Gedankenspiele – Dunkle Rätselgeschichten von Elias Morgen

Die Nachricht, die ich mir selbst geschickt habe

Elias Morgen Season 1 Episode 30

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Was tust du, wenn deine eigene Sprachnachricht Dinge vorhersagt, die unmöglich sind? Jakob findet sich in einem Albtraum aus Vorahnungen und physischen Anomalien wieder. Eine ultra-premium Mystery-Story, die den Hörer an der eigenen Realität zweifeln lässt. Nichts für schwache Nerven – das Ende wird dich verfolgen.


Eine Geschichte von  Elias Morgen.

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Willkommen bei Gedankenspiele, Geschichten, die erst am Ende ihren wahren Sinn zeigen. Hören Sie genau zu. Gestern Abend um 21.14 Uhr, habe ich mir selbst eine Sprachnachricht geschickt, in der ich genau beschreibe, was ich heute um 21.14 Uhr anhaben werde. Das Problem ist nicht, dass die Vorhersage stimmt, sondern dass ich das Hemd erst heute Vormittag originalverpackt im Briefkasten gefunden habe. Ich sitze in meiner Küche und starre auf das Display meines Smartphones. Die Datei ist genau drei Minuten und zwölf Sekunden lang. Ich habe sie gestern aufgenommen, daran erinnere ich mich. Ich weiß noch, wie ich im Bett lag, das Telefon ans Ohr hielt und einfach redete. Aber ich erinnere mich nicht an den Inhalt. Ich weiß nur noch, dass ich das Bedürfnis hatte, etwas festzuhalten, etwas Wichtiges. Du trägst das dunkelblaue Leinenhemd mit dem kleinen Brandfleck am linken Ärmel, sag meine eigene Stimme aus dem Lautsprecher. Sie klingt ruhig, viel zu ruhig. Dazu die graue Hose, bei der der Knopf fehlt. Du sitzt am Küchentisch und trinkst kalten Kaffee. Ich blicke an mir herab. Blaues Leinen. Ein kleiner, brauner Brandfleck am linken Ärmel, genau über dem Handgelenk. Ich habe dieses Hemd heute Morgen aus einem gepolsterten Umschlag gezogen. Es gab keinen Absender. Ich dachte, es sei eine Fehllieferung oder ein Geschenk meiner Mutter. Ich hebe die Tasse. Der Kaffee ist eiskalt. Ein dünner Ölfilm schwimmt auf der Oberfläche. Vielleicht ist es ein Streich, ein extrem gut geplanter, psychotischer Streich von jemandem, der Zugang zu meiner Wohnung hat. Ich bin vor drei Monaten nach München gezogen. Ich kenne hier kaum jemanden. In der Aufnahme höre ich ein leises Geräusch im Hintergrund. Es ist ein rhythmischer Schlag. Pock, pock, pock. Es klingt wie ein Tennisball, der gegen eine Wand geworfen wird. Ich habe keinen Tennisball. Ich spiele kein Tennis. Gleich wirst du aufstehen, fährt mein Ich vom Vorabend fort. Du wirst zum Fenster gehen, weil du glaubst, draußen jemanden gesehen zu haben. Aber da ist niemand, nur die Spiegelung. Ich bleibe sitzen, ich weigere mich aufzustehen. Wenn ich sitzen bleibe, bricht das Muster. Wenn ich sitzen bleibe, gewinne ich gegen diese seltsame Vorahnung. Ich starre auf die Digitaluhr am Herd. 21 Uhr 17 Uhr. Die Nachricht läuft weiter. In der Aufnahme atme ich einmal tief durch. Du suchst nach einer logischen Erklärung, sagt die Stimme. Du denkst an versteckte Kameras oder Hypnose. Du fragst dich, warum der Brandfleck am Hemd genau die Form eines kleinen Buchstabens hat. Sieh mal genau hin. Ich ziehe den Ärmel straff. Der Brandfleck ist winzig. Aber bei genauem Hinsehen erkennt man klare Kanten. Es ist ein perfektes, kleines Jogdan. Mein Vorname beginnt mit J. Jakob. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Das ist kein Zufall. Jemand hat dieses Hemd bearbeitet, jemand hat es mir geschickt, und ich habe gestern Abend davon gewusst. Warum weiß ich es heute nicht mehr? Jetzt stehst du doch auf, sagt die Stimme. Nicht wegen des Fensters, wegen des Klopfens im Flur. In diesem Moment klopft es an meiner Wohnungstür. Drei kurze, präzise Schläge. Klopf. Klopf. Klopf. Ich erstarre. Die Aufnahme auf dem Handy läuft synchron zu der Stille in meiner Wohnung. Ich höre mein aufgenommenes Ich leise Lachen. Es ist ein trockenes, freudloses Geräusch. Ich stehe auf. Meine Beine fühlen sich schwer an, wie aus Blei. Ich gehe in den Flur. Durch den Spion sehe ich niemanden. Das Treppenhaus ist hell erleuchtet, aber leer. Ich öffne die Tür einen Spalt breit. Auf der Fußmatte liegt ein weiterer Umschlag. Wieder gepolstert, wieder kein Absender. Ich nehme ihn mit hinein und schließe die Tür. Ich schließe sie zweimal ab. Im Umschlag ist der Schlüssel, sagt die Stimme aus der Küche. Ich hatte das Handy auf dem Tisch liegen lassen, aber die Lautstärke scheint zuzunehmen. Der Schlüssel zum Kellerabteil Nummer 14. Du warst noch nie im Keller, Jakob. Du hast keinen Schlüssel dafür bekommen. Erinnerst du dich? Ich reiße den Umschlag auf. Ein schwerer, alter Bartschlüssel fällt heraus. Er ist kalt und riecht nach altem Eisen. Ich gehe zurück in die Küche. Ich greife nach dem Handy. Ich will die Nachricht löschen. Ich will, dass das aufhört. Aber mein Finger schwebt über dem Display und zittert. Geh nicht runter, sage ich zu mir selbst. Du wirst runtergehen, sagt die Stimme im Handy, weil du wissen willst, wer die anderen Nachrichten geschickt hat, die von letzter Woche, die vom letzten Monat. Ich halte inne. Letzte Woche? Letzter Monat? Mein Gedächtnis fühlt sich plötzlich wie ein Schweizer Käse an. Da sind Löcher, große, dunkle Stellen, an denen einfach nichts ist. Ich sehe mich in der Küche um. Auf dem Kühlschrank klebt ein gelber Notizzettel. Milch, Brot, Eier, 21.14. Die Schrift ist meine, aber ich kann mich nicht erinnern, den Zettel geschrieben zu haben. Unter dem Zettel klebt ein weiterer. Er kommt immer um 21.14 Uhr. Wer kommt? In Keller 14 steht ein Rekorder, sagt die Sprachnachricht. Wir sind jetzt bei Minute 15 Sekunden. Er läuft seit Jahren. Jede Nacht nimmst du dort eine Nachricht für den nächsten Tag auf. Du vergisst es immer wieder. Das ist der Deal. Welcher Deal? Ich atme jetzt schwer. Das rhythmische Geräusch in der Aufnahme wird lauter.

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Pock, pock, pock.

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Es ist jetzt auch in meiner Wohnung zu hören. Es kommt von der Decke. Ich schaue nach oben. Die Lampe schwingt ganz leicht hin und her. Der Nachbar von oben. In der Wohnung über mir wohnt niemand. Sie steht seit meinem Einzug leer. Ich nehme den Schlüssel und verlasse die Wohnung. Ich renne fast zum Aufzug, entscheide mich dann aber für die Treppe. Das Licht im Treppenhaus flackert im Takt des Schlags von oben. Der Keller ist feucht. Die Luft riecht nach Schimmel und nassem Beton. Ich finde Abteil 14 am Ende eines langen, schlecht beleuchteten Ganges. Das Vorhängeschloss ist neu, aber der Schlüssel passt perfekt. Ich ziehe die Gittertür auf. Der Raum ist winzig. In der Mitte steht ein einfacher Holztisch. Darauf ein altes Tonbandgerät und ein Stapel Briefumschläge. Hunderte. Alle adressiert an mich. Du bist pünktlich, sag eine Stimme. Ich wirble herum. Aber da ist niemand. Die Stimme kam nicht aus dem Raum. Sie kam aus meiner Tasche. Das Handy. Die Nachricht ist noch nicht zu Ende. Schau dir das Band an, Jakob. Schau auf das Datum. Ich trete an den Tisch. Das Tonband dreht sich langsam. Auf der Spule klebt ein Etikett. 15. April 2026. Heute. Aber daneben liegen andere Spulen. Sie sind verstaubt. Ich lese die Daten. 15. April 2025. 15. April 2024. 15. April 1998. Ich bin erst 28 Jahre alt. 1998 war ich ein Kind. Wie kann ich hier eine Nachricht hinterlassen haben? Ich drücke die Stopptaste am Rekorder. Das Band hält mit einem Qietschen an. Stille. Absolute, drückende Stille. Dann höre ich es wieder. Pock, Pock, Pock. Diesmal direkt hinter mir. Ich drehe mich langsam um. In der hinteren Ecke des Kellerabteils, im Schatten, hängt etwas von der Decke. Es ist kein Tennisball, es ist ein Pendel, ein schweres Metallpendel, das gegen die Betonwand schlägt. Es ist an einem Draht befestigt, der durch ein Loch in der Decke nach oben führt, direkt in meine Wohnung. Die Nachricht ist fast vorbei, flüstert mein Handy in meiner Tasche. Ich ziehe es heraus. Die Zeitleiste zeigt drei Minuten zehn Sekunden, noch zwei Sekunden. Dreh dich nicht um, Jakob, er steht direkt hinter dir. Er trägt dein Gesicht. Ich spüre einen kalten Luftzug im Nacken. Ich sehe meinen eigenen Schatten an der Wand gegenüber. Aber der Schatten bewegt sich nicht synchron zu mir. Mein Schatten hebt langsam den Arm, während ich meine Arme fest an den Körper presse. Ich starre auf das Display. Die Nachricht ist zu Ende. Aber das Handy zeigt jetzt etwas Neues an. Eine eingehende Sprachnachricht. Empfangen. Gerade eben. Länge, null Minuten, fünf Sekunden. Ich drücke auf Play. Mein Daumen ist taub. Gute Arbeit, sag eine Stimme. Es ist nicht meine Stimme. Es ist die Stimme meines Vaters, der vor zehn Jahren gestorben ist. Du hast es diesmal bis in den Keller geschafft. Jetzt schau in den Spiegel auf der Rückseite der Tür. An der Innenseite der Gittertür klebt ein kleiner, runder Spiegel. Ich habe ihn beim Eintreten nicht gesehen. Ich zögere. Mein ganzer Körper schreit: Lauf weg! Aber wohin? Ich blicke in den Spiegel. Ich sehe mich. Das blaue Leinenhemd, den Brandfleck. Aber mein Gesicht, mein Gesicht hat keine Augen. Wo die Augen sein sollten, ist nur glatte, makellose Haut. Ich greife mir ins Gesicht. Ich spüre meine Augenhöhlen. Ich spüre meine Augäpfel, die Tränenflüssigkeit, die Wimpern. Ich sehe mich im Spiegel, wie ich mein Gesicht berühre, aber im Spiegel tasten meine Finger nur über glatte Haut. Die Spiegelung lügt nicht, sagt das Handy. Es ist eine weitere Nachricht eingegangen. Sie ist von morgen. Du fragst dich, warum du keine Augen hast, sagt mein Ich von morgen. Das liegt daran, dass du das Original schon vor Jahren oben in der Wohnung gelassen hast. Du bist nur die Nachricht, Jakob, eine akustische Erinnerung, die versucht, physisch zu werden. Ich will schreien, aber kein Ton kommt aus meiner Kehle. Ich öffne den Mund, doch im Spiegel bleibt mein Gesicht verschlossen. Keine Augen, kein Mund, nur eine glatte Maske aus Fleisch. Ich schaue auf das Tonbandgerät. Es fängt wieder an, sich zu drehen, von selbst. Was passiert, wenn die Nachricht zu Ende ist? frage ich mich gedanklich. Ich höre das Band spulen, ein schnelles, hohles Geräusch, dann ein Klicken. Du fängst von vorne an, sag die Stimme im Raum. Diesmal kommt sie nicht vom Handy. Sie kommt aus dem Pendel, das gegen die Wand schlägt. 21 Uhr 14 Uhr, blaues Hemd, kalter Kaffee. Und jedes Mal vergisst du ein Stück mehr von dir selbst. Ich sehe an mir herab. Mein linker Arm beginnt blass zu werden. Er wird durchsichtig. Ich kann die Struktur des Kellerbodens durch meine Hand sehen. Das Blau des Hemdes verblasst zu einem schmutzigen Grau. Ich greife nach dem Tisch, aber meine Finger gleiten hindurch, als wäre er aus Rauch. Ich bin kein Mensch. Ich bin eine Aufnahme, die sich abnutzt. Jedes Mal, wenn die Nachricht abgespielt wird, verliert das Bild an Schärfe. Das Rauschen nimmt zu. Ich höre Schritte im Gang. Schwere, feste Schritte. Jemand bleibt vor dem Gitter stehen. Ich sehe ein paar Schuhe, neue, polierte Lederschuhe. Ein Mann in einem dunkelblauen Leinenhemd steht dort. Er hält ein Smartphone in der Hand. Er sieht mich nicht an. Er sieht durch mich hindurch. Er bückt sich und hebt einen gepolsterten Umschlag auf, den er gerade eben fallen gelassen hat. Komisch, sagt der Mann. Es ist meine Stimme, die echte Stimme. Ich dachte, ich hätte hier unten jemanden gehört. Er dreht sich um und geht. Er geht nach oben, um kalten Kaffee zu trinken und eine Nachricht aufzunehmen, die ich morgen erhalten werde. Ich stehe im dunklen Keller und fange an zu flimmern. Ich bin nur noch ein statisches Rauschen im Hintergrund seiner Realität. Das Schlimmste ist nicht, dass ich verschwinde. Das Schlimmste ist, dass ich weiß, was im nächsten Umschlag ist, den er morgen finden wird. Es sind meine Augen. Ich höre das Klicken des Schlosses. Er hat mich eingeschlossen. Aber das Band läuft weiter. Es wird immer weiterlaufen, bis das Rauschen alles verschluckt hat, was jemals von mir übrig war. Ich bin Jakob, und ich bin nur noch drei Minuten und zwölf Sekunden lang. Sie hörten eine Geschichte aus Gedankenspiele. Wenn Sie Rätsel und unerwartete Wendungen mögen, folgen Sie diesem Podcast. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.