Ungehalten - Der Wochenkinder-Podcast
Willkommen bei „Ungehalten“ – dem autobiografischen Podcast der Wochenkinder. Wir sind Nelia und Alexander. Wir wollen herausfinden, wie die Kindheit mit dem Erwachsenenleben zusammenhängt und ob es tatsächlich nie zu spät ist, eine glückliche Kindheit zu haben.
Wir wollen erklären, was Wochenkinder sind, was das mit den Kindern, den Eltern und Erziehern gemacht hat und wie es den Wochenkindern heute geht. Wir werden unsere Geschichten erzählen und Erziehungswissenschaftler, Psychotherapeuten sowie Kulturschaffende zur Kinderbetreuung befragen. Denn die Frage wann gebe ich mein Kind erstmals dauerhaft in fremden Händen ist auch heute umstritten und ein hoch emotionales Thema.
Ungehalten ist ein Podcast von Wochenkindern für Wochenkinder und alle, die herausfinden wollen, warum wir so ticken, wie wir ticken und was das mit unserer Kindheit zu tun hat.
Beginnend am 1. Juni 2026 erscheint alle zwei Wochen eine neue Folge immer am Montagmorgen.
Der Podcast ist ein Projekt des „Wochenkinder eV“ und wurde durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.
Ungehalten - Der Wochenkinder-Podcast
02 - Still, fixiert und angepasst - Alltag in der Wochenkrippe
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Wie sah der Alltag in der Wochenkrippe konkret aus? In dieser Folge sprechen wir über Betreuungsschlüssel, die nur auf dem Papier standen, über Kinder, die zum Spielen in Boxen lagen, über Nächte, in denen Säuglinge an ihren Gitterbetten fixiert wurden. Wir sprechen über 19 Minuten individuelle Zuwendung pro Kind und Tag, über Isolierzimmer für kranke Kinder und über den möglichen Einsatz von Beruhigungsmitteln.
Wir erzählen, wie wir als ehemalige Wochenkinder heute mit dem Thema umgehen – mit Fotos aus der Zeit, mit dem Gedanken, die alte Einrichtung zu besuchen, mit dem Versuch, sich zu erinnern. Entwicklungsbögen hielten fest, was Eltern nie selbst erlebten: den ersten Zahn, das erste Wort, die ersten Schritte. Und wir sprechen darüber, was der Satz „Hat dir doch nicht geschadet" bei Betroffenen auslöst – und warum Kinder irgendwann aufgehört haben zu weinen.
Außerdem: Wie kann man herausfinden, ob man selbst in der Wochenkrippe war? Ein Hinweis findet sich oft an einer unerwarteten Stelle.
Das ist ja auch so naheliegend. Ich meine, in einer Altenpflege werden heute noch Beruhigungsmittel und Psychopharmaka eingesetzt. Warum sollen die vor 50 Jahren, wo man das eh alles noch so ein bisschen lockerer gesehen hat, warum sollen die, wenn die genervt waren bei einer Betreuung von 1 zu 10 und nicht wussten, wo ihnen der Kopf stand vielleicht, das nicht gemacht haben?
SPEAKER_01Die waren ganz jung damals, also junge Erzieherinnen, die kamen da frisch von der Schule und hatten so Mitgefühl mit den Babys, die da in einer Box lagen und wollten die halt rausholen und mit denen spielen. Und dann haben die regelmäßig Ärger dafür gekriegt, weil die älteren Erzieherinnen halt gesagt haben, ihr verwöhnt die. Also lasst die da drin liegen, nehmt die nicht raus, sonst wären die zu anspruchsvoll.
SPEAKER_00Willkommen bei Ungehalten, dem autobiografischen Podcast der Wochenkinder. Wir sind Nelja und Alexander und wir wollen herausfinden, wie die Kindheit mit dem Erwachsenenleben zusammenhängt.
SPEAKER_01Und ob es tatsächlich nie zu spät ist, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.
SPEAKER_00Hallo Nelja.
SPEAKER_01Hi Alex.
SPEAKER_00In Folge 2 wollen wir ein bisschen schauen, wie es den Kindern in der Wochenkrippe ging. Das soll der Fokus sein. Wir wollen auch klären, wie man überprüfen kann, ob man selber in die Wochenkrippe gegangen ist, wenn man auf die Idee kommt, das könnte ja auch bei mir der Fall gewesen sein. Aber ich wollte dich zuerst mal fragen, wie hast du erfahren, dass du in der Wochenkrippe warst?
SPEAKER_01Das war nie ein Geheimnis. Ich bin damit aufgewachsen. Also meine Eltern haben immer gesagt, du warst in der Wochengrippe. Das war so wie eine ganz normale Unterbringungsform, war es ja auch, ne? Wurde ja auch so kommuniziert in der Zeit damals. Ich habe das nur selber angefangen, anders zu sehen, als ich dann selbst ein Kind bekommen habe. Und meine Tochter sechs Wochen alt war und ich dann da mit ihr stand und mir so vorgestellt habe, wie das jetzt wohl wäre, die in eine Einrichtung zu bringen, wo man sie halt am Montagmorgen abgibt und am Freitag wieder abholt. Das fand ich völlig absurd. Also hätte ich mir niemals vorstellen können. Zumal ich damals, also ich habe die ja gestillt und ich fand es schon irgendwie immer ganz merkwürdig, wenn ich sie nur für ein paar Stunden abgegeben habe. Dann bin ich schon rumgelaufen, als hätte mir einer einen Arm oder ein Bein amputiert. Ja, wie war denn das bei dir? Wann hast du das dann das erste Mal erfahren?
SPEAKER_00Es war auch kein Geheimnis bei uns und vor allem meine Oma hat oft davon erzählt, wie das eben war, wenn sie mich abgegeben haben. Meine Mutter war dann schon auf Arbeit Montag früh und dann hat sie mit mir und meinem Vater, der das Auto hatte, eben in die Wochengrippe gefahren, was ein Stück entfernt war. Und dann, sobald sie um ein paar Ecken gebogen sind, habe ich dann angefangen zu erweinen im Auto und habe dann nicht mehr aufgehört, bis sie mich in der Wochengrippe abgegeben haben. Und das war wahrscheinlich ein sehr merkwürdiges Gefühl für sie. Ich würde fast sagen, so ein kleines traumatisches Erlebnis, weswegen sie das eben immer wieder erzählt hat. Und sie hat dann auch erzählt, wenn sie mich dann am Freitagnachmittag abgeholt haben, dass ich dann zu Hause nicht gesprochen habe, die Räume erstmal abgelaufen bin in der Wohnung und erst am Samstag wieder begonnen habe zu reden.
SPEAKER_01Ich erkenne so ähnliche Geschichten. Also meine Mutter hat interessanterweise nie was vom Abgeben erzählt. Das war nie Thema. Aber was sie immer wieder erzählt hat, von Anfang an auch schon, dass, wenn sie mich abgeholt hat, am Ende der Woche, dass ich dann jedes Mal geschrien habe, den ganzen Weg. Also von der Wochenkrippe bis zurück nach Hause. Sie ist dann auch extra immer über die Felder da gelaufen und hat nicht die öffentlichen Transportmittel benutzt, so quasi, um diesen Weg auch zu nutzen, also zur Beruhigung. Und ich habe da immer im Kinderwagen gelegen und geschrien und sie hat in den Kinderwagen reingeguckt und hat halt auch geheult. Das war wahrscheinlich, weil ich sie nicht erkannt habe. Also die war quasi am Ende der Woche immer ein fremder Mensch für mich. Ich war ja da irgendwie noch ein relativ kleiner Säugling. Wie alt warst du denn in der Zeit?
SPEAKER_00Ich weiß es nicht so genau, aber ich war mindestens sieben Monate alt, vielleicht sogar etwas älter und war dann so für ein Jahr, drei Monate da. Und ja, das habe ich ja auch gelesen, dass die Kinder dann, es fühlt sich ja an wie so ein Abschied für immer in dem Alter, wenn man abgegeben wird für eine Woche. Man kann diesen Zeitraum ja nicht überblicken als Säugling. Und man arrangiert sich damit und nimmt dann die Erzieher als Bezugsperson und gewöhnt sich an die. Und nach einer Woche kommen dann die Eltern und sind eben dann Fremdes vielleicht übertrieben, aber nicht mehr die Bezugsperson Nummer 1.
SPEAKER_01Wobei das mit dem an die Erzieher gewöhnen als Bezugsperson, das ist schon der Idealfall dann, ne? Weil die Erzieher haben ja auch nochmal gewechselt, weil die haben natürlich auch im Schichtbetrieb gearbeitet. Die Kinder waren ja 24 Stunden da, also eben von Montag bis Freitag 24 Stunden. Da gab es natürlich häufig Wechsel. Weißt du was? Wie war denn der Betreuungsschlüssel? Wie viele Erzieher waren denn da oder Erzieherinnen für ein Kind?
SPEAKER_00Also ich habe gelesen, dass eine ideale Betreuung in dem Alter wäre 1 zu 2. Also eine Erzieherin für zwei Kinder. Also jeder, der ein kleines Kind mal hat, der weiß ja, wie anstrengend das ist. Und wenn man dann ein zweites hat, wie anstrengend das ist. Und wenn man sich jetzt vorstellt, ich glaube, der offizielle Betreuungsschlüssel war 1 zu 4. Du hast vier Säuglinge, um die du dich kümmern musst, die du wickeln musst und baden und füttern. Da wird es schon schwierig, auch mit emotionaler Zuwendung, also Trösten auf den Arm nehmen und vielleicht noch spielen. Im Raum Dresden war der offizielle Betreuungsschlüssel 1 zu 5. Und alles, was ich so gelesen habe, deutet darauf hin, dass dieser Betreuungsschlüssel aber nur auf dem Papier stand und nie eingehalten wurde. Und man geht davon aus, dass aufgrund von Personalknappheit es eher doppelt so viele Kinder waren, die betreut wurden von einer. Also 1 zu 8 ist eher realistisch, wenn nicht sogar mehr.
SPEAKER_01Woher weiß man das eigentlich?
SPEAKER_00Also es gab in den Jugendämtern gibt es Unterlagen, es gibt im Gesundheitsministerium Unterlagen, es gab ja auch Studien, die damals durchgeführt wurden, es gab auch Leute, die so für eine Zeit dort Arbeiten geschrieben haben über die Betreuung. Und es gibt nicht viele, aber es gibt ein paar Bücher, die haben wir beide gelesen. Alles, was es so gibt an Filmen, haben wir uns angesehen, alles, was es im Internet gibt in Informationen, haben wir aufgesaugt. Und man ist, glaube ich, in der Aufarbeitung noch am Anfang, aber das, was es so gibt, ist.
SPEAKER_01Ja, es gibt relativ wenig, aber das mit dem Betreuungsschlüssel ist, glaube ich, noch relativ gut dokumentiert, weil damals waren die Gesundheitsämter dafür zuständig. Also die Wochenkrippen unterstanden den Gesundheitsämtern und da gibt es noch oder gab es noch Akten, die mussten halt 30 Jahre aufbewahrt werden und die waren Grundlage für die Forschung, die bisher stattgefunden hat. Also das, was man darüber weiß, weiß man tatsächlich aus den Akten der DDR. Also das ist jetzt nicht nur quasi Erzählung oder Hörensagen, sondern speist sich aus den Quellen.
SPEAKER_00Was mich richtig schockiert hat, war eine Zahl, die ich mal gelesen habe, dass es eben, ich glaube, 19 Minuten pro Erzieherin und Kind Zeit gab am Tag für individuelle Betreuung. Also jetzt nicht wickeln oder auf den Topf setzen oder so, sondern eben die Zeit war, ein Kind vielleicht zu streicheln oder, keine Ahnung, die Nägel zu schneiden oder mit dem Bilderbuch anzugucken. Und wenn das Kind jetzt zu Hause war, selbst wenn man nicht viel Zeit hat und wenn man nicht besonders einfühlsam war oder so, aber es ist natürlich, glaube ich, deutlich mehr Zeit, die ein Vater oder eine Mutter mit dem Kind verbringt als seiner Zierin. Selbst wenn es sich Mühe gibt, ist das einfach mit bestem Willen nicht vergleichbar.
SPEAKER_01Ja, das war halt ein anderer Fokus, den die da hatten. Also es ging nicht um individuelle Betreuung, sondern es ging im Wesentlichen um satt und sauber. Und es gab halt sehr strikte Pläne, alles war sehr durchgetaktet. Also es war sowas wie sechs Uhr wickeln, sechs Uhr 30 Uhr Flasche, sieben Uhr spielen in Box. Und spielen in Box, also das galt dann eben auch schon für Säuglinge. Null bis sechs Monate. Spielen in Box hieß dann, dass die nicht in ihrem Gitterbettchen einzeln lagen, sondern dass die eben zu mehreren Babys in so eine größere Box gelegt wurden und dann wurde da halt abwaschbares Spielzeug reingegeben und die waren sich wieder selbst überlassen. Also diese 19,4 Minuten, glaube ich, waren das statistisch, die so ein Säugling an persönlicher, in Anführungsstrichen, Zuwendungszeit hatte. Die waren, soweit ich das verstanden habe, noch nicht mal Spielzeiten, sondern das waren wirklich so Eins zu eins Zeiten im Sinne von Wickeln und Versorgen. Aber noch gar nicht unbedingt Spielen. Ich habe sogar in der Doktorarbeit von der Heike Liebsch, deren Buch wir ja auch gelesen haben in Vorbereitung auf diese Sendung, von einer Erzieherin gelesen aus der Zeit damals, die berichtet hat, die waren ganz jung damals, also junge Erzieherinnen, die kamen da frisch von der Schule und hatten so Mitgefühl mit den Babys, die da in der Box lagen und wollten die halt rausholen und mit denen spielen. Und dann haben die regelmäßig Ärger dafür gekriegt, weil die älteren Erzieherinnen halt gesagt haben, ihr verwöhnt die. Also lasst die da drin liegen, nehmt die nicht raus, sonst wären die zu anspruchsvoll. Und dann haben die das heimlich gemacht. Also die hatten da Mitleid mit den Kindern und haben das trotzdem gemacht, das war aber nicht gut gelitten. Also das heißt, es ging gar nicht um dieses Streicheln, Spielen, Hopsassa, sondern es ging um hygienisch einwandfrei versorgen.
SPEAKER_00Jetzt wird der ein oder andere vielleicht sagen, ist doch gar nicht schlecht. Wenn die Kinder da zusammen in der Box liegen und miteinander spielen. Zu Hause wäre das Kind jetzt alleiner und würde sich langweilen. Das ist doch gut. Das kriegt Anregungen und lernt von den anderen Kindern.
SPEAKER_01Ja, so Säuglinge in dem Alter können sich noch nicht so gegenseitig anregen. Die sind schon noch darauf angewiesen, dass das eine erwachsene Bezugsperson macht, die das auch bewusst tut, also die bewusst Anregungen gibt. Ansonsten sind die sich da im Wesentlichen selbst überlassen. Und das geht schon eine Weile gut, aber die Kinder da in der Wochengrippe, die waren den ganzen Tag sich selbst überlassen. Also die lagen halt entweder einzeln in ihren Gitterbetten oder eben bestenfalls zusammen. Wobei, wenn man das mal erlebt halt, so ganz kleine Kinder miteinander, die gehen nicht wirklich aufeinander ein, die nehmen nicht wirklich Bezug aufeinander. Ich weiß nicht so genau, wann das losgeht, aber ich würde mal sagen, unter einem Jahr ist das sicherlich.
SPEAKER_00Ich meine mal gelesen zu haben, ab einem Jahr setzt diese Interaktion überhaupt erst ein. Ich habe mal ein Interview mit einem ehemaligen Wochenkind geführt, wo sie erzählt hat, sie könnte heute noch mit über 50 den ganzen Tag im Bett liegen. Und sie hat sich eben gefragt, ob das eine mögliche Spätfolge gewesen ist, weil die Wochenkrippenkinder einen Großteil der Zeit einfach im Bett gelegen haben.
SPEAKER_01Das wird, also ich kenne so eine Gedanken, solche Ideen, das wird man nie eins zu eins beweisen können. Es ist schwierig, da die Beweisführung anzutreten. Aber was sicher ist, ist, dass sehr viele der ehemaligen Wochenkinder heute Schlafstörungen haben. Ich bin auch so eine. Also ich habe bis heute Probleme, damit ins Bett zu gehen. Ich finde das gruselig. Ich finde, ich mag das nicht. Ich versuche das heute noch rauszuzögern, soweit es geht. Und ich schlafe auch extrem schlecht. Wie ist es denn bei dir?
SPEAKER_00Mal so, mal so. Da weiß ich nicht, ob ich mich unterscheide, da, ob das wirklich eine Spätfolge ist. Aber ich glaube, Strukturen mag ich und das ist vielleicht auch eine Folge dieser getakteten Tagesstruktur. Also die ja nicht so flotend ist wie vielleicht zu Hause, sondern eben dieses Strenge, das haben die ja an der Ausbildung gelernt, die Erzieherinnen, und dann wirklich um sechs ging das los in einem Viertelstunden-Takt. Und die haben sich auch daran gehalten, füttern und auf den Topf und also das möglicherweise so, dass man, um sich daran festzuhalten, eine eigene Struktur im Leben zu haben, das ja.
SPEAKER_01Ja, ich hatte da auch neulich ein ganz interessantes Erlebnis. Wir haben so einen Workshop gemacht mit den Wochenkindern, da warst du ja auch dabei, mit einer Trauma-Expertin, also mit einer Person von außen sozusagen. Und die hat dann festgestellt, das fand sie sehr erstaunlich, dass wir als eben ehemalige Wochenkinder sehr extrem diszipliniert waren. Also wir haben uns sehr, sehr diszipliniert von selber an alle Zeiten gehalten. Wir waren super pünktlich da, wir saßen ganz pünktlich auf den Plätzen, waren dann auch ganz konzentriert und haben dazu gehört, haben alle Pausen super pünktlich eingehalten. Das ist ihr aufgefallen, weil die macht halt sonst auch ganz viele Workshops mit anderen, also in nicht so einem Wochenkrippenkontext. Und sie fand es sehr beeindruckend und hat es auch in Beziehung gesetzt dazu, dass wir sehr daran gewöhnt sind, uns in einer Gruppe und in Strukturen zu bewegen, also gut dressiert.
SPEAKER_00Ich würde gerne nochmal an den Punkt zurückgehen. Du hast gesagt, dir ist es bewusst geworden, als dein Kind sechs Wochen alt war, wie absurd das ist, das Kind jetzt dann eine Woche abzugeben. Was hat das mit dir gemacht? Und wie bist du dann, hast du das angesprochen oder wie ging das dann weiter?
SPEAKER_01Damals habe ich das nicht weiter bearbeitet. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das damals schon thematisiert hätte, großartig mit meinen Eltern. Also ich habe vielleicht meine Mutter schon mal gefragt, aber ich bin da nicht so tief in das Thema eingestiegen. Was aber, glaube ich, damit zu tun hatte, das kennt wahrscheinlich auch jeder, der kleine Kinder zu Hause hat. Ich war erstmal mit Überleben beschäftigt, also mit den Kindern und mit dem Job. Ich habe eigentlich erst angefangen, wirklich tiefer in das Thema einzusteigen, als meine Kinder aus dem Haus waren und als Luft war für sowas. Das habe ich aber von anderen auch gehört, dass das so eine Weile gedauert hat, bis die da dichter rangegangen sind. Wie war es dann bei dir?
SPEAKER_00Mir ist gar nicht am Anfang gleich klar geworden, aber natürlich war es eben der Punkt, als ich Vater geworden bin, wo ich zum ersten Mal darüber nachgedacht habe. Und dann, als die Entscheidung anstand, das Kind in die Wochen, also nicht in die Wochenkrippe, sondern in die Tageskrippe zu geben. Und da war die aber schon fast zwei. Und dann hatte ich da so extreme Probleme damit. Und dann hat man ja eine Woche Eingewöhnung gemacht und das war ja auch nur tagsüber. Und trotzdem habe ich mich wahnsinnig schwer damit getan. Und dann ist mir eben klar geworden, ah, okay, wie, wie, wie komisch das eigentlich ist, das eine ganze Woche abzugeben und war das nicht auch für meine Eltern komisch? Und dann habe ich angefangen, das zu hinterfragen. Und bei meinem zweiten Kind, was achteinhalb Jahre jünger ist, dann nochmal stärker. Also es war so ein abgestufter Prozess, immer mal wieder sich damit zu beschäftigen, immer mal wieder mit den Eltern auch darüber zu reden. Und die haben schon auch Fragen beantwortet. Aber es ist jetzt auch nicht ihr Lieblingsthema. Aber ich bin ihnen trotzdem dankbar, weil ich ja weiß mittlerweile, dass viele Wochen Kinder das gar nicht wissen, weil es ihnen von den Eltern verschwiegen wird. Oder die Eltern reden gar nicht darüber. Manche erfahren das irgendwie dann so kurz vor dem Tod der Eltern zufällig. Oder es führt zu Streit, richtigen Verwerfungen.
SPEAKER_01Manche erfahren es auch erst nach dem Tod der Eltern, indem sie die Unterlagen durchgehen und dann plötzlich Dokumente finden, in denen das auftaucht.
SPEAKER_00Du hast das Stichwort geliefert. Wie kann man das rausfinden? Oder woraus kann man das sehen, dass ich in der Wochenkrippe war?
SPEAKER_01Aus dem Impfausweis zum Beispiel. Also wenn es Impfausweise noch gibt aus der Zeit, dann lohnt es sich da mal nachzuschauen, weil die Einrichtungen auch die Impfungen vorgenommen haben oder vornehmen lassen haben. Und wenn man in der Wochenkrippe war, dann finden sich da Einträge aus dieser Zeit.
SPEAKER_00Und dann steht im Stempel die Adresse der Einrichtung auch mit gleich drin, wenn dann weiß man auch, wo man war, sozusagen, ne? Genau. Das heißt, normalerweise sind ja die gehen die Eltern zum Arzt und dann steht das im Impfausweis der Stempel von dem Arzt und dort hat es die Einrichtung gemacht, weil die Einrichtung alle eine feste Ärztin hatten, die, glaube ich, einmal die Woche vorbeigekommen ist, die Kinder untersucht hat, die Krankenkinder angeguckt hat, weil die kranken Kinder auch nicht automatisch nach Hause gekommen sind, oder?
SPEAKER_01Ja, Krankheit ist so ein ganz spezielles Thema. Also es gibt da mehrere Geschichten zu. Also zum Beispiel ein Wochenkind, das ich auch persönlich kenne, erzählt, dass er in dem Falle, es war ein Er, es ist ein Er öfter krank war und dass er betrachtet es heute als seine Ausstiegsvariante. Er sagt halt, er ist sein, das war sein Fluchtweg, also er ist häufig krank geworden und dann mussten ihn seine Eltern rausnehmen aus der Wochenkrippe und er war dann bei seiner Oma. Institutionell war das aber anders gedacht. Also es gab schon sehr früh Isolierzimmer, weil man wollte die Mütter im Arbeitssystem halten. Also die sollten jetzt nicht ausfallen, dadurch, dass das kranke Kind da die Mutter wieder zurückfordert und die Eins-zu-Eins-Betreuung da möchte. Deswegen hat man halt Isolierstationen aufgebaut. Es gab auch so eine Fälle, dass man dann kranke Kinder in Krankenhäusern untergebracht hat. Also man hat dann Stationen eingerichtet oder Gelegenheiten geschaffen, in ganz normalen Krankenhäusern diese Kinder zu betreuen.
SPEAKER_00Was ein wichtiger Punkt ist, wenn man sich klar macht, dass kleine Kinder ja generell häufig krank sind. Aber Wochenkrippenkinder, je nach Statistik, viel, viel häufiger krank waren. Also ich habe was gelesen von 153 Tagen im Schnitt. Das heißt, da ist es ja durchaus relevant. Bei, ich glaube, in der Spitze gab es über 39.000 Plätze in der Wochengrippe. So und so viel Prozent sind dann die Hälfte des Jahres krank. Und da ist ja schon Unterschied, sind die Mütter jetzt dann doch alle zu Hause und arbeiten nicht. Also so hat die DDR tatsächlich, habe ich mal gelesen, auch gerechnet. Die haben sich da Statistiken gemacht, wie viele Bruttoarbeitsstunden die Mütter ausfallen, was für ein wirtschaftlicher, volkswirtschaftlicher Schaden das ist, wenn die ihre Kinder zu Hause betreuen würden. Und deswegen kam man dann auf die Idee, zum Beispiel Isolierzimmer einzurichten und auch großflächig Medikamente einzusetzen. Also generell wurden ja, glaube ich, Antibiotika, da wurde ja damit um sich geschmissen.
SPEAKER_01Das ist dokumentiert, genau. Was nicht dokumentiert ist, ist, ob auch irgendwelche Beruhigungsmittel, Schlafmittel und so weiter verabreicht wurden. Das ist auch so eine Frage, die uns Wochenkinder umtreibt, weil damit war man ja auch sehr großzügig. Also man weiß das aus den Wochenheimen mittlerweile, dass das eingesetzt wurde. Ob das in den Wochenkrippen so war, weiß man nicht, aber es ist anzunehmen, dass es die gleiche Schematik da hatte wie in den Kinderheimen.
SPEAKER_00Also ich hatte mich auch über viele Jahre immer mal wieder damit beschäftigt und dachte eigentlich sehr viel zu wissen über diese Problematik und bin dann irgendwann das erste Mal bei der Selbsthilfegruppe gewesen und war völlig schockiert, dass es eben noch so Punkte gibt, die ich nicht kannte. Und dieser mögliche Tabletteneinsatz war eben einer davon, dass das viele Wochen Kinder beschäftigt. Und es ist ja auch so naheliegend. Ich meine, in der Altenpflege werden heute noch Beruhigungsmittel und Psychopharmaka eingesetzt. Warum sollen die vor 50 Jahren, wo man das eh alles noch so ein bisschen lockerer gesehen hat und auch zum Beispiel im Sport, in der DDR ist ja bekannt, Doping war also völlig an der Tagesordnung, warum sollen die, wenn die genervt waren bei einer Betreuung von 1 zu 10 und nicht wussten, wo ihnen der Kopf stand vielleicht, das nicht gemacht haben?
SPEAKER_01Man kennt es ja auch denen aus dem privaten Bereich, ne? Also ich kenne auch Erzählungen, also noch als meine Kinder so Babys waren, hat man ja von den älteren Leuten gerne den Tipp bekommen, mach dem doch ein bisschen Baldrian oder mach dem ein bisschen Rotwein oder irgendwas an den Nuckel und beruhige das Kind. Ich weiß von meinen Eltern zum Beispiel auch, dass die abends mal ausgegangen sind und mir irgendwelche Baldrian-Tropfen oder ich weiß nicht, was die mir da verabreicht haben, irgendwelche Beruhigungsmittel verabreicht haben. Hat bei mir leider den gegenteiligen Effekt gehabt, hat mich nicht beruhigt. Ich stand dann schreiend im Bett. Aber ich meine damit, das war auch, ja, das war jetzt auch nicht so verpönt zu der Zeit, wie es heute vielleicht ist. Insofern, ich gehe auch stark davon aus, dass das was war, was man eingesetzt hat.
SPEAKER_00Was mich auch völlig schockiert hat, war der mir unbekannte Umstand, dass Kinder fixiert wurden. Teilweise auch tagsüber, aber vornehmlich nachts. Was weißt du darüber?
SPEAKER_01Ich habe da das erste Mal erfahren auf dem Symposium in Rostock, was 2023 stattfand, wo das erste Mal so wissenschaftliche Ergebnisse, Forschungsergebnisse vorgestellt wurden. Da wurde dann auch berichtet von einem Fall, ich glaube, der ist aus den späten 50er Jahren, wo ein Kind gestorben ist aufgrund dieser Fixierung. Also, das hat es gegeben, definitiv. Das war auch der Not geschuldet quasi. Man hatte ja für die Nachtbetreuung nicht so viel Personal. Das hat man in der Folge 1 ja schon mal kurz angerissen, dass da eben erstens kein Fachpersonal war und zweitens auch sehr viel weniger Personal da war. Das heißt, man wollte die Kinder davor schützen, aus dem Bett zu fallen und hat das halt getan, indem man die angebunden hat, indem man die fixiert hat. In diesem beschriebenen Fall, in diesem Fall, wo der kleine Junge da zu Tode gekommen ist, hat es halt auf eine schreckliche Art und Weise geendet. Man hat dann das so ein bisschen abgeschwächt und offiziell sollte eigentlich nicht weiter fixiert werden, wurde aber trotzdem. Also das ging bis in die Anfang 70er Jahre auf alle Fälle.
SPEAKER_00Ich glaube, das ist ganz gut dokumentiert worden. Es gibt ein Buch, was vor ein, zwei Jahren erschienen ist, ich glaube von Florian von Rosenbaum von der Uni Erfurt, die beschädigt die Kindheit. Die hat die Akten gewälzt der Generalstaatsanwaltschaft, die sich eingeschaltet hatte. Und die Kinder wurden mit Lederriemen an den Handgelenken festgebunden an den Gitterbetten. Und das Kind hat sich quasi selbst stranguliert beim Umdrehen. Und die Konsequenz war dann, dass man nicht die Fixierung aufgegeben hat, sondern die Kinder wurden anders fixiert, damit sie sich nicht mehr selbst erwürgen können, nachts.
SPEAKER_01Naja, man hat dann so eine Windel genommen und die irgendwie gefaltet und da einmal über das Bettdeck geknotet.
SPEAKER_00Genau, nicht weil man bösartig war, sondern weil man Angst hatte, ein Kind kann ja, sagen wir mal, mit einem Jahr kann es ja schon laufen und dann kann es natürlich theoretisch aus dem Bett klettern. Und wenn nachts nur der Hausmeister ist für 90 Kinder, dann ist es natürlich gut, wenn die Kinder nicht irgendwie rausklettern oder dann vielleicht noch rausfallen. Also man hat ja Angst, dass sie sich selber verletzen auch. Aber ich weiß nicht, ich glaube, zu Hause wird man eher selten als Baby angebunden von seinen Eltern. Also das hat mich schon sehr schockiert, muss ich zugeben. Ja. Und den eigenen Eltern war das wahrscheinlich auch nicht bewusst, weil die konnten nie in die Einrichtung. Nachts waren sie auch nicht da. Also, und das haben die eben einfach schlicht nicht gewusste.
SPEAKER_01Was auch eine komische Vorstellung ist, ne? Also, das sind alles so Sachen, die mich dann beschäftigt haben, als ich selber Kinder hatte. Ich habe zum Beispiel akribisch, bevor ich mein Kind weggegeben habe in eine Einrichtung, also meine Kinder waren zwei Jahre alt, als sie dann in den Kindergarten gegangen sind. Ich habe mir ganz viele Kindergärten angeschaut vorher, habe die Erzieherinnen interviewt und denen so Testfragen gestellt. Deswegen finde ich das eine ganz absurde Sache, dass unsere Eltern diese Räume da nie betreten haben, in denen wir als Kinder waren, von Montag bis Freitag. Das finde ich super absurd. Aber ja, es war so. In der Regel war das so. Die Eltern haben die Kinder vor der, also manchmal sogar draußen. Die Erzieherinnen sind oft auch rausgekommen, haben die draußen in Empfang genommen, oder es gab halt so einen Übergaberaum, in dem die Eltern die Kinder abgegeben haben. Ja, und die waren nie in den Räumen, haben die nie gesehen.
SPEAKER_00Ich habe aber auch mal gelesen, dass meine Zeit damals so ein bisschen davon ausging, dass in den ersten drei Monaten das Kind eh nichts mitkriegt.
SPEAKER_01Ja, hat man gedacht damals.
SPEAKER_00Also die Zeit war einfach anders. Ich glaube, heute weiß man, wie wichtig die Zeit ist, dass alles zum ersten Mal im Gehirn verknüpft wird.
SPEAKER_01Ja, wobei, man musste auch unterscheiden. Also es gab jetzt diese Frau Schmidt-Kollmer, die ja ganz führend war in dieser ganzen Wochenkrippenbewegung. Das war da die führende Wissenschaftlerin, die das auch immer wissenschaftlich begleitet hat mit Studien. Die hat schon von Anfang an in ihren Studien herausgefunden, dass den Kindern das schadet. Das wusste man. Und das war für mich wirklich auch der größte Schock in dieser ganzen Beschäftigung mit dem Wochenkrippenthema, dass alle Institutionen, die damit beschäftigt waren, also alles, was System war, alles, was Struktur war, alle Stellen, die da von Amts wegen involviert waren, die wussten, dass das schädlich war und trotzdem wurde es gemacht. Dass die Privatmenschen, also die einzelnen Eltern, die Bevölkerung, dass die das nicht so unbedingt wussten, das will ich gerne glauben. Das sei jetzt mal einfach so angenommen. Aber was ganz klar bewiesen ist, ist, dass die Institutionen das wussten. Denen war das klar. Also, denen war auch klar, dass es nicht egal ist, was da von Monat 1 bis Monat drei passiert.
SPEAKER_00Wir haben uns mal in einer Selbsthilfegruppe mit einer ehemaligen Ärztin, die so eine Wochengrippe betreut hat, unterhalten. Und dann hat sie eben so gesagt, wie das so viele machen, die damit beschäftigt waren. Euch ging es da ganz gut, ihr seid da sehr gut untergebracht gewesen. Es hat euch nicht geschadet. Und dann hatte sie aber gleichzeitig erzählt, dass ihr ihr eigenes Kind zum Glück nicht in die Wochengrippe geben musste. Und dann habe ich sie gefragt, ja, wieso denn eigentlich zum Glück, wenn es uns da so gut ging? Ja, das wusste doch jeder, dass das eigentlich schädlich ist. Also die, die sich damit beschäftigt haben, denen war das schon klar. Und ich glaube, diese Schmidt-Kollmer, die ersten Forschungsergebnisse sind ja dann alle in der Schublade verschwunden. Sie ist sogar, glaube ich, versetzt worden und hat sich dann eher mit anderen Dingen beschäftigt. Und die Konsequenz war ja auch nicht, die Wochenkrippen abzuschaffen, sondern sie zu verbessern.
SPEAKER_01Ja, wobei verbessern dann hieß also, Frau Schmidt-Kollmers Schlussfolgerung war dann, die Kinder müssen mehr Anregungen bekommen. Also man hat dann festgestellt, zum Beispiel, dass die sich in der Außenwelt auch viel schlechter orientieren können. Also dass die gar nicht so richtig wissen, was ist denn ein Bäcker, was ist denn ein Kran, was ist denn ein Baufahrzeug. Also die waren halt quasi sehr, hatten sehr wenig Eindrücke von außen. Und ihr Lösungsvorschlag war dann, das zu ändern. Also die Erzieher sollten die quasi mehr in die Außenwelt durch die Außenwelt führen. Die Schlussfolgerung war nicht, die brauchen jetzt mehr Elternkontakt oder mehr Eins zu eins Bindung.
SPEAKER_00Nilia, hinter uns steht Ungehalten. Das ist der Titel unseres Podcasts. Warum haben wir uns den überhaupt gegeben? Warum heißen wir so?
SPEAKER_01Weil wir als Kinder ungehalten waren im Sinne von nicht gehalten, nicht im Arm gehalten. Und weil wir als Erwachsene ungehalten darüber sind, im Sinne von wütend, enttäuscht, voller Groll.
SPEAKER_00Genau, sehr schön. Diese Doppeldeutigkeit sozusagen auf der einen Seite der fehlende Körperkontakt, was ja so vielleicht mit dem Hauptmanko der Unterbringung der Wochengrippe war und der entscheidende Unterschied, ne? So zum fehlende Körperkontakt zur ersten Bezugsperson, was meistens die Mutter war. Und den Folgen für unser heutiges Leben selbst 40, 50, 60 Jahre später uns das immer noch beschäftigt und eben auch charakterlich sich manchmal bahnbrechen kann.
SPEAKER_01Ja, wir ungehalten sind darüber. Genau.
SPEAKER_00Aber jetzt sind wir hier ganz zivilisiert und sachlich.
SPEAKER_01Warst du denn mal an dem Ort des Geschehens? Warst du mal in deiner alten Wochenkrippe?
SPEAKER_00Tatsächlich, nach langer Zeit war ich vor einem halben Jahr oder so mal da, bin ich hingefahren. Es war eine alte Villa in Leipzig-Leutsch. Überhaupt waren Wochenkrippen ja häufig in so Villen untergebracht am Anfang, weil man solche großen Gebäude brauchte, bevor man sie eben quasi selber bauen konnte, hat man die vorhandene, die den Krieg überstanden haben, irgendwie genutzt. Und dann habe ich da draußen gestanden und habe erstmal gar nichts wiedererkannt. Also ich kannte die Adresse, okay, aber gut, das war jetzt hier, hat nichts in mir ausgelöst. Und dann kam jemand und hat sein Fahrrad angeschlossen und ich habe ihn gefragt, wohnen sie hier? Ja, ja. Und habe ihm erzählt, es war ja meine Wochengrippe, ja, ich weiß. Und darf ich mal kurz rein, okay, und kurz. Und dann bin ich in dieses Haus rein und hab das, und das hat mich körperlich angefasst. Tatsächlich war da so alte Holzvertäfelungen, dunkel und es kann ja gar nicht sein. Ich war ja so jung, aber ich hatte das Gefühl, was wiederzuerkennen und auch körperliche Reaktionen zu haben. Und ja, der Mann hat mir dann irgendwie erzählt, dass das Haus jetzt Kalbflaume gehört, als und als ob das irgendwas zur Sache tut. Der hat das gar nicht verstanden, warum ich das emotional anfasste und meinte dann nach ein paar Minuten, er hätte jetzt auch zu tun und ich sollte wieder rausgehen. So dass ich mir gar nicht getraut habe, da ein Foto zu machen, was ich im Nachhinein total bereut habe. Aber ja, das hat so sehr viel mehr ausgelöst, muss ich zugeben. Ja. Warst du mal da?
SPEAKER_01Ich schiebe das vor mir her. Nee, ich war noch nicht wieder da. Ich habe das mir schon seit ein paar Jahren vorgenommen, das mal zu machen. Aber irgendwie, ja, kommt es nicht dazu, obwohl das gar nicht so weit weg ist. Also ich war in Treuenbriezen in der Wochenkrippe. Das wäre jetzt, weiß ich nicht, vielleicht eine halbe Stunde entfernt mit dem Auto von dem Ort, wo ich jetzt wohne. Also das wäre durchaus schnell mal machbar, aber ich habe es noch nie gemacht. Ich habe allerdings mal recherchiert, wo das genau war und habe eine Erzieherin tatsächlich ausfindig gemacht, die auch damals schon da gearbeitet hat und hatte mich mit der sogar schon mal locker verabredet, um mich mit der zu treffen, aber auch das schiebe ich so ein bisschen vor mir her. Also ja, ist schwierig, aber ich habe mir das vorgenommen, ich mache das.
SPEAKER_00Das ist ja auch was Typisches, glaube ich, dass man auf der einen Seite alles wissen möchte dazu und auf der anderen Seite, dass sie einem auch schwerfällt und man das immer wieder vor sich her schiebt, oder?
SPEAKER_01Ja. Mir geht es zum Beispiel auch so mit den Fotos. Ich weiß nicht, wie ist denn das bei dir, wenn du so Fotos aus der Zeit siehst, Säuglingsfotos oder Fotos, wo du ein kleines Kind bist. Was denkst du da?
SPEAKER_00Schwierig. Also meine Mutter hat mir im Zuge unserer Auseinandersetzung, also ich bin ja sehr dankbar, dass sie sich dem nicht verweigert, dass sie, dass sie da mit mir im Gespräch ist und mir auch Informationen gibt. Das finde ich ja erstmal schon gut, dass man mit ihr darüber reden kann, dass sie die Fotos raussucht, dass sie Entwicklungsbögen rausgesucht hat. Das kann man ja vielleicht gleich nochmal erklären, was das ist, aber da hat sie ihm eben auch so ein Fotobuch gemacht. Und was ich nur problematisch finde, ist, wenn ich das so durchblättere, wenn sie mir dann damit sagen will, du warst doch eigentlich ganz fröhliches Kind, weil ich auf dem Foto lache zum Beispiel. Oder ne? Und man weiß gar nicht mehr, warum laufe ich jetzt lachend auf die Kamera zu. Meistens hat mein Vater die Fotos gemacht. Also damals hatte ja noch nicht jeder ein Handy und konnte irgendwie Fotos machen, sondern es war ja noch was Besonderes. Und er machte eben Fotos, hat er nach eigenen hat ja auch selber entwickelt und so. Deswegen gibt es recht viel. Ja, das ist ja ambivalent, ne? Also es gibt lachende Fotos, aber ich weiß, es gibt auch welche, wo ich weine. Auch da ist es natürlich übertrieben, jetzt irgendwas reinzuinterpretieren, warum ich da jetzt geweint habe. Es kann auch einfach gewesen sein, weil die waren nie richtig zusammen, meine Eltern. Und wenn dann mein Vater da war und wieder gegangen ist, dann habe ich zum Beispiel auch immer geweint. Und also das muss jetzt gar nicht irgendwie was mit Wochenkrippe oder so zu tun gehabt haben. Und da jetzt rein zu interpretieren, ich war glücklich oder nicht als Kind, das ist schwierig, aber wenn ich mir vorstelle, okay, so sah ich aus und da in dem Alter war ich jetzt in der Wochenkrippe, also ich schiebe den Gedanken einfach weit weg. Kann ich mir gar nicht so, mag ich mir gar nicht so genau ausmalen, lieber.
SPEAKER_01Bei mir ist es so, dass ich immer vermieden habe, mir diese Fotos anzugucken. Ich gucke mir die nicht gerne an. Also ich hatte sogar diese Familienalben so aus den ersten Jahren eine Zeit lang bei mir zu Hause. Also bei uns gibt es sie nicht doch doppelt. Ich habe die nicht selber, sondern eigentlich gehören die meinen Eltern sozusagen. Aber ich habe mir die mal mitgenommen und dann lagen die aber ewig lange in meinem Regal. Und ich wusste, dass die da sind und bin da aber nicht so richtig rangegangen. Also auch da wieder, ich habe irgendwie so eine Scheue davor, weil ich irgendwie Angst habe oder mich grusele von dem, was da an Gefühl in mir aufsteigt. So von ganz unten.
SPEAKER_00Auch da ein anderes Wochenkind, mit dem ich ein Interview geführt habe, die hat alle ihre Fotos aus der Zeit verbrannt oder vernichtet. Es gibt, glaube ich, nur noch eins und das ist zerknittert. Also das ist schon für viele auch ein sehr schwieriges Thema, dann sich damit nochmal auseinanderzusetzen.
SPEAKER_01Du hast vorhin erwähnt, dass deine Wochenkrippe in einer Villa untergebracht war und dass dann später aber andere Einrichtungen oder andere Gebäude oder ähnliches dafür gebaut wurden. Weißt du da mehr drüber?
SPEAKER_00Na, die Villen, soweit ich es gelesen habe, waren ja nur eine Notlösung, weil die eben schon da waren. Und dann hat man eben, wenn man eh neu gebaut hat, also gab ja diese DDR-Modellstätte Leipzig-Grünau oder Halle-Neustadt und Eisenhüttenstadt, was alles gab, schwebt. Dann hat man so einen richtigen Gebäudetyp entwickelt für diese Wochenkrippen, wo einzelne Gruppen ein Gebäudeteil hatten, wo eben einen Gruppenraum gab, einen Schlafraum, ein Isolierzimmer, einen Aufenthaltsraum für die Erzieher. Und dann war das so angebracht, dass in der Mitte dann war so eine Art Hof oder eben wie so eine Art Spielplatz, Freifläche, wo die Kinder dann im Kinderwagen rausgestellt werden konnten, ohne wegzukommen, oder wo die Kinder eben auch frei rumlaufen konnten. Und man konnte diese einzelnen Teile, Gebäudeteile aber auch isolieren, wenn jetzt zum Beispiel mehr als ein Kind krank war oder sich immer eine ansteckende Krankheit in der Gruppe ausgebreitet hat, dann konnte man diese Gruppe auch isolieren, gut. Und ansonsten waren die aber auch offen, sodass die eben auch, dass wir eben auch Arzieher für zwei Gruppen zuständig waren. Und ich habe den Namen jetzt nicht mehr parat, aber da gab es einen richtigen Gebäudetyp mit Bezeichnungen und so Plattenbau, der dann so noch, es war so flach, also war halt nur einstöckig gebaut wurde. Und ich weiß jetzt nicht, wie oft das umgesetzt wurde, aber ich weiß, einige stehen wohl auch noch in Halle Neustadt. Auf jeden Fall. Da hat ja auch ein Wochenkind dann Fotos gemacht und in der Ausstellung, die es gegeben hat, kann man die sich ansehen. Ja, steht jetzt leer, Graffittis drin.
SPEAKER_01Du hast gerade erwähnt, die Entwicklungsbögen.
SPEAKER_00Hast du eigentlich auch welche?
SPEAKER_01Nee, also es muss ja welche gegeben haben, weil das war ja das Standard Kommunikationsmittel, aber meine sind nicht erhalten. Gibt es deine noch?
SPEAKER_00Meine gibt es tatsächlich noch und ich dachte, alle Wochenkinder haben die, aber ich merke an den Reaktionen, dass das eben offenbar selten ist. Die meisten haben die entweder nicht mit nach Hause bekommen oder die Eltern haben die vernichtet oder ob bewusst oder unbewusst. Aber dadurch, dass die Eltern ja die ganze Woche lang nichts mitbekommen haben, ja, also man muss sich klarmachen, die Mutter, die Mütter und die Väter haben nicht mitbekommen, wann ist der erste Zahn gekommen, wann hat mein Kind laufen gelernt oder sitzen oder was war das erste Wort. Und also all diese ganz wichtigen Dinge, die heute so ins Tagebuch schreiben würde oder sich gegenseitig erzählen würde, das haben die nicht mitbekommen. Und um diese Kommunikation zu halten zwischen Erziehern und Eltern, gibt es diese Entwicklungsbögen, wo man dann auch so wie so eine Art Muttiheft eben reinschreibt, was in der Woche passiert ist, und dann eben standardisiert auch alle drei Monate den Entwicklungsfortschritt aufnimmt. Also was kann das Kind? Also es waren ganz klare Fragen, die wurden allen gestellt und jetzt wurde dann der Test wurde gemacht, kann es die Farben unterscheiden oder kann es zählen oder was weiß ich, kann es mit dem Löffel essen und dann Ja, nein, angekreuzt wurde oder so. Und das wurde mitgegeben.
SPEAKER_01Das war so quasi das Protokoll der Kindheit.
SPEAKER_00Im Prinzip, ja. Also da steht dann zum Beispiel bei mir drin, Alexander muss noch lernen, mit dem Löffel zu essen oder muss lernen, sauber zu werden, oder unbedingt Bilderbücher anschauen mit Alexander, weil er kann auch nicht sprechen und hinkt sozusagen der Entwicklung hinterher. Das war schon auch ein bisschen schockierend, das zu lesen, muss ich zugeben. Also man war damals auch sehr hart im Urteil und klar in der Ansage. Und für die Eltern war das natürlich auch, glaube ich, Gesetz, die haben das ja auch nicht hinterfragt. Also die Erzieher waren auch Autoritäten.
SPEAKER_01Ja, das war auch so gemeint, ne? Die haben das auch deswegen so protokolliert und an die Eltern kommuniziert, weil sie erwartet haben, dass die Eltern das, was da in der Grippe gemacht wird, genau so fortführen. Also die Eltern sollten sich zu Hause auch genau an diesen Rhythmus halten. Die sollten das so übernehmen am Wochenende, wenn die Kinder da bei ihnen waren, damit die Kinder nicht rausgerissen werden aus dem Muster, damit die halt weiter so reibungslos funktionieren. Das war auch eine Intention von den Heften. Was man immer mal so wieder hört, was gerne von außen auch so angetragen wird, ist dies: das hat dir doch nicht geschadet, ne? Das hat dir doch nicht geschadet, so untergebracht worden zu sein oder einer Wochenkrippe gewesen zu sein, aus dir ist doch was geworden. Oder auch dieser Vorwurf, jetzt wollen sie alles aus der DDR-Zeit niedermachen. Wie geht es denn dir damit, wenn du sowas hörst?
SPEAKER_00Wenn du das jetzt so sagst, bin ich ganz entspannt, aber ich weiß, dass mich das wahnsinnig aufregen kann. Wenn so Artikel erscheinen zur Wochenkrippe, ist ja eher selten. Aber wenn, dann ist das was, wenn das auf Facebook gepostet wird oder per Instagram, dann zieht das Hunderte, wenn nicht gar tausend Kommentare nach sich. Und da kann man sehr, sehr gut nachlesen, was für Abwehrreflexe es gibt. Dann schreiben da ehemalige Erzieherinnen, dass das alles ganz unproblematisch war. Dann schreiben ehemalige Wochenkinder, also mir hat es nicht geschadet. Und auch Außenstehende schreiben, man soll da nicht alles schlecht machen und dann macht mich das rasend.
SPEAKER_01Ja, es geht mir ähnlich. Ich hatte jetzt auch gesagt, es kommt immer darauf an, wer das sagt, in welchem Kontext. Also wenn mir das Wochenkinder, also es gibt ja Wochenkinder durchaus, die von sich sagen, ne, mir hat das nicht geschadet. Ist okay. Also wenn die das so sehen, dürfen die gerne so sehen, darf ja auch gerne so sein. Wenn mir das andere sagen, also nicht Wochenkinder, macht mich das auch eher aggressiv.
SPEAKER_00Aber kann man sagen, es hat mir nicht geschadet? Also okay, man muss niemandem ein Trauma einreden, wenn jemand sagt, es geht mir gut und ich bin psychisch gesund, dann ist ja Quatsch, irgendwie von außen zu sagen, du bist wahrscheinlich traumatisiert, ne? Das ist ja, glaube ich, klar. Aber kann man sagen, an eine, also wir sind uns ja einig, dass man sich nicht daran erinnern kann an die Zeit, dass der Körper das aber wahrscheinlich trotzdem als Erinnerung irgendwie abgespeichert hat. Also wenn ich mich nicht erinnern kann, also wer kann sich schon an die Zeit erinnern, als er zwei oder ein Jahr alt war, wie kann ich sicher sein, es hat mir nicht geschadet?
SPEAKER_01Also ich kann mir nicht sicher sein, es hat mir nicht geschadet. Ich gehöre ja auch eher zu der Fraktion, die sagen würde, es hat mir geschadet. Und die Erkenntnis ist dadurch gewachsen. Also ich bin irgendwie mein Leben lang rumgelaufen und hatte immer ganz doll das Gefühl, ich passe nicht in diese Welt, ich habe hier keinen Platz, ich bin auch so ganz anders als alle anderen. Erst als ich mich mit anderen Wochenkindern getroffen und ausgetauscht habe, habe ich immer wieder ähnliche Sachen gehört. Also die erzählen einfach alle sehr ähnliche Sachen wie ich. Und wenn ich mir jetzt auch von hinten oder in einer Retrospektive sowas durchlese oder mich damit beschäftige, wie Bindungstheorie und mit diesen ganzen Erklärungsmustern, dann machen plötzlich ganz viele Sachen Sinn oder erklären sich für mich, die ich mir vorher nie erklären konnte. Also mein ganzes Leben erklärt sich mir unter dieser Brille oder mit der Brille betrachtet, aha, Wochenkrippe, aha, On-Off-Beziehung, aha, keine Bindung gehabt, also ganz früh institutionalisiert untergebracht gewesen. Und so wenn ich mir das als Erklärung ranziehe für alle möglichen anderen Sachen in meinem Leben, dann ergibt plötzlich alles einen Sinn.
SPEAKER_00Aber ist das dann ein Abwehrreflex, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen, wenn man. Also es sind auch intelligente Menschen, die das, sehr, sehr intelligente Menschen, die sagen, ach, hat mir nicht geschadet. Und also warum, wie kommt man auf die Idee?
SPEAKER_01Das müsste man jetzt die fragen, die sagen, es hat mir nicht geschadet. Also, ich will mir da jetzt gar nicht anmaßen, irgendwas in deren Antwort rein zu interpretieren. Es kann alles Mögliche sein, es kann für die so sein, weil jeder Mensch ist ja. Anders. Möglicherweise hat es denen ja wirklich nicht geschadet. Ich würde jetzt tatsächlich eher vermuten, dass da bestimmte Zusammenhänge nicht hergestellt werden oder dass die bestimmte Sachen nicht reflektieren oder nicht wahrnehmen bei sich selbst. Aber darauf würde ich jetzt auch nicht beharren. Ich finde es eher umgekehrt schlimm, dass die Leute, die sagen, mir hat das geschadet, dass denen das abgesprochen wird und dass die halt für, weiß ich nicht, verrückt erklärt werden oder ähnliches.
SPEAKER_00Was ja auch nochmal so ein doppeltes Nicht-Gehört werden. Also man wurde damals nicht gehört und nicht wahrgenommen und jetzt geht einem das wieder so, man sagt, mich hat das beeinflusst. Also vielleicht ist es dieses Wort geschadet, was andere abschreckt. Es ist ja völlig unstrittig, dass es alle unsere Erfahrungen in unserem Leben uns beeinflusst haben. Und insofern jemand, der drei Jahre in die Wochenkrippe gegangen ist, wo Experten sagen, das ist ein traumatisches Erlebnis, dass er das zumindest beeinflusst hat im weiteren Leben und dass das Leben sehr wahrscheinlich anders verlaufen wäre, wenn er zu Hause eins zu eins betreut worden wäre.
SPEAKER_01Ja, deswegen, ich glaube auch, man muss sich immer genau angucken, wer das sagt. Also wenn das zum Beispiel jetzt Eltern sagen, es hat dir doch nicht geschadet, ist das ja sehr erklärbar, warum die das sagen. Also damals wurde das ja auch hingestellt als eine tolle Sache, als das Beste, was Eltern machen können. Und wenn man dann jetzt 30 Jahre später feststellt, oh, es war doch nicht so toll, es war vielleicht genau das Gegenteil, erzeugt es ja ein extremes Schuldgefühl. Die haben einfach ein super schlechtes Gewissen. Also meine Eltern zumindest haben das. Und dann ist es ja auch eine Art, dieses Schuldding für sich selber zu regulieren, indem man sagt, es hat dir nicht geschadet. Damit entlasten die sich ja auch selber. Und auch jetzt die Erzieher, da hat man ja auch heftige Abwehrreaktionen, weil die natürlich zu Recht auch sagen, wir haben da das Beste gegeben. Also wir haben da einen guten Job gemacht. Und das stimmt ja auch wahrscheinlich. Also es wird auch sicherlich Einzelfälle geben, wo das nicht stimmt, aber in der Regel gehe ich jetzt mal davon aus, es stimmt auch. Und trotzdem sage halt als Betroffene, es war nicht die beste Unterbringungsform für Kinder.
SPEAKER_00Hast du denn mal versucht, dich zu erinnern? Also ich weiß, dass es alle Wochenkinder irgendwie versuchen sich an die Zeit zu erinnern, auch wenn sie wissen, dass sie das eigentlich nicht können. Und sagen wir mal, meine früheste Erinnerung setzt du vielleicht mit sechs Jahren ein, was durchaus normal ist. Andere sagen, sie können sich an Sachen erinnern, wo sie vier waren oder so. Wie ist das bei dir?
SPEAKER_01Ich habe mein Leben lang eher versucht, mich nicht daran zu erinnern. Wobei das Erinnern an die Wochenkrippe ist bei mir auch wirklich schlicht aussichtslos, weil ich war, wie gesagt, in null bis sechs Monate, da gibt es keine kognitiven Erinnerungen. Also nichts, was man jetzt irgendwie wirklich bewusst abrufen könnte. Aber generell ist es bei mir, ich habe das ja schon beschrieben, ich will da nicht so gerne hinfahren, ich will mir die Fotos nicht angucken. Also generell ist das was, was mir so körperliches Unwohlsein bereitet, mich da so ganz dicht mit zu beschäftigen. Also was gut ist, was gut funktioniert, was mir eher hilft, ist der Austausch mit anderen Betroffenen, darüber zu reden. Aber mir jetzt Bücher dazu an durchzulesen, Filme anzuschauen, also alles, was mir das nochmal so ganz doll ins Bewusstsein holt, finde ich eher super, super unangenehm.
SPEAKER_00Ich habe ja von vielen gehört, dass sie so alles Mögliche versuchen, um die Zeit zurückzuholen oder sich an Spruchstücke erinnern zu können. Klar, wenn man vielleicht drei war, vielleicht ist da ja was möglich und die machen dann Hypnose oder sowas. Und teilweise haben die denn erzählt, sie können sich auch so ein bisschen an einen Raum erinnern oder alles war weiß oder an Gitterbetten oder vielleicht an ein Fenster.
SPEAKER_01Klar, wenn die älter waren, kann ich mir das schon vorstellen. Wobei mich sehr verwundert hat, also als ich so angefangen habe, mich damit zu beschäftigen, war das ja vor allem, um rauszufinden, was ist denn da passiert eigentlich zwischen Montag und Freitag. Und habe so gedacht, dass mir eben vielleicht Wochenkinder, die älter waren, die länger in der Wochengrippe waren, was erzählen können, weil die sich erinnern. Und war dann sehr überrascht davon, also dass sich nach meinem Verständnis sich auch die wenigsten erinnert haben. Nachdem ich mich dann so ein bisschen mehr mit Trauma und den Folgen beschäftigt habe, war mir auch klar, warum. Weil unser Gehirn kann halt nicht selektiv löschen. Also wenn Phasen oder wenn irgendwas sehr schlimm war, dann wird meistens die gesamte Phase gelöscht, weil das anders für das Gehirn nicht möglich ist. Das kann halt schlecht einzelne Ereignisse rausnehmen. Es nimmt dann halt so eine ganze Zeitperiode raus. Was für mich dann die Erklärung war, warum sich so viele, auch wenn die älter waren, manche waren ja da sogar bis sechs Jahre drin und so, warum auch die mitunter sagen, ich weiß nichts mehr, ich kann mich an nichts erinnern.
SPEAKER_00Die, die bis sechs Jahre drin waren, vielleicht nochmal kurz so zur Erklärung, das war dann das Wochenheim. Das gab es von drei bis sechs. Der Kindergarten, wo man auch dann übernachtet hat. Das war nicht ganz so üblich wie die Wochengrippe, aber es gab es auch. Ja, genau.
SPEAKER_01Anfangs gab es es sogar von sechs Wochen bis 14 Jahren, ne? Und dann später bis zum Kinder, also bis sie in die Schule kamen, also quasi für den Kindergarten.
SPEAKER_00Ich würde nochmal eine Sache gerne ansprechen. Die Erzieherinnen waren es ja meistens, oder fast immer, glaube ich, waren es Frauen, haben ja eine enorme Rolle gespielt. Und wie hat man als Kind oder um welche Kinder haben sich besonders gekümmert? Also was gibt es an Vermutungen, was waren die Strategien von Kindern dort, die Aufmerksamkeit vielleicht zu erregen der Erzieherin und welchen ging es besser und welchen ging es vielleicht nicht so gut. Also Erzieherinnen ja zum Teil auch Kinder mit nach Hause genommen haben, auch das wurde mir in so einem Interview erzählt, dass eine dann auch ihre Erzieherin von damals wiedergefunden hat und zu der nach Hause gekommen ist und das wiedererkannt hat. Ja, Stichwort frühe Erinnerung, also das schon, da kann sie ja maximal drei gewesen sein und das als wie sie eine Art zweite Heimat eben empfunden hat. Aber die konnten natürlich schlecht, wenn die sich um zehn Kinder kümmern, alle zehn Kinder mit nach Hause nehmen oder sich so drum kümmern. Also wahrscheinlich hatten sie Lieblingskinder und wahrscheinlich hatten sie eben Kinder, die sie nicht so gemacht haben, ist ja menschlich.
SPEAKER_01Und was andersrum auch wieder erklärt, warum sich so jemand an erinnert, also warum sich ein Wochenkind, was da mitgenommen wurde und so eine Erzieherin hatte, deren Lieblingskind sie war, warum die sich erinnert. Weil das ist ja dann eher eine positive Erinnerung. Da gab es ja dann ja eine kleine Verbindung, so einen Bezug. Und dann erinnert man sich. Ja klar, es gab Lieblingskinder. Es gab sicherlich auch diese Aufmerksamkeit bekommen über Negativauffallen, über Lautsein, über ganz extrem aus der Rolle fallen. Wobei ich mal stark vermute, dass das für die Wochenkinder eher nicht so typisch war, weil nachgewiesenermaßen waren die ja eher sehr angepasst.
SPEAKER_00Ja, da gibt es widersprüchliche Sachen. Auf der einen Seite habe ich gelesen, dass manche Kinder sehr, sehr laut waren und viel geschrien haben und dadurch quasi Aufmerksamkeit eingefordert haben, dass eben die Erzieherin sich mehr um sie gekümmert hat. Und die, die nicht geschrien haben, die nichts gesagt haben, die sind quasi hinten runtergefallen in der Betreuung, so ein bisschen. Und auf der anderen Seite habe ich eben auch, hat eben auch eine ehemalige Erzieherin erzählt, dass sie sich gewundert hat im Nachhinein, dass die Kinder dort zu wenig geweint haben. Dass man eben nachts die ins Bett gelegt hat und dass dann 20 Kinder still waren und die in ihren Betten gelegen haben und geschlafen haben. Und meine Kinder, und das war ja nur eins, haben nicht einfach so abends im Bett gelegen und geschlafen. Da musste ich mich daneben setzen und ansonsten haben die geschrien. Und das ist, glaube ich, auch der Normalfall. Und wieso sind 20 Kinder still? Also die haben wahrscheinlich irgendwann mal sich schon die Seele aus dem Leib geschrien und gemerkt, es bringt nichts.
SPEAKER_01Ja, genau. Da hat man halt anfangs hat man das so interpretiert, so sinngemäß, jetzt haben die sich daran gewöhnt, ne? Also so das quasi als Erziehungserfolg verbucht. Aber dann wusste man auch relativ schnell, oder heute spätestens weiß man, dass das eher Deprivation nennt man das, ne? Also dass die quasi aufgegeben haben, also dass die gemerkt haben, es lohnt sich nicht zu schreien, es kommt jetzt hier eh keiner. Also ziehe ich mich zurück und äußere meine Gefühle nicht mehr. Ich schalte mich dann ab und nehme die auch quasi selber gar nicht mehr wahr.
SPEAKER_00In der nächsten Folge wollen wir schauen auf die Folgen für die Erwachsenen. Also was hat das mit uns allen gemacht? Warum beschäftigen wir uns ein halbes Jahrhundert später damit? Was sind mögliche Spätfolgen?
SPEAKER_01Ja, freue ich mich drauf.
SPEAKER_00Ich mich auch. Vielen Dank. Und falls es Anregungen gibt, Kritik, Hinweise, Fragen, schreibt uns. Ungehalten.wochenkinder.de ist die Mailadresse. Oder hinterlasst uns einen Kommentar, ein Like, abonniert den Kanal. Wir freuen uns.
SPEAKER_01Bis zum nächsten Mal.
SPEAKER_00Vielen Dank und tschüss. Dieser Podcast wurde mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.