Ungehalten - Der Wochenkinder-Podcast

01 - Satt, sauber und allein - abgegeben in der Wochenkrippe

Nelia und Alexander Season 1 Episode 1

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Nelia und Alexander sind Wochenkinder – aufgewachsen in DDR-Krippen, wo Kinder ab der sechsten Lebenswoche von Montag bis Freitag untergebracht waren, ohne persönliche Kleidung, ohne eigenes Spielzeug, ohne elterliche Nähe.

In ihrem Podcast „Ungehalten" gehen sie der Frage nach, was diese frühe Erfahrung mit einem macht – und was sie bis heute prägt. Welche Spuren hinterlassen fehlende Bindung und emotionale Vernachlässigung im Erwachsenenleben? Was bedeutet das für Beziehungen, Familie, Job? Und warum ist dieses Thema auch heute noch relevant – für das Verständnis zwischen Ost und West und für aktuelle Debatten um Kinderbetreuung?

In der ersten Folge geben Nelia und Alexander einen Überblick: Was waren Wochenkinder? Wie viele Menschen sind betroffen? Und was weiß man heute über die Folgen? Ein ehrliches, persönliches Gespräch über Systemversagen, Bindung – und die Frage: Ist es wirklich nie zu spät für eine glückliche Kindheit?

SPEAKER_00

Also dieses wiegende Hin und Heres eines Kopfes, so wie ein Tier im Käfig, im Zoo sieht man das. Das haben die da bei den Kindern gesehen und das hat die Leute so schockiert, dass sie die Einrichtung geschlossen haben.

SPEAKER_01

Je oder je länger ich mich damit beschäftige, immer mehr wütend auf das System, auf diesen Start. Also weil man hat ja schon sehr früh gewusst, dass das schadet. Also schon in den frühen 50er Jahren. Eigentlich wusste man, dass den Kindern das nicht gut tut.

SPEAKER_00

Willkommen bei Ungehalten, dem autobiografischen Podcast der Wochenkinder. Wir sind Nelja und Alexander und wir wollen herausfinden, wie die Kindheit mit dem Erwachsenenleben zusammenhängt.

SPEAKER_01

Und ob es tatsächlich nie zu spät ist, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.

SPEAKER_00

Hallo Nelja.

SPEAKER_01

Hey Alex.

SPEAKER_00

Schön, dass wir hier zusammensitzen. Du hattest ja die Idee zu dem Podcast und jetzt ist es soweit, ich freue mich. Wir wollen reden über Wochenkinder in der DDR, zumindest in der ersten Folge. Was sind denn überhaupt Wochenkinder?

SPEAKER_01

Was sind Wochenkinder? Ja, Wochenkinder waren Kinder, die in einer Krippe, in einer Kindereinrichtung untergebracht waren. Und im Gegensatz zu den normalen, in Anführungsstrichen, Tageskindern waren die halt die ganze Woche dort, wie der Name schon sagt. Also die wurden halt in der Regel am Montagmorgen abgegeben und erst am Freitag oder Samstag wieder abgeholt. Waren durchgehend die ganze Woche dort untergebracht, auch über Nacht.

SPEAKER_00

Und waren nur am Wochenende zu Hause sozusagen, um das zu präzisieren.

SPEAKER_01

Genau, waren maximal am Wochenende zu Hause. Es gab halt auch Kinder, wenn die Eltern Schicht gearbeitet haben, konnten die auch am Wochenende mal dort bleiben. Die waren dann gar nicht zu Hause. Also es gab auch Monatskinder und alles Mögliche drüber, aber ja, der Regelfall war Montagmorgen bis Freitagabend oder Samstag in der Krippe und dann am Wochenende zu Hause und dann Montag wieder zurück in die Krippe.

SPEAKER_00

Man sagt ja schon der Name Krippe, dass die Kinder recht jung waren, aber wie jung waren sie denn?

SPEAKER_01

Man konnte dorthin ab sechs Wochen und in der Regel war das auch so, ab sechs Wochen. Also die Kinder waren sechs Wochen alt, wenn die da abgegeben wurden, weil der Mutterschutz endete damals nach sechs Wochen und dann kam man halt in eine Einrichtung, die man sagte. Genau, ab sechs Wochen und dann halt in der Regel bis drei Jahre. Also bis die Krippenzeit ging bis drei Jahre und dann ging der Kindergarten los.

SPEAKER_00

Jetzt könnte man ja sagen, eigentlich ganz bequem für die Eltern gar nicht so schlimm. Ein bisschen provokativ.

SPEAKER_01

Das war bestimmt auch ganz bequem für die Eltern. Naja, das ist jetzt wirklich ein weites Feld, wie fontane schon sagte. Es hatte sicherlich auch was Bequemes, wobei da war es auch viel Zeitgeist mit dabei. Ja, für die Eltern war das sicher auch praktisch. Die mussten ja auch nicht mal die Wäsche waschen, sondern konnten die Kinder da quasi ohne eigene Bekleidung abgeben. Und die Einrichtung hat dann auch noch das Waschen übernommen. Das heißt, die haben dann da Anstaltskleidung angezogen bekommen und so. Also es hatte schon was sehr Pragmatisches und was sehr Praktisches für die Eltern, aber es war nicht unbedingt gut für die Kinder.

SPEAKER_00

Genau. Also damit man sich die Situation vorstellen kann, die Eltern haben die Kinder hingebracht, soweit ich das weiß. Dann sind die nicht mit reingegangen, das war nicht erlaubt. Man hat das Kind abgegeben, dann wurden die Sachen ausgezogen, die persönlichen. Die Kinder wurden meist gebadet. Und dann haben sie Einheitskleidung anbekommen und erst ihre persönlichen Sachen am Freitagnachmittag wiederbekommen. Und wenn sie Spielzeug mit hatten, in dem Alter hat man ja irgendwie ein Teddy oder eine Puppe oder was auch immer mit. Auch das wurde, glaube ich, abgenommen.

SPEAKER_01

Ja, das wurde nicht mit abgegeben, ja, kenne ich auch so. Also persönliche Gegenstände gab es nicht. Weder persönliche Kleidung noch persönliches Spielzeug, nichts Persönliches. Es blieb alles draußen.

SPEAKER_00

Und die Eltern durften nicht mit rein. Das heißt, die haben eigentlich auch nicht gesehen, wie ihre Kinder dort gelebt haben.

SPEAKER_01

Ja, in der Regel durften die nicht mit rein aus hygienischen Gründen, wie es hieß. Die waren ein hygienisches Risiko für den Krippenbetrieb.

SPEAKER_00

Und bist du auch mit sechs Wochen abgegeben worden und warst bis zu drei Jahre alt, warst du dort oder wie war das bei dir?

SPEAKER_01

Also ich bin mit sechs Wochen abgegeben worden. Wahrscheinlich. Es ist nicht so ganz einfach, das zu klären, weil es schwierig ist, mit meinen Eltern darüber zu reden. Darüber sprechen wir ja wahrscheinlich noch. Das ist nicht so ganz untypisch. Also ich kenne das von vielen Wochenkindern, dass die Probleme haben, mit ihren Eltern darüber zu reden. Aber es ist nicht so ganz einfach rauszukriegen, in welchem Zeitraum ich da war. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass ich mit sechs Wochen abgegeben wurde, jedenfalls nachdem der Mutterschutz für meine Mutter da geendet hat. Und ich hatte aber Glück im Unglück. Das heißt, ich war wahrscheinlich nur über einen Zeitraum von einem halben Jahr da untergebracht. Wie war es dann bei dir? Warst du auch ab sechs Wochen schon da?

SPEAKER_00

Nein, ich hatte insofern auch ein bisschen Glück, dass, also meine Mutter musste nach sechs Wochen auch arbeiten gehen wieder und hatte dann eben das Betreuungsproblem, weil sie alleinerziehend war. Und Anfang der 70er Jahre sich die Väter auch nicht zuständig gefühlt haben. Und dann hat sich meine Oma drei Monate gekümmert. Und meine Tante hat sich auch drei Monate gekümmert. Aber dann mussten die halt auch wieder arbeiten, beziehungsweise meine Tante ist selber Mutter geworden und konnte sich nicht um zwei Kinder kümmern und dann hatte meine Mutter einfach ein Betreuungsproblem, insofern, dass sie keinen Platz bekommen hat. Also es gab einfach keinen Tageskrippenplatz und dann hat sie diesen Platz angenommen. Dann, ich glaube, ich war sieben Monate alt. Sie hat, wir haben jetzt nochmal darüber gesprochen, gesagt, ich war erst elf Monate. Das ergibt für mich keinen Sinn, aber ich will das nicht, ich will ihre Erinnerung nicht eine Abrede stellen. Also da gibt es noch so einen kleinen Dissens, aber ich war sozusagen schon ein bisschen älter. Ich war keine sechs Wochen alt. Und wahrscheinlich je später desto besser, in Anführungszeichen. Also das war sicherlich schon nochmal so ein bisschen ein kleiner Vorteil, was nicht ganz so traumatisch war. Und dann war ich aber auch ein Jahr und drei Monate da, bis sie dann endlich einen anderen Platz gefunden hatte. Aber ihr war das offenbar eben auch bewusst, dass er nicht so toll war, sonst hätte sie ja nicht versucht, einen anderen Platz zu bekommen.

SPEAKER_01

Naja, und sie hat anscheinend auch erstmal versucht, private Lösungen zu finden. Also erstmal eben hat sie dich untergebracht bei ihrer eigenen Mutter und bei ihrer Schwester und so. Das war bei uns halt gar nicht der Fall. Und ich habe meine Mutter jetzt mal gefragt, erst vor ein paar Wochen, warum sie ihre Mutter denn nicht gefragt hätte. Und da hat die mich ganz entgeistert angeguckt und hat gesagt, auf die Idee ist sie gar nicht gekommen. Also ja, das ist auch jetzt wieder ein weites Feld. Ich glaube, es ist auch oft so aus meiner persönlichen Erfahrung, dass die Leute, die ihre Kinder abgegeben haben in einer Wochenkrippe, da war auch schon irgendwas nicht so ganz im grünen Bereich, würde ich mal sagen, beziehungstechnisch. Und da gibt es oft auch schon schwierige Familienhintergründe und bei uns war das auf alle Fälle so und das zeigt sich an der Stelle halt auch. Aber vielleicht ist auch nochmal wichtig zu sagen, für wen waren denn Wochenkrippen? Wie sind die denn entstanden? Wodurch sind die eingerichtet worden? Was war der Hintergrund dafür?

SPEAKER_00

Also grundsätzlich, dass in der DDR auch die Frauen gearbeitet haben und ihre Arbeitskraft auch gebraucht wurde. Und sie am Anfang auch nicht dieser soziale Staat war, für den man sie oft gehalten hat, sodass eben dann die Frauen wirklich nach sechs Wochen arbeiten gehen mussten, mussten. In der Regel ist da dann, ich glaube, wenn man verheiratet war, dann konnte man zu Hause bleiben. Also es gab auch Hausfrauen, aber es war absolut die Ausnahme. Also nicht wie in alten Bundesländern, dass es da üblich war. Da war es ja eher die Regel, dass man zu Hause geblieben ist in den zumindest in den ersten Jahren. Und dann wurden die Wochenkrippen ja häufig genutzt, wenn man Schicht arbeiten musste oder auf Montage war oder der Mann seinen Armeedienst abgeleistet hat oder es einen sehr, sehr weiten Arbeitsweg zum Beispiel gab, hat ja noch nicht jeder ein Auto und es war auch alles, die Wege waren manchmal weit nicht so gut ausgebaut, oder man hat noch studiert, oder auch, man hat einen sogenannten gesellschaftlich anerkannten Beruf gehabt. Also dann sollte sich die Frau, die, also es gab durchaus auch vereinzelt ja Frauen in Führungspositionen oder die sollten sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren können und nicht abgelenkt werden mit Kindererziehungen, vielleicht nach Haushalt. Und dann konnten die ihre Kinder da abgeben.

SPEAKER_01

Als ich anfing, mich mit dem Thema zu beschäftigen, hieß es oder habe ich erst gedacht, dass das nur gewesen wäre für sozial prekäre Familien. Also dass das so eine Art Notunterbringung gewesen wäre, weil die Wochenkrippe auch so ein bisschen so einen Leumond hatte in einer bestimmten Zeit. Also es hieß so, das wäre halt was für asoziale Familien, hat man damals gesagt. Das war, glaube ich, dann auch so ab den 70er Jahren, aber anfangs war es wohl tatsächlich eine ganz reguläre Unterbringung und im Gegenteil gab es auch noch relativ hohe Hürden, die man nehmen musste, um da einen Platz zu bekommen. Also es war quasi was Besonderes, da einen Platz zu bekommen. Man musste eben bestimmte Kriterien erfüllen. Man musste halt eben alleinerziehend sein, was auch meine Mutter damals zutraf, die war zu dem Zeitpunkt, als ich da untergebracht war, war die alleinerziehend. Oder man musste eben in so einem gesellschaftlich wichtigen oder anerkannten Beruf sein, Position, das, was du gerade gesagt hast. Oder halt auch bestimmte Berufsgruppen, sowas wie eben Armee oder so. Wenn man da, sagt man, Mitglied, ich weiß gar nicht, mitgewirkt hat, dann hatte man eben auch Anspruch auf so einen Platz. Also es war eher was Tolles, was Besonderes, wurde auch vom Staat so verkauft. Es gab ja auch diese Propaganda, gebt eure Kinder in die Hände der hochprofessionellen Erzieherin in der Wochenkrippe, die können das besser. Sozusagen, das ist halt fachlich hochgeschultes Personal, die können das besser als ihr, ihr Eltern.

SPEAKER_00

Ja, ich habe auch gelesen, dass tatsächlich, also wenn man sich so zurück, aber zurückversetzt in die Zeit nach dem Krieg, es sind viele Kinder noch gestorben, auch aus hygienischen Gründen, Mangelernährung und so weiter. Und die erste Prämisse war ja erstmal, die Kindersterblichkeit zu senken. Das heißt, in diesen Einrichtungen ging es viel um Hygiene und um Sauberkeit und darum, möglichst viele Kinder gesund aufwachsen zu lassen. Und das wurde als Vorteil dann gesehen, dass die Zahlen auch eindeutig belegt haben, dass es erstmal gelingt. Also es ging überhaupt nicht um eine emotionale Betreuung oder darum, was braucht das Kind oder sondern einfach am Anfang schlicht ums Überleben auch. Und das ist denen durchaus auch gelungen. Und deswegen war das auch, glaube ich, gar nicht so, war nichts Schlechtes, sein Kind dahin zu geben. Erst später, auch das habe ich gelesen, genau, in den 80ern, wer danach sein Kind in die Wochengrippe gegeben hat, das hatte dann eher so den Hintergrund, dass man vielleicht Erziehungsschwierigkeiten oder so hatte und dass man Unterstützung brauchte. Und auch da waren die Wochengrippen, hatten sich ja auch verändert, waren dann vielleicht nicht mehr ganz so schlimm, in Anführungszeichen, Einrichtungen wie am Anfang, man hat da so ein bisschen nachgebessert, dass es eben zum Beispiel auch Spielzeug oder sogar gab. Aber das Personal war besser ausgebildet.

SPEAKER_01

Aber obwohl ausgebildet ist, das erklärt auch so ein bisschen, also diese Notsituation, die du gerade erklärt hast mit der Säuglingssterblichkeit, erklärt auch so ein bisschen, dass die ersten Erzieherinnen in der Wochengrippe eben gar keine Erzieherinnen waren, sondern Säuglingsschwestern. Also es ging halt wirklich eher um, na wie im Krankenhaus, um so einen Pflegejob. Also eher so satt und sauber. Und ja, und hygienisch halt einwandfrei. Also medizinisch gut betreut und man dachte halt, damit wäre die Erziehungsaufgabe oder die Pflegeaufgabe, diese Fürsorgeaufgabe gut erfüllt.

SPEAKER_00

Mit sechs Wochen heißt ja auch, um sich das klarzumachen, wenn man die ganze Woche weg ist, man muss im Prinzip abgestellt gewesen sein. Denn die Mutter konnte ja nicht dreimal am Tag da vorbeikommen, umzustellen.

SPEAKER_01

Ja.

SPEAKER_00

Ja, heute empfiehlt man ein halbes, eher vielleicht sogar noch ein ganzes Jahr zu stellen. Gut, der Wissensstand war vielleicht nicht ganz so, aber trotzdem wusste man schon, sechs Wochen ist ein bisschen wenig. Und dann wurden die Kinder anfangs sogar mit Kuhmilch großgezogen und dann mit Ersatzmilch, was ja wahrscheinlich auch nicht so prickelnd war.

SPEAKER_01

Ja, in den 50ern mit Kuhmilch. Man war eben einfach noch nicht so weit, diese Fertignahrung schon herzustellen. Das ging dann erst so Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre los. Und das zog sich auch, glaube ich, bis in die 60er Jahre hinein. Es gibt eben auch Aufzeichnungen in den Gesundheitsämtern, die ja zuständig waren für die Wochenkrippen, wo so Fälle dokumentiert sind von Kindern, die halt erkrankten in höherer Zahl an Magen-Darm-Geschichten, die auf diese Fertignahrung, auf diese noch nicht ausgeborene Fertignahrung zurückging. Also das war so ein Problem, was sich irgendwie so ein bisschen durchzog bis in die 70er Jahre. Dann hatte man das im Griff. Dann gab es halt Fertignahrung, die nicht mehr Probleme verursacht hat in dem Ausmaß.

SPEAKER_00

Hast du da mit deiner Mutter mal drüber gesprochen?

SPEAKER_01

Ja, es ist alles irgendwie ziemlich schwierig. Also über dieses Stillen und Abstillen haben wir nicht so nicht so wirklich detailliert gesprochen. Es ist nur ganz witzig, dass ich einen sieben Jahre jüngeren Bruder habe, mit dem meine Mutter dann zu Hause geblieben ist. Also mit dem hat sie dann quasi ein Jahr Auszeit genommen. Und ich habe es vor kurzem gedacht oder habe mir da gar keine Gedanken drüber gemacht, weil ich immer dachte, naja klar, es gab ja dann das Babyjahr in der DDR und deswegen war sie halt mit meinem Bruder zu Hause und habe erst jetzt im letzten Sommer begriffen, als ich mal so nachgerechnet habe, habe ich gemerkt, nee, das war noch gar nicht das Babyjahr und habe gefragt, wie kam das dann. Und dann haben meine Eltern gesagt, nee, das haben sie selber so entschieden. Und mein Bruder beschwert sich immer, dass er irgendwie abgestillt wurde. Also den muss sie auch trotzdem nicht durchgestillt haben, dieses eine Jahr, weil er beschwert sich immer und führt wiederum seine Probleme, die er so hat, darauf zurück, dass er eben zu früh künstliche China hieß, das Kindernahrung. Also dass er diese Fertignahrung bekommen hat. Also sie war länger zu Hause mit meinem Bruder, aber Stillen war da auch nicht so das Thema. Aber das war auch so Zeitgeist. Ich glaube, so in den 50er, 60er, 70er Jahren gab es ja auch diesen ganz starken Wissenschaftsglauben. Man hat halt gedacht, man kann das alles besser machen. Also der Mensch kann das alles noch viel besser lösen als die Natur. Und es war, es galt als altmodisch oder vorsinnflutlich oder so, sein Kind zu stillen.

SPEAKER_00

Wobei ich auch ganz überrascht war, ich habe ja auch über die Wochengrippe mal jetzt einen Artikel geschrieben und dann gab es so Lisa-Reaktion und da hat eine junge Frau zum Thema Stillen eben geschrieben, weil ich mich, ich sage mal, in Anführungszeichen, beschwert habe, dass ich nur zwei Wochen gestillt wurde. Und dass das für mich eine mega Überraschung war. Geschrieben, es gibt kein Anrecht auf Stillen. Und da war ich im ersten Moment total überrascht. Weil, also auf den Gedanken, also die hat natürlich recht, es gibt natürlich kein Anrecht darauf. Aber ich war auch überrascht, wie man so von so einer Haltung, weil ich davon ausgehe, man setzt ja kein Kind in die Welt, um es dann nicht zu stillen oder also um ihm nicht alles Gute zu wollen.

SPEAKER_01

Ja, das Ding ist, dass natürlich, also das würde, glaube ich, auch jede Mutter oder jeder Vater von sich behaupten, dass er natürlich er oder sie das Beste will für das Kind. Aber was eben das Beste ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Und das ist ja bis heute ein hochpolarisierendes Thema, dieses Stillthema. Da gibt es ja ganz große Pro-Fraktion und ganz große Kontra-Bewegungen auch. Ich selber habe halt meine Kinder in den 90ern gekriegt, also zweite Hälfte der 90er Jahre, habe die beide gestillt. Mir war das auch super wichtig. Also ich fand es halt eher völlig unvorstellbar, das nicht zu tun. Aber der Opa meiner Tochter hat mir auch erklärt oder hat sich da sehr lautstark darüber gewundert, was das soll und warum ich sie stille und warum die jetzt nicht Fertignahrung kriege. Das wäre doch viel besser als das mit der Mutter Milch. Also, das ist ein Thema, das ist, glaube ich, bis heute ist es gut dazu angetan zu polarisieren und einfach große Diskussionen auszulösen.

SPEAKER_00

Nun rede ich ja wieder blinde von der Farbe, wenn ich über das Stillen rede, aber es ist ja schon auch wichtig, um Bindung aufzubauen. Also in der Regel ist ja die erste Beziehung, die der Mensch hat, meistens ist eben doch die Mutter. Es kann jetzt auch der Vater oder die Oma oder wer auch immer sein, aber meistens ist es eben die Mutter und dann wird ja schon durch dieses drei, vier, vielleicht sogar fünfmal am Tag stillen eine große Nähe aufgebaut, auch körperlich und das lässt sich ja gar nicht irgendwie vermeiden. Und auf diese Nähe, die ihr, glaube ich, auch so Geborgenheit schafft und dieses sogenannte Urvertrauen zu verzichten, macht ja schon mehr, als man sich vielleicht vorstellen kann.

SPEAKER_01

Würde ich absolut zustimmen. Also ich glaube, wir beide sehen das sehr ähnlich oder vielleicht ganz genauso. Es gibt aber halt Leute, die das nicht so sehen. Also ich habe das auch persönlich als eine sehr, sehr intensive und verbundene Zeit empfunden mit meinen beiden Töchtern, diese Stillzeit. Also das ist halt wirklich was sehr Inniges und was, was ja absolut einzigartig ist. Also niemand anders hat meine Kinder gestillt, nur ich habe das gemacht und halt ja auch auf eine sehr begrenzte Zeit. Ich habe das sehr genossen. Jetzt nicht in jeder Minute. Also es gab schon auch durchaus Phasen, wo ich gesagt habe: Oh Gott, wenn das endlich vorbei ist, wie frei bin ich denn wieder? Und so. Es gab es auch alles. Aber trotzdem überwogen hat die hat das gut. Ich finde das gut.

SPEAKER_00

Und jetzt springen wir nochmal in die Wochenkrippe. Die Kinder wurden nicht gestillt. Haben die Flasche bekommen. Eine Erzieherin gibt die zu fertigten Zeiten. Also der Tagesplan war ja fix. Also man hat die Kinder nicht gestillt nach individuellem Bedürfnis. Das schreit, das hat Hunger, ich beruhige das jetzt oder füttere es aus, sondern es war 6 Uhr, es war zehn Uhr oder was weiß ich und dann wurde die Flasche eben gegeben. Und ich weiß nicht, wie es abgelaufen ist. Ich habe es auch noch nicht rausbekommen, ob die denn tatsächlich die Kinder einzeln genommen haben auf den Arm und demen die Flasche gegeben haben. Ich stelle mir das schwierig vor, weil das ja einfach so eine gewisse Zeit dauert, ob die das tatsächlich geschafft haben. Oder ob die die Kinder irgendwie so im Bett vielleicht Kissen in den Rücken hingelegt haben, die Flasche angebunden ans Gitterbett, dass man das wie so ein Hase im Stall irgendwie, man konnte es ja noch nicht selber halten. Also am Anfang.

SPEAKER_01

Ja, das war was, was mich so mit am meisten entsetzt hat am Anfang, glaube ich, als ich mich damit beschäftigt habe. Also ich würde sagen, die haben die nicht aus den Betten rausgenommen. Ich habe so eine Doku mal gesehen mit Bildern aus Wochenkrippen. Und da war halt zu sehen, dass die Kinder halt, weil sie dann, da waren halt so 20 Gitterbetten in einem Raum und die Schwestern sind durchgegangen und haben die Flaschen in so eine Halterung gesteckt, die halt am Rand von dem Bett war. Und das Baby hat halt den Kopf dahin gedreht und hat dann halt im Bett liegend an dieser Flasche gesaugt. So ein bisschen wie die Kälber im Stall. Also die kriegen das ja auch nur durch so eine Gummidinger da ins Gitter gesteckt. Und das hat mich schon sehr berührt, dass die halt nicht mal, also jetzt nicht nur nicht gestillt, sondern nicht mal irgendeinen menschlichen Kontakt verbunden haben mit dieser Nahrungsaufnahme. Und das war jetzt sicherlich auch nicht, weil die Erzieherinnen oder Säuglingsschwestern so kaltherzige Personen waren, sondern weil die einfach einen extrem durchgetakteten Zeitplan hatten und der Personalschlüssel auch nicht so war, dass das halt das hergegeben hätte. Die hatten gar nicht die Zeit, jedes Baby da rauszunehmen. Man weiß ja, wenn man Kinder hat oder da schon mal dabei war bei so einem Fütterungsvorgang, das ist jetzt nicht in zwei Minuten erledigt. Das dauert schon so je nach Kind 10 bis 20 Minuten. Und die Zeit hatten die nicht. Deswegen, die blieben in den Betten und haben ihre Flasche da angesteckt gekriegt. Und dann haben die natürlich auch mal den Nuckel verloren, weil die waren halt klein, erst wenige Wochen alt waren und dann lagen die da halt, haben eine Weile gebrüllt und dann dauerte es natürlich, bis die Schwester auch wieder genug Zeit hatte, um da ranzukommen. Also diese Nahrungsaufnahme, dieser Prozess stelle ich mir so vor, wenn ich das so sehe, da an dieser Dokumentation muss auch schon sehr mit Stress verbunden gewesen sein. Also in jeglicher Hinsicht das Gegenteil von Bindung. Wie sie beim Stillen passiert.

SPEAKER_00

Du hast gerade so ein bisschen im Lebensatz die Erzieher in Schutz genommen. Das vielleicht auch so mal eingeflochten bei allem, was wir jetzt sagen werden in dieser und den kommenden Folgen. Es geht nicht darum, irgendjemanden zu bashen, weder die Erzieherin noch die Eltern oder alle die Ärzte oder wer auch immer sich da gekümmert hat. Ich glaube, da gab es immer solche und solche. Es gab welche, die haben das Beste gegeben und es gab sicherlich auch andere. Es gibt ja so ganz große Abwehrreflexe darüber zu reden und macht das alles jetzt schlecht. Darum geht es überhaupt nicht. Also würde ich es nicht so gut.

SPEAKER_01

Absolut. Nee, aus meiner Sicht ist das auch kein individuelles Problem oder es ist nicht irgendwie, jemand hat da irgendwas Schlechtes gemacht, weder die Erzieher, Erzieherinnen noch die Eltern. Für mich ist es ein strukturelles Problem. Also ich bin schon, wenn ich mich damit beschäftige oder je länger ich mich damit beschäftige, immer mehr wütend auf das System, auf diesen Start. Also weil man hat ja schon sehr früh gewusst, da können wir vielleicht gleich nochmal drüber reden, dass das schadet. Also schon in den frühen 50er Jahren eigentlich wusste man, dass den Kindern das nicht gut tut und dass das auch wirklich negative Effekte hat. Und man hat aber trotzdem das billigend in Kauf genommen, weil man die Arbeitskraft der Frau sicherstellen wollte. Weil das halt ökonomisch die größere Rolle gespielt hat. Ja. Also nein, es soll absolut nicht darum gehen, hier irgendwen zu bashen, weder die Eltern noch das Personal der Kindergrippen.

SPEAKER_00

Was sind aus deiner Sicht die Hauptfolgen negativer Art für Wochenkinder dort untergebracht gewesen zu sein?

SPEAKER_01

Also das, was man immer wieder hört, sind Bindungsprobleme. Es ist ja auch logisch. Im Prinzip hat man ja mit dieser Wochenkrippe so ein On-Off-Verhalten antrainiert bekommen. Du wurdest halt immer wieder aus dem einen System rausgerissen, in das nächste reingeworfen und konntest nirgendwo so richtig andocken. Oder wenn du gerade angedockt hast, kam das nächste, also entweder die Krippe oder die Eltern haben dich da wieder rausgeholt. Und das hört man von vielen Wochenkindern. Das haben jetzt auch die Studien, die jetzt durchgeführt wurden, gezeigt, dass das im Erwachsenenleben sich fortsetzt. Also die Menschen, die in Wochenkrippen waren, haben oft Probleme mit Bindung. Was sich im Privatleben äußert, also im privaten Beziehungsleben mit Partnern, Partnerinnen, aber auch in Beziehungen zu den eigenen Kindern. Aber das geht auch rein bis in den Job. Also weil alles, was wir im Job machen, mit anderen Leuten zusammenarbeiten, ist auch immer Beziehung. Also es spielt immer eine große Rolle. Und da ist halt was, was Wochenkinder nicht gelernt haben. Die sind sehr wenig in der Lage, Nähe einzugehen und zuzulassen und auszuhalten. Die sind wenig in der Lage, eigene Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, Geschweige dann zu formulieren und einzufordern. Und das alles macht natürlich was mit dem, was um einen herum passiert. Also wenn ich nicht in der Lage bin, gut für mich zu sorgen oder gar nicht so richtig weiß, wer ich eigentlich bin und was ich eigentlich bin und wenn ja und wie viele, hat mal jemand gesagt. Macht es das auch für andere schwieriger, mit mir umzugehen oder mit mir zusammenzuarbeiten.

SPEAKER_00

Sagen wir mal, das gestörte Bindungsverhalten ist ja das eine, aber das andere sind ja auch knallharte psychische Diagnosen, die überproportional auftreten nach allem, was man weiß. Also man kann das ja nicht 100%ig genau auf die Wochengrippenzeit zurückführen, das ist sehr schwierig. Also, gibt es kaum Studien dazu. Es gibt ja jetzt überhaupt erst die ersten Versuche in diese Richtung. Und dann ist es eben auch sehr schwer, weil man müsste einen Vergleichszeitraum haben außer DDR und auch einen Vergleichsgruppe, die es in dem Sinne nicht so richtig gibt. Man kann das auch nicht mehr nachträglich machen, auch aus ethischen Gründen, weil manche gar nicht wissen, dass sie in der Wochengrippe war, aber man müsste ihnen das jetzt sagen. Also man kann das nur vermuten, aber es gibt sehr, sehr starke Indizien, dass Wochengrippenkinder etwa doppelt so häufig psychische Diagnosen haben. Ich glaube zu 90 Prozent und viele mehrere Diagnosen auch bis hin zu Suizid begangen haben oder dem Alkohol verfallen sind, Depression, was auch immer. Also weil ich sag mal, ein gestörtes Bindungsverhalten ist natürlich nicht schön, aber das betrifft vielleicht auch andere oder damit kommt man ja noch einigermaßen durchs Leben kommen, aber das andere ist ja schon sehr, sehr gravierend.

SPEAKER_01

Auf jeden Fall, ich würde jetzt auch gar nicht so sagen, das eine und das andere. Für mich sind das verschiedene Stufen auf derselben Skala. Also ich glaube, wenn du nicht in der Lage bist oder nicht gelernt hast, Bindung einzugehen, das ist ja so dieses Urvertrauen, was dir fehlt. Also dann nimmst du halt die Welt oder deine Umgebung grundsätzlich als ganz schlecht, einen gefährlichen Ort und gegen dich ausgerichtet war. Und das macht was mit dir. Und im schlimmsten Falle oder in den schlimmeren Fällen steigert sich das halt zu Depressionen, zu Angststörungen oder schlimmstenfalls halt bis zum Suizid. Und na klar, also es ist schon richtig, wie du sagst, dass man, man wird nicht mehr beweisen können, eins zu eins, was ist denn jetzt ja diesen Anfängen in der Wochengrippe geschuldet und wer das nicht auch ohne Wochenkrippe passiert. Und ja, das sind auch Sachen, diese Diagnosen haben ja auch Menschen, die nicht in der Wochengrippe waren, das ist alles richtig. Nur die Studien, die jetzt ja endlich mal gemacht wurden, legen ja schon nahe oder fangen jetzt quasi an zu beweisen, so gut man das kann, dass es da schon Zusammenhänge gibt, weil halt in dieser Gruppe, in dieser betroffenen Gruppe diese Diagnosen, wie du auch sagst, eben sehr verstärkt auftreten. Und es gibt schon Vergleichsgruppen, also es gibt ja schon wohl Studien, die untersucht haben, eben Kinder, die in einer Tagesgrippe untergebracht waren und Kinder, die in einer Wochengrippe untergebracht waren.

SPEAKER_00

Genau, das wollte ich jetzt gerade sagen, also was man nicht mehr hundertprozentig wird beweisen können, weil die Teilnehmer dieser Studien jetzt sich meistens freiwillig melden. Und da kann man jetzt eben natürlich Vermutungen anstellen, was ist deren Motivation, das sind das jetzt besonders Belastete? Also für die ist es auf jeden Fall ein Thema, sonst würden die sich nicht freiwillig melden. Also da krankt das so ein bisschen daran, wie repräsentativ sind die Studien. Aber was definitiv feststeht, sind ja Studien zu den Folgen für die Kinder in der Unterbringung, die damals direkt untersucht wurden, schon seit den 50ern bis in die 80er Jahre hinein, die nur unter Verschluss waren, die bestimmte Folgen für die Kinder schon gezeigt haben. Also dass sie je nach Studie, es gibt eine, da steht drin, die Krippenkinder allgemein sind dreimal so häufig krank gewesen wie die Kinder, die zu Hause betreut wurden. Andere Studie sagt, bis zu achtmal so häufig, also die Wochenkrippenkinder. Es gibt ja generell so die Abstufung. Am besten, in Anführungszeichen, hat es die Kinder getroffen, die zu Hause betreut wurden, dann die, die in der Tageskrippe waren, dann die, die in der Wochengrippe waren und am Ende der Skala waren die Heimkinder, die hat das am härtesten getroffen. Und man konnte eben nachweisen, dass die sprachliche Entwicklung verzögert war. Die motorische, also wann kann ich zum ersten Mal die Tasse greifen und trinken oder mit Messer und Gabel umgehen. Also wann kann ich bestimmte Wörter zum ersten Mal sagen? Also es war alles, da waren Kinder hinten dran, klar, weil individuelle Forderungen.

SPEAKER_01

Was ja nicht wirklich verwunderlich ist, wir bewegen uns ja da entlang der Bindungsskala, also von halt sehr viel Bindung oder sehr gut gebunden bis hin zu sehr wenig bis gar nicht gebunden, vollzieht sich ja dieser Strahl, den du gerade beschrieben hast.

SPEAKER_00

Ich bin ja auch kein Experte, aber was ich mir angelesen habe, ist, dass es einen gewissen John Borbe gab, der der erste war, der das so mit Hilfe von anderen untersucht hat, dass die erste Beziehung, die wir in unserem Leben haben, die allerwichtigste ist und dass sie im ersten Lebensjahr ausgeprägt wird. Und da die entscheidende Phase ist, so zwischen dem sechsten und dem zwölften Monat, eben die Zeit, wo wir in der Wochengrippe waren. Und wenn da eine Störung vorliegt, dann geht das Urvertrauen verloren. Und deswegen geht man davon aus, dass das bei uns eben der Fall war. Dass man seine, wenn man gelernt hat, seine Gefühle zu unterdrücken, die nicht auszudrücken. Sogenannte Anpassungsschwierigkeiten, Verhaltensstörungen entwickelt hat.

SPEAKER_01

Ja, vielleicht müssen wir das nochmal ein bisschen beschreiben, wieso das so ist und was da passiert. Also, das ist auch was, was ich tatsächlich persönlich sehr spät gelernt habe, diese Logik, obwohl ich es intuitiv so gemacht habe oder so richtig gemacht habe mit meinen Kindern quasi, dass halt Säuglinge oder eben ganz kleine Kinder nicht in der Lage sind, sich selber zu regulieren. Also zum Beispiel nach Thema Nachtschlaf. Also so ein normaler Säugling in den ersten, weiß ich nicht, drei bis sechs Monaten, der wacht halt bis zu achtmal in der Nacht auf. Das ist normal, das ist so. Und im besten Fall gucken die sich dann um im Raum und stellen fest, alles in Ordnung und schlafen wieder ein, aber manchmal oder oft eben auch nicht, weil ihnen auf Deutsch gesagt, irgendwie ein Pups quer liegt vielleicht oder irgendwas gerade nicht so ist. Die nehmen ja noch ganz viel ihre Realität oder ausschließlich so physisch wahr. Und dann fangen die an zu schreien oder fühlen sich halt nicht wohl, äußern das und können das noch nicht selber wieder regulieren. Die sind noch nicht in der Lage, eigentlich sich selber wieder zu regulieren und sind dann auf ein Außen angewiesen, also auf einen Menschen, der dann kommt und ihnen halt vermittelt, bestenfalls auch wieder auf körperliche Art, ist das alles in Ordnung. Also auf den Arm nehmen oder zum Beispiel auch auf die Brust legen. Das macht halt wirklich so, also bei denen passiert dann, dass sich ihr Herzschlag synchronisiert mit der Person, auf deren Brust sie da liegen. Also das sind wirklich alles Vorgänge, die auch sehr physisch ablaufen. Und wenn das nicht so ist, also so wie das in der Wochengrippe war, also Thema Nachtschlaf, muss man vielleicht auch nochmal extra Thema.

SPEAKER_00

Ich wollte dich gerade fragen, wie war es in der Wochenkrippe? Was weißt du darüber?

SPEAKER_01

Das ist auch wiederum sehr interessant, was in der Nacht passiert ist in den Wochenkrippen, weiß man gar nicht so genau, weil das nicht beforscht wurde. Also es gibt halt ganz viele Untersuchungen über das, was am Tag passiert ist. Die Nacht haben die sich gar nicht angeguckt damals, weil sie davon ausgegangen sind, nachts schlafen Babys. Ist natürlich aber auch nicht so. Also es war dann halt auch oft so, das weiß man wiederum aus den Akten, weil statistisch wurde das ja dann schon erfasst, dass pro 20 Kinder oder sowas, also es gab so einen Schlüssel. Und ich glaube, pro 20 Kinder hatten die eine halbe Stelle Nachtwache und dann 40 Kinder eine Stelle Nachtwache. Und das waren aber nachts oft oder eigentlich fast ausschließlich ungelernte Leute, also die wieder so quasi so Förtnerarbeiten gemacht haben. Oder es gibt auch einen dokumentierten Fall, der besonders krass war aus Dresden, wo es der Hausmeister war, der dann 90 Kinder beaufsichtigt hat. Was natürlich dann auch schon suggeriert, oder es war dann eben auch so, dass die gar nicht die Kapazitäten hatten, wenn da irgendwie ein Kind geschrien hat, da immer hinzugehen und das bis zu Ende schon.

SPEAKER_00

Schwein war, glaube ich, kein Grund hinzugehen. Also ich glaube, das war eher so, damit jemand da war, wenn es brennt, dass er die Feuerwehr rufen kann. Es kann schon sein.

SPEAKER_01

Also ich will gar nicht ausschließen, dass es auch Fälle gibt. Es hat dann eben sehr davon abgehangen, was da für eine Person saß. Also A, wie kompetent die war und B, wie zugewandt die war. Ich will gar nicht ausschließen, dass das auch passiert. Es wird schon auch passiert sein, dass die Nachtwache da hingegangen ist und die versucht hat, die Kinder zu beruhigen. Aber die werden das im Zweifel nicht geschafft haben, weil wenn du da 40, 60, 80 Kinder hast, wir kennen das ja, wenn ein Kind anfängt zu schreien, das macht ja das nächste wach, dann hast du da schnell mehrere schreiende Kinder. Wie willst du das machen? Alleine das schaffst du einfach zeitlich gar nicht. Dann haben die sich oft damit beholfen, dass die die schreienden Kinder in Isolierzimmer geschoben haben, also eben in einen anderen Raum, also dass sie die einfach räumlich separiert haben, damit die die anderen Kinder nicht wach machen. Das ist erstmal vielleicht ganz nett gemeint, so für die anderen Kinder, dass die durchschlafen können, aber für dieses schreiende Kind ist es natürlich sehr fatal, weil das das Gegenteil von Beruhigung erfährt. Also es erfährt halt nochmal mehr abgestellt werden, abgegeben werden, weggeschoben werden. Und für Kinder, die in so einer Situation sind, ist das super existenziell. Also für so ein Baby, was da schreit, es fühlt sich das lebensbedrohlich an. Es ist ja auch lebensbedrohlich. Ein Säugling, zu dem niemand kommen würde und ihn ernähren und so weiter, für den würde das das Ende des Lebens bedeuten. Also das ist schon was, was sehr heftig ist. Und wir erinnern uns da natürlich nicht dran, weil in so eine Sache erinnert man sich nicht, jedenfalls nicht so kognitiv. Unser Körper speichert es schon. Also es ist da. In den Zellen ist diese Erinnerung da. Und während man vor einer Weile noch gesagt hat, jetzt kommen wir so ganz in die esoterische Ecke, haha, von wegen Körpergedächtnis und die Zellen erinnern sich sehr alles Blödsinn. Mittlerweile weiß man das auch in der Forschung. Also man kommt da immer mehr dahin, dass man das auch nachweisen kann, dass das sehr wohl erinnert wird, aber eben nicht mit konkreten Bildern und Worten und Ereignissen, sondern eher, das sind eher so Töne, Gefühle, Gerüche manchmal auch. Also diese Erinnerungen, mit denen man das abrufen kann, kommen auf einer anderen Ebene als auf der rationalen, kognitiven.

SPEAKER_00

Bist du denn bei deinen Kindern immer nachts hingegangen und wenn die geschrien haben oder warst du genervt, dann hast du es auch mal schreien lassen?

SPEAKER_01

Das ist eine interessante Frage. Also ich habe mich angefangen abzunabeln von meiner Mutter quasi damit, dass ich ein Kind bekommen habe, weil ich das Erste, worüber wir uns richtig gestritten haben, woran ich mich erinnern kann, war, dass sie zu mir gesagt hat, ich soll mein Kind nochmal schreien lassen, als es da in der Wiege lag und ich hingehen wollte und sie eben drausnehmen wollte. Und da bin ich richtig ausgeflippt. Also weil das, ohne dass ich mich bis dahin jetzt bewusst mit diesem Wochenkrippenthema auseinandergesetzt hätte oder irgendwie bewusst gesagt hätte, sie hat es so gemacht, fand ich blöd, ich mache das jetzt so und so. Aber da war irgendwas intuitiv, wo ich dachte, nee, also auf gar keinen Fall. Also das kann, glaube ich, jede Mutter, kennt es. Also wenn du da so ein paar Nächte nicht geschlafen hast, weil dein Kind, was du da alle 20 Minuten stillen sollst, eben schreit und schreit und schreit. Und ich hatte, mein erstes Kind hatte auch so einen Drei-Monats-Kollegen, es war also besonders nervenaufreibend. Da bin ich dann auch mal an so einen Punkt gekommen, wo ich dachte, nee, ich kann jetzt nicht. Ich muss, ich bleib jetzt hier liegen und warte. So war es es, ne?

SPEAKER_00

Weil ich frage deswegen, es gab ja schon, die Zeit entwickelt sich ja weiter, der Wissensstand entwickelt sich weiter und soweit ich es weiß, war das schon 60er, 70er Jahre, dass man der Meinung war, das Kind muss lernen, durchzuschlafen. Und damit es durchschläft, muss man es auch schreien lassen, weil wenn man immer hingehen würde, dann würde das ja denken, ah, es kommt immer jemand und dann lernt das nie durchzuschlafen. Man darf das nicht verwöhnen. Das war ja, glaube ich, tatsächlich auch noch so ein bisschen ein Erbe dieser NS-Zeit, wo so Erziehungsratgeber geschrieben wurden, die auch nach dem Krieg noch gelesen wurden oder weitergewirkt haben. Die Kinder dürfen nicht verwöhnt werden, sie müssen hart gemacht werden, damit sie später eben auch gut durchs Leben kommen. Es war nicht nur Bösartigkeit oder eher gar keine Bösartigkeit, sondern eben so ein bisschen Zeitgeist, aber eben auch, die wollten das Kind erziehen. Wobei die müssen ja trotzdem auch ein komisches Gefühl gehabt haben. Also wenn ein Kind was schreit, das geht einem ja immer irgendwie nah. Auch wenn man genervt ist, eigentlich hat man ja den Impuls hinzugehen. Also ist schon, muss einem auch schon schwerfallen, dann wegzugehen.

SPEAKER_01

Weiß ich nicht. Ich glaube, das kann man sich, ich glaube, das hängt davon ab, mit welcher Einstellung ich dem begegne. Also das, was du da meinst, dieses Buch, das ist Johanna Haara, glaube ich, die Mutter und ihr erstes Kind, was irgendwie in den 1930ern rauskam. Und was in Westdeutschland interessanterweise ja auch nochmal wiederaufgelegt wurde, genauso, die DDR hat es nicht gemacht, also die haben das nicht veröffentlicht, da gab es ein anderes Buch, aber die Prinzipien waren sehr ähnlich. Also es war schon noch der Zeitgeist, ja. Und ich glaube aber, wenn man mit, also das ist ja so eine Art Legitimation. Also wenn in der Gesellschaft solche Bücher kursieren und als die Norm gelten, dann macht das ja was mit dir als Mutter oder als Vater. Dann nehme ich das ja quasi als meinen Standard. Also dann gehe ich ja wahrscheinlich irgendwie davon aus, aha, also die Fachliteratur schreibt hier, so und so ist das. Und vielleicht, selbst wenn das mein Impuls ist, denke ich dann wahrscheinlich, dann habe ich, ist der Impuls falsch, ja, dann bin ich irgendwie falsch, weil die Fachleute sagen, ja, nee, mach das so und so. Und andersrum vielleicht auch, ist das eine gute Entschuldigung. Also, wenn mir die Fachliteratur das suggeriert, dann bin ich ja auch raus eher und kann eher sagen, nö, also muss ich jetzt nicht drauf antworten.

SPEAKER_00

Jetzt wollen wir in der ersten Folge ja alles nochmal so ein bisschen antippen, es soll eine Übersicht sein, was die Wochenkrippen und die möglichen Folgen betrifft. Deswegen springen wir jetzt vielleicht auch manchmal die Frage, warum halten wir beide das Thema überhaupt für relevant? Wie viele Menschen könnte das überhaupt betreffen? Weiß man das und ja, also was gibt es für Schätzungen?

SPEAKER_01

Es ist so, dass man nur die Plätze nachweisen kann, also die Wochenkrippenplätze, die es gab in der DDR und ich bin mir gar nicht sicher, ob man das lückenlos nachweisen kann, aber das ist das, was man tatsächlich belegen kann. Und da kommt man auf eine bestimmte Zahl, die habe ich jetzt nicht im Kopf.

SPEAKER_00

Ich glaube 200.000. Ich glaube, es sind sogar nur 100.000.

SPEAKER_01

Man sagt immer, 200.000 Wochenkinder sind es minimal. Ich glaube, die Plätze selber sind sogar nur 145.000 und dann hat man halt hochgerechnet mit diesem Belegungsschlüssel. Es gab ja den offiziellen Belegungsschlüssel und anhand derer hat man halt diese Kinderanzahl berechnet. Allerdings ist das auch wirklich die unterste Schätzung, also diese 200.000 minimal sind sehr wahrscheinlich stark untertrieben, weil so eine Sache wie, also da wird davon, in dieser Berechnung wird davon ausgegangen, dass jedes Kind von der sechsten Lebenswoche bis zum dritten vollendeten Lebensjahr in einer Wochenkrippe war. Dann haut das hin mit dieser Zahl. Und das waren aber nicht alle. Es gibt halt ganz viele zum Beispiel sechs Monate.

SPEAKER_00

13 Monate. Genau, ja. Und schon bei einem Platz zwei oder vielleicht sogar dreimal belegt.

SPEAKER_01

Genau.

SPEAKER_00

Und deswegen.

SPEAKER_01

Es sind sehr wahrscheinlich mindestens 500.000.

SPEAKER_00

Ich habe sogar mal was von 600.000 gelesen als Obergrenze.

SPEAKER_01

Ja. Also es ist keine kleine Zahl auf jeden Fall.

SPEAKER_00

Und die leben in der Regel auch noch alle.

SPEAKER_01

Ja, genau. Die hat es nämlich bis zum Schluss gegeben, ne?

SPEAKER_00

Also ich glaube, die lässt 92 dicht gemacht worden. Aber selbst die aus den 50er Jahren, die meisten davon leben noch. Also man muss sich sozusagen klar machen, man kann davon ausgehen, dass ungefähr eine halbe Million Menschen jetzt sozusagen unter uns sind, die eine Wochengrippenerfahrung haben, als eine sehr prägende Erfahrung für ihr Leben.

SPEAKER_01

Und Wochenkrippen gab es nicht nur im Osten.

SPEAKER_00

Ja, aber man kann ja auch sagen, alle diese halbe Million Menschen, die haben alle Eltern, die haben Kinder, die haben Freunde, Partner und auch auf deren Leben hat das ja Arbeitskollegen in irgendeiner Form auch einen Einfluss, also wie die sich verhalten. Insofern ist das ja schon ein sehr, sehr großer, sehr, sehr großer Kreis an Betroffenen, in Anführungszeichen. Nein, gab es nicht nur im Osten, was meinst du? Du meinst du, es im Westen auch gab oder in den anderen osteuropäischen Ländern?

SPEAKER_01

Ja, also ich war auf diesem ersten Symposium, wo die Forschungsergebnisse, die ersten Forschungsergebnisse vorgestellt wurden zu diesem Thema und war sehr überrascht, dass es da nicht nur um die Wochenkrippen in der DDR ging, sondern da waren halt auch Beispiele aus der GSSR, da war jemand aus der BAD, Bundesrepublik Deutschland, also auch da gab es das, es war jemand da aus der Schweiz, in Israel hatte man die Kibuziem, also das war nicht nur ein DDR-Thema, das war tatsächlich zeitschrift.

SPEAKER_00

DSK muss man vielleicht nochmal sagen, ist die heutige Tschechei und die Slowakei, die damals noch zusammen war und das war die Abkürzung, genau.

SPEAKER_01

Richtig, Tschechoslowakei, genau. Aber bei den Tschechen hat man halt, oder bei den Tschechoslowaken, die haben das eben genauso wie in der DDR haben die das auch beforscht oder mit Studien begleitet und haben halt herausgefunden, genauso wie in der DDR, dass den Kindern das schadet und dass die da eben wirklich Entwicklungsschäden davontragen und hat da die Konsequenz gezogen, die einzustellen, die abzubauen. Die haben dann also die Wochenkrippen geschlossen bis zum Ende der 60er Jahre. In der DDR hat man das halt nicht gemacht, obwohl die gleiche Ergebnisse hatten, aber Da hat man, wie gesagt, beliegend in Kauf genommen, dass es den Kindern da nicht so gut geht.

SPEAKER_00

Und eine große Rolle gespielt hat ein Film, glaube ich, eine Langzeitbeobachtung. Und das wurde dann ein Dokumentarfilm. Da hat jemand in der Wochenkrippe länger Aufnahmen gemacht und ich glaube auch ohne Kommentars veröffentlicht. Da bin ich mir nicht sicher, aber auf jeden Fall hat man richtig gesehen, wie es den Kindern dort ging und man konnte nachweisen, diese emotionale Vernachlässigung, also dieses Wiegende Hin und Her eines Kopfes, so wie ein Tier im Käfig im Zoo sieht man das. Das haben die da bei den Kindern gesehen und das hat die Leute so schockiert, dass sie die Einrichtung geschlossen haben.

SPEAKER_01

Ich glaube, dieses Sehen des Hospitalismus war vielleicht jetzt nur nochmal das Tüpfelchen auf dem i, aber das Ganze, also der Film war ja nur ein Teil dessen, was dieser Wissenschaftler da gemacht hat. Der hat halt das beforscht auch, der hat eine richtige Studie gemacht und hat das untersucht, also hat diese Entwicklung begleitet. Das haben die Länder alle gemacht, das haben die ja, wie gesagt, in der DDR auch gemacht. Aber man ist halt in der GSSR damals zu, es hat zu anderen Schlussfolgerungen geführt, ja, als in der DDR-Karte.

SPEAKER_00

In der DDR war die Schlussfolgerung, soweit ich gelesen habe, den Film zu verbieten. Richtig. Knaller.

SPEAKER_01

Ja, aber wir waren bei dem Thema eigentlich, warum ist es heute noch relevant? Warum reden wir da jetzt noch drüber?

SPEAKER_00

Also zum einen, natürlich finde ich es auch für Gesamtdeutschland interessant, das ist so ein unterbelichtetes Thema medial, finde ich. Und es gibt ein großes Unverständnis in den alten Bundesländern in den Osten zu schauen. Und ich finde das Aufwachsen in der Diktatur inklusive der Kinderbetreuung, die so ganz anders war, dabei relevant, um zu verstehen, wie die Menschen, also warum die Menschen so sind, wie sie halt sind. Das ist ja nicht nur ein Mosaiksteinchen, aber durchaus ein relevantes. Man kann dann immer sagen, ja, die sind alle ein bisschen komisch und jetzt denken die in großen gesellschaftlichen, über große gesellschaftliche Themen ganz anders. Corona, Ukraine, Krieg, Migrationspolitik, immer ticken die anders. Warum denn? Sind die so bescheuert und müssen die Mauer wieder hochziehen? Und warum wählen die alle AfD? Also wenn man sich gegenseitig besser verstehen möchte, finde ich, ist das eben auch so aus dem Privatleben, aus dem Alltag was Relevantes.

SPEAKER_01

Ja, genau. Genau, das ist ein Aspekt. Und ich finde noch ein weiterer Aspekt ist, dass es ja heute immer noch oder schon wieder Bestrebungen gibt, solche oder so ähnliche Einrichtungen zu installieren. Also heute heißen die dann halt 24-Stunden-Kita oder ähnliches. Und heute, also ich glaube, das Prinzip, was zu den Wochenkrippen geführt hat, war ja, dass man die Ökonomie oder die ökonomischen Faktoren über die sozialen Faktoren gestellt hat. Also man hat halt gesagt, okay, wir brauchen die Arbeitskraft der Frau, weil im Westen hat man eben Gastarbeiter geholt aus der Türkei und Griechenland und ich weiß nicht woher, die Möglichkeiten hatte man zu der Zeit in der DDR nicht. Deswegen mussten die Frauen arbeiten. Also die ökonomischen Faktoren waren halt wichtig und die soziologischen nicht so. Also die Kinder, dass die jetzt da irgendwelche Schäden davon getragen haben, war jetzt erstmal nicht so relevant. Aber es hat jetzt, wenn man das unter der ökonomischen Brille sich betrachtet, kann man ja auch sagen, das hat Folgekosten. Also wenn ich meine Kinder nicht gut behandle und die eben in solchen Einrichtungen unterbringe mit den Schäden, die wir ja heute kennen, dann passiert, was eben passiert. Also dann entstehen da solche Diagnosen, um mal mit dem Krankheitssprech das zu benennen, was mich dann als Gesellschaft auch wieder Geld kostet. Deswegen finde ich, dass wir heute immer noch gut daran tun oder wieder gut daran tun, uns vor Augen zu führen, dass aus unseren Kindern ja auch mal Erwachsene werden und dass die Grundsteine für einen gesunden Erwachsenen, auch für einen mental gesunden Erwachsenen in einer gesunden Kindheit gelegt werden und dass es darum geht, die Kindereinrichtungen eben wirklich zu Forderst, nach den Bedürfnissen der Kinder auszurichten und nicht nach dem, was die jeweilige Ökonomie der Gesellschaft gerade fordert.

SPEAKER_00

Die ökonomischen Forderungen sind ja das eine, ich glaube, es geht ja heutzutage auch sehr viel um Selbstverwirklichung oder ich möchte Karriere machen oder ich möchte nicht zurückstecken oder mein Leben soll so weitergehen wie vorher, auch wenn ich jetzt Kinder habe. Also es ist auf jeden Fall ein sehr heiß umkämpftes Thema nach wie vor. Also nicht nur vor 50 Jahren, sondern heute immer noch. Wann gebe ich mein Kind in fremde Hände zum ersten Mal und in welchem Maße? Und ich glaube, in den alten Ländern wird da nochmal ganz anders drauf geblickt, weil da ja so eine Art Nachholebedarf war. Es gab gar nicht die Möglichkeit, sein Kind abzugeben. Und das hat da eben auch was mit konservativer Familienpolitik zu tun. Man kommt aus einer ganz anderen Ecke. Und wenn wir dann heute aus dem Osten das durch unsere Brille sehen, dann gibt es so einen richtigen Clash eigentlich. Du bist wohl gegen Gleichberechtigung. Da fühlen sich beide Sachen sehr schnell angegriffen. Aber deswegen ist es nach wie vor ein relevantes Thema, nicht nur ein rückwärtsgewandtes, eine Art Aufarbeitung, sondern auch, dass man daraus was lernt, dass man sich zumindest bewusst ist, wenn man sein Kind längere Zeit fremd betreuen lässt, dass es möglicherweise Folgen haben kann, also dass man das abwägt. Also ich würde jetzt nicht sagen, man darf das nicht tun. Jeder muss das mit sich selber ausmachen, aber man soll sich eben bewusst sein, wenn man das zu früh über zu langen Zeitraum macht, dass das möglicherweise Folgen für sein Kind hat.

SPEAKER_01

Ja, und für mich ist das auch kein Entweder-oder. Also ich finde das auch unfair gegeneinander ausgespielt. Das Wohl der Kinder gegen die Selbstverwirklichung der Mutter. Und überhaupt, dass es da immer nur um die Mutter geht, finde ich auch schon schwierig. Also wir müssten vielleicht auch mal in einer anderen Folge noch darauf eingehen, wer da alles in das Familiensystem gehört.

SPEAKER_00

Unbedingt.

SPEAKER_01

Ich bin, ich halte mich oder ich bin auch eine erklärte Feministin. Ich bin durchaus für Gleichberechtigung, ich bin für Selbstverwirklichung der Frau, all das. Nur nicht auf dem Rücken der Kinder. Und das geht auch, das richtet sich jetzt nicht gegen die Frauen. Man muss dieses ganze System Familie neu denken. Was ich sage, ist nur, oder was mir wichtig ist dabei, ist immer nur, im Zentrum der Betrachtung sollte das Wohl der Kinder stehen. Das sollte aus meiner Sicht die oberste Priorität haben. Und der Rest sollte sich drum herumsortieren. Natürlich ist es ein Idealfall. Ich weiß, dass es nicht einfach ist. Ich meine, ich habe selber zwei Kinder und war die meiste Zeit über alleinerziehend und voll berufstätig. Ich weiß, was das für eine Jonglage ist. Und das war nicht einfach und nicht toll. Und ich würde meinen eigenen Töchtern nicht wünschen, dass die das so nachleben.

SPEAKER_00

Das finde ich, war jetzt schon ein schönes Fazit für die erste Folge, was er das nur so ein bisschen antippen sollte. Es gibt vieles, was wir noch vertiefen wollen. Was das mit den Kindern damals gemacht hat, was das für die Erwachsenen später bedeutet, wie das Verhältnis zu den eigenen Eltern war, wie unser Verhältnis zu den Kindern war, was das ja auch nochmal beeinflusst wurde davon, zum Beispiel. Wir wollen das auch mit anderen Gesprächspartnern vertiefen, aber vielleicht erstmal soweit.

SPEAKER_01

Vielen Dank, hat Spaß gemacht.

SPEAKER_00

Wenn ihr Anregungen habt, Kritik, Beschwerden, dann schreibt uns ungehalten at wochenkinder.de oder ihr schreibt hier einen Kommentar. Ein Like würde uns sehr freuen. Wenn ihr den Kanal abonniert, natürlich auch. Wir hören uns. Bis bald. Bis zum nächsten Mal. Tschüss. Dieser Podcast wurde mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.