KI Espresso

1,5 Millionen — ganz unabhängig davon, ob die Hände frei

Episode 34

Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.

0:00 | 5:36
SPEAKER_00

Nur 1,1 Prozent der Verletzungen im deutschen Straßenverkehr entstehen laut Statistik durch Ablenkung. Aber ab dem zweiten Quartal 2024 rollt Volkswagen ChatGPT in mehreren Serienmodellen direkt auf die Straße.

SPEAKER_01

Ja, und für diesen Deep Dive haben wir uns wirklich durch einen riesigen Stapel an Quellen gegraben.

SPEAKER_00

Genau, von Nutzerdaten über aktuelle Unfallstatistiken bis hin zu Sicherheitsstudien. Unsere Mission heute ist nämlich herauszufinden, ob diese KI im Auto eine echte Revolution für die Verkehrssicherheit ist.

SPEAKER_01

Oder ob wir uns damit unbemerkt eine tickende Zeitbombe ins Cockpit holen.

SPEAKER_00

Exakt. Und ich steige da gleich mal mit einer ganz klaren Meinung ein. Also ich bin total begeistert. Mit der iOS-Version 1.2026.078 fährt ChatGPT über CarPlay jetzt völlig hands-free mit.

SPEAKER_01

Das mag ja sein.

SPEAKER_00

Das ist für mich wirklich der lang ersehnte Befreiungsschlag. Wir können diese ganzen verschachtelten Touchscreens endlich ignorieren. Der Blick bleibt fest auf der Straße, die Hände am Lenkrad.

SPEAKER_01

Halt, Moment. Da muss ich dir direkt den Wind aus den Segeln nehmen, weil das leider ein extrem gefährlicher Trugschluss ist.

SPEAKER_00

Echt? Wieso das denn?

SPEAKER_01

Naja, nur weil deine Hände brav am Lenkrad kleben, heißt das noch lange nicht, dass dein Kopf auch auf der Straße ist. Die kognitive Last, also all das, was dein Gehirn parallel zum Fahren verarbeiten muss, die wird völlig unterschätzt.

SPEAKER_00

Okay, aber warum? Das ist doch.

SPEAKER_01

Eine generative KI-Stimme ist ein enormes Sicherheitsrisiko, glaub mir.

SPEAKER_00

Aber Konnektivität ist doch ohnehin der Normalzustand. Schon 2016 hatten, lass mich lügen, fast 43 Prozent der Neuwagen entsprechende Funktionen. Wir reden doch seit fast einem Jahrzehnt mit unseren Autos.

SPEAKER_01

Ja schon, aber das war auf einem ganz anderen Level.

SPEAKER_00

Finde ich nicht unbedingt. Ich sage dem Wagen, er soll Mama anrufen oder die Sitzheizung anmachen. Das ist doch jetzt einfach der nächste logische Schritt in der Evolution. Das ist doch im Grunde nichts anderes, als hätte man einfach einen extrem schlauen Beifahrer neben sich sitzen. Warum soll das gefährlicher sein?

SPEAKER_01

Da muss ich diese Annahme mal direkt mit harten Fakten kontern. OpenAI hat nämlich 1,5 Millionen Nutzerprotokolle ausgewertet.

SPEAKER_00

Okay.

SPEAKER_01

Und was kam daraus?

SPEAKER_00

Das Ergebnis ist krass: 73% der Gespräche drehen sich um Freizeit und Unterhaltung. Aha. Ein sogenannter schlauer Beifahrer, der dir nachts bei Regen auf der Autobahn hochkomplexe, nuancierte oder emotionale Erklärungen zu nicht beruflichen Themen liefert, der bindet extrem viele kognitive Ressourcen des Fahrers.

SPEAKER_01

Na gut, aber ein echter Mensch auf dem Beifahrersitz macht das doch auch, eben nicht. Der Unterschied ist das sogenannte Situationsbewusstsein. Ein menschlicher Beifahrer liest den Raum mit. Oder in diesem Fall halt die Straße.

SPEAKER_00

Ah, okay. Ich glaube, ich weiß, worauf du hinaus willst.

SPEAKER_01

Genau, wenn du nachts fährst, es regnet in Strömen, die Sicht wird plötzlich katastrophal, dann merkt dein Freund das. Er hört intuitiv auf zu reden und gibt dir den mentalen Raum, den du brauchst. Stimmt, ja. Aber ChatGPT hat dieses räumliche Bewusstsein überhaupt nicht. Die KI plappert munter weiter und erklärt dir seelenruhig komplexe Astrophysik, während du gerade versuchst, das Auto bei Aquaplaning in der Spur zu halten.

SPEAKER_00

Okay, wow, das ist wirklich ein starker Punkt. Ein Mensch versteht den Kontext der Gefahr, aber die KI ist völlig blind dafür.

SPEAKER_01

Absolut. Du starrst zwar stur auf den Asphalt, aber gedanklich bist du einfach ganz woanders.

SPEAKER_00

Verstehe. Aber lass uns mal kurz durchatmen. Sind wir denn nicht ein bisschen voreilig? Der Markt ist doch ohnehin noch winzig.

SPEAKER_01

Wie kommst du darauf?

SPEAKER_00

Naja, bis 2028 haben geschätzt, nur so 2,5% der Autos überhaupt KI an Bord. Hat VW denn nicht genau jetzt die perfekte Chance, globale Standards für sichere SprachKI zu setzen?

SPEAKER_01

Auf dem Papier klingt das natürlich nach super Pionierarbeit, aber in der Realität ist das ein kompletter Blindfug. Du vergleichst dir nämlich Äpfel mit Birnen.

SPEAKER_00

Inwiefern?

SPEAKER_01

Herkömmliche Systeme wie Siri oder VWs eigener Sarens-Assistent steuern ja simple Befehle. ChatGPT hingegen hatte bis zur Einführung des Webzugangs einen Wissensstand von September 2021.

SPEAKER_00

Ja gut, das war vor dem Update.

SPEAKER_01

Trotzdem, die KI halluziniert oft. Wenn dir die KI im sicherheitskritischen Kontext plötzlich falsche oder veraltete Informationen zu Straßenverhältnissen liefert, kann das fatale Konsequenzen haben.

SPEAKER_00

Daran habe ich so noch gar nicht gedacht.

SPEAKER_01

Und zumal die ganzen Datenschutzfragen rund um sensible Fahrzeugdaten, also wo du bist, wohin du fährst, auch noch völlig ungeklärt sind.

SPEAKER_00

Okay, das rückt diese anfängliche Euphorie echt in ein völlig neues Licht. Und das bringt uns auch direkt zurück zu unserer Ausgangsstatistik. Ich wende mich da jetzt mal ganz direkt an euch, unsere Zuhörer.

SPEAKER_01

Richtig, denkt da mal drüber nach.

SPEAKER_00

Bitte überdenkt diese anfängliche Zahl von 1,1% noch einmal völlig neu. Wenn ihr bald tiefgründige, kognitiv anspruchsvolle Gespräche mit einer generativen KI am Steuer führt, glaubt ihr wirklich, dass diese niedrige Ablenkungsquote so bleiben wird?

SPEAKER_01

Und noch eine letzte provokante Überlegung dazu, was passiert eigentlich mit eurer eigenen Konzentration, wenn das Auto nicht mehr nur Maschine ist, sondern anfängt, aktiv mit euch zu philosophieren?

SPEAKER_00

Wenn euch diese Debatte zum Nachdenken gebracht hat, abonniert KI Espresso. Jeden Tag eine neue KI-Debatte in sechs Minuten.