz noch da war. Ich fand den Türrahmen, aber das Holz fühlte sich warm an, fast wie Haut. Das Kreuz war weg. Stattdessen war das Holz an dieser Stelle glatt poliert, als hätte dort nie ein Bleistift existiert. Es gibt ein Muster, das ich erst am dritten Tag bemerkte. Die Veränderungen folgen einem Rhythmus. Immer wenn ich blinzle, scheint sich die Welt ein winziges Stück zu verschieben. Nur Millimeter, kaum wahrnehmbar. Aber wenn ich schlafe, wirft die Wohnung alle Regeln über Bord. Jede Nacht ist eine architektonische Amputation. Ich habe angefangen, die Fenster zu zählen. Gestern waren es vier, heute sind es sieben. Keines dieser Fenster zeigt nach draußen. Jedes Einzelne gibt den Blick auf ein anderes Zimmer meiner eigenen Wohnung frei. Ich stehe im Wohnzimmer und sehe durch das Fenster, mich selbst im Schlafzimmer sitzen. Ich trage dort ein Hemd, das ich vor drei Jahren weggeworfen habe. Mein anderes Ich bewegt sich synchron zu mir, aber mit einer Verzögerung von genau vier Sekunden. Ich hebe die Hand. Er wartet, dann hebt er die Hand. Ich habe versucht, die Wohnung zu verlassen. Die Haustür ist noch da, aber sie lässt sich nicht öffnen. Es gibt kein Schlüsselloch mehr. Das Metall ist mit dem Holz verschmolzen, als wäre es so gegossen worden. Gestern Abend fand ich unter dem Sofa, das jetzt in der Mitte der Dusche steht, eine alte Armbanduhr. Es ist meine Uhr, das Glas ist gesprungen. Die Zeiger bewegen sich rückwärts. Jedes Mal, wenn die Sekunde springt, höre ich ein leises Knacken in den Wänden. Es klingt, als würde jemand trockene Äste zerbrechen. Oder Knochen. Ich habe gestern versucht, ein Loch in die Wand zu schlagen. Ich wollte wissen, was hinter dem Gips ist. Nach dem ersten Schlag mit dem Hammer blutete die Tapete. Eine zäh, dunkle Flüssigkeit sickerte aus dem Riss. Ich habe das Loch sofort mit Panzertape zugeklebt. Ich bilde mir ein, dass ich seitdem ein Atmen aus der Wand höre. Ein sehr langsames, sehr tiefes Atmen. Es passt sich meinem eigenen Herzschlag an. In der Nacht wurde es schlimmer. Ich lag im Bett, das heute im Flur steht, und starrte an die Decke. Die Decke war nicht mehr weiß. Sie bestand aus tausenden von kleinen quadratischen Fotos. Ich stand auf und nahm eine Taschenlampe. Es waren alles Fotos von mir. Auf jedem Foto schlief ich. Aber die Umgebung auf den Bildern war immer eine andere. Auf einem Foto lag ich auf einem OP-Tisch, auf einem anderen in einem Wald, auf dem dritten in einer Zelle. Alle Fotos hatten ein Datum in der rechten unteren Ecke, das Datum von heute. Ich bemerkte eine weitere Unstimmigkeit. In jedem Zimmer brennt genau eine Glühbirne, egal ob ich sie eingeschaltet habe oder nicht. Wenn ich eine Birne herausdhe, erlischt das Licht im gesamten Raum, aber die Hitze bleibt. Die Fassung glüht weiter, als würde sie Energie aus der Luft ziehen. Heute Morgen bin ich aufgewacht und mein Badezimmer war verschwunden. Dort, wo die Tür war, ist jetzt nur noch eine glatte, weiße Wand. Ich habe keinen Durst mehr. Ich habe keinen Hunger. Mein Körper scheint zu verstehen, dass diese Bedürfnisse hier keine Relevanz haben. Ich fand einen Zettel auf dem Küchentisch, der jetzt im begehbaren Kleiderschrank steht. Die Handschrift ist meine. Dort steht Hör auf zu zählen, die Summe ist immer null. Ich verstehe das nicht. Ich zähle alles. Die Schritte, die Fliesen, die Atemzüge in der Wand. Ich habe angefangen, meine eigenen Finger zu zählen. Heute Morgen waren es an der linken Hand sechs. Der sechste Finger ist länger als die anderen und hat keinen Nagel. Er fühlt sich taub an, wie ein totes Anhängsel. Ich versuchte, ihn zu bewegen. Er reagierte nicht auf meinen Willen. Stattdessen bewegte er sich von selbst, wenn ich nicht hinsah. Er klopfte einen Rhythmus auf die Tischplatte. Drei kurze Schläge, drei lange, drei kurze, ein SOS, das niemand hört. Ich ging zurück zum Fenster im Wohnzimmer, um mein anderes Ich zu beobachten. Der Raum dahinter war leer. Nur mein Hemd lag auf dem Boden. Es bewegte sich, als würde etwas Unsichtbares darin atmen. Dann begriff ich die erste bittere Wahrheit. Die Wohnung verändert sich nicht, um mich zu verwirren. Sie verändert sich, um Platz zu schaffen. Etwas wächst hier drin, und ich bin nur im Weg. Ich fand einen Spiegel im Flur. Ich hatte Angst, hineinzusehen, aber ich tat es. Mein Gesicht war symmetrisch, zu symmetrisch. Beide Augen hatten die exakt gleiche Form, jede Falte links war identisch mit der Falte rechts. Das ist biologisch unmöglich. Ich bin kein Mensch mehr, ich bin eine Skizze, eine Erinnerung, die die Wohnung von mir hat. Ich rannte zur Haustür und schlug mit den Fäusten gegen das Holz. Ich schrie, bis meine Kehle brannte. Hinter der Tür hörte ich Schritte. Jemand blieb stehen. Ist da jemand? rief ich. Meine Stimme klang fremd wie eine schlechte Aufnahme. Lass mich raus, bitte, lass mich einfach nur raus. Die Person hinter der Tür antwortete nicht sofort. Ich hörte das Geräusch von Schlüsseln. Dann eine Stimme. Es war meine Stimme. Nein, sagte die Stimme ruhig, hier drin ist kein Platz für zwei von uns. In diesem Moment verstand ich den ersten Twist. Ich bin nicht der Besitzer der Wohnung, der hier gefangen ist. Ich bin der Teil, der letzte Nacht aussortiert wurde. Ich bin die alte Version, die weichen mußte, damit die Wohnung sich erneuern kann. Ich bin wie das blaue Parkett oder der alte Kühlschrank. Ein Relikt einer Realität, die nicht mehr existiert. Aber dann sah ich auf meine Hände. Der sechste Finger am linken Arm war plötzlich verschwunden. Dafür fühlte ich einen stechenden Schmerz in meiner Brust. Ich riss mein Hemd auf. Dort, direkt über meinem Herzen, wuchs ein kleiner silberner Türgriff aus meiner Haut. Er war kalt und fest mit meinen Rippen verwachsen. Ich begriff die zweite, viel schrecklichere Wahrheit. Die Wohnung ist nicht um mich herum. Ich bin die Wohnung. Jede Wand, jede Verschiebung, jedes blutende Loch ist ein Teil meines zerfallenden Verstandes. Die Architektur verändert sich, weil meine Identität sich auflöst. Ich werde zu einem Ort, an dem jemand anderes wohnen wird. Ich hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss der Haustür drehte. Die Tür, die eben noch massiv war, schwang langsam auf. Ein Mann trat herein. Er sah exakt so aus wie ich, bevor das alles begann. Er hielt eine Tasche in der Hand und atmete die Luft tief ein. Er wirkte glücklich, endlich zu Hause zu sein. Er sah mich nicht an. Er ging direkt durch mich hindurch, als wäre ich nur ein Luftzug. Ich spürte, wie ich mich auflöste. Meine Beine wurden zu dielen Böden, meine Arme zu tragenden Wänden. Ich sah, wie er sich in den Sessel setzte, der jetzt wieder im Wohnzimmer stand. Er nahm ein Buch und begann zu lesen. Er bemerkte nicht, daß die Wand hinter ihm leicht bebte. Er bemerkte nicht das leise Atmen, das jetzt aus dem Boden kam. Er wird heute Nacht schlafen, und wenn er aufwacht, wird die Kaffeetasse im Schrank stehen, in dem gestern noch der Kühlschrank war. Ich bin jetzt der Flur. Ich bin die Dunkelheit am Ende, die das Licht verschluckt. Und ich warte nur darauf, dass er das erste Mal blinzelt. Denn jedes Mal, wenn er die Augen schließt, werde ich ein Stück größer. Gestern war ich ein Zimmer, heute bin ich ein Haus. Morgen werde ich die ganze Stadt sein, und ihr werdet alle in mir wohnen, ohne es zu merken. Ich hoffe nur, dass ihr niemals versucht, ein Loch in die Wand zu schlagen. Ich bin nämlich sehr empfindlich an den Stellen, die früher einmal meine Träume waren. Gute Nacht. Versucht nicht zu blinzeln. Sie hörten eine Geschichte aus Gedankenspiele. Wenn Sie Rätsel und unerwartete Wendungen mögen, folgen Sie diesem Podcast. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.