KI Espresso

73 Millionen Akten — beim Herzinfarkt hilft keine

Episode 60

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SPEAKER_00

Stell dir mal vor, du kaufst dir den teuersten Hochsicherheitstresor der Welt.

SPEAKER_01

Okay.

SPEAKER_00

So richtig massiv lässt ihn mit meterdicken Stahl bei dir einbauen und am Ende, naja, am Ende schmeißt du da einfach nur so unsortierte, zerknüllte Kassenbonds rein.

SPEAKER_01

Ja, das ist ein ziemlich treffendes Bild.

SPEAKER_00

Oder? Ich meine, genau dieser Eindruck drängt sich einem ja unweigerlich auf, wenn wir uns in unserer heutigen Analyse mal diese elektronische Patientenakte ansehen.

SPEAKER_01

Absolut.

SPEAKER_00

Wir haben jetzt Mai 2026, also ein Jahr nach dem Start der großen Lauterbach-Reform.

SPEAKER_01

Genau.

SPEAKER_00

Und das Ziel unseres Deep Dives heute ist ganz klar. Wir wollen herausfinden, ob dieser extrem strenge deutsche Ansatz beim Datenschutz wirklich dieser notwendige Schutzschild für deine Daten ist. Oder?

SPEAKER_01

Oder ob es im Grunde eine gigantische strukturelle Innovationsbremse ist, ja?

SPEAKER_00

Richtig. Lass uns da direkt mal in die Realität springen. Der Startschuss für diese ganzen Akten war ja am 15. Januar 2025.

SPEAKER_01

Genau, das war dieser Moment, wo 73 Millionen gesetzlich Versicherte in Deutschland durch dieses Opt-out-Verfahren quasi automatisch ihre digitale Akte bekommen haben.

SPEAKER_00

Was ja erstmal nach einem riesigen Erfolg klingt, oder?

SPEAKER_01

Auf dem Papier, ja. Jeder hat jetzt diesen digitalen Tresor. Das Problem ist aber eben der Inhalt. Wenn wir uns die aktuellen Quellen ansehen, dann ist die Bilanz nach einem Jahr ziemlich ernüchternd.

SPEAKER_00

Inwiefern?

SPEAKER_01

Also aus dieser gigantischen Masse an Akten sind im Praxisalltag praktisch noch gar keine wirklich nutzbaren maschinenlesbaren Daten geworden.

SPEAKER_00

Ja, ich habe da auch dieses Zitat von Markus Bayer gelesen, also diesem Hausärztevertreter.

SPEAKER_01

Der das so schön zusammengefasst hat.

SPEAKER_00

Ja, genau. Er nennt das Ganze einfach eine unsortierte PDF-Sammlung. Und da frage ich mich als Patient wirklich, wenn 73 Millionen Menschen dieses System haben, warum findet der Notarzt bei einem Herzinfarkt dann keinen aktuellen Medikamentenplan?

SPEAKER_01

Ja.

SPEAKER_00

Sondern der Staat dann im Zweifel auf ein völlig unlesbares, schief eingescanntes PDF aus dem Jahr 2019.

SPEAKER_01

Ja, das ist genau das Problem. Und es gibt da bei der Expertenanalyse quasi zwei Perspektiven. Die erste ist die strukturelle Seite. Gematik und Krankenkessen sagen da ganz klar, dass das kein Scheitern ist.

SPEAKER_00

Ach so.

SPEAKER_01

Nein, die sagen, wir sind in der Ausbaustufe 3.1.3. Die Infrastruktur, die steht.

SPEAKER_00

Okay.

SPEAKER_01

Und sie schützt eben diese 73 Millionen Menschen wirklich absolut zuverlässig vor Datenmissbrauch. Das war ja auch ein klares demokratisches Mandat, das in Europa komplett ohne Parallele ist.

SPEAKER_00

Verstehe. Also um die Sicherheit bei diesem riesigen Rollout zu garantieren, hat man die Qualität der Daten erst einmal geopfert.

SPEAKER_01

Exakt. Und hier kommt jetzt die zweite Perspektive, also die der Innovationskosten ins Spiel. Forscher und auch die Wirtschaft schlagen nämlich extrem Alarm.

SPEAKER_00

Weil sie mit den PDFs nichts anfangen können, ne?

SPEAKER_01

Genau. McKinsey schätzt die ungenutzten Effizienzgewinne auf zwölf Milliarden Euro.

SPEAKER_00

Zwölf Milliarden, Wahnsinn.

SPEAKER_01

Ja, und Berliner Start-ups wie Adaheld, die sitzen komplett auf dem Trocknen. Die haben null KI-Trainingsdaten.

SPEAKER_00

Krass.

SPEAKER_01

Und Forscher der Charité sind faktisch blockiert, während ihre US-Partner an der Mayo Klinik längst Diagnosemodelle der nächsten Generation trainieren.

SPEAKER_00

Warte mal. Da muss ich jetzt aber direkt mal einhaken.

SPEAKER_01

Ja.

SPEAKER_00

Wollen wir und willst du als Hörer wirklich diesen extremen Gegenentwurf?

SPEAKER_01

Was meinst du genau?

SPEAKER_00

Naja, schauen wir mal aus den britischen NHS. Die haben mal eben 50 Millionen Patientendaten an Palantir übergeben.

SPEAKER_01

Ah ja, der US-Verteidigungskonzern.

SPEAKER_00

Genau. Und zwar ungefragt. Ist dann so eine langsame, aber extrem datenschutzkonforme PDF-Sammlung am Ende nicht der faire Preis dafür, dass wir so ein Cambridge Analytica 2.0 mit deinen Gesundheitsdaten verhindern?

SPEAKER_01

Und genau das ist die perfekte Synthese dieses Kernkonflikts. Bürokratie behandelt Datenschutz und Innovationen leider oft als reines Nullsummenspiel. Wir haben die Datenhoheit zwar definitiv gesichert, drohen aber dadurch den Anschluss, an diesen 180 Milliarden Euro-Markt für KI-Medizin einfach komplett zu verlieren.

SPEAKER_00

Also fassen wir das mal zusammen. Die elektronische Patientenakte ist technisch gesehen das sicherste System Europas.

SPEAKER_01

Absolut. Ja, besser kann man es kaum sagen.

SPEAKER_00

Denk also bei deinem nächsten Arztbesuch mal darüber nach. Ist es dir lieber, dass deine Daten extrem sicher sind, aber für eine lebensrettende KI-Diagnose quasi unsichtbar?

SPEAKER_01

Oder würdest du für medizinische Effizienz deine sensibelsten Daten einem ausländischen Tech-Konzern anvertrauen?

SPEAKER_00

Das ist wirklich eine schwere Frage. Und es gibt da noch einen echt provokanten Abschlussgedanken, auf den wir in den Quellen gestoßen sind.

SPEAKER_01

Oh ja, die KLU-Sache.

SPEAKER_00

Genau. Das Berliner Health Startup Calum hat sich nämlich bereits teilweise in den Verteidigungssektor umorientiert, weil der zivile Gesundheitsmarkt hier durch diese ganzen Datenhürden blockiert ist.

SPEAKER_01

Was schon eine ziemlich krasse Entwicklung ist.

SPEAKER_00

Total. Und das führt zu der Frage: wenn zivile Gesundheitsdaten weiterhin so stark abgeschirmt bleiben, wird diese ganze fortschrittliche KI-Medizin der Zukunft dann ironischerweise ausschließlich von Militärbudgets entwickelt und kontrolliert werden?

SPEAKER_01

Ein wirklich düsterer, aber unglaublich spannender Gedanke.

SPEAKER_00

Auf jeden Fall. Etwas, worüber man definitiv mal nachdenken sollte.