Nachschlag - Gespräche aus dem Teufelhof
Ein Podcast aus dem Kultur- und Gasthaus Teufelhof Basel, moderiert von Raphael Wyniger, Inhaber der Wyniger Gruppe. Authentische Gespräche über Gastronomie, Gastgebertum, Genuss, Kulinarik, Wein und die Menschen hinter den Kulissen.
Nachschlag - Gespräche aus dem Teufelhof
Nachschlag - Gespräche aus dem Teufelhof / #2 Nicole Bischof
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Ein Podcast aus dem Kultur- und Gasthaus Der Teufelhof Basel, moderiert von Raphael Wyniger, Inhaber der Wyniger Gruppe. Authentische Gespräche über Gastronomie, Gastgebertum, Genuss, Kulinarik, Wein und die Menschen, die unsere Häuser mit Leidenschaft prägen.
In der zweiten Ausgabe ist Nicole Bischof, HR-Leiterin der Wyniger Gruppe, zu Gast. Im Gespräch mit Raphael Wyniger erzählt sie von ihren Anfängen im Service im Teufelhof, weshalb gute Führung vor allem mit Zuhören beginnt und worauf es in Sitzungen wirklich ankommt. Ein ehrliches Gespräch über Menschen, Unternehmenskultur und die Arbeit hinter den Kulissen der Gastronomie.
Nachschlag: Gespräche aus dem Teufelhof. Bei mir ist Nicole Bischoff, HR-Leiterin bei der Wiener Gruppe. Nicole, wie viele Mitarbeitende hat die Wienige Gruppe? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.
SPEAKER_02Ja, ich muss auch schätzen. Ich sage 850. 850 sind wir. Wenn du das genau wissen willst, dann muss ich das auswerten.
SPEAKER_00Das ist ja verrückt. Ich würde gerne mit dir über deinen Weg, das Leben und die Menschen sprechen. Schön, dass du dir Zeit nimmst. Wir arbeiten schon lange zusammen. Magst du deinen Einstieg in unsere Branche kurz erläutern?
SPEAKER_02Ja, das war ein Zufall, ein Bauchentscheid sozusagen. Ich habe während meinem Studium, was ich angefangen habe, weil man ein Studium halt so anfängt, wenn man eine Matura abgeschlossen hat, habe ich am Wochenende in einer Bar gejobbt und da habe ich gemerkt, dass diese Gastronomie etwas mit mir macht. Viel mehr als der Mittelhochdeutsch-Seminarkurs am Mittwochmorgen am Deutschen Seminar. Ich habe mich da angefangen zu spüren. Ich habe gemerkt, dass ich da auflebe und habe dann beschlossen, dass ich das Studium für kurze Zeit auf Eis legen könnte und für eine Zeit in der Gastronomie arbeiten könnte. Ich habe das dann verbinden wollen mit einer Ausbildung und bin dann eines Tages in den Teufelhof reinspaziert und habe mich auf diesem Weg beworben und gefragt, ob es wohl möglich wäre, dass ich da meine Ausbildung machen könnte. Und so habe ich den Weg in den Teufelhof gefunden. Ich habe übrigens nie eine Bewerbung abgegeben. Das habe ich dann eingestellt.
SPEAKER_00Die HR-Chefin hat kein Mitarbeiterbewerbungsdossier von sich selbst in den Akten. Das gibt es nicht. Was hast du studiert?
SPEAKER_02Ich habe Englisch und Deutsch angefangen zu studieren. Das war nichts. Ich habe das nie wieder aufgenommen.
SPEAKER_00Gut. Wie alt warst du dann? Hast du damals in Teuflofmaschier bist?
SPEAKER_02Da war ich 19 Jahre alt.
SPEAKER_00Und du hast gesagt, die Ausbildung begonnen als was?
SPEAKER_02Als Restaurationsfachfrau, hat das damals noch geheißen. Genau. Und dann ein Jahr darauf, das war 2009, habe ich das dann abgeschlossen.
SPEAKER_00Wahnsinnig. Ja, wir haben den Teufelhof 2009 übernommen. 1. Januar 2009, kann mich gut an die Zeit erinnern. Du auch?
SPEAKER_02Ich erinnere mich sehr gut, ja.
SPEAKER_00Und du warst tatsächlich im Service tätig, ich mag mich erinnern. Oft im Restaurant Belletage.
SPEAKER_02Genau, zum Schluss dann vermehrt im Belletage, ja.
SPEAKER_00Und was nimmst du aus dieser Lehrzeit mit so? Also war das gut? Hat es Spaß gemacht?
SPEAKER_02Ja, es war großartig. Also wenn ich wählen könnte und die Umstände keine Rollen spielen würde, dann würde ich jederzeit wieder zurück in den Service arbeiten gehen. Ich habe da wirklich aufleben können in dieser Zeit und es war eine Riesenbereicherung für mich.
SPEAKER_00Und ich habe so ein paar Erlebnisse mit dir im Kopf aus dieser damaligen Zeit. Eines ist, als wir zusammen, also du und ich, zusammen das Restaurant Belletage alleine geschmissen haben. Geschmissen. Heißt, wir haben alleine den Service bewältigt. Kannst du sich auch daran erinnern?
SPEAKER_02Ja, ist irgendwie blöd gelaufen. Da sind wohl ein paar Mitarbeitende ausgefallen und du musstest einspringen und ja, ich kann mich erinnern.
SPEAKER_00Du warst im dritten Lehrjahr, ich neue Chef. Wer hat wen angeleitet?
SPEAKER_02Ja, beide ein bisschen, beide, glaube ich.
SPEAKER_00Bist du sicher, warst du nicht eher umgekehrt, dass du mich angeleitet hast.
SPEAKER_02Nein, ich kann mich tatsächlich an eine Situation erinnern, wo ich zu dir gekommen bin und gesagt habe, da will ein Gast etwas über Spirituosen wissen und ich habe doch noch gar keine Ahnung. Und dann hast du gesagt, ja, dann müssen wir uns jetzt das Wissen halt verschaffen. Und dann haben wir dann, als die Gäste gegangen sind, uns durch diese Spirituosen durchgerochen und uns Notizen gemacht, damit ich dann das nächste Mal besser vorbereitet bin. Also ich glaube, ich konnte schon damals viel von dir lernen und ja, kann mich sehr gut an dieser Zeit erinnern. Es war ein lustiger Abend.
SPEAKER_00Und was hat dich diese Servicezeit gelernt, außer das Technische? Also was ist Spirituosen oder was sind Spirituosen? Was nimmst du mit über die Menschen zum Beispiel aus dieser Zeit?
SPEAKER_02Über Spirituosen, Portweine und Weine habe ich eigentlich fast alles wieder vergessen. Habe ich nicht viel mitgenommen, muss ich ehrlich sein. Ich habe viel über die Menschen gelernt, auf jeden Fall. Also ich habe sich ja damals schon entdeckt, dass das ein Themenfeld ist, was mich sehr interessiert. Ein Gastraum, der ist gefüllt mit Menschen und von denen kennt man eigentlich die Hintergründe nicht, die Geschichten nicht. Man weiß nicht, was diese für Titel tragen, was diese für Berufe ausüben, sind eben einfach nur Menschen. Und wenn man diesen Gastraum betritt, dann muss man lernen, diese Menschen zu lesen, die Bedürfnisse zu erkennen, die diese Menschen mitbringen. Es gibt Gäste, die möchten einen schönen Abend verbringen, es gibt andere, die möchten einfach nur essen, es gibt solche, die brauchen viel Aufmerksamkeit, solche, die wollen eher in Ruhe gelassen werden. Und das hat mich damals schon fasziniert, diese Bedürfnisse zu spüren, zu erkennen und diesen gerecht zu werden.
SPEAKER_00Würdest du somit sagen, als Restaurationsfachfrau lernt man Menschen? Ist das richtig?
SPEAKER_02Ja, also sicher von Vorteil, wenn man diese zu lesen lernt, ja, sicher hilfreich.
SPEAKER_00Das nimmst du mit, du hast gelernt, Menschen zu lesen. Und was noch?
SPEAKER_02Ich habe gelernt, mich sehr in kurzer Zeit gut zu organisieren, Prioritäten zu setzen und das Auge immer auf dem Wesentlichen zu haben. Das hat mir sehr geholfen und da habe ich viel lernen können in dieser Zeit.
SPEAKER_00Schön, also eigentlich eine perfekte Ausgangslage, um später Hair-Chefin einer Gruppe zu werden. Du hast mit 850 Mitarbeitern gelernt, Menschen zu lesen und zu verstehen und dich gut zu organisieren. Und trotzdem ist der Weg von der Restaurationsfachangestellten zum Haarchefin innerhalb von 18 Jahren nicht geradleaning. Wie ist das gekommen?
SPEAKER_02Eine schöne Frage. Das frage ich mich manchmal auch. Wie ist das passiert? Ich habe schon immer und in frühen Jahren meine Entscheidungen einfach aus dem Bauch herausgetroffen. Ich habe Chancen erkennt, Angebote einfach angenommen und nicht lange überlegt. Und ich glaube, du trägst viel Schuld daran, dass ich heute da bin, wo ich bin. Du hast mir immer wieder irgendwo eine Tür geöffnet und ich bin einfach durchgegangen. Ich habe nie groß darüber nachgedacht, ob das jetzt ein sinnvoller Weg ist, den ich hier gehe, ob auch nicht, was dann in fünf Jahren ist. Ich war im Hier, im Jetzt und bin einfach diesen Weg gegangen. Und so ist das irgendwie gekommen, glaube ich.
SPEAKER_00Also du bist ein Bauchmensch.
SPEAKER_02Absolut.
SPEAKER_00Wenn das stimmt, dann gehst du weiter. Ich denke aber, du hast auch unendlich viel dazu beigetragen, dass diese Tür überhaupt aufgemacht worden ist, die du durchschritten hast. Ich erlebe dich immer als sehr reflektiert und sehr intelligent im Austausch. Was inspiriert dich?
SPEAKER_02Ich glaube, ich bin einfach ein sehr analytischer Mensch. Also ich gehe durchs Leben und ich merke bis heute, dass mich eigentlich das Miteinander sehr interessiert. Also da, wo Menschen zusammenkommen, da passiert sehr viel. Da wird nicht nur geredet über Themen. Ich bin diejenige, die im Sitzungsraum sitzt und dann diese Spannungen, die da im Raum herrschen, sehr stark wahrnimmt. Ich versuche, diese nonverbalen Geschichten, die da im Raum stehen, immer zu spüren und eben auch zu analysieren und zu verstehen, wo die herkommen. Also das sind Haltungen, die Art und Weise, wie jemand auftritt, vielleicht auch unterschwellige Machtkämpfe, die ich da sehr stark spüre. Ich gehe manchmal aus Sitzungen heraus mit mehreren Menschen und bin komplett erledigt. Und merke dann auch im Austausch mit anderen, ich war gar nicht so sehr aufs Thema fokussiert, sondern vielmehr auf das, was eben unter dieser Oberfläche so stattgefunden hat. Und das finde ich unglaublich spannend. Und da dann auch dem auf den Grund zu gehen und sich zu hinterfragen, wo könnte denn dieses Verhalten oder diese Spannungen, diese Blicke, diese Austausche, diese nonverbalen, wo kommen die her? Was steckt da dahinter, dem auf den Grund zu gehen, das finde ich unglaublich spannend.
SPEAKER_00Sicher ist das ein Talent von dir.
SPEAKER_02Ob das ein Talent ist? Ja, wahrscheinlich schon, weil ich lebe ja nur von meinen Talenten.
SPEAKER_00Das ist jetzt nicht so. Das soll man jetzt nicht falsch verstehen.
SPEAKER_02Aber auf irgendwas muss ich ja zurückgreifen. Und ich glaube, das habe ich gelernt. Nein, ich glaube, es ist auch ein Vertrauen in meine Instinkte. Ich bin ein sehr instinktiver Mensch und habe gemerkt, dass es ganz gut ist, einfach auf diese Gefühle auch zu vertrauen und diesen nachzugehen.
SPEAKER_00Das interessiert mich sehr. Wie nimmst du diese Stimmungen oder Schwimmungen wahr? Was liest du in Menschen? Wie sieht man Stimmungen?
SPEAKER_02Ja, man spürt sie halt. Also ich glaube, du bist ja auch ein bisschen so ein Mensch. Ich habe das in den Jahren oft gemerkt, dass wenn wir auch zusammen in einer Sitzung sitzen, dann gibt es manchmal auch Blicke oder Austausche zwischen uns, wo wir merken, wir spüren es beide oder wir nehmen es beide wahr. Ich glaube, ja, was ich eigentlich vor allem interessant daran finde, sind die Auswirkungen von diesen Spannungen auch. Und wenn man all diese nonverbalen Geschichten aus dem Raum nehmen könnte, dann wären wir wahrscheinlich sehr viel effizienter manchmal. Aber das geht halt nicht, weil wir sind halt Menschen. Und ich glaube, das ist es, was mich fasziniert. Und ich denke, das ist schon auch Teil oder des HAR-Auftrages. Wir wollen ja effizient sein, wir wollen die Mitarbeitenden ja da einsetzen, wo sie stark sind. Wir wollen diese negativen oder störenden Energien ja irgendwie aus den Räumen auch nehmen, um wirklich auch uns auf das eigentliche und Wesentliche fokussieren zu können. Und ich glaube, das ist das, was mich daran so interessiert.
SPEAKER_00Okay. Ist es oftmals so, dass der Inhalt weniger wichtig ist als die Stimmungen und Schwimmungen in einer Sitzung, kann man das so sagen?
SPEAKER_02Ja, da wäre jetzt vielleicht die Buchhalterin nicht einverstanden, wenn ich so sage. Aber ja, und man muss auch aufpassen. Also das macht einen Großteil unserer Arbeit aus. Das ist sicher auch ein Gebiet, was mich sehr interessiert, aber HR-Arbeit ist sehr viel mehr als das.
SPEAKER_00Okay. Und du hast einleitend gesagt, auch, dass dich die Servicelehre sehr viel über Menschen gelernt hat. Das war eine gute Grundlage. Wenn wir noch ganz kurz auf den Weg zurückkommen, wenn du diese 15, 17, 18 Jahre zusammenfasst, erzähl, HR-Chefin jetzt, Service-Fachangestellte damals, wie ist das passiert? Du hast gesagt, die Tür war offen, aber so die wichtigsten Schritte.
SPEAKER_02Es war eigentlich so, ich habe diese Serviceausbildung fertig, also abgeschlossen, Restaurationsfachfrau, Entschuldigung, ich muss dazu. Genau, Begriff benüten. Und dann war so ein bisschen die Frage: Ja, wie weiter? Weil das war übrigens deine Frage, nicht meine eigene. Ich hätte einfach mal ein bisschen so weitergemacht, mir hat es gefallen, und du hast einmal das Gespräch gesucht und hast mich damals ermutigt, die Hotelfachschule in Angriff zu nehmen. Du hast da irgendein Potenzial erkennt und gesagt, das wäre doch was und du würdest mich gerne auf diesem Weg auch unterstützen. Und ich war dann so mäßig angetan von dieser Idee. Ich bin nicht ein Schulbuchmensch, ich lerne nicht im Frontalunterricht oder aus Schulbüchern. Ich weiß, ich wusste zu diesem Zeitpunkt schon, ich habe mich durch die Matura gekämpft und das Studium geschmissen, so funktioniere ich nicht, so entwickle ich mich eigentlich nicht weiter. Und doch hat es in diesem Moment irgendwie so Sinn gemacht, dass ich diesen Weg gehe. Ich habe mich dann mit diesen Unterlagen auseinandergesetzt, mich da mal eingeloggt in die Internetseite und mich schlau gemacht, wie das so aussehen würde, so ein Bildungsgang, und habe mich dann zu einem anderen Weg entschieden. Ich bin dann spontan schwanger geworden, damals 22 Jahre alt. Unser Sohn ist heute 15 Jahre alt. Ich sage ihm immer, wenn er fragt, ja, geplant warst du eigentlich nicht, aber gewollt schon. Also ich glaube, das war damals nicht ein bewusster Entscheid und dennoch im Nachhinein betrachtet sich ja ein gewollter Entscheid. Und das hat natürlich dazu geführt, dass ich diese Hotelfachschule Pläne über Bord geworfen habe. Dann kam eine Schwangerschaft, ich habe weiterhin im Service gearbeitet, bin auch zurückgekehrt danach in einem geringeren Pensum. Das zweite Kind folgte dann drei Jahre später. Und dann war so ein bisschen ein kritischer Punkt. Moment, macht es Sinn, wieder zurück in das Restaurant zu stehen. Die Wochenende waren dann immer sehr lang. Ich habe bis spät in die Nacht gearbeitet. Das hat irgendwie funktioniert, aber war nicht ganz zufriedenstellend. Und dann war eben ein Moment gekommen, wo du so ein Türchen geöffnet hast und gesagt hast, eigentlich könnte ich noch Unterstützung in der Administration gebrauchen. Du hast mir da einen Vorschlag unterbreitet, dass ich projektbezogen oder mit bestimmten Aufträgen auch in der Administration arbeiten dürfte. Und das habe ich sehr dankend angenommen. Du hast mich damals gefragt, kannst du das Zehn-Fingers-System? Herrst du das Zehn-Fingersystem? Das war so die einzige Anforderung, die du hast geschafft hast.
SPEAKER_00Ich finde sie aber nicht unwesentlich.
SPEAKER_02Und ich habe gesagt, ja, ich arbeite mit mehr als zwei Fingern auf der Tastatur. Und das hat wie gereicht. Also so habe ich den Weg in die Administration gefunden. Und ich glaube, ungefähr ein, zwei Jahre darauf hat die damalige Haar-Mitarbeiterin ihren Austritt bekannt gegeben, wobei sich eben wieder eine Tür aufgemacht hat und du mir gesagt hast, willst du das nicht machen. So habe ich 2016, meine ich, war es den Einstieg ins Haar gefunden. Ich glaube, damals waren es rund 60 Mitarbeitende, die wir im Teufelhof betreut hatten. Und dann ging es los.
SPEAKER_00Dann ging es los. Wir wollen dein drittes Kind nicht unerwähnt lassen. Das kam dann auch noch, genau.
SPEAKER_02Also ich habe 2016 angefangen im Haar, ein lustiger Sidefact, ich kann das ja teilen. Ich habe damals angefangen und mir ist dann schlagartig bewusst geworden, dass ich eigentlich keine Ahnung habe von dem, was ich hier mache. Als ich auf die Herausforderung gestoßen bin, ich hatte ein Erwerbsersatzordnungsformular vor mir liegen auf dem Tisch. Ich hatte keine Ahnung, was das ist. Da stand drauf, man soll das der Ausgleichskasse zusenden. Ich wusste nicht, was eine Ausgleichskasse ist. Das kann ich dir ja heute gestimnen. Das darfst du nicht. Ich habe dann bei der Ausgleichskasse Basel-Stadt angerufen, weil die fand ich halt im Internet. Und da hat die Dame dann mit viel Geduld mir erklärt, dass man halt im Betrieb eine eigene Ausgleichskasse hat und wir nicht bei ihnen gemeldet seien. Und dann musste ich das dann halt herausfinden. Also so haben sich die Anfänge im HR bei mir gestaltet. Und ja, also man kann wirklich sagen, from scratch musste ich hier mir dieses Know-how aneignen. Ich bin dann schon auch noch zur Schule gegangen, ich habe den HR-Assistenten gemacht, seit gleich dann. Ja, das war 2016 und im 18 folgte dann das dritte Kind.
SPEAKER_00Und ein fulminantes Wachstum deines Arbeitsbereiches. Du hast gesagt, wir sind im 2016 rund 60 Mitarbeitende gewesen, heute sind wieder 850. Ausbildung, neue Funktion, nochmal Mutter, bereits zwei Kinder. Das war intensiv.
SPEAKER_02Ja, das war eine intensive Zeit. 2018, als ich dann zum dritten Mal aus der Mutterschaft zurückgekehrt bin, waren es dann schon, glaube ich, gegen die 250 Mitarbeitende. Und dann standen neue Projekte an. Und diese Jahre, ich war dann nicht mehr alleine, ich hatte dann bereits eine Teamkollegin, wir waren zu zweit und diese Jahre waren dann sehr intensiv. Also dieser schnelle Wachstum, der dann stattgefunden hat, der war bestimmt von einem sehr intensiven Alltag bei uns im Büro und es ging wirklich darum, einfach den Kopf über Wasser zu halten. Die Löhne mussten bezahlt werden, die Mitarbeitenden mussten versichert sein. Es ging hier wirklich um ganz grundlegende Dinge. Das Wissen, das hatten wir uns zu diesem Zeitpunkt bereits erarbeitet, das wir dazu benötigt hatten. Und da ging es wirklich einfach darum, sicherzustellen, dass das Wesentliche erledigt ist. Genau. Das war dann so bis 2022, 2023 der Fall. Und dann kam für mich nochmals ein entscheidender Wendepunkt. Das Team ist nochmals gewachsen, auch aufgrund der Unternehmensgröße. Und dann haben wir gemerkt, jetzt ist Zeit aufzuräumen, das Ganze nochmals von hinten aufzurollen.
SPEAKER_00Wahnsinn. Das ist so ein beeindruckter Weg, wenn man sich das so selber hören sagt, findest du nicht dein Wertegang?
SPEAKER_02Ja, also rückblickend gab es schon auch Zeiten, wo ich etwas angespannter war, aber irgendwie hat sich das ganz gut entwickelt. Also ich habe mich immer wohl gefühlt, es hat mir immer unglaublich Spaß gemacht. Ich liebe Herausforderungen und ich hatte permanent irgendwelche Herausforderungen, die ich bewältigen musste. Und das hat für mich so gestimmt. Ich bin auch gewachsen daran.
SPEAKER_00Wenn man in deinem Bereich tätig ist, da ist man mit Menschen konfrontiert, täglich, in ganz unterschiedlichen Facetten. Gerne ein bisschen über die Menschen sprechen. Was hast du gelernt über die Menschen in diesen letzten Jahren?
SPEAKER_02Ich habe sehr viel gelernt über die Menschen. Ich habe auch sehr viel über mich selbst als Mensch gelernt. Ich glaube, schon vom Alter wegen macht man eine gewisse Entwicklung durch in diesen Jahren zwischen 25 und 35. Als dreifache Mutter lernt man auch sehr viel über sich. Aber ich habe auch bei der Arbeit sehr viel über mich selbst gelernt und mich da sehr weiterentwickelt. Und in Bezug auf die Menschen habe ich gemerkt, dass alles sich unglaublich schnell entwickelt und Bedürfnisse sich ständig verändern und dass man da sehr aufmerksam bleiben muss. Auch die veränderten Generationen, da gibt es ständige Wechsel. Da muss man besonders aufmerksam sein und immer gut hinschauen. Ich habe gelernt, dass Menschen diese Aufmerksamkeit brauchen. Man darf sie nicht vernachlässigen, man muss immer gut hinschauen. Und ich habe gemerkt, dass Menschen dann am besten funktionieren, wenn man sie entlang ihrer Stärken einsetzt. Das habe ich auch an mir selbst gemerkt, aber ich habe gemerkt, das ist wirklich der Schlüssel. Und das setzt eben voraus, dass man gut hinschaut und sie auch versucht zu sehen und zu verstehen. Und wenn man sie dann entlang dieser Stärken, die man da sieht, auch einsetzt, dann wird die Zusammenarbeit wirklich auch erfolgreich. Genau.
SPEAKER_00Ja, das teile ich diese Einschätzung, dass man die Menschen entlang der Stärken fördern muss. Das sagt, glaube ich, auch das Lehrbuch. Das ist sicherlich einfacher als Schwächen zu korrigieren. Du hast über die Qualifikationen gesprochen, die du brauchst, das ist das Zehn-Fingersystem, das haben wir gelernt, aber vor allem auch, dass man Menschen eben kennen und lesen können muss. In dieser Gruppe, hast du gesagt, ständig hinschauen. Wie stellst du das sicher mit so vielen Mitarbeitern, dass du noch ständig hinschauen kannst?
SPEAKER_02Das ist ein guter Punkt. Ich denke, ich bin da sehr auf mein Team angewiesen, die dabei einen unglaublichen Job auch machen. Und ich bin auch darauf angewiesen, dass die Führungskräfte innerhalb der Gruppe da darauf und auf diese Themen auch sensibilisiert sind, dass sie diese Meinung auch teilen, dass sie aufmerksam bleiben und dass wir eben mit ihnen auch stetig im Austausch sind und einfach auch immer nachfragen. Und ich denke, es setzt auch voraus, dass wir eine gewisse Präsenz in den Betrieben zeigen. Ich habe gemerkt, es ist am einfachsten, wenn man einfach durch den Betrieb hindurch läuft und dies auch aktiv abholt. Also die Menschen kommen nicht einfach zu einem ins Büro reinspaziert und erzählen, was sie so beschäftigt und was für Veränderungen sie gerne hätten, sondern man muss dies aktiv abholen und eben auch so ein bisschen spüren, wo man hinschauen muss.
SPEAKER_00Du hast noch vorhin die Erfahrung erwähnt, dass man sich die auch aneignet über die Jahre. Hast du etwas über Menschen gelernt, das du früher nicht wusstest? Bist du positiv oder negativ über diese Jahre?
SPEAKER_02Ja, also etwas, was ich immer wieder feststelle, ist, dass ich durch das, dass ich mich auch selbst sehr verändert habe, ich muss dazu sagen, wenn ich rückblickend mir selbst etwas sagen könnte, dann wäre es ja, komm mal von einem hohen Pferd runter. Ich bin mit einer wahnsinnigen Überzeugung durchs Leben gegangen. Ich war sehr überzeugt von meiner eigenen persönlichen Haltung damals in jungen Jahren. Das hat vielleicht auch mit diesem Bauchgefühl zu tun, auf das ich so vertraut habe. Selbstzweifel war für mich in jungen Jahren kein Begleiter. Und das hat sich dann eben erst mit den Jahren eingestellt und damit hat sich eben auch das Bewusstsein eingestellt, dass verschiedene Perspektiven, andere Meinungen von anderen Menschen unglaublich bereichernd und gerade so wertvoll, wenn nicht sogar wertvoller sein können als die eigenen Ansichten und die eigene Haltung. Und dass eben auch diese Diversität ja dann eigentlich diese Bereicherung ausmacht.
SPEAKER_00Wenn man so wächst, wie wir das sind in den letzten Jahren, da ist das getrieben immer auch von Führungskräften oder von Potenzialen oder von Menschen, die was erreichen wollen. Wie erkennt man Talent oder Potenzial?
SPEAKER_02Ich glaube, es sind die Menschen, die auf eine angenehme Art und Weise oder auf eine positive Weise anstrengend sind. Das ist etwas, was ich oft feststelle, oder wenn jemand kritische Fragen stellt, wenn jemand Verantwortung übernehmen will, ohne dass man ihm diese aufträgt aktiv, wenn jemand Bestehendes hinterfragt und einem eben dann auch challenged und man sich dann selbst so aus seiner Comfortzone herausgeschubst fühlt, dann merkt man, das ist jemand, der wachsen möchte und der sich weiterentwickeln möchte. Und das ist manchmal ein bisschen unangenehm, weil man ja dann eben auch herausgefordert wird in seiner eigenen Haltung, seinen eigenen Entscheidungen, aber wo man dann eben auch merkt, dass man selbst daran wachsen kann. Und ich glaube, da merkt man, dass man jemanden gegenüber hat, der das Potenzial hat, wirklich auch einen wesentlichen und wertvollen Beitrag zu leisten und bereit ist, sich selber zu entwickeln.
SPEAKER_00Das hast du sehr schön gesagt. Das ist eine sehr gute Betrachtungsweise. Wir haben viele Menschen, die lange bei uns sind und sich weiterentwickeln. Was trägst du dazu bei?
SPEAKER_02Ja, da gehen wir jetzt natürlich in die Haar-Arbeit. Also das sind Fragen, die man sich stellen muss im Haar-Alltag, wie behalten wir unsere Mitarbeitenden bei uns? Ich glaube, es sind so drei Bereiche, die hier zu nennen sind. Ich glaube, mehr als die Hälfte macht das Umfeld aus. Ein Mitarbeitender, der eingebettet ist in ein gutes Team, mit guten Führungskräften, sich da gut aufgehoben fühlt, da braucht es viel, dass er sich entscheidet zu gehen. Ein vertrauensvolles Umfeld, das verlässt man nicht gerne. Und das ist sicher etwas, worauf wir auch großen Wert legen, da auch immer zu schauen, dass die Konstellationen auch stimmen, dass diese gesund sind und von einer guten Stimmung geprägt sind, weil das macht schon wirklich ein großer Teil aus. Und das zweite, auch nicht Unwesentliche für mich ist die Auseinandersetzung mit jedem Einzelnen. Man muss gut hinschauen, was sind die Bedürfnisse. Wertschätzung ein Riesenthema. Die kann man nicht einfach aussprechen, die muss man zum Ausdruck bringen können in einer Weise. Und eben auch die Auseinandersetzung mit den Stärken eines jeden Einzelnen. Und dass man eben auch Raum gibt, diese Stärken oder entlang diesen Stärken eingesetzt zu werden. Also Mitarbeitende wollen sich ja auch irgendwie entfalten und entwickeln können. Und wenn man dies auch noch ermöglichen kann und da stark ist, dann hat man wohl oder dann ist man schon sehr nahe an einer hohen mitarbeitenden Zufriedenheit. Und ja, dann kommen natürlich noch die Anstellungsbedingungen dazu. Das ist dann so der letzte Rest, der natürlich auch nicht unwesentlich ist. Wir merken oft, der Lohn oder eine faire Entlöhnung ist Voraussetzung heutzutage. Also das wird vorausgesetzt. Aber auch Themen wie Benefits, Extraleistungen, da wird viel aktiver nachgefragt, auch bei Bewerbungsgesprächen, das ist nicht unwesentlich. Aber es ist nicht Grund allein, warum ein Mitarbeiten da bleibt. Ich finde es immer ganz schön, in Vorstellungsgesprächen zu hören, wenn das Team für mich stimmt und das Umfeld stimmt, dann ist der Lohn verhandelbar. Das ist etwas, was ich oft höre und was mich immer sehr freut.
SPEAKER_00Es scheint mir auch so, die Menschen wollen gesehen werden auf der einen Seite, dass sie wahrnimmt und ernsthaft sieht, das ist sehr wichtig. Und das Teamgefüge umfällt, wer treibt ein gutes Team? Ist das der Vorgesetzte? Oder wer ist am Ende des Tages für ein gutes Teamgefüge verantwortlich?
SPEAKER_02Wahrscheinlich alle ein bisschen. Aber der Vorgesetzte hat da natürlich eine entscheidende Rolle. Ich glaube, gute Stimmung, die vorgelebt wird, da kann man eigentlich fast nur gewinnen. Aber nur alleine eben der Spaßvogel zu sein, reicht natürlich nicht, sondern er muss natürlich wirklich auch sich mit seinem Team auseinandersetzen. Und jeden Einzelnen oder jede einzelne Mitarbeitende muss sich auch wahrgenommen fühlen. Ich denke, da ist wirklich auch viel Arbeit bei der Führungsperson. Aber am Ende des Tages finde ich, dass jedes Teammitglied da auch seinen Beitrag leisten muss. Die einen machen das mehr, die anderen wenig, das ist auch in Ordnung, aber keiner kann sich dieser Verantwortung entziehen, finde ich.
SPEAKER_00Absolut, aber der Vorgesetzung ist doch ein wesentlicher Präger einer Teamkultur, das teile ich diese Einschätzung. Ist es einfach, gute Vorgesetze zu rekrutieren?
SPEAKER_02Das ist jetzt eine heikle Frage. Nein, ist es tatsächlich nicht. Also da vielleicht ist das auch eine Herausforderung unserer Branche. Für uns ist es nicht so einfach, Führungs, auch Schulungen durchzuführen, Führungskräfte aktiv zu entwickeln und Workshops durchzuführen und da sehr auch strukturiert heranzugehen. Unsere Führungskräfte, die wachsen mit ihrer Aufgabe und die werden meistens in diese Rollen auch einfach hereingeschubst. Und dann müssen sie eben genau auch noch Führungskraft sein. Und das wird oft unterschätzt, was das eigentlich heißt. Und wir haben schon die besten Erfahrungen damit gemacht, dass Führungskräfte aus den Betrieben herauswachsen und nicht einfach extern eingestellt werden.
SPEAKER_00Das ist eine Erfahrung, die wir tatsächlich gemacht haben. Was ist schwieriger aus deiner Perspektive? Jemanden zu begleiten, der nicht will, aber der eigentlich will, aber nicht kann, oder jemand, der könnte, aber nicht will?
SPEAKER_02Wahrscheinlich erstes. Nein, also jemand, der nicht will, das funktioniert nicht. Das geht nicht, oder? Das geht nicht. Und da finde ich immer ganz wichtig, dass man das dann auch erkennt und das transparent auch auf den Tisch bringt. Ja, das funktioniert nicht. Das ist auch nicht etwas, was man herbeiführen kann. Die Freude an dem, was man macht, das ist schon eine wichtige Grundvoraussetzung. Jemand, der gerne möchte, nicht unbedingt kann, auch da muss man natürlich die Situation anschauen. Aber wir haben da ganz, ganz schöne Erfahrungen gemacht. Mitarbeitende, die wirklich aufgeblüht sind, wo wir auch mal eine mutige Entscheidung getroffen haben und gesagt, wir versuchen es mal und dann extrem positiv überrascht worden sind, wie sich dieser Weg dann gezeigt hat und diese Person sich entfalten hat.
SPEAKER_00Wie konfliktfähig bist du?
SPEAKER_02Ich bin extrem harmoniebedürftig. Ich mag eigentlich nicht so gerne Konflikte. Ich habe aber gelernt, sie nicht zu umgehen. Was ich auch gelernt habe, ist, Emotionen versuchen aus dem Raum zu lassen. Konflikte gibt es manchmal, es gibt Meinungsunterschiede, diese müssen akzeptiert werden. Manchmal halten wir ja fest, es gibt wie keine Probleme, es gibt ja nur Lösungen. Und ich glaube, mit diesem Gedanken gehe ich auch in einen Konflikt herein. Lass uns das besprechen, dass es uns anschaut, ich anerkenne deine Haltung, deine Meinung und das ist aber auch meine und die vertrete ich. Und irgendwo dazwischen wird es eine Lösung geben. Und somit ist für mich ein Konflikt nicht ein unlösbares Problem.
SPEAKER_00Konflikt ist ja auch, also Konflikt kann auch eine schwierige Situation sein. Also dass man eine unterschiedliche Auffassung hat, ein unangenehmes Mitarbeitendgespräch. Würdest du sagen, das ist richtig, dass Konflikte auszuhalten sind oder unangenehme Situationen auszuhalten sind und zu lösen angestrebt werden muss, weil sie ansonsten später explodieren. Wenn es dann noch schlimmer ist, würdest du diese Aussage unterschreiben?
SPEAKER_02Ja, die würde ich definitiv unterschreiben. Also ich habe gelernt, Situationen, wo sich ein Konflikt ankündigt, bereits ganz achtsam zu beobachten. Weil so oder so wird sich diese Situation nicht von alleine lösen. Es wird sich steigern und es wird zu einer Eskalation kommen. Und ich glaube, mit dieser Erkenntnis, das ist nicht meine alleinige Erkenntnis, da ist auch mein Team im Hintergrund auch, also wir haben das zusammen auch ausgearbeitet, diese Haltung, und wir haben gemerkt, dass wir so ganz viel Ruhe auch in unsere Alltage bringen können. Und das wirklich sehr hilfreich ist.
SPEAKER_00Ja, ich glaube, das ist auch etwas, was einem das Leben lernt. Und man wird sicherlich robuster mit der Zeit. Was brauchen Menschen zum Wachsen?
SPEAKER_02Sie brauchen Raum und Vertrauen. Man muss ihnen erst vertrauen, dann muss man ihnen den Raum geben und sie auch einfach mal machen lassen. Du hast mich wachsen lassen in all diesen Jahren, du hast mich auf diesem Weg intensiv begleitet und du hast mich eigentlich regelmäßig ins kalte Wasser geworfen und hast mich vor Herausforderungen gestellt, wo ich intuitiv gesagt habe, nee, das kann ich doch nicht. Das habe ich doch nicht gelernt, das habe ich noch nie gemacht, das muss mir jemand zeigen. Das habe ich aber nicht gesagt, das habe ich nur gedacht. Und dann habe ich mich trotzdem mal dahinter gesetzt und dann war ich unglaublich überrascht vom Resultat, was herausgekommen ist. Und so bin ich gewachsen. Und ich glaube, das hat von dir Vertrauen erfordert, aber auch ein bisschen Mut, mich da einfach machen zu lassen. Und das ist tatsächlich etwas, was ich bei Führungskräften auch oft beobachte, was noch schwerfällt, jemandem diesen Raum zu geben.
SPEAKER_00Janssachen Erkennen von Potenzial. Du hast dir das sehr schön hergeleitet, dass man Potenzial auch dadurch erkennt oder gute Perspektiven, wenn ein Mensch hinterfragt und Fragen stellt, kritisch ist. Und das hast du getan. Du warst immer sehr klar mit mir in den unterschiedlichen Rollen. Ich glaube, das ist so. Und finde ich schön. Was mir noch gerne, oder was ich gerne noch fragen würde, ist, was verwechseln die Menschen oft als Stärke. Hat was mit Selbstüberschätzung zu tun? Gibst du das? Kennst du das?
SPEAKER_02Das muss ich aufpassen, was ich sage. Ich glaube, ein starkes Auftreten kann sehr hilfreich sein. Jemand, der in den Raum kommt, der sehr überzeugt auch von sich selber ist und das auch ausstrahlt, ungeachtet dessen, was da dahinter steckt, das kann für diese Person oftmals ein Vorteil sein. Und ich glaube, damit kommt man sehr weit. Und dass wenn das jemand hat, dann ist das etwas, was einem weiterbringen kann und was sicher nicht schadet, was aber ja nicht immer heißt. Dass es vorhanden ist. Ja, das würde ich eine schwierige Aussage. Aber ich glaube, man muss vorsichtig damit umgehen und man muss auch den Mut haben, dieses Auftreten zu hinterfragen und versuchen, dahinter zu blicken und sich dieses Auftreten auch durch andere Faktoren der Aussagen oder Haltungen auch nochmals bestätigen lassen.
SPEAKER_00Und bist du in der Lage, aufgrund der Service-Lehre das zu lesen? Du hast gesagt, dein Leitend, dass du gelernt hast, Menschen zu lesen. Spielt das eine Rolle in der heutigen Tätigkeit?
SPEAKER_02Ja, also ich kann mich erinnern, im Service war natürlich immer ganz spannend, herauszufinden, ob jemand an einem großen Tisch einfach nur ein Angeber ist oder ob ein versteckter Weinkenner ist oder Käsekenner spielt tot. Das fand ich immer ganz spannend, weil es gab immer die Angeber und es gab eben auch eben die, die wirklich Ahnung hatten. Und das war natürlich wichtig, dass man das herausspürte, weil bei der Beratung musste man natürlich besonders gut sein, wenn man gemerkt hat, ja, das ist auch ein Kenner, der weiß, von wovon ich jetzt da spreche. Oder das ist einfach nur ein Angeber. Da kann ich mich entspannen. Und das ist tatsächlich etwas, was ich da mitgenommen habe. Ja, ich glaube, Angeber ist ein gefährliches Wort. Also ich versuche auch immer sehr urteilsfrei auf Menschen zuzugeben. Und nur weil jemand ein starkes Auftreten hat, würde ich dies jetzt nicht in erster Linie verurteilen.
SPEAKER_00Also nicht Misstrauen per se. Das hast du nicht gelernt in den letzten 20 Jahren.
SPEAKER_02Nein, ich bin nicht ein misstrauischer Mensch, ich bin ein neugieriger Mensch. Ich möchte verstehen, wieso diese Person so den Raum betritt und so auftritt und was da dahinter steckt. Weil da steckt ja immer viel dahinter.
SPEAKER_00Ja, und wie lange setzt du dich mit Problemstellungen auseinander? Was ist dein Weg zu einer möglichen Lösung? Denkst du dann darüber nach, Nächtelang? Oder wie gehst du mit schwierigen oder komplexen Situationen um?
SPEAKER_02Es findet viel auch im Unterbewusstsein statt. Also ich bin tatsächlich jemand, der mitten in der Nacht aufmachen kann mit einer Erkenntnis und plötzlich merkt. Und das kommt ja nicht aus dem Nichts. Also da findet irgendwo im Unterbewusstsein ein Prozess statt. Ich bin tatsächlich jemand, der auch phasenweise extrem unruhig sein kann und merkt, irgendetwas beschäftigt mich, aber ich kann es noch nicht fassen. Und dann kristallisiert sich das mit der Zeit so raus. Also das kommt natürlich auch sehr darauf an, von was für Themen sprechen wir. Und wenn das eine Situation ist, die ich schon länger beobachte und schon länger merke, das ist etwas, was mich, da irritiert mich etwas, irgendetwas stimmt da nicht, dann kann das natürlich auch ein längerer Prozess sein. Aber man wird ja auch routinierter mit der Zeit. Man lernt ja auch aus den Geschichten und Erfahrungen, die man gemacht hat. Und es gibt heutzutage Situationen, wo ich schneller auch mir ein Urteil erlaube oder eine Einschätzung. Vielleicht nicht ein Urteil, aber eine Einschätzung und die dann auch mal schneller platziere.
SPEAKER_00Das Spüren ist das Intuition. Oder wie würdest du das benennen als Wort? Wenn du unruhig bist und spürst, irgendwas ist.
SPEAKER_02Wahrscheinlich ist das eben dieses Bauchgefühl. Oder eben diese Intuition, ja, das würde ich schon sagen. Ich funktioniere sehr stark darüber, dass ich versuche, in mich hereinzuhören, ob diese Situation so für mich stimmig ist oder ob es da etwas gibt, was mich irritiert.
SPEAKER_00Ja, ich denke, du, das ist sehr gut gesagt. Das ist so, das Gefühl muss stimmen. Wenn es nicht ganz stimmt, ist was. Auf das sollten wir mehr vertrauen. Ja, das stimmt. Dein Ausgleich zum Leben, drei Kinder, 850 Mitarbeiterinnen, ein Riesenaufgabengebiet.
SPEAKER_02Ja, ich habe tatsächlich gelernt, mir Zeitfenster zu schaffen, wo ich auch Ressourcen tanken kann, Kraftquellen. Das sind spontane Situationen, die ich gelernt habe zu erkennen. Ich denke, mit den Kindern ist es ja auch ganz wichtig. Sie brauchen einem ja nichts nach einem Zeitplan. Meine Kinder sind ja jetzt nicht mehr so klein oder die brauchen mich nicht ständig. Ich muss nicht rund um die Uhr für sie da sein. Aber es gibt Momente, da brauchen sie mich und diese muss ich erkennen. Und da muss man aufmerksam bleiben. Und diese Momente geben mir dann natürlich sehr viel Kraft. Das sind diese spontanen Momente, die ich ganz schön finde und die man gerne auch mal verpasst, wo man aufmerksam bleiben muss. Es können auch andere spontane Momente sein mit meinem Mann, ein schönes Gespräch, das sich spontan ergibt mit Freunden. Aber ich glaube, sehr wichtig sind diese Zeitfenster auch, die man sich schafft, ganz bewusst für sich und etwas tut, was einem gut tut. Bei mir ist das vielmals Sport. Ich bin auch eine sehr sportliche Person. Ich tanke da ganz viel frische Energie, wenn ich mich auspowere.
SPEAKER_00Dein Tag hat auch 24 Stunden, richtig? Ja. Sehr schön. Danke für das Gespräch, Nicole. Schön, dass wir das führen konnten.
SPEAKER_02Danke dir.
SPEAKER_00Nachschlag: Gespräche aus dem Teufelhof.