Ungehalten - Der Wochenkinder-Podcast
Willkommen bei „Ungehalten“ – dem autobiografischen Podcast der Wochenkinder. Wir sind Nelia und Alexander. Wir wollen herausfinden, wie die Kindheit mit dem Erwachsenenleben zusammenhängt und ob es tatsächlich nie zu spät ist, eine glückliche Kindheit zu haben.
Wir wollen erklären, was Wochenkinder sind, was das mit den Kindern, den Eltern und Erziehern gemacht hat und wie es den Wochenkindern heute geht. Wir werden unsere Geschichten erzählen und Erziehungswissenschaftler, Psychotherapeuten sowie Kulturschaffende zur Kinderbetreuung befragen. Denn die Frage wann gebe ich mein Kind erstmals dauerhaft in fremden Händen ist auch heute umstritten und ein hoch emotionales Thema.
Ungehalten ist ein Podcast von Wochenkindern für Wochenkinder und alle, die herausfinden wollen, warum wir so ticken, wie wir ticken und was das mit unserer Kindheit zu tun hat.
Beginnend am 1. Juni 2026 erscheint alle zwei Wochen eine neue Folge immer am Montagmorgen.
Der Podcast ist ein Projekt des „Wochenkinder eV“ und wurde durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.
Ungehalten - Der Wochenkinder-Podcast
03 - Selbstständig, verschlossen und einsam - Leben nach der Wochenkrippe
Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.
In Folge 3 beschäftigen wir uns mit den Langzeitfolgen der Unterbringung in der Wochenkrippe im Erwachsenenleben.
Eine Studie der Uni Rostock zeigt: 92% der befragten ehemaligen Wochenkinder haben mindestens eine psychische Diagnose, darunter soziale Phobie, depressive Störungen und posttraumatische Belastungsstörungen. Zum Vergleich: In der Allgemeinbevölkerung sind es 43%. Auch unsicheres Bindungsverhalten und erhöhter Alkoholkonsum sind deutlich häufiger vertreten.
Wir besprechen, wie sich die Wochenkrippenerfahrung in unserem Leben zeigt – von Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen, über ausgeprägte Selbstständigkeit bis hin zum Gefühl, nie wirklich dazuzugehören. Außerdem thematisieren wir, warum die wissenschaftliche und mediale Aufarbeitung des Themas so lange auf sich warten ließ und welche Rolle die westdeutsch geprägte Medienlandschaft sowie gesellschaftliche Verdrängung dabei spielen. Abschließend geben wir einen Überblick über mögliche Wege der Unterstützung, von Selbsthilfegruppen bis hin zu verschiedenen Therapieformen.
Dass ein Wochenkrippenkind erzählt hat, dass er eigentlich streng genommen kein Wochenkind ist, sondern ein Monatskind, weil seine Eltern Schicht gearbeitet haben und er wurde nur einmal im Monat für einen Wochenende nach Hause geholt.
SPEAKER_01Was ihn sehr beschäftigt hat, der tatsächlich dann eben einmal im Monat ein Wochenende zu Hause war und der auch gar keine Bindung, glaube ich, aufgebaut hat.
SPEAKER_00Ich bin weggegeben worden, auch einmal Weihnachten, also am zweiten Weihnachtsfeiertag. Dann war das aber irgendwie ein Weihnachten, wo ich genauso zwischen Weihnachten und Silvester mal allein an einem Tag zu Hause saß und mir das plötzlich in den Sinn kam und mich unfassbar wütend gemacht hat.
SPEAKER_01Willkommen bei Ungehalten, dem autobiografischen Podcast der Wochenkinder. Wir sind Nelja und Alexander und wir wollen herausfinden, wie die Kindheit mit dem Erwachsenenleben zusammenhängt.
SPEAKER_00Und ob es tatsächlich nie zu spät ist, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben. Hallo Alexander.
SPEAKER_01Hallo Nelia.
SPEAKER_00Heute wollen wir in Folge 3 besprechen, was die Unterbringung der Wochengrippe für eine Auswirkung hatte im Erwachsenenleben.
SPEAKER_01Ich freue mich drauf. Wie groß ist denn deine Lust, auf einer Skala von 1 bis 10 über das Thema zu sprechen?
SPEAKER_00Eine glatte Elf. Ja, was sagt denn die Forschung? Was gibt es denn für Zahlen, Daten, Fakten?
SPEAKER_01Also bevor ich die knallharten Fakten recherchiert habe, habe ich gestaunt, dass es überhaupt so wenig gibt und dass es so lange gedauert hat, bis man sich überhaupt mit dem Thema beschäftigt hat. Als ich mich das erste Mal damit beschäftigt habe, als ich eben meine Tochter klein war und ich Vater geworden bin und dachte, ich muss mich irgendwie mit Wochengrippe beschäftigen, gab es noch gar nichts. Und soweit ich weiß, war das 2008 und ich habe mich so durch das Internet gewurstelt und nichts gefunden. Es gab wirklich keine einzige Studie zu den Langzeitfolgen der Unterbringung einer Wochengrippe. Und jetzt gab es die allerersten Ergebnisse einer Studie der Uni Rostock. Die haben drei Jahre lang ehemalige Wochenkinder befragt. Man muss dazu sagen, die haben einen Aufruf gestartet und die Wochenkinder haben sich freiwillig gemeldet. Und dann gab es einen Fragebogen, es gab aber auch so qualifizierte Interviews von mehreren Stunden. Und daraus hat man dann was abgeleitet und hat das auch nochmal vergleichend mit an der Uni Dresden gemacht, auch mit, ich glaube, sogenannten gesunden, einer gesunden Vergleichsgruppe, also Menschen, die nicht in der Wochengrippe untergebracht waren.
SPEAKER_00Und was kam dabei raus? Was sagen die Zahlen?
SPEAKER_01Also es kam heraus, dass 92 Prozent der Wochenkinder mindestens eine psychische Diagnose haben.
SPEAKER_00Was heißt das, psychische Diagnose?
SPEAKER_01Also das ist auf jeden Fall schon mal mehr als doppelt so häufig wie in der Vergleichsbevölkerung. Also in der gesunden, das sind dann, da sind es nur 43 Prozent. Und mindestens eine heißt, manche Wochenkinder haben auch vier oder mehr. Und die häufigsten Diagnosen sind soziale Phobie, also Angststörungen, depressive Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Schlafstörungen und somatoforme Beschwerden, also körperliche Beschwerden.
SPEAKER_00Und es gibt auch Zahlen zum Thema Alkoholsucht.
SPEAKER_01Ja, starker Alkoholkonsum ist bei 24% verbreitet, Vergleichsbevölkerung sind 10%. Und dann hat man noch untersucht, da ja man davon ausgeht, dass eben das Bindungsverhalten beeinflusst wurde. Was für Bindungstypen sind die Wochenkinder. Und sie sind eben nur zu 21 Prozent sichere Bindungstypen. In der Vergleichsbevölkerung sind das 58. Und die meisten, es gibt noch andere Bindungstypen, aber die meisten bei den Wochenkindern sind desorganisiert unverarbeitet und das sind 43 Prozent. In der normalen Bevölkerung sind das nur 18. Das sind so die Hauptergebnisse.
SPEAKER_00Das heißt, es sind offensichtlich ja schon signifikante Unterschiede. Also es ist oft hier doppelt so viele, dreimal so viele, viermal so viele. Es sind also, es ist jetzt das erste Mal nachgewiesen, was vorher quasi nur so gefühlt eine Wahrnehmung war, dass es tatsächlich was gemacht hat mit den Kindern. Und dass sich das im Erwachsenenleben auch wirklich deutlich niederschlägt.
SPEAKER_01Absolut. Man muss fairerweise sagen, dass dadurch, dass die Wochenkinder sich selbst gemeldet haben, dass sich da Menschen gemeldet haben, für die das ein Thema war. Also vielleicht haben sich viele nicht gemeldet, die keine psychische Diagnose haben, obwohl sie Wochenkinder waren, die hätten das Ergebnis natürlich vielleicht beeinflusst. Man wird das nie genau herausbekommen können, aber die Forscher sagen, es sind ganz klare Indizien, ob das jetzt wirklich 92 Prozent sind oder vielleicht nur 89 Prozent, aber dass es einen ganz deutlichen Einfluss hatte.
SPEAKER_00Was hat das mit dir gemacht, das so zu hören? Also quasi von der Wissenschaft bestätigt zu bekommen.
SPEAKER_01Also ich schiebe das für mich so ein bisschen weg. Also wir hatten ja so ein Treffen von Wochenkindern, wo dann auch, das hast du, glaube ich, gemacht, so ein Kennenlernen spielen, in Anführungszeichen auch war. Wer hat Therapieerfahrung und ich glaube, alle haben sich auf die eine Seite gestellt, es war der Einzige auf der anderen.
SPEAKER_00Stimmt, ja, ich erinnere mich.
SPEAKER_01Und da habe ich natürlich auch für mich überlegt, okay, habe ich es jetzt bloß nicht angefasst und sollte ich das mal dringend tun oder hatte ich einfach tierisches Glück? Das habe ich für mich noch nicht abschließend beantwortet. Ich denke, dass ich das trotz allem irgendwie, ja, dass ich über die sogenannten Resilienzfaktoren aus irgendwelchen Gründen noch verfügt habe, um das für mich trotz der schlechten Startbedingungen irgendwie hinzukriegen.
SPEAKER_00Also, das heißt, du würdest jetzt von dir gar nicht sagen, dass das irgendwelche Auswirkungen hat, die du jetzt noch spürst in deinem Erwachsenenleben?
SPEAKER_01Also hat mich hundertprozentig geprägt, ganz klar. Ich überlege immer, dass mein ganz großes Thema, wie hat es mich geprägt? Und das wird man wahrscheinlich einfach nicht rausfinden. Aber zum Beispiel eben, ich habe jetzt keine starken Schlafstörungen oder ich würde auch nicht sagen, dass ich eine posttraumatische Belastungsstörung habe. Ich bin auch nicht depressiv, ich habe keine Angststörung, ich habe keine körperlichen Beschwerden, ich neige nicht zu starkem Alkoholkonsum, ich bin auch kein unsicherer Bindungstyp, als ich war 17 Jahre verheiratet, also gut in die Scheidung, das passiert den Besten. Also das würde ich jetzt nicht auf die Wochengrippe zurückführen. Insofern sehe ich mich dann nicht, aber ich habe eine, also trotzdem ist es ja ein ganz großes Thema für mich, was ich irgendwie aufarbeiten möchte. Und ich merke, dass es mir gut tut, mich mit anderen Wochenkindern zu verbinden. Und alles, was ich da eben auch gehört habe und wenn die Erlebnisse, die da geteilt werden, die bestätigen das, was die Forscher in Rostock herausgefunden haben. Also ich merke, wie sehr die Leben anderer Wochenkinder beeinträchtigt werden, also wurden. Eben zum Beispiel im Interview dann eben auch jemand sagt, ich habe dann erstmal gemerkt, wie kaputt ich eigentlich bin. Und das ist, was ich jetzt nicht von mir sagen würde. Und aber ich habe Hochachtung, wie andere ihr Leben eben meistern, trotz dieser offensichtlichen Beeinträchtigung.
SPEAKER_00Also das heißt, dass du bei anderen im Austausch findest du all das bestätigt, was jetzt auch die Studie sagt, und bei dir selber aber nicht.
SPEAKER_01Nein, genau.
SPEAKER_00Interessant.
SPEAKER_01Aber vielleicht irgendwas anderes, aber ja, also da sehe ich mich gerade nicht.
SPEAKER_00Und trotzdem beschäftigst du dich ja damit und auch ja schon ziemlich lange, ne? Du hast jetzt gerade gesagt, 2008 hast du schon angefangen damit, also ja quasi weit vor mir, über zehn Jahre vor mir. Was ist denn das Motiv? Also warum beschäftigt dich das? Wenn du jetzt sagst, du hast gar nicht das Gefühl, dass das dein Leben heute so beeinflusst.
SPEAKER_01Also es sind ganz viele Motive. Einmal finde ich es eben ein ganz relevantes Thema und hatte damals das Gefühl, es gibt gar nichts dazu. Es gab ja nicht nur keine Studien, es gab kein einziges Buch oder keinen Film oder Theater oder Hörspiel oder irgendwas. Keine Beschäftigung damit, obwohl eben vielleicht eine halbe Million Menschen betroffen sind. Das fand ich einfach ein Unding und deswegen hatte ich, bin ja Journalist, natürlich das Gefühl, okay, ich muss das irgendwie bekannt machen und wollte immer darüber zum Beispiel schreiben. Das war ein Motiv, aber das ist wahrscheinlich nur die halbe Wahrheit. Also ich wollte natürlich auch wissen, was hat das mit mir gemacht und natürlich mein Verhältnis zu meinen Eltern ist ja auch nicht spannungsfrei und davon irgendwie geprägt. Und auch das Verhältnis zu meinen Kindern.
SPEAKER_00Bei den Kindern gibt es Folgen.
SPEAKER_01Naja, im Verhältnis, mein Verhältnis zu meinen Kindern. Also man sagt ja, also man geht ja davon aus, dass die Unterbringung an einer Wochengrippe ein Trauma ausgelöst hat, ein sogenanntes Entwicklungstrauma. Und dass diese Traumata weitergegeben werden über Generationen. Und dass möglicherweise ein Grund war, dass unsere Eltern uns in die Wochengrippe gegeben haben, dass sie selber traumatisiert, zum Beispiel von den Kriegserlebnissen waren. Und dass sie deswegen so eine gestörte Bindung zu ihren eigenen Kindern hatten, dass sie das über das Herz gebracht haben, ihr Kind mit sechs Wochen in so eine Einrichtung zu geben. Und dass dieses Traumata weitergegeben wurde, auch an uns und dass wir das auch an unsere Kinder weitergeben, immer in einer abgeschwächten Form. Und mir war das lange nicht klar und ich hätte das auch, glaube ich, noch vor zwei, drei Jahren bestritten als esoterischen Quatsch abgetan. Und aber je mehr ich mich damit beschäftigt, umso einleuchtender finde ich das. Und deswegen ist es natürlich für mich auch ein Thema, auch wenn ich jetzt sage, ich bin nicht depressiv oder stark bindungsgestört. Aber deswegen ist trotzdem natürlich, bin ich beeinträchtigt. Also, also ich kann zum Beispiel nicht um Hilfe bitten. Ich kann die Liebe nicht annehmen in dem Sinne so einfach, damit habe ich schon ein Problem. Und es gibt, seit ich nicht Selbsthilfe Selbsthilfegruppen gehe, schon auch so Sachen, wo ich mich ganz stark wiedererkenne, wenn andere was erzählen, was mir nicht so bewusst war, ein starker Freiheitsdrang. Also viele Wochenkinder sind wohl auch selbstständig und wollen sich ungern anstellen lassen. Viele sind sehr, sehr häufig umgezogen. Ich bin in meinem Leben 17 Mal umgezogen. Mein Vater macht immer schon Witze, es gibt keine Straße mehr in der Stadt, wo ich nicht schon gewohnt habe. Und das ist was, was offenbar irgendwie typisch ist. Und das scheint jetzt ja Gründe für zu geben.
SPEAKER_00Ja, das sind ja genauso die Klassiker. Also diese ausgeprägte Autarkie, die ja, also selbstständig zu sein, ist ja jetzt grundsätzlich erstmal nichts Schlechtes, ist ja gut. Aber bei uns Wochenkindern ist es halt oft so, dass das in so ein Extrem geht, also dass wir irgendwie gar nicht auf die Idee kommen und gar nicht in der Lage sind, andere um Hilfe zu fragen. Also das erscheint gar nicht irgendwie als Option, als Möglichkeit, sondern ist irgendwie ganz klar, ich kann und muss alles alleine machen. Das ist eigentlich so ein Klassiker, den du da beschreibst, den höre ich von ganz vielen. Auch dieses Unstehte, also dieses immer wieder Umziehen, immer wieder. Also eigentlich, ich sage immer on-off steht da so drüber für mich als Überschrift. Mir gelingt zum Beispiel super schnell, Kontakte zu machen. Also da habe ich kein Problem mit, an Leute ranzugehen, in Kontakt zu kommen. Ich finde es immer schwierig, im Kontakt zu bleiben, also Nähe zu halten oder wirklich Nähe herzustellen und dann auch in Verbindung zu bleiben. Das fällt mir schwer.
SPEAKER_01Wir waren letztens gemeinsam auf so einer Veranstaltung, wo die Therapeutin irgendwie meinte, du oder das so beschrieben hat, dass du manchmal wie von außen auf das Leben schaust oder wie, also, oder wie vom hinterm Zaun oder wie?
SPEAKER_00Genau, das Gartenzaun-Syndrom. Ja, genau.
SPEAKER_01Also du gehörst nicht dazu, oder wie muss ich mir das vorstellen?
SPEAKER_00Ich habe schon immer das Gefühl gehabt, oder ich habe immer so die Idee, es gibt ganz viel auf der Welt, was auch ganz bunt ist und was ganz doll Spaß macht. Und ich sehe die anderen das tun und ich höre die das tun, aber ich denke immer, das ist nicht für mich. Ich weiß, dass es das gibt, aber es ist nicht für mich. Ich bin da nicht gut genug. Oder die, ne? Also mir steht es nicht zu. Und ich habe dann mein Leben lang schon das Gefühl gehabt, ich stehe halt immer so am Rand und sehe die anderen da so fröhlich auf der Wiese spielen. Also im übertragenen Sinne ist jetzt so ein Bild einfach. Ich gehöre aber nicht dazu. Ich bin nicht dabei. Also manchmal habe ich auch so Träume, dass ich dann sage, ich möchte auch mitspielen oder ich will hier rein und dann zucken diese mit der Schulter und gucken so abfällig über die Schulter und sagen, was? Wieso du denn? Wie kommst du denn da drauf? Das ist halt so ein Grundgefühl, was ich habe.
SPEAKER_01Das heißt, wenn du mit Freunden am Tisch sitzt, dann hast du so das Gefühl, nicht dazu zu gehören oder wie stelle ich mir das vor?
SPEAKER_00Auch, ja. Also ich bin schon auch ganz gerne in Gruppen unterwegs, aber es ist ganz oft so, in verschiedensten Konstellationen, dass ich trotzdem auch in der Gruppe, auch wenn ich zusammen bin mit denen, also in einem Raum an einem Tisch sitze, dass ich trotzdem das Gefühl habe, ich bin nicht drin. Ich bin nicht wirklich mit dabei. Ich bin drin, aber ich bin nicht drin. Und ich habe mal irgendwie das so formuliert, dass ich das Gefühl habe, meine Kontaktstellen, also Kontakt im Sinne von Stecker, Steckdose, ne, so, die sind irgendwie verstopft. Ich kann, ich fühle diese Verbindung nicht. Ich kann nicht in Verbindung gehen. Da klickt irgendwas nicht. Ich bleibe immer im Off, so ein bisschen.
SPEAKER_01Dann ist die Vermutung, dass sozusagen das mit dieser frühkindlichen Erfahrung zusammenhängt, dass da was kaputt gemacht wurde, was sonst sich natürlich anders entwickelt hätte, oder?
SPEAKER_00Ja, oder dass das nie da war. Also in einem Zeitpunkt, wo das normalerweise passiert, eben über dieses Baby ist an Mama dran oder so, da wird sowas gelernt. Also da wird eben so dieses Urvertrauen, dieses in Verbindung gehen, sich nahe sein, eben auch erstmal physisch nahe sein, wird gelehrt und gelernt. Und das habe ich nicht gelernt. Das ist ja auch so, ich bin ja nicht mit diesem Wissen irgendwie durch die Welt gelaufen, seit ich denken kann. Das ist jetzt erst irgendwas, was ich mir in der Rückschau so erkläre oder da, wo eben was zusammenkommt, seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige und mir eben diese Anfänge angucke und all das lerne, was ich jetzt gerade so lerne und dann denke, aha, okay, jetzt erklärt sich das, also jetzt macht es plötzlich Sinn oder was heißt, macht Sinn, jetzt weiß ich, warum es so ist. Und ich denke schon, dass es was damit zu tun hat. Und wenn ich mich mit Leuten unterhalte, wie eine Freundin zum Beispiel von mir ist Therapeutin und Trauma-Expertin, wenn ich dir sowas erzähle, dann sagt die zu mir, ja, das ist Trauma. Also so äußert sich das zum Beispiel.
SPEAKER_01Wenn ich es richtig weiß, im Kopf habe, dann hat sie ja auch gesagt, es ist Kindesmisshandlung, sein Kind in die Wochenkrippe zu geben.
SPEAKER_00Ja, das sagt sie so. Also das sagt sie natürlich jetzt aus ihrer Expertenhaltung, aber ich habe das auch in dem Buch gelesen, von der Heike Liebsch, da hat sich auch ein Wissenschaftler so geäußert, so in dem so ungefähr in dem Sinne, diese Wochengrippen waren quasi institutionalisierte systemische Gewalt an Kleinkindern. Kann man so sehen, finde ich gar nicht so falsch.
SPEAKER_01Und wann hast du zum allerersten mal so das Gefühl gehabt, das hat dich geprägt oder du hast gemerkt, es hat Klick gemacht, ich muss mich damit überhaupt beschäftigen. Das muss aufgearbeitet werden, sonst geht es mir nicht gut oder keine Ahnung.
SPEAKER_00Das war eigentlich andersrum. Ich habe jetzt gar nicht das Gefühl gehabt, oh, ich muss da jetzt dringend was aufarbeiten. Deswegen kümmere ich mich mal drum. Bei mir war das so, ich habe angefangen, mich damit wirklich jetzt inhaltlich zu beschäftigen, als meine Kinder aus dem Haus waren, als die halt beide Abi gemacht hatten und das Haus verlassen hatten und in ihr Leben gegangen sind. Hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass dann Freiraum da war, also dass ich einfach auch Zeit hatte, mich damit zu beschäftigen. Ich bin weggegeben worden, auch einmal Weihnachten, also am zweiten Weihnachtsfeiertag haben meine Eltern mich nochmal in die Wochenkrippe gebracht, weil sie geheiratet haben. Das war halt in den späten 60er Jahren und da wäre das jetzt nicht komoot gewesen, sein Kind mit dabei zu haben bei der Hochzeit, weil das hätte ja allen gezeigt, wir haben schon ein uneheliches Kind. Also haben die mich nochmal in die Wochenkrippe gebracht. Das wusste ich auch schon immer. Und dann war das aber irgendwie ein Weihnachten, wo ich genauso zwischen Weihnachten und Silvester mal allein an einem Tag zu Hause saß und mir das plötzlich in den Sinn kam. Also das stieg so auf einfach. Und mich unfassbar wütend gemacht hat. Weil ich dachte, wie krass. Also auch noch am zweiten Weihnachtsfeiertag fahre ich los und bringe meinen Kind in die Wochengrippe. Und dann war das plötzlich da. Dann habe ich irgendwie gedacht, okay, jetzt will ich wissen. Und habe erstmal wollte ich wissen, was hieß denn das jetzt eigentlich? Also, was war denn jetzt Wochengrippe? Weil für mich war das ja eine Blackbox. Niemand konnte mir sagen, was da passiert ist. Also habe ich erst auch gegoogelt, so wie du wahrscheinlich und habe recherchiert, was gibt es da. Mittlerweile gab es ja so ein bisschen was und habe auf eine ZDF-Dokumentation gestoßen mit Ute Stari, die eine der ersten war, die sich damit wissenschaftlich beschäftigt hat. Und habe dann persönlich Kontakt mit ihr aufgenommen, also habe die angeschrieben und bin dann, die hat auch so Interviews gemacht, damals im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten. Und sie hat dann auch so Gesprächskreise initiiert mit Wochenkindern. Und da bin ich hingefahren. Das war 2019 ungefähr. Und bin da hingefahren, gar nicht mit der Intention, ich will jetzt da Selbsthilfeaustausch machen, sondern ich wollte erstmal Informationen. Ich habe gedacht, okay, ich treffe da jetzt andere Wochenkinder. Die können mir vielleicht erzählen, was da war, weil die älter waren, weil die sich daran erinnern können. Interessanterweise konnten die sich dann selber gar nicht dran erinnern. Aber dadurch, dass die Ute Stari so viel schon geforscht hatte, konnte die mir schon ganz viel sagen. Also die hat mir dann eben schon erzählt von diesen ganz getakteten Abläufen. Die hat mir erzählt davon, dass die Eltern da nicht mit rein durften in die Wochenkrippen, sondern die Kinder vorne abgegeben haben, dass wir so Anstaltskleidungen hatten, also dass keine Privatsachen erlaubt waren und so weiter und so fort. Also erstmal war das für mich so reines Fakten-Checking. Ich wollte einfach wissen, was, wann, wo. Und dann sind halt über diese Gesprächskreise, die Ute da in die Ute Stari da initiiert hat, sind dann wirklich so eine Art Selbsthilfegruppen, also so Austauschformate entstanden, die dann relativ schnell in Online-Formate übergingen, weil Corona dann dazwischen kam und so Treffen in Personen nicht mehr erlaubt waren. Und dann kam auch schon relativ schnell die Idee, auf von einem Mitstreiter Christian so einen Verein zu gründen. Und dann nahm das alles so seinen Lauf. Also je mehr ich mich damit beschäftigt habe, erstmal über diese reine Faktenseite, desto mehr wurden aus diesen einzelnen Puzzlesteinen immer mehr so ein Mosaik, so ein Bild. Und desto mehr habe ich immer mehr gedacht, ach so, ach so hängt das zusammen und ach, deswegen ist das und das und so. So dass ich quasi erst nach einer Weile, nachdem ich mich damit beschäftigt hatte, hat es dann irgendwann einen Klick gemacht. Und ich habe, also es gab jetzt nicht den einen Klick-Moment, aber es gab dann irgendwann wurde das immer mehr so ein Bild. Ich habe quasi Anfang und Ende mehr zusammengebracht. Gab es bei dir so ein ähnliches Erlebnis?
SPEAKER_01Ja, und ich, das sind ja manchmal so die kleinen Dinge, an die man sich dann erinnert, die einen dann so völlig aus der Fassung bringen, wenn man das dann, wenn man das dann liest, wir hatten ja diese Entwicklungsbögen und dann habe ich das gelesen und dann stand da eben, einmal im Quartal wurde man untersucht und eine dieser Untersuchungen war eben, das war glaube ich die allererste, am 19. Dezember und dann fiel mir das gar nicht so sehr auf, aber nach einer ganzen Weile habe ich gedacht, ah ja, und am nächsten Tag habe ich aber Geburtstag gehabt, mein erster Geburtstag. Also ich bin ein Jahr alt geworden und habe ich mir so vorgestellt, was für ein Ereignis das war, als meine Tochter ein Jahr alt geworden ist, wie wir das zu Hause vorbereitet haben, wie wir das gefeiert haben. Und dann ist mir eben klar geworden, okay, aber ich war in der Wochenkrippe, weil ich habe dann extra mal nachgeguckt und man kann ja im Internet dann einfach, was war das für ein Wochentag und es war dann eben ein Mittwoch und ich halte es einfach für absolut unwahrscheinlich, dass wenn ich am Dienstag in der Wochenkrippe war, dass ich dann am Mittwoch zu Hause war, um danach wieder hingebracht worden zu sein, oder und habe aber meine Mutter gefragt, ob sie sich denn erinnern kann, wie das war. Vielleicht haben sie mich ja abgeholt, aber sie konnte sich nicht erinnern. Und dann habe ich halt im Entwicklungsbogen ein Jahr später das nochmal gelesen, war wieder ein 19. Dezember. Das heißt, auch der zweite Geburtstag war sehr wahrscheinlich auch in der Wochenkrippe, wo man ja schon vielleicht ein bisschen mehr mitbekommt. Und ich Fand das eben einfach doch recht traurig. Und das hat das so greifbar gemacht, weil das ja doch alles so abstrakt ist. Okay, du warst in der Wochengrippe und kann sich nicht mehr erinnern. Und aber das war für mich, da konnte ich es fassen und fand das einfach für alle Beteiligten einfach total traurig.
SPEAKER_00Absolut. Ja.
SPEAKER_01Und ich weiß gar nicht, wie oft das vorgekommen ist, ob die mit den Kindern dort in der Einrichtung dann gefeiert haben oder das gar nicht gemacht haben. Das wäre ja mal eine interessante Frage.
SPEAKER_00Und dann war da noch irgendwas mit Urlaub oder so, oder? Gab es da nicht auch noch möglichst?
SPEAKER_01Meine Mutter hat mir ja so schöne Fotobücher gemacht, die ich wirklich toll finde. Und da sind diese Entwicklungsbögen drin und Briefe aus der Zeit und Fotos, damit ich einfach besser nachvollziehen kann, wie es ihr in der Zeit ging, um auch diese Entscheidungen nachzuvollziehen, wie war das für sie damals, um einzutauchen in die Zeit. Und das finde ich ja eigentlich auch ganz gut, die Perspektive so ein bisschen zu wechseln. Und ich glaube, das Ziel war ja schon so ein bisschen auch Verständnis bei mir dafür zu wecken, wie es ihr ging. Und das ist ja auch ein Stück weit natürlich gelungen. Sie hat es eben auch schwer gehabt in der Zeit. Und mein Vater hat da jetzt auch nicht gerade die allerbeste Rolle gespielt. Der hätte sich ja auch mehr kümmern können. Ja, und ich habe dann nur gesehen, dass sie eben auch in der Zeit in Urlaub gefahren ist mit ihrer Freundin und mir ist dann eben klar geworden, auch übers Wochenende. Und dann war ich einfach sehr enttäuscht, dass wenn man seinen Kind in die Wochenkrippe gibt, was in der Woche eben nicht da ist, dass man dann auch am Wochenende, was ja dann Premium-Zeit für mich wäre, eben noch wegfährt und ein Stück weit, klar, sie war jung und sie wollte eben auch noch was erleben und ich kann das irgendwie auch verstehen. Und sie hat dann auch später zu mir gesagt, dass sie das gebraucht hat und wie es ihr ging, sozusagen sie, aber das ist das eine und wie es sich für mich anfühlt, ist ja trotzdem das andere. Das macht es nicht besser. Also ich war, als ich es gesehen habe, sehr enttäuscht.
SPEAKER_00Also es war das eine für dich, sie hat dich abgegeben, weil sie musste studieren oder musste arbeiten und das andere, sie hat dich abgegeben und ist dann in Urlaub gefahren. Das hat es quasi nochmal die Steigerungsstufe sozusagen.
SPEAKER_01Genau.
SPEAKER_00Also das heißt, man konnte auch am Wochenende in der Wochengrippe gelassen werden, ja?
SPEAKER_01Also in meinem Fall hat sich, glaube ich, die Oma drum gekümmert und die gesamte Urlaubszeit und das Wochenende abgedeckt. Aber ich glaube, man konnte auch am Wochenende in Ausnahmefällen in der Wochenkrippe bleiben.
SPEAKER_00Ja, stimmt. Jetzt, wo du das sagst, mir fällt auch ein, dass einer aus unserem Kreis ein Wochenkrippenkind erzählt hat, dass er eigentlich streng genommen kein Wochenkind ist, sondern ein Monatskind, weil seine Eltern Schicht gearbeitet haben und er wurde nur einmal im Monat für ein Wochenende nach Hause geholt.
SPEAKER_01Was ihn sehr beschäftigt hat, der tatsächlich dann eben einmal im Monat ein Wochenende zu Hause war und der auch gar keine Bindung, glaube ich, aufgebaut hat und da auch gar nicht glücklich war, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Aber ja, die werden so eine Art Notbetrieb gehabt haben, weil wenn man Schicht gearbeitet hat, die wird ja auch am Wochenende gewesen sein. Das heißt, nicht alle konnten ihre Kinder dann auch regelmäßig am Wochenende nach Hause holen. Jetzt sind wir nicht die Einzigen, die sich, ich sag mal, im fortgeschrittenen Alter damit beschäftigen. Die Kinder sind aus dem Haus. Und jetzt fängt man an, sich mit der eigenen Kindheit zu beschäftigen. Ein halbes Jahrhundert später. Wir wissen aber beide ja aus vielen Gesprächen, dass wir nicht die Einzigen sind, denen das so geht. Was glaubst du, woran das liegt?
SPEAKER_00Es hat mehrere Gründe. Also es ist tatsächlich ein Klassiker. Also bei ganz vielen ist es so, dass die halt so in ihren 50ern damit anfangen, sich damit zu beschäftigen. Ich würde mal sagen, auf der einen Seite hat es tatsächlich, also bei mir hat es wirklich was damit zu tun gehabt, dass die Kapazitäten dann erst da waren, auch die zeitlichen. Aber es hat auch was damit zu tun, dass wir es ein Leben lang geschafft haben, uns über Anpassungen, also damit irgendwie zu arrangieren und das zu kompensieren, also die Defizite, die da entstanden waren, und das halt dann irgendwann die Kräfte nachlassen. Also viele, die ich kenne, auch aus den Selbsthilfegruppen, berichten halt von entweder körperlichen oder mentalen Zusammenbrüchen, von schweren Krisen, die dann für sie Anlass waren, sich damit zu beschäftigen. So war es bei mir auch.
SPEAKER_01Burnout, habe ich oft gehört.
SPEAKER_00Genau, ja, Depression. Das hat immer mal ein bisschen anderen Namen, aber im Prinzip sind das so Zusammenbrüche. Also irgendwie, ich versuche ganz lange was zu kompensieren. Auch über Leistung, das ist ja auch so ein Klassiker.
SPEAKER_01Genau, viele Wochenkinder sind trotz dieser Erfahrung ja sehr, sehr leistungsbereit auch.
SPEAKER_00Er ist ja auch immer so ein Spruch, den wir kriegen, ne? Was willst du denn? Es ist doch was aus dir geworden, du bist doch erfolgreich oder irgendwas.
SPEAKER_01Sind wir ja auch.
SPEAKER_00Ja, sind wir auch. Aber ich sage immer, das bin ich nicht, weil, sondern das bin ich trotz der Wochengrippe. Ich wurde das eher der Resilienz zuordnen. Also klar, viele von uns sind leistungsstark oder sind weit gekommen, sind erfolgreich, haben viele Sachen geschafft. Aber zum Beispiel Heike Liebsch, die darüber ja ihre Doktorarbeit geschrieben hat, hat auch untersucht oder nachgewiesen oder es nahegelegt, sagen wir mal so, ein bisschen vorsichtiger formuliert, dass diese Leistungsbereitschaft eine Folge ist von dieser super Überanpassung, die da in der Wochengrippe passiert ist. Weil halt Aufmerksamkeit, Zuneigung, Zuwendung nicht kam, also nicht einfach automatisch kam. Deswegen haben wir Wochenkinder uns eben extremst bemüht, gut zu sein. Also erfolgreich zu sein, gute Leistung zu bringen und immer alles richtig zu machen, immer 100 Prozent zu funktionieren.
SPEAKER_01Ja, vielleicht, weil man auch Zuneigung und Aufmerksamkeit nicht geschenkt bekommt für umsonst.
SPEAKER_00Genau.
SPEAKER_01Sondern sie sich erarbeiten muss.
SPEAKER_00Und auch da würde ich wieder sagen, das ist jetzt nichts, was nur Wochenkrippenkinder haben. Das gehöre ich von anderen Leuten auch, aber ich glaube, dass das in einer langen Tradition steht. Also wenn ich mir zum Beispiel meine Familie angucke, meine Mutter, meine Großmutter, wahrscheinlich sogar meine Urgroßmutter, dann sehe ich das da auch. Also ich sehe auch bei denen, dass die ganz, dass da auch Liebe über Leistung kam oder wenn man es Liebe nennen kann, Zuwendung. Da sind wir wieder bei diesem weitergegebenen Trauma und bei diesem weitergegebenen Beziehungsmuster. Und ich habe ja irgendwie auch, nachdem ich mich jetzt viel ausgetauscht und beschäftigt habe, auch mit dem, was links und rechts von mir passiert mit Wochenkindern, denke ich eben auch, dass, wie gesagt, bei den Familien oder bei den Eltern, die Kinder weggegeben haben, die haben selber auch nicht viel an Zuwendung und Liebe erfahren, sondern bei denen lief das in der Regel auch so. Also da war auch schon irgendwas dysfunktional.
SPEAKER_01Ja, das sagen ja auch manche, es ist nicht nur traurig für euch als Kinder gewesen, sondern auch für eure Eltern. Also auch für die war das, es fällt einem natürlich schwer, sozusagen, so an diesen Gedanken, auch sich damit zu beschäftigen, aber auch für die war das wahrscheinlich nicht angenehm. Oder die leiden auch drunter.
SPEAKER_00Auf alle Fälle heute, also auf alle Fälle kann ich das für meine Mutter sagen. Die ist sehr, die hat ein großes, schlechtes Gewissen, glaube ich. Die macht sich sehr viele Vorwürfe mittlerweile. Damals weiß ich, also heute auf jeden Fall. Und ich glaube schon auch, dass das auch für die Eltern schwer war oder nicht das beste Erlebnis war, weil die ja auch ihrerseits kein gutes Verhältnis aufbauen konnten zu ihrem Kind. Also wenn mein Kind gar nicht bei mir ist, immer in anderen Händen ist und ich eben gar nicht mitkriege, wie es laufen lernt, wie es den ersten Zahn kriegt, wie es den ersten Satz sagt, dann fühle ich mich ja auch viel weniger verbunden. Das wird auch oft geschildert, von Wochenkindern, wenn die dann wieder zurückgekommen sind in die Familie, dass die sich super fremdgefühlt haben. Und auch die Eltern beschreiben das, dass sie halt ihr Kind gar nicht kannten, dass da im Prinzip eine fremde Person wieder zurückkam. Wie war denn das bei dir? Du warst ja ein bisschen älter. Kannst du dich erinnern an das Zurückkommen?
SPEAKER_01Nee, ich kann mich gar nicht daran erinnern. Ich weiß nur, dass ich eigentlich immer ein sehr, sehr gutes Verhältnis sowohl zu meinem Vater als auch zu meiner Mutter, die ja getrennt voneinander leben. Aber trotzdem gab es auch mal so einen Beziehungsabbruch, wo ich meine Mutter ein Jahr nicht gesehen habe. Mir ist dasselbe mit meinen Kindern dann auch passiert, mit beiden für ein Jahr. Und es gibt ja für ganz unterschiedliche Anlässe und Gründe. Aber wenn ich das jetzt so mit Abstand betrachte, denke ich, es kann ja irgendwie gar kein Zufall sein. Es gibt so ein Muster, was sich wiederholt, ja.
SPEAKER_00Ja, das fällt mir halt auch auf, je mehr ich mir das angucke. Und ich sehe das halt Muster jetzt tatsächlich auch in den Generationen, also bei mir in der Familie, ne, sehe ich irgendwie Muster, die schon quasi von meiner Urgroßmutter über meine Großmutter, über meine Mutter zu mir, bis hin zu meinen Kindern sich immer weiter transportieren. Und ich habe halt auch so die Idee, also auch deswegen beschäftige ich mich damit, weil meine Idee ist, alles, was ich nicht aufarbeite, wegarbeite an Rucksack, kriegen meine Kinder mit. Und ich will halt, dass die möglichst frei ins Leben starten. Gut, ich habe jetzt auch schon mitgekriegt, die haben natürlich dann, da ist noch einiges übrig, also die haben auch ihre Themen. Aber ich finde, das ist so ein Ehrgeiz von mir, oder Ehrgeiz ist vielleicht das falsche Wort, so ein Anspruch, mir da schon relativ gut aufzuräumen, damit die das nicht mehr mitschleppen müssen.
SPEAKER_01Jetzt haben wir vorhin gesagt, für viele ist es erst spät im Leben ein Thema, sich mit ihrer Kindheit zu beschäftigen. Aber darüber hinaus ist es ja auch so, dass erst jetzt, 35 Jahre nach der Einheit, das angefangen wird, aufzuarbeiten. Es gibt jetzt die ersten Ergebnisse einer Studie, der allerersten überhaupt zu den Folgen. Es sind jetzt erst vor zwei Jahren die ersten Bücher dazu erschienen, die sich ernsthaft monothematisch damit beschäftigt haben. Und es sind, glaube ich, auch nur zwei oder drei. Es gibt, glaube ich, eine einzige Dokumentation, die längere, die sich wirklich mit dem Thema beschäftigt, auch die ist erst vor drei Jahren, glaube ich, erschienen. Also ist alles noch relativ frisch und auf überschaubarem Niveau. Was glaubst du, woran das liegt? Also hat das bisher keinen interessiert oder warum schauen wir jetzt erst so spät auf das Thema?
SPEAKER_00Tja, da gibt es auch mehrere Erklärungsmuster. Also, was mir so aufgefallen ist, was ich auch von anderen gehört habe, ist, also man sagt so, wenn, es dauert eine Weile, wenn du traumatisiert bist, dauert es tatsächlich eine Weile, bis du soweit bist, das zu erkennen, also diese Muster oder was da in dir wirkt, also diese Zusammenhänge herzustellen. Und da sind 30 Jahre schon keine unübliche Zahl, also an Distanz. Und dann, wenn ich mir das so gesellschaftlich angucke, mir ist mal aufgefallen, weiß ich nicht, so vielleicht vor zehn Jahren, dass sich zum Beispiel unsere Erzählung über den Zweiten Weltkrieg geändert hat. Als ich aufgewachsen bin, haben alle Bücher und alle Filme gefühlt, haben damit aufgehört, dass Deutschland befreit wurde vom Faschismus und dann alle Häftlinge wurden aus den KZs entlassen, die blöden Nazis waren zerschlagen und plötzlich, es war so ein Happy End. Also der Faschismus ist over, der Krieg ist over, jetzt können wir durchstarten, jetzt wird alles gut. Das waren so damals die Grunderzählungen. Dann 30 Jahre später, ich habe mich nämlich als Kind immer schon gefragt, ja, aber was ist denn jetzt mit denen? Also, wenn die jetzt aber doch zehn Jahre oder fünf Jahre im KZ waren, da gehst du doch jetzt nicht einfach so los und führst ein glückliches Leben. Wie geht denn das jetzt hier weiter mit denen? Und das wurde aber erstmal nicht erzählt. Das hat dann eben nochmal 30 Jahre gedauert. Und jetzt haben wir diese Erzählung, ne? Also jetzt haben wir ganz viele Bücher, Filme, Reportagen und so, die sich genau damit beschäftigen, mit dem, was passiert denn jetzt danach, wie geht denn das weiter. Deswegen, ich glaube, dass das so eine Gesetzmäßigkeit ist, dass es immer erstmal vielleicht so eine Generation braucht, Abstand braucht, um solche Sachen anzugucken und aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Was denkst du denn, was der Grund ist für diese Verzögerung?
SPEAKER_01Also, ich glaube, dass natürlich die sogenannte Einheit war ja doch eher ein Anschluss und es gibt einen gewissen westdeutschen, ich sag jetzt mal übertrieben, Siegerblick. Wir haben gewonnen, das Bessere hat sich durchgesetzt und es gab gar kein großes Interesse, bestimmte Sachen sich näher anzugucken. Ich meine, der hat ja schon sehr gewundert, dass zum Beispiel keine Forschung dazu gibt. Es gibt ja so die Erzählung, die verbreitet wird, wir hätten alles schon überforscht und alles sei bekannt und dem ist ja gar nicht so. Wenn so ein entscheidendes Feld, und da gibt es bestimmt noch andere, eben nicht detailliert angeguckt wurde, das musste ja eigentlich im gesamtdeutschen Interesse liegen. Aber offenbar, ich meine, irgendjemand gibt ja auch die Forschungsgelder, die Politik bestimmt das, aber da gibt ja auch so Forschungsverbünde, die die Themen festlegen, die das Geld rausrückt und dass da niemand das als Thema erkennt. Also die Rostock ist ja jetzt auch nicht so, dass die zugeschüttet wurden, sondern wenn ich das richtig weiß, waren das zwei halbe Stellen. Und ich glaube, es gibt jetzt noch in Jena eine Stelle, wohl, wo es eine neue Forschung gibt, aber das ist alles auf überschaubarem Niveau. Auf der anderen Seite gibt es irgendwie 15 Professoren, die fränkische Regionalgeschichte erforschen. Also da gibt es ein irres Ungleichgewicht und das finde ich sehr bedauerlich. Und das hat, glaube ich, was eben mit diesem damit zu tun, dass das ja nur eine Minderheit da im Osten und dann haben auch selbst im Osten viele gar kein Interesse daran, aus diesem Abwehrreflex nicht alles schlecht zu machen aus dieser Zeit. Also das ist schon ein Punkt und der zweite ist auch medial. Das wäre ja, also die Medien spielen ja eine große Rolle und sie sind alle westdeutsch geprägt. Die ganzen großen Medien sitzen in Westdeutschland und schreiben für ein westdeutsches Publikum. Und denen ist das relativ wurscht. Muss man einfach so sagen. Also ich habe ja selber als Journalist denen das immer wieder angeboten und häufig Ablehnung erfahren mit dem Thema. Bin da nicht angekommen in Redaktionen, es war sehr, sehr schwer. Und man kann das ja sehen, dass sie eben, ich sag mal, über ähnliche Dinge, Verschickungskinder riesengroß berichtet haben und selbst in anderen Ländern, selbst in Dänemark oder Irland oder Kanada, für ein westdeutsches Publikum darüber berichtet haben, aber wir ihre ostdeutschen Landsleute eben nicht. Also wir hatten ja jetzt zum Beispiel auch Kontakt zu diesen Kurkindern, also die auch, so ähnlich wie die Verschickungskinder, nur in der DDR, betrifft zweieinhalb Millionen Menschen. Da ist nie, nie wird nie, die werden gar nicht wahrgenommen, die gibt es gar nicht sozusagen medial. Und das ist ein eindeutiger, ein eindeutiges Ungleichgewicht und, glaube ich, auch ein Grund, warum das eben so verzögert und wahrgenommen wird. Es gibt ja kein großes ostdeutsches Medium, das ich dem annehmen könnte. Also Berliner Zeitung versucht so ein bisschen, aber ansonsten gibt es keine großen Player, die nur für Ostdeutschland schreiben, was ja ein Witz ist. Ich meine, es sind 16 Millionen. Es gibt Länder, die haben nur vier Millionen Einwohner oder so und da gibt es große Leitmedien, die hätten sich selbstverständlich diesem Thema längst angenommen. Aber das ist eben bei uns so eine spezifische Sache, dass das eben anders ist und das sehr, sehr schade, weil ich glaube, es gibt sehr viele Menschen, die das interessiert, brennend interessiert.
SPEAKER_00Ja, das denke ich auch. Und ich also bin da völlig bei dir. Ich denke auch, dass das, was du gerade beschrieben hast, der der Grund ist. Und ich glaube, dass noch was anderes dazukommt. Das hat die Heike Liebsch über deren Bücher, wir ja hier auch immer reden oder auf deren Bücher wir uns beziehen. Das hat die auch geschrieben in ihrer Doktorarbeit, dass sie selber, sie ist auch das Wochenkrippenkind gewesen. Und dass sie selber, genauso wie wir, ja auch mit dieser Erzählung aufgewachsen ist, das ist normal, ne? Also sie war halt in der Wochengrippe, so wie wir das ja auch schon immer wussten und das ja auch erstmal kein Ding war. Wir waren halt in der Wochengrippe. Und dass sie halt erst irgendwann viel später in ihrem Leben über andere Zugänge mitbekommen hat, Moment mal, vielleicht war das ja doch gar nicht so normal. Das ist das, was ich meine mit diesem, du musst erstmal selber reflektieren, dass das, was da passiert ist, du hältst doch das, also generell jedes Kind oder jeder Mensch hält doch vielleicht erstmal das für normal, womit er aufwächst. Und da braucht es halt diesen Abstand und dieses Bewusstsein, diese Reflexionen, da zurückzutreten und sich das aus einem anderen Abstand anzugucken und dann zu sagen, was war denn das hier eigentlich?
SPEAKER_01Absolut, nur mal, um das mit Beispielen zu unterfüttern, als ich mich das erste Mal damit beschäftigt habe, war ich Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig und ich habe das meiner damaligen Chefin erzählt, dass mich das beschäftigt und dass ich das ein interessantes Thema finde. Und die kam aus dem Osten und war völlig empört, dass ich das überhaupt ein Thema finde. Die sagte eben, das ist doch normal, aus dir ist doch was geworden. Also die hat das abgelehnt. Und da habe ich mich nicht beirren lassen und fand das eben trotzdem ein Thema und bin zu dem Redakteur gegangen, der die Dokumentation verantwortet und habe ihm das als Thema vorgeschlagen. So für eine längere Rapportage. Und der hat das auch abgelehnt. Der kam aber aus dem Westen und der hat das aus ganz anderen Gründen abgelehnt, für den war das nicht so interessant. Ja, vielleicht, hm, geh doch mal zum Deutschlandfunk. Also aus ganz unterschiedlichen Motivationen heraus hat man das abgelehnt, dass das oder das Thema nicht erkannt. Und das mir immer wieder begegnet und das hat mich natürlich auch selber total verunsichert. Ich habe selber dann auch irgendwann gedacht, okay, na gut, das ist jetzt ein Nischenthema.
SPEAKER_00Ja.
SPEAKER_01Und erst jetzt so in den letzten Reaktionen darauf habe ich gemerkt, nee, das interessiert ganz viele. Und einem so einen Beitrag auf Facebook gepostet hat, tausend Kommentare, also es kann ja nicht, kann ja nicht völlig egal sein.
SPEAKER_00Und ich, also auf alle Fälle, ich nehme da mittlerweile aber auch wirklich so einen kleinen, also eine Veränderung war. Nachdem wir, wir hatten ja eine größere Veranstaltung letztes Jahr im Herbst in Störitzland, haben wir so ein kleines internes Treffen organisiert für Wochenkrippenkinder und hatten da ja auch Medialaufmerksamkeit. Und dadurch haben das Freunde von mir mitbekommen, nochmal. Also die haben diese Beiträge darüber gesehen. Interessanterweise wussten diese Freunde schon immer, dass ich in der Wochengrippe war. Also das war jetzt, das war jetzt gar nicht die neue Information. Aber über diesen Beitrag sind wir dann nochmal neu ins Gespräch gekommen darüber, also mit mehreren Leuten. Und es wurde mehr Thema und die haben das erste Mal gefragt. Also vorher war das auch da, dass die gesagt haben, die haben gar nichts gesagt, also ich war halt in der Wochengrippe fertig. Und jetzt gab es das erste Mal so ein Gespräch. Das heißt, es wurde jetzt das erste Mal sichtbar, was hat denn das bedeutet? Genau wie für die für mich, war das für die ja vorher auch eine Blackbox. Was ist denn da passiert von Montag bis Freitag? Und jetzt über diese Beschreibung kam immer mehr von denen auch, dass die das auch nicht mehr so normal fanden, dass die das auch irgendwie absurd fanden. Und was ein anderes interessantes Phänomen war, dass immer mehr klar wurde, dass lauter Leute, von denen das vorher nicht bekannt war, auch in der Wochengrippe war. Also plötzlich hat meine Freundin gesagt, ihr Ex-Mann war in der Wochenkrippe und der Mann von ihrer Tochter war auch in der Wochengrippe. Also es war immer mehr.
SPEAKER_01Ich glaube, es war eine gewisse Sprachlosigkeit. Ich erinnere mich an, wir haben den Film gesehen von Amina Gusner, wenn Mutti früh zur Arbeit geht und sie selber war auch in der Wochenkrippe und hat ja beschrieben, dass sie erst, als sie gesagt hat, sie beschäftigt sich mit dem Thema, plötzlich gemerkt hat, ach Mensch, mein Freund ist auch Wochenkrippenkind oder meine Freundin. Man kennt sich seit Jahren, aber man hat sich darüber einfach gar nicht unterhalten oder es nicht als Thema identifiziert, über das man, was wichtig ist für was man voneinander wissen sollte, weil es einen Einfluss hat auf den.
SPEAKER_00Genau, das ist halt im Außen wie im Innen, ne? Also so wie es für mich selber ja auch lange kein Thema war oder ich das eben normal fand, so fand meine Umwelt das auch normal. Also dieser Prozess, der sich bei uns im Innern vollzogen hat, der vollzieht sich jetzt irgendwie auch nochmal im Außen. Jedenfalls nehme ich das gerade so wahr. Es wird mehr sichtbar und mehr aussprechbar.
SPEAKER_01Ich bin gespannt, wo es sich noch hin entwickelt. Wir haben ja gemeinsam auch einen Verein gegründet, der jetzt gerade eingetragen wurde, der Aufarbeitung des Themas widmen soll, aber eben auch vielleicht verhindern soll, dass es sowas in Zukunft nochmal gibt und dem Austausch dienen soll, weil auch die Selbsthilfegruppen, die es gibt, gibt es noch nicht so lange. Und tun, glaube ich, vielen Menschen gut. Also mir tut es immer gut, denn ich nehme auch. Ja, also ich glaube, das geht vielen genauso. Und da kommen immer wieder neue Menschen hin. Das überrascht mich eben auch nach so langer Zeit. Immer wieder jemand, der sagt, ich bin da neu, ich habe Interesse am Austausch. Also völlig, man, also ich finde es überraschend.
SPEAKER_00Ja, ist es und ist es auch wieder nicht. Also wir stehen ja da irgendwie noch ganz am Anfang und wir haben ja gesagt, dass die Dunkelziffer der ehemaligen Wochenkinder relativ hoch ist. Also irgendwas zwischen 200.000 bis vielleicht sogar 500.000, 600.000, die ja auch zum großen Teil noch am Leben sind. Also insofern gibt es da ein sehr hohes Potenzial. Und wir fangen erst darüber an zu reden. Das fängt gerade erst an, ins Bewusstsein zu kommen. Und ich erlebe das auch immer wieder, dass die Leute, die mit unseren, die mit den Beiträgen darüber in Berührung kommen und die dann hören, was wir schildern aus unserem Erleben und diese Zusammenhänge dargelegt bekommen zwischen Anfang und Ende, dass die halt immer mehr dann auch auf die Idee kommen, ja stimmt. Also ich habe das auch erlebt und das erinnert mich sehr an meine eigene Geschichte. Ich möchte da gerne mehr drüber wissen.
SPEAKER_01Wenn ich jetzt in der Wochenkrippe war und sage, es ist für mich ein Thema, wie kann ich mir eigentlich helfen lassen? Was hast du gemacht oder was kannst du Leuten empfehlen, wenn die zu dir kommen?
SPEAKER_00Da gibt es verschiedene Wege. Also die können natürlich. Das Niedrigschwelligste ist, in so eine Selbsthilfegruppe zu gehen.
SPEAKER_01Aber warum hilft mir das überhaupt? Also ich hätte das für mich, bevor ich da war, es erst immer ausgeschlossen.
SPEAKER_00Selbsthilfegruppe. Fand ich eigentlich Quatsch. Ja, das klingt irgendwie so ein bisschen.
SPEAKER_01So wie anonyme Alkoholiker oder ja, so. Aber warum hilft das?
SPEAKER_00Weil man da gleicher untergleichen ist. Also ich habe immer wieder erlebt, dass ich da nichts erklären muss im Gegensatz zu draußen. Im Gegensatz, also wenn ich mit Leuten darüber rede, die das nicht erlebt haben, die keine Wochenkinder waren, kriege ich ganz viele komische Sprüche auch. Oder da kommt eben dieses, ja, aber bist du denn der Meinung, es hat dir geschadet, wieso denn? Und es war doch normal und so. Und auch wenn ich da versuche, was aus meinem Innenleben zu schildern, gucken die mich oft so ein bisschen entgeistert an. Und wenn ich mich mit Wochenkindern unterhalte, wissen die, wovon ich rede. Ich muss mich da nicht rechtfertigen, ich muss mich auch nicht groß erklären. Wir sind sofort beieinander und können uns halt austauschen. Und das ist eine gute Erfahrung. Und man kann, also viele denken ja auch, das ist denn so ein gemeinsam Jammern. Man sitzt dann da irgendwie am Tisch und erzählt sich die ganze Zeit, wie schlecht es einem ging. Es ist aber auch ganz viel, ich sag mal, Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen. Also man kann auch, man erfährt auch von den anderen ganz viel, wie die rausgekommen sind aus irgendwelchen Krisen, was denen geholfen hat, wie die das angegangen sind. Wie ist denn bei dir? Was ist denn für dich das Gute an Selbsthilfegruppe?
SPEAKER_01Ich finde den Austausch wahnsinnig bereichernd, natürlich einmal ganz profane Informationen zu bekommen, die ich nicht kannte. Aber natürlich auch dieses aufgehobene Fühlen. Also ich habe mich auch schon mit Wochenkindern zum Beispiel, ich lebe ja in Hamburg, getroffen. Ich habe die noch nie gesehen, noch nie gesprochen. Einfach nur, wir waren beide an der Wochengrippe in völlig unterschiedlichen Städten, zu unterschiedlichen Zeiten, haben uns getroffen und es war bereichernd und das war die einzige Sache, die uns verbunden hat. Und das ist mir halt nicht nur einmal passiert, sondern das erlebe ich öfter so ein so ein aufgehoben Fühlen. Und gleichzeitig wird mir natürlich bei diesen Treffen aber auch schon bewusst, wie belastet da manche eben schon auch sind, dass sie bei der ersten Wortmeldung nach zwei Minuten in Tränen ausbrechen und also für die das schon ein großes Thema ist und dann natürlich auch, wie wichtig das ist, dann da vielleicht teilzugeben.
SPEAKER_00Und hast du schon die Erfahrung gemacht, also verändert sich für dich irgendwas in der Beschäftigung jetzt mit dem Thema und in dieser, also durch das regelmäßige Besuchen von Selbsthilfegruppen wird irgendwas anders?
SPEAKER_01Naja, die erste Aufregung ist natürlich dann auch irgendwann weg, es wird ein Stück weit normaler und was natürlich, es ist aber schon auch immer wieder anstrengend. Ich muss mich jedes Mal neu motivieren. Also kurz vorher denke ich immer, ich habe keine Lust hinzugehen. Ich will das nicht. Und ich komme doch eigentlich auch ohne gut klar. Und wenn ich dann da war, hat es mir aber total gut getan. Und ich komme immer wieder noch ein kleines Stückchen weiter in der Beschäftigung damit. Aber okay, Selbsthilfegruppen, was noch?
SPEAKER_00Therapien, natürlich gibt es mehrere Möglichkeiten, wobei das natürlich, also es ist ein bisschen der schwierigere Weg, weil es ja nicht so einfach ist in unserem Lande. Es sei denn, ich habe das nötige Kleingeld, selber eine Therapie zu finanzieren, ist es halt ein bisschen schwieriger, eine Therapie zu bekommen. Aber davon abgesehen wäre das auch immer mein Tipp, eine Therapie zu machen. Da gibt es aber auch ganz unterschiedliche Formen. Da ist für jeden was anderes gut. Also Gesprächstherapie, Hypnotherapie, Körpertherapie, da gibt es ganz verschiedene Ansätze.
SPEAKER_01Aber hast du von Rückmeldungen, was Leuten hilft, weil ich habe da keine Erfahrung zum Beispiel.
SPEAKER_00Stimmt, du warst ja der Einzige von uns, der schafft. Ich war der Einzige auf der anderen Seite. Ja, das ist ganz individuell, das ist auch so ein bisschen typenbedingt. Ich habe lange gesetzt auf Gesprächstherapie. Das fand ich auch sehr gut, weil das setzt ja eher so bei der Ratio an, ne? Da sortiert man ja quasi über den Kopf erstmal, was war und warum, wie sind die Zusammenhänge, das finde ich auch nach wie vor ganz hilfreich. Bei der Bewältigung von Trauma ist dem aber, also da gibt es eine Grenze, die du, also die du nicht brichst mit reiner Gesprächstherapie. Da sind dann körperorientierte Verfahren besser. Und das ist im Moment was, was ich, worauf ich mich konzentriere. Ich finde aber auch alles, was alle, die traumatherapeutisch arbeiten, auch sehr interessant, finde ich, hat mir auch sehr viel gebracht, mich damit zu beschäftigen.
SPEAKER_01Aber das ist ja auch ein Punkt, der uns, glaube ich, am Herzen liegt, in der Vereinsarbeit, in der Öffentlichkeitsarbeit, dass ja auch die Therapeuten von Wochenkrippen wissen müssen. Denn wenn jemand zu ihnen kommt und eine Diagnos hat oder eine, ich sage es mal, profan ein Problem und der Therapeut hat aber in seiner Ausbildung noch nie von der Existenz der Wochenkrippen gehört, kann er vielleicht auch gar nicht die geeigneten Maßnahmen einleiten. Also auch in der Ausbildung müsste das eben Standard sein, dass man zumindest mal davon gehört hat. Oder vielleicht es eben spezialisierte Therapeuten auch gibt.
SPEAKER_00Ja, vielleicht weiß ich gar nicht so genau. Also ich glaube, das wichtigere Stichwort wäre da entwicklungsbedingtes Trauma, weil das ist die Überschrift dafür. Und das gibt es ja aus mehreren Kontexten. Da sind ja jetzt die Wochenkinder nicht die einzigen, auf die sowas zutrifft. Also das ist sozusagen die größere Überschrift. Und aus meiner Sicht wäre das wichtig, dass eben in allen Ausbildungen, Studium und nachher auch Facharztsausbildungen machen die jetzt ja, glaube ich, auch die Psychotherapeuten, dass das halt mehr Thema wird und dass die angehenden Therapeuten darauf mehr geschult und dafür sensibilisiert werden. Und dann subsumiert sich das da drunter. Also dann ist sowas wie Wochenkinder, es fällt dann damit runter.
SPEAKER_01Ich muss ja gestehen, dass ich körperliche Ablehnungsreaktionen habe, wenn ich therapeutische Versuche unternehme. Wir haben ja schon öfter mal so Gruppentherapieversuche gemacht und ich bin immer eingeschlafen.
SPEAKER_00Ja, auch ein interessanter Abwehrmechanismus.
SPEAKER_01Nach fünf Minuten hat mich eine bleiernde Müdigkeit erfasst. Und zwar jedes Mal. Am Anfang habe ich immer noch gedacht, okay, ich bin müde, ja, das könnte sein. Aber nach dem dritten, vierten Mal, ich glaube, ich nicht mehr an Zufall.
SPEAKER_00Da können wir ja mal Katharina Kautsch einladen und sie mal fragen, was sie dazu sagt als Therapeutin.
SPEAKER_01Ich habe die Erklärung vergessen, aber sie hat eine Erklärung dafür.
SPEAKER_00Die hast du vergessen. Auch interessant.
SPEAKER_01Ja, aber auf jeden Fall klang das logisch, dass es eine körperliche Abwehrreaktion ist, um sich auszuklinken, wenn es zu gefährlich wird, sozusagen, um es nicht an sich heranzulassen.
SPEAKER_00Ja, das ist auch erstmal eine sehr effektive Methode.
SPEAKER_01Eine Überlebensstrategie tatsächlich ja, ja.
SPEAKER_00Ja, vielleicht machen wir das ja mal in einer der nächsten Folgen. Vielleicht laden wir uns ja mal als nächstes eine Therapeutin, einen Therapeuten ein und besprechen mit denen mal so Fachfragen.
SPEAKER_01Sehr, sehr gerne. In diesem Sinne war sehr interessant. Vielen Dank.
SPEAKER_00Ja, fand ich auch. Danke dir.
SPEAKER_01Wenn es Anregungen gibt, Kritik, Fragen, meldet euch unter ungehalten.wochenkinder.de oder bei den Kommentaren könnt ihr uns was hinterlassen. Ein Like würde uns freuen. Oder ihr abonniert den Kanal. Und dann bis zum nächsten Mal.
SPEAKER_00Bis zum nächsten Mal.
SPEAKER_01Wir hören uns. Dieser Podcast wurde mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.