Gedankenspiele – Dunkle Rätselgeschichten von Elias Morgen

Das Telefon, das nur einmal klingelt

Elias Morgen Season 1 Episode 35

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Tauchen Sie ein in die Welt von "Gedankenspiele". In dieser Episode begegnen wir Jarek, dessen Alltag durch ein unmögliches Ereignis zertrümmert wird: Ein antikes Telefon ohne Anschluss klingelt genau einmal. Was folgt, ist ein rasanter Abstieg in eine Welt aus Zeitschleifen, doppelten Identitäten und der Erkenntnis, dass man selbst vielleicht nur ein Fehler im System ist. Eine ultra-premium Mystery-Story mit einem Twist, den Sie nicht kommen sehen. Perfekt für Fans von anspruchsvollem Audio-Horror und psychologischen Rätseln.

Eine Geschichte von  Elias Morgen.

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Willkommen bei Gedankenspiele, Geschichten, die erst am Ende ihren wahren Sinn zeigen. Hören Sie genau zu. Ich habe heute Morgen die elfte Tasse Kaffee in den Ausguss geschüttet, weil sie bereits eiskalt war, obwohl ich sie erst vor zehn Sekunden eingeschenkt hatte. Das ist das vierte Mal in dieser Stunde, dass die Zeit einfach wegzurutschen scheint, wie Seife unter fließendem Wasser. Ich sitze in meiner Wohnung in Berlin-Mitte. Es ist ein ganz normaler Dienstag. Zumindest sagt das mein Kalender. Draußen ist es grau, der Verkehr auf der Torstraße summt wie ein entfernter Bienenstock. Alles wirkt vollkommen gewöhnlich. Außer das Telefon. Es steht auf dem Sideboard im Flur ein altes Modell mit Wählscheibe, das ich eigentlich nur als Dekoration gekauft habe. Es ist nicht einmal angeschlossen, es gibt kein Kabel, das in die Wand führt. Trotzdem hat es heute Morgen geklingelt. Genau einmal. Ein kurzes, scharfes Schrillen, das so plötzlich aufhörte, wie es begonnen hatte. Ich dachte zuerst, es wäre eine Einbildung gewesen, ein akustisches Echo in meinem Kopf, vielleicht zu wenig Schlaf. Ich ging zum Sideboard und hob den Hörer ab. Nichts als ein totes, hohles Rauschen. Ich legte wieder auf. Und in dem Moment, als der Hörer die Gabel berührte, stellte ich fest, dass mein Kaffeewasser im Wasserkocher bereits wieder kochte. Dabei hatte ich ihn gar nicht eingeschaltet. Man sucht instinktiv nach Logik. Vielleicht habe ich den Schalter unbewusst gedrückt. Vielleicht hat ein Nachbar ein ähnliches Telefon, und der Schall drang durch die Wände. Das Gehirn ist ein Meister darin, Risse in der Realität zu kitten. Ich ging zurück ins Wohnzimmer. Mein Blick fiel auf die Wanduhr. Der Sekundenzeiger bewegte sich rückwärts. Er tickte präzise, in einem gleichmäßigen Rhythmus, aber er lief gegen den Ursinn. Ich blieb stehen und starrte ihn an. Mein Puls beschleunigte sich. Nach genau sechzig Ticks blieb der Zeiger stehen. Dann sprang er auf die richtige Zeit zurück, als wäre nichts gewesen. Ich zitterte leicht, als ich mich wieder auf die Couch setzte. Ich versuchte, mich auf mein Buch zu konzentrieren. Doch nach ein paar Minuten bemerkte ich etwas anderes. Der Schatten der Stehlampe fiel in die falsche Richtung. Das Fenster ist im Westen. Die Sonne müsste den Schatten nach Osten werfen. Stattdessen streckte er sich direkt auf das Fenster zu, als würde die Lichtquelle im Flur stehen. Aber im Flur brennt kein Licht. Dort ist es stockfinster, obwohl die Tür weit offen steht. Das Schwarz im Flur wirkt dicker als gewöhnliche Dunkelheit. Es sieht fast fest aus. Wieder dieses Geräusch, das Telefon, ein einziges kurzes Klingeln. Ich rannte in den Flur. Meine Hände waren feucht. Ich starrte das Gerät an. Es lag da, völlig unschuldig, ein Klumpen aus schwarzem Bakelitt. Diesmal hob ich den Hörer nicht ab. Ich wartete. Ich wollte sehen, ob es ein zweites Mal klingelt. Nichts. Stille. Ich bemerkte, dass ich den Atem anhielt. Das Haus war so ruhig, dass ich das Blut in meinen Ohren hämmern hörte. Es war ein rhythmischer Sound. Eins, zwei, drei. Pause. Eins, zwei, drei. Ich sah auf meine Armbanduhr. Die Zeit stimmte, aber das Datum war falsch. Dort stand der 16. April. Morgen. Ich ging zum Fenster und sah hinaus auf die Torstraße. Die Autos bewegten sich, aber sie machten kein Geräusch mehr. Ein roter Audi fuhr vorbei, dann ein silberner Mercedes, dann ein weißer Lieferwagen. Vier Sekunden später fuhr wieder ein roter Audi vorbei, dann ein silberner Mercedes, dann ein weißer Lieferwagen, die exakt gleichen Modelle, die exakt gleichen Fahrer. Es war eine Schleife, aber nur draußen. Drinnen in meiner Wohnung schien die Zeit, sich aufzulösen oder zu verknoten. Ich ging in die Küche, um mir das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Als ich den Hahn aufdrehte, kam kein Wasser. Es kam ein trockenes, scharrendes Geräusch aus den Rohren. Ich sah in den Spiegel über dem Waschbecken. Mein Spiegelbild starrte mich an. Aber es blinzelte nicht, als ich blinzelte. Es beobachtete mich einfach mit einer klinischen Neugier. Ich wich zurück. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Das ist ein Nervenzusammenbruch, dachte ich. Das muss es sein. Überarbeitung, Stress. Ich beschloss, die Wohnung zu verlassen. Ich brauchte frische Luft, echte Menschen, den Lärm der Stadt. Ich griff nach meinem Schlüsselbund auf dem Küchentisch. Der Schlüsselbund war schwerer als sonst. Ich sah ihn mir an. Es waren nicht drei Schlüssel daran, wie normalerweise. Es waren sieben. Alle sahen identisch aus. Ich ignorierte es und rannte zur Wohnungstür. Ich riss sie auf und trat hinaus in den Treppenflur. Doch ich stand nicht im Treppenhaus. Ich stand wieder in meiner Küche. Ich hatte die Wohnungstür geöffnet und war durch sie hindurch direkt zurück in die Küche getreten. Ich versuchte es noch einmal. Schneller diesmal. Ich riss die Tür auf, stürmte hinaus und fand mich vor dem Kühlschrank wieder. Das Telefon klingelte. Einmal. Diesmal war das Geräusch lauter. Es tat fast in den Ohren weh. Ich taumelte in den Flur. Das Schwarz dort war nun so dicht, dass ich meine eigenen Füße nicht mehr sehen konnte. Ich tastete nach dem Telefon. Meine Finger berührten den kalten Hörer. Ich hob ihn ab. Hallo, flüsterte ich. Meine Stimme klang fremd, als käme sie aus einer tiefen Höhle. Am anderen Ende der Leitung war zuerst nur das Rauschen zu hören, dann eine Stimme. Es war meine eigene Stimme. Du darfst nicht rangehen, sagte mein anderes Ich. Wenn du abhebst, bestätigst du den Anschluss. Was für einen Anschluss, schrie ich in die Muschel. Wo bin ich hier? Du bist im Puffer, antwortete die Stimme. Die Realität hat dich aussortiert. Du bist eine doppelte Datei, ein Systemfehler. Ich lachte hysterisch. Das ist absurd. Ich bin ich. Ich sitze in meiner Wohnung. Zähl die Fenster, sagte die Stimme am Telefon. Ich drehte mich um und sah ins Wohnzimmer. Ich kenne meine Wohnung seit fünf Jahren. Sie hat drei Fenster zur Straße hin. Ich zählte. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Da waren sechs Fenster. Zwischen den vertrauten Rahmen waren neue erschienen, die in einen Hinterhof blickten, den es in diesem Gebäude gar nicht gibt. In diesem Hinterhof stand ein Mann und sah zu mir herauf. Er hielt ein Telefon in der Hand. Siehst du mich? fragte die Stimme im Hörer. Der Mann im Hof hob die Hand. Er bewegte die Lippen synchron zu den Worten, die ich in meinem Ohr hörte. Aber er war nicht ich. Er sah aus wie ich, aber seine Proportionen stimmten nicht ganz. Seine Arme waren ein Stück zu lang. Was willst du von mir? rief ich. Ich will den Platz zurück, sagte er. Du hast ihn mir weggenommen, als das Telefon das erste Mal klingelte. Du hast abgehoben, das war die Zustimmung zur Übergabe. Ich habe heute Morgen das erste Mal abgehoben, widersprach ich. Da war niemand dran. Doch, sagte die Stimme, ich war dran, aber du konntest mich noch nicht hören. Du musstest erst weit genug vom Netz getrennt werden. Ich ließ den Hörer fallen. Er baumelte an der Schnur, die nun plötzlich da war. Eine dicke, schwarze Stoffleitung, die tief in den dunklen Flur führte, dort, wo eigentlich die Wand sein sollte. Ich rannte zum Fenster, zum echten Fenster. Ich wollte es aufreißen und um Hilfe schreien. Aber als ich den Griff berührte, fühlte er sich weich an, wie Fleisch. Das Metall gab nach, bog sich unter meinen Fingern. Das Glas des Fensters war nicht kalt und hart. Es war warm und vibrierte leicht, wie die Haut eines riesigen Tieres. Draußen auf der Straße hielten die Autos an, alle gleichzeitig. Die Fahrer stiegen aus. Es waren Dutzende, und sie alle sahen exakt gleich aus. Sie alle trugen mein Gesicht. Sie blickten alle zu meinem Fenster hoch. Sie warteten auf etwas. Ich sah wieder auf meine Uhr. Der 16. April. Die Uhrzeit sprang jetzt in riesigen Sätzen vorwärts. Stunden vergingen in Sekunden. Draußen wurde es hell, dunkel, hell, dunkel. Ein Stroboskopeffekt, der mich schwindlich machte. Ich verstand es plötzlich. Die Welt draußen war nicht real. Sie war eine Simulation, die versuchte, die Lücke zu füllen, während der Fehler korrigiert wurde. Und der Fehler war ich. Ich erinnerte mich jetzt an das Frühstück. Ich hatte die Zeitung gelesen. Das Datum war der 15. April, aber die Schlagzeilen handelten von Dingen, die ich bereits wusste, von Unfällen, die erst morgen passieren würden. Ich hatte es die ganze Zeit gewusst. Die kleinen Zeichen waren da, die Kaffeetasse, die immer voll blieb, egal wie viel ich trank, die Bücher im Regal, deren Titel sich änderten, wenn ich weg sah. Ich ging zurück zum Telefon. Der Hörer schwebte nun in der Luft, gehalten von der Spannung des Kabels. Ich nahm ihn wieder auf. Was passiert jetzt? fragte ich ganz ruhig. Der Puffer wird gelehrt, sagte die Stimme des Mannes im Hinterhof. Du wirst gelöscht, damit der Prozess sauber neu starten kann. Es tut nicht weh, es ist nur wie Auflegen. Warte, sagte ich, wenn ich die Kopie bin, wer hat dann heute Morgen das Telefon zum Klingeln gebracht? Es trat eine lange Stille ein. Das Rauschen in der Leitung wurde lauter, ein weißes Rauschen, das alles andere verschlang. Ich war es nicht, sagte die Stimme schließlich. Sie klang jetzt brüchig, fast ängstlich. Ich dachte, du wärst es gewesen. In diesem Moment hörte ich es. Hinter mir, in der dunklen Ecke des Flurs, wo das Kabel in der Leere verschwand. Ein drittes Geräusch, kein Klingeln, ein Atmen, schwer, feucht und unendlich alt. Ich begriff es in einer schrecklichen Sekunde der Klarheit. Wir waren beide Kopien, der Mann im Hof und ich. Wir waren beide nur Fragmente eines ursprünglichen Bewusstseins, das sich vor langer Zeit in immer kleinere Teile aufgespalten hatte. Und das, was das Telefon klingeln ließ, war das Original. Es räumte auf. Es holte sich seine Teile zurück. Das Telefon in meiner Hand begann zu schmelzen. Schwarzes Plastik floss über meine Finger wie Teer. Es war heiß, aber ich spürte keinen Schmerz. Ich spürte überhaupt nichts mehr. Ich sah an mir herab. Meine Beine begannen sich aufzulösen. Sie zerfielen in feinen grauen Staub, der lautlos auf den Teppich rieselte. Draußen auf der Straße begannen die Männer mit meinem Gesicht zu schreien. Aber es war kein menschlicher Schrei. Es war das Geräusch von statischer Entladung. Ich sah zum Hinterhof. Der Mann dort war bereits weg. Nur das Telefon lag noch auf dem Pflaster. Ich blickte ein letztes Mal auf das Sideboard. Dort lag ein Zettel, den ich vorher nicht bemerkt hatte. Er war in meiner eigenen Handschrift geschrieben. Nimm nicht ab, stand darauf, egal wie oft es klingelt. Ich suchte nach dem Datum auf dem Zettel. 15. April, heute Morgen. Ich hatte mir selbst eine Nachricht hinterlassen, aber ich hatte sie ignoriert. Oder vielleicht war dies schon der tausendste Versuch, die Schleife zu durchbrechen. Das weiße Rauschen füllte nun mein gesamtes Sichtfeld. Die Wohnung um mich herum löste sich in geometrische Grundformen auf. Die Wände wurden zu grauen Flächen, die Möbel zu schwarzen Blöcken. Ganz am Ende, bevor alles verschwand, hörte ich es noch einmal. Ein scharfes, kurzes Klingeln. Ich öffnete die Augen. Ich lag im Bett. Die Sonne schien durch das Fenster. Ein ganz normaler Dienstag in Berlin-Mitte. Ich atmete tief durch. Nur ein Traum, dachte ich. Ein furchtbarer, hyperrealistischer Albtraum. Ich stand auf und ging in die Küche. Ich schüttete mir eine Tasse Kaffee ein. Er war heiß und dampfte. Ich nahm einen Schluck. Er schmeckte perfekt. Ich ging in den Flur. Das alte Dekotelefon stand auf dem Sideboard. Ohne Kabel, ohne Anschluss. Ich lächelte über meine eigene Angst von vorhin. Ich wollte gerade zurück ins Wohnzimmer gehen, als mein Blick auf den Boden fiel. Dort, auf dem Läufer im Flur, lag eine Spur aus feinem, grauem Staub. Sie führte direkt von der Wand bis zum Telefon. Und auf dem Sideboard, direkt neben dem Apparat, lag ein kleiner, handgeschriebener Zettel. Ich hob ihn auf. Meine Handschrift. Du hast wieder abgenommen, Jarek. Das Telefon klingelte. Sie hörten eine Geschichte aus Gedankenspiele. Wenn Sie Rätsel und unerwartete Wendungen mögen, folgen Sie diesem Podcast. Neue Episoden erscheinen regelmäßig. Eine Produktion von Gravelow Voices.