Ungehalten - Der Wochenkinder-Podcast

04 - Sandy - Adoptiert nach dem Wochenheim

Nelia und Alexander Season 1 Episode 4

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Was bedeutet es, wenn frühe Trennungserfahrungen gleich mehrfach zusammenkommen?

In dieser Folge ist Sandy Graf zu Gast. Sie verbrachte ihre ersten Lebensjahre als Wochenkind in der DDR und wurde später adoptiert. Als Erwachsene begann sie, nach ihrer Herkunft zu suchen – und stieß dabei auf Antworten, mit denen sie nie gerechnet hätte.

Wir sprechen über Identität, Scham, Loyalität, die Suche nach den eigenen Wurzeln und darüber, warum manche Fragen ein Leben lang bleiben. Ein persönliches und bewegendes Gespräch über zwei Erfahrungen, die sich gegenseitig verstärken können: Wochenkrippe und Adoption.

Buch: Sandy Graf – „Adoptierte Indianer kennen keinen Schmerz, oder doch?“
Kontakt: Treff für erwachsene Adoptierte unter erwachseneAdoptierteLeipzig@t-online.de

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SPEAKER_03

Ich war natürlich total aufgeregt, also der ganzen Körper gemerkt. Ich habe ihn quasi in seinem jetzigen Heimatort besucht, bin zu ihm quasi in die Wohnung gefahren, da zu klingeln. Und er hat so eine zweite Etage in dem Haus an, so die Treppe auf ihn zuzugehen, das ist. Das hat mich durchgerüttelt.

SPEAKER_00

Jugendweil mit 14. Du kannst dich wirklich an gar nichts davor erinnern.

SPEAKER_03

So 12, 13 ist bei mir so die Schwelle. Aber ansonsten habe ich so das Gefühl, dass ich nur von Bildern und von Erzählungen durch andere da meinen Erinnerungen zu haben.

SPEAKER_00

Willkommen bei Ungehalten, dem autobiografischen Podcast der Wochenkinder. Wir sind Nelja und Alexander, und wir wollen herausfinden, wie die Kindheit mit dem Erwachsenenleben zusammenhängt.

SPEAKER_04

Und ob es tatsächlich nie zu spät ist, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.

SPEAKER_00

Ja, herzlich willkommen zu einer weiteren Folge des Podcasts Ungehalten. Hallo Nelja.

SPEAKER_04

Hallo Alexander.

SPEAKER_00

Und wir haben einen Gast, Sandy Graf ist da. Hallo.

SPEAKER_04

Hallo, ich grüße euch. Hallo Sandy.

SPEAKER_00

Uns verbindet, dass wir alle drei Wochenkinder sind. Uns trennt, du bist noch adoptiert worden danach. Das ist das Besondere und da würden wir dann gerne auch drüber sprechen. Insofern, dass viele Wochenkinder noch eine zweite Geschichte haben. Und bei dir ist es eben die Adoption. Du hast ein Buch darüber geschrieben, Adoptierte Indianer kennen keinen Schmerz, oder doch? Ich halte einmal an die Kamera, wir verlinken das auch. Und ich würde zum Einstieg so ein kleines Stückchen, um dich vorzustellen, lesen. Ich mag gerade Zahlen, ich esse ungern mit Fingern, ich vermeide es in Straßenbahnen, die Haltestangen anzufassen. Telefonieren ist eher nicht so mein Ding. Ich hasse es in den Spiegel zu schauen. Ich kann gut mit mir allein sein, habe keine Verlustängste, bin aber definitiv beziehungsfähig. Mein persönlicher Super-GAU ist es, fremde Leute anzusprechen. In Gruppen fühle ich mich generell unwohl, bin eher die stille Beobachterin von der Seitenlinie aus, mag es absolut nicht im Mittelpunkt zu stehen. Warum machst du es dann doch oder wie viel Überwindung hatte ich das gekostet?

SPEAKER_03

Ja, zum einen bin ich der lieben Einladung erstmal gefolgt, die ich auch gerne angenommen habe. Und ich finde, ich gar nicht, dass ich jetzt persönlich da im Mittelpunkt stehe, sondern ja eher unser verbindendes Thema da sehe und mich mehr nur als die Projektionsfläche, um darüber zu erzählen. Deswegen war viel Vorfreude, auch ein bisschen Aufregung, aber gar nicht so der Gedanke, okay, es geht jetzt da um mich, also es geht eher für mich wirklich um die Thematik, die uns ja verbindet.

SPEAKER_00

Aber es ist ja schon ein bisschen ambivalent, ne? Ich meine, du hast auf der einen Seite stehst du nicht gerne im Mittelpunkt, das glaube ich dir ja auch. Auf der anderen Seite hast du ein Buch geschrieben und hast das nicht nur im stellen Kämmerlein geschrieben, sondern du gehst damit auch oft auf Lesungen, stellst dich sozusagen den Diskussionen, hast auch eine Selbsthilfegruppe gegründet und redest auch über das Thema, ist dir ein Anliegen auch in der Öffentlichkeit. Wie passt das zusammen?

SPEAKER_03

Das ist, glaube ich, so ein bisschen wie ja bei Goethes Faust, zwei Seelen wohnen dach in meiner Brust. Das ist so dieses Jahr Scheueré auf der einen Seite, aber fühle auch, dass es gerade mir persönlich auch geholfen hat, darüber zu sprechen, weil ja eine lange Zeit über Thematiken Wochengrippe und auch Adoption ich selbst nicht drüber gesprochen habe, in der Familie auch nicht drüber gesprochen wurde und ich, dass das so ein bisschen nachhole und ich gern meine Geschichte teilen möchte, um anderen da Impulse vielleicht zu geben, zu begleiten, Wegbegleiter sein zu können, um Erfahrungen zu teilen und da mit gemeinsam Stück die Geschichte aufzuarbeiten. Und dadurch, dadurch kommt irgendwie so dieser Mut, das zu machen und damit sich zu zeigen, damit sich auch verletzlich zu machen. Aber irgendwie überwiegt das, was man dadurch erhält.

SPEAKER_00

Ich bin gleich im Vorwirt über den ersten Satz gestolpert. Da schreibst du, dass deine Erinnerung erst mit der Jugendweihe einsetzt. Erinnerung ist ja für uns so ein großes Thema, weil wir uns eigentlich gerne an die Wochengrippezeit erinnern würden und viele versuchen, da irgendwas hervorzukratzen, was total schwer ist, weil bei manchen setzt die Erinnerung mit vier, fünf ein, bei mir glaube ich, erst so mit sechs, sieben. Das ist vielleicht auch so ein typisches Alter. Jugendweihe mal mit 14. Du kannst dich wirklich an gar nichts davor erinnern?

SPEAKER_03

Also an gar nichts nicht, aber ich habe wirklich so das Gefühl, dass so 12, 13 ist bei mir so die Schwelle. Also ich weiß, vor der Jugendweih hatte ich einen Skiunfall, da hatte ich dann das Bein im Gips und konnte dann so diese Tanzstunden, die man in der Schule hatte, nicht mitmachen. Das weiß ich auch noch, aber ansonsten habe ich davor das Gefühl, ich weiß nicht, in welchem parallelen Universum ich war, aber ich habe so keine bewusste Erinnerung. Also da sind so ein, zwei Sequenzen und durchs Schreiben ist da auch ein bisschen was zurückgekommen. Aber ansonsten habe ich so das Gefühl, dass ich nur von Bildern und von Erzählungen durch andere da meinen Erinnerungen zu haben, aber dass das nicht bewusst gefühlt erlebt ist. Und dass ich da wirklich sage, ja, das geht so 12, 13. Und Jugendweil, da war es eher so, das, was ich da anhatte, wo ich sage, ich habe mich so unwohl gefühlt an dem Tag, das war irgendwie so prägend. Aber ansonsten ist das davor wirklich alles so echt im Nebel. Das ist ja sehr seltsam.

SPEAKER_00

Hast du mal versucht, da irgendwas irgendwie hervorzukratzen? Hast du da? Also was hast du da getan?

SPEAKER_03

Also ich habe jetzt nicht im Sinne von, also mich an sowas wie Hypnose herangetraut, wo ich dachte, so eine bewusste Erinnerung. Ich sehe nämlich schon danach, auch nach dieser bewussten Erinnerung an meine Mutter tatsächlich. Aber habe jetzt, sag ich mal, durch Gesprächstherapie Vergangenheit vielleicht beleuchtet, wo auch einiges, sag ich mal, in Bezug eher auf meinem Leben in der Adoptivfamilie dann nochmal so ein bisschen hochgeploppt ist. Aber ja, ich weiß nicht, ob man da wirklich eine Erinnerung zurückzaubern kann. Also was nicht irgendwie da nicht ins Bewusstsein wirklich gegangen ist, so kognitiv, weiß nicht, wo man das herbekommt. Und ich sperre mich aber so ein bisschen vor Hypnose, weil ich das Gefühl habe, da wird einem auch nur was eingepflanzt, also dieses Vertrauen, was ist wirklich, was real ist, dann, das habe ich leider irgendwie nicht.

SPEAKER_00

Wie erklärst du dir denn das späte Einsetzen der Erinnerung? Also was ist denn deine Arbeitshypothese dafür?

SPEAKER_03

Ich denke schon, dass es eine Art Schutzmechanismus ist, so ein bisschen verdrängt. Ich habe auch so beschrieben, also der Apothekerschrank meines Herzens, wo ganz viel verstaut ist, wo ich aber einfach entweder noch gar nicht rangekommen bin oder nicht ran möchte, unbewusst. Ja, dass es einfach gut verpackt ist, gut aufbewahrt ist, ich vielleicht doch irgendwann zu den Schubladen komme. Aber momentan so, ich trotzdem den Frieden habe, dass es so ist, aber es hat mich so in Gespräch mit anderen, die sich so wirklich an Detail, so wirklich da ganz enthusiastisch von ihrer Kindheit erzählen können, wirklich von so wirklich Erinnerungen, wo ich immer denke, wo ist denn das bei mir? Ich denke aber, dass es wirklich viel, so ein Stück weit verdrängendes Leben ist. Gar nicht, weil alles schlecht war, aber irgendwie ja, schon eine Art Schutz.

SPEAKER_00

Dann lass uns doch mal an dein Leben annähern. Wann und wo bist du denn geboren worden?

SPEAKER_03

Ja, 1978, DDR-Kleinstadt mit Weida, bin ich geboren. Meine Mama war alleinerziehend, also war ja auch unverheiratet. Sie hat mit ihrer Mama in einer Wohnung gelebt. Also wir haben quasi zu dritt zusammengelebt, zumindest die ersten drei Jahre. Und ja, dadurch, dass es aber ja auch bis, also die Adoption war dann im dritten Lebensjahr, habe ich da auch weder an die Stadt dann Erinnerungen und auch an leider die gemeinsame Zeit mit Mutter und Großmutter. Und ja, habe das natürlich jetzt so auch nachgeholt, mit weiter zu besuchen, da zu schauen, wo war da das Haus. Das steht zwar zum Beispiel nicht mehr, aber ja, geboren und wo war die Wochengrippe und so, die war auch ein Mitweiter. Ja, aber ansonsten ist da auch jetzt kein Bezug wirklich zu meinem an sich Geburtsort vorhanden. Wie alt war denn deine Mutter? 19. Wie gesagt, relativ jung. Und das war, die beiden kannten sich aus der Schule, meine Eltern, also meine leiblichen Eltern, das war eher so, heute würde man On-Off-Beziehung das wahrscheinlich nennen. Das war eher so kumpelhaft, das war jetzt nicht ausgelegt, wir wollen irgendwie heiraten und dann die erste Wohnung oder was auch immer, Haus oder so. Das war so eine Jugendfreundschaft, die da so ein bisschen überdauert hat. Und aber wo von beiden Seiten gar nicht so Festes gewollt oder gewünscht war. Du spekulierst ja so ein bisschen in deinem Buch deiner Mutter war lesbisch und dass sie das eigentlich nur so des Guten Tunens willen oder weil das in den 70er Jahren an einer kleinen Stadt DDR vielleicht doch noch so ein bisschen schwierig war, dass es wie so eine Art, ich weiß gar nicht, ein Alibi-Freund oder Ja, also es ist vieles Interpretation und Spekulation meinerseits, aus dem, was ich trotzdem, sage ich mal, über Dritte vielleicht in Erfahrung bringen konnte, das macht es natürlich immer ein bisschen schwierig und lässt halt auch einfach viel Raum für Spekulation. Ja, fühlt es sich für mich an, zu sagen, vielleicht war es auch zu sagen, dieser Wunsch nach einem Kind, der vielleicht doch kurzzeitig mal da war und damit sich was Eigenes zu schaffen und vielleicht auch irgendwas damit auch bei sich zu füllen, aber nicht das Wunschkind und die Wunschfamilie und dass es wirklich auf eine Beziehung ausgelegt war. Also das war es bei meiner Mutter nicht. Und sie war da, glaube ich, sehr noch in der eigenen, ja, was will ich eigentlich vom Leben, wer bin ich selber, wo, was möchte ich eigentlich leben, wie möchte ich leben. Ich glaube, da war sie sehr zerrissen und auch gefangen und ja, durch auch die gesellschaftlichen Normen vielleicht dann auch ein bisschen gehemmt. Hat zwar versucht, das so ansatzweise vielleicht zu leben, aber ja, DDR und mit dem regimegetreu zu leben, war sie da, glaube ich, schon ein bisschen im Konflikt.

SPEAKER_00

Du schreibst auch, dass es möglicherweise ein Unfall war und dass vielleicht sich deine Mutter eben nicht wie andere werden, eine Mütter liebevoll über den Babybauch gestreichelt hat und dich jetzt auf das Kind gefreut hat und überlegst so, was das möglicherweise für dich bedeutet hat. Was würdest du denn sagen? Also aus heutiger Sicht, hatte ich das geprägt, ist das so und wenn ja, wie?

SPEAKER_03

Das waren in erster Linie so Fragen, die ich mir einfach, also wo ich mich uns so vorgestellt habe und einfach versucht habe irgendwie nachzuempfinden, wie sie vielleicht die Schwangerschaft erlebt hat, wie sie, also ob sie es vielleicht überhaupt drauf angelegt hat und wenn ja, was hat sie dann irgendwie vielleicht zum Umdenken gebracht oder das sind viele Fragen, die ich mir vielleicht am Ende auch gar nicht selber letztlich beantwortet habe oder nicht beantworten wollte, um da vielleicht auch etwas Schmerz oder Traurigkeit zu vermeiden. Aber so dieses, ja, sich vorstellen, okay, deine Mama freut sich wirklich auf dich und sie wird alles versuchen, damit es dir gut geht und damit welche Umstände auch immer da sind, da eine gute Basis geschaffen wird. Ja, diese Wunschvorstellung hätte ich natürlich schon, dass es bei uns war, aber vieles, was ich so von Dritten gehört habe, deutet halt schon eher auch darauf hin, dass sie auch in diesem Bezug zerrissen war und vielleicht das gar nicht dann so geben konnte, was sie vielleicht wollte, aber dann gemerkt hat ab einem gewissen Punkt, dass sie gar nicht so die Muttergefühle hat. Aber wo vielleicht das genau gekippt ist und ob es überhaupt so war, ich konnte sie ja nie dazu befragen. Deswegen ist es halt Spekulation. Aber ich habe mir so einfach die Fragen gestellt, zu sagen, wie war so unser Verhältnis, was hat sie empfunden? Und wie hat es sich vielleicht in mir, wenn es rein schon im Babybauch war, ja, geht da was durch die Gene? Keine Ahnung, was kommt da an bei einem, wenn irgendwie die Mama selbst zerrissen ist? Was hat das für ein Eifluss aufs Kind?

SPEAKER_00

Aber was würdest du denn sagen? Also was für ein Gefühl hast du denn dabei, wenn du daran denkst?

SPEAKER_03

Also für mich ist immer dieses an meine Mutter, also an meine leibliche Modelling war immer positiv und warm. Also ich habe, wo ich mir, also wo ich nicht denke, dass es eine Einbildung ist oder dieser Wunsch, dass so das Empfinden werden lässt, weil ich mir das halt so sehr wünsche, dass es doch irgendwie doch gut zwischen uns war oder so, wie es zwischen Mutter und Kind vielleicht sein sollte. Deswegen bin ich auch immer so ein bisschen hin und her gerissen, glaube ich, dem, was mir Dritte so erzählen, wie sie so im Umgang mit mir angeblich gewesen ist. Oder vertraue ich eher dem, was ich eigentlich so fühle letztlich, was ich fühle, wenn ich an sie denke. Und das war eigentlich immer positiv besetzt. Deswegen geschwankt es.

SPEAKER_04

Und das steht aber im Widerspruch sozusagen zu dem, was du von anderen gehört hast, über ihren Umgang mit dir?

SPEAKER_03

Gute Schulfreundinnen von ihr oder Freundinnen haben berichtet, dass der Umgang mit mir eher kühl war, dass sie halt, also mich jetzt nicht unbedingt, also dass sie mich nicht kuseln oder Herzen haben gesehen, dass meine Mutter halt relativ auch zurückgezogen dann in der Zeit mit mir war, also dass sie gar nicht so groß rausgegangen ist, sondern eher sich in eine Wohnung dann mit mir mehr Domin da aufgehalten hat und nicht so die Interaktion gesucht hat mit anderen, obwohl viele so im gleichen Alter alle dann gefühlt schwanger geworden sind von der Schulklasse. Das steht so im Widerspruch, wo ich so denke, oh, ich fühle da, aber irgendwie fühle ich da eine Verbindung. Da muss doch was gewesen sein zwischen uns.

SPEAKER_04

Und kennst du das, also du hast ja auch eine Selbsthilfegruppe gegründet, nur bist du in einer Selbsthilfegruppe zum Thema Adoption. Kennst du das aus den Erzählungen von anderen? Also was sagen die? Überwiegt es eher oder kommt es oft vor, dass adoptierte Menschen sagen, ich habe da so eine warme Verbindung oder ist es eher was Außergewöhnliches?

SPEAKER_03

Nee, es ist Zeist-Teiles, würde ich sagen. Also es ist dieses, dass viele dieses Sehnsuchtsgefühl haben, zu sagen, gerade insbesondere nach der Mutter, viele auch trotzdem auch nach dem Vater natürlich, aber so bei mir war es auch so dieser Impuls, eigentlich erstmal die Suche nach der Mutter und dann kam erst so dieses, okay, jetzt frage ich auch den Vater. Aber es gibt doch ganz viele, die sehr viel Wut in sich tragen gegenüber der Herkunftszeite und das so erstmal vorrangig überlagert alles, was da muss noch gar nicht unbedingt vielleicht wirklich Information da sein, aber da ist so dieses, ja, dieses, ne, man ist abgegeben, auch weggegeben worden. Das muss ja Grund haben, wie können das Eltern machen und dass damit erstmal dieses Wutgefühl, die Enttäuschung, das erstmal überlagert. Und das ist was, was ich zum Beispiel gar nicht empfinde. Wut oder Kroll, also das war nie da. Also ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich das irgendwo nachher holen müsste. Also ich, das fühle ich so überhaupt nicht.

SPEAKER_00

Du hast deine Mutter nie kennengelernt, sie ist mit 40 gestorben. Woher weißt du denn dann eigentlich das, was du über deine Mutter weißt?

SPEAKER_03

Zum einen von ihrer Schwester, quasi meine Tante, die ich im Rahmen der Herkunftssuche gefunden habe oder finden habe lassen durch Jugendamt, viel durch Schulfreundinnen von ihr, die ich dann auch gesucht, kontaktiert habe über diverse Kanäle und die dann auch ja eigentlich alle sehr offen und freundlich bereit waren, mir da Informationen zukommen zu lassen. Durch meinen leiblichen Vater letztlich dann auch, den ich auch gesucht habe. Und ja, so ergab das dann zumindest irgendwann neben Bildern, die ich auch glücklicherweise bekommen habe, durch meine Tante so ein stimmiges Bild.

SPEAKER_00

Ein paar Sachen haben wir schon angesprochen, was wissen wir denn noch nicht über deine Mutter?

SPEAKER_03

Dass ich ihn sehr schon trotz, also auch so ein bisschen eine Ambivalenz hatte, also zum einen sehr offen, sehr krumpelmäßig unterwegs, sehr dem Spott verbunden, also bei Sportarten, also das habe ich auch von ihr so ein bisschen geerbt, quasi, dass sie da sehr schon sozial verbunden war und aber auch so diese Seite hatte mit Rückzug, so nicht wirklich an sich heranlassend, damit sicherlich auch Menschen abweisend letztlich, ja, dass sie auch unter dem frühen Verlust von ihrem Papa gelitten hat, dass sie, denke ich, mit ihrer Schwester, also meiner Tante, ein gutes Verhältnis hatte, auch so zu ihr heraufgeblickt hat und da, als sie dann weggezogen ist mit ihrem Mann, da, denke ich, auch so einen kleinen Bruch hatte und da so auch wieder einen Verlust hatte, hatte dann zwar ihre Mama noch, aber war da schon sehr teilweise isoliert. Und dann durch, ja, wenn man dann merkt, okay, man ist vielleicht nicht wie die Norm, bringt das ja auch gewisse Konflikte mit sich, die man dann auch aushalten muss. Sich versucht, offenbare ich, zeige ich das jetzt, wie gehe ich damit um, lebe ich offensiv oder eher an der Defensive dann. Das hat es sicherlich nicht einfach für sie gemacht, denke ich. Und hat dann auch dazu geführt, dass sie versucht hat, ihre Probleme dann mit Hilfe von Suchtmitteln sozusagen zu leicht zu lösen, zu verdrängen.

SPEAKER_00

Was heißt denn früher Verlust des Vaters?

SPEAKER_03

Also sie war 15, das ist jetzt vielleicht vom Alter her nicht so früh, aber es war, was ich erfahren konnte, zu sagen, dass er vorher auch nicht wirklich erreichbar war, im Sinne, dass er mit seinen eigenen Themen sehr behaftet war und auch gewisse Suchtmittel eine Rolle spielten und da einfach für die ganze Familie eigentlich gar nicht zur Verfügung stand, emotional vor allen Dingen nicht. Und deswegen sieht er sicherlich vorher schon auch die Sehnsucht da nach Familie und nach Verbundenheit hatte und das von zumindest auch Vatersseite gar nicht möglich war. Und dann aber halt noch ja so gefühlt nach Ende der Pubertät und mit dem eigenen, wo man sich vielleicht gerade befindet, dann noch zu verlieren, glaube ich, war ein ungünstiger Zeitpunkt, könnte ich mir vorstellen für sie. Dass sie sich da schon verloren gefühlt hat ein Stück weit.

SPEAKER_00

Und Umzug von Mitweider woanders hin oder nach Mitweih oder was für ein Umzug?

SPEAKER_03

Das war die Schwester, die dann quasi mit ihrem Mann nach Dresden gezogen ist, das Studium wegen, die hatte dann.

SPEAKER_00

Und damit fehlte als Schwester sozusagen.

SPEAKER_03

Genau, was dann auch weggebrochen war. Quasi nur noch in der Anführungszeichen die Mama da war, aber so, sag ich mal, vielleicht der Innere gedraht, vielleicht zur Schwester war und ja dann damit auch DDR-Zeiten. Klar, man hat dann nochmal vielleicht telefoniert über das Nachbautelefon irgendwie, aber ansonsten war dann schon relativ große Distanz dadurch da.

SPEAKER_00

Und was weißt du, wie hat sie die Liebe zu Frauen, wie hat sie das nun für sich gelöst oder beantwortet? Hat sich das heimlich oder dann doch offen irgendwie?

SPEAKER_03

Also sie hat später schon auch offen gelebt. Sie hatte auch mehrere Jahre eine Beziehung mit einer Frau. Diese, also quasi ihre Ex-Partnerin, die kannte mich auch. Also wir haben auch Sachen zu dritt dann damals in Mitweiter unternommen. Also es war jetzt nicht so, dass es ganz unmöglich vielleicht in DDR-Zeiten gewesen wäre. Also zumindest hat mir die ehemalige Freundin schon berichtet, dass sie jetzt innerhalb von Mitweida das schon auch zeigen konnten, dass sie so mutig waren und sich das getraut haben, dass wir da zu dritt da aufgetreten sind und durch einen Stadtpark spaziert sind und so weiter. Aber gibt man das dann wirklich was in was Dauerhaftes, wenn man wirklich so als Familie dann zwei Frauen und ein Kind, also dass es das nicht überlebt hat, beziehungsweise da ist ja dann sozusagen die Adoption dann auch dazwischen gekommen, dass es ja dann auch irgendwann wieder auseinandergegangen ist. Aber sie hat, meine Mutter hat schon versucht, das tatsächlich als ihr Lebensmodell erstmal auszuprobieren.

SPEAKER_00

Du beschreibst das relativ positiv. Nun war das aber schon so, du bist in die Wochengrippe gekommen und deine Mutter hat dich zum Beispiel gar nicht immer abgeholt. Also nicht mal, nicht nur, dass du von Montag bis Freitag in der Wochengrippe warst, sondern dann kam Freitagnachmittag niemand. Warum und was ist dann passiert?

SPEAKER_03

Also ich weiß jetzt nicht jeden einzelnen Grund, also für jedes Ereignis, aber es war schon so, dass sie es gefühlt vergessen hat am Freitag oder irgendwie dann doch noch unterwegs war oder gedacht hat, das Wochenende will ich jetzt nach Berlin schwampen oder so. Und dann hat mich entweder die Großmutter dann abgeholt und ich war halt das Wochenende dann mit der Oma zusammen oder es haben mich dann auch Erzieherinnen, also spezielle eine Erzieherin eigentlich dann mitgenommen. Es war aber auch so, dass manchmal die Erzieherin gefragt hat, kann denn Sendy nicht das Wochenende mit zu mir und wo dann meine Mutter ja gesagt hat, wo ich natürlich auch sage, ja, wäre schon schön gewesen, eigentlich hätte es Nein gesagt, dass wir wenigstens Wochenende zusammen sind. Aber ich glaube, das waren so in ihrer, ohne dass ich das damit rechtfertigen will, aber so ihre Sturm- und Trang-Phase, wo sie dann einfach verdrängt hat, dass sie eigentlich ein Kind hat und das dann ja ihre Prioritäten anders gesetzt hat, leider. Und war sie zu der Zeit berufstätigt? Also ich bin durch, also in die Woche gekommen, nachdem sie quasi oder mit dem sie ihr Arbeitsverhältnis wieder aufgenommen hat, sie hat dann aber halt in Schichten begonnen zu arbeiten und da war wahrscheinlich durch den Betrieb das Angebot da, denke ich mal, ja, Betreuung auch in der Wochengrippe möglich. Also das weiß ich nicht ganz genau, inwieweit sie behauptet dieses Wochengrippen als Modell gestoßen ist, ob man ihr das angeboten hat, weil vorher waren wir zehn Monate sozusagen zu Hause. Also sie hat das Arbeitsverhältnis rumgelassen. Es gab ja dann schon Ende Ende der 70er 20 Wochen oder so, zur Elternzeit. Das hat sie ausgeschöpft, dann war sie aber noch irgendwie drei Monate länger mit mir sozusagen zu Hause. Und ab dem 11. Monat bin ich dann in die Wochengrippe, was dann über den Betrieb ging. Und da hat sie halt mit Schichtarbeit begonnen. Und meine Großmutter hat auch in Schichten gearbeitet und das hat sich wahrscheinlich dann auch nicht irgendwie verbinden lassen, dass es eine Tagesgrippe hätte werden können oder so. Aber warum sie sich jetzt genau für die Wochengrippe entschieden hat, denke ich ihr, kam es dann irgendwann zugute zu sagen, ja, unter der Woche ist das Kind nicht da, ich habe dann nach der Arbeit quasi frei und kann dem nachgehen, was mir gerade irgendwie wichtig ist. Ich glaube, das hat sie schon auch ein Stück weit ausgenutzt.

SPEAKER_04

Ja, ich frage jetzt auch deswegen, weil du halt gesagt hast, oder wir haben gerade gesagt, sie hat dich manchmal nicht abgeholt am Wochenende und das war dann halt spontan und du hast jetzt gesagt, ja, sie hat es dann vielleicht auch mal vergessen. Deswegen wäre jetzt meine Frage, weißt du, ob sie, hat sie ihre Arbeit auch vergessen oder ist sie regelmäßig erschienen auf ihrer Arbeit?

SPEAKER_03

Na, es gab, und zumindest stand in der Adoptionsakte, das ist das Thema Arbeitsbummelei, das war so damals der Ausdruck in DDR, also das ist schon vorgekommen. Dass sie krank gemacht hat, dann aber auch nicht zu Hause angetroffen wurde. Da gab es wahrscheinlich so Kontrollbesuche. Also, zumindest war es auch in der einen Woche, wo es dann quasi letztlich zur Adoption gekommen ist, da war sie auch krank gemeldet und war halt nicht zu Hause. War in einer anderen Stadt.

SPEAKER_00

Das heißt, irgendwann ist das Jugendamt auf den Plan getreten.

SPEAKER_03

Muss es zumindest einmal, ich weiß nicht, wie weit es im Vorfeld schon Jugendamtsbesuche oder Gespräche gab, das steht in der Akte leider nicht. Und es gibt auch diese Erziehungshilfeakte nicht oder nicht mehr. Die hat auch ein bisschen weniger Archivierungsfrist. Also es ist nichts dokumentiert, dass im Vorfeld jemals offiziell ein Besuch stattgefunden hat, irgendwas gesprochen wurde, irgendwelche vielleicht Hilfsmaßnahmen oder so. Oder dass die Großmutter mit ins Boot geholt wurde, wie können wir irgendwie einwirken, dass das vielleicht sich ändert. Und es gab dann, was dokumentiert ist, nur dieses eine Gespräch, wo meine Mutter dann ins Jugendamt bestellt worden ist. Und im Rahmen dieses eines Gespräches hat sie die Freigabe sozusagen zur Adoption erteilt. Und dass es aber Besuche vom Jugendamt gab, weiß ich durch, also da vertraue ich auf die Aussagen hat von ehemaligen Schulfreundinnen. Also es muss das Jugendamt ein, zwei, dreimal da gewesen sein.

SPEAKER_00

Aber war es eher so, dass deine Mutter überfordert war und ganz dankbar war über die Entlastung oder war es eher so, dass das Jugendamt Kindeswohlgefährdung gesehen hat und deswegen eingegriffen hat?

SPEAKER_03

Also die Schulfreundinnen meinten aus Thema Vernachlässigung, also weil sie wahrscheinlich gar nicht ins soziale Umfeld mehr gegangen ist, irgendwie gefühlt sich verbarrikadiert hat mit mir oder so. Und eine Schulfreundin meinte, oh, ich hätte gerochen wie eine alte Oma. Also, dass es da vielleicht schon hygienische Gründe, vielleicht, wo man sagt, da war schon, wurde vielleicht das Kleinkind nicht so umsorgt, wie es vielleicht sein sollte, aber genaue Details weiß ich da nicht. Also das wussten auch die Schulfreundinnen nicht. Da war nur so dieses Schlagwort, ja, die waren da, wegen Vernachlässigungen ging es da, aber konkret weiß ich das nicht.

SPEAKER_04

Du hast vorhin in so einem Nebensatz Sucht angedeutet. Weißt du da was drüber?

SPEAKER_03

Ja, also es war definitiv Alkohol und eine gewisse Zeitspanne, wo man sagt, das begegnet man vielleicht dem Jugendalter und dann trinkt man irgendwie ein, zwei Bier oder was auch immer, aber es muss sich dann schon arg gesteigert haben und es hat zumindest die Ex-Freundin auch bestätigt in der Phase, wo die beiden zusammen waren, dass da Alkohol schon ein großes Thema gespielt hat. Ob man jetzt wirklich von Alkoholabhängigkeit, aber ja, wo fängt das an, wo hört das auf? Aber ich denke, das war ein großes Thema.

SPEAKER_00

Sie war aber auch depressiv?

SPEAKER_03

Das kann ich.

SPEAKER_00

Oder hat sie andere psychische Probleme gehabt? Also, du ganz platt gefragt, warum hat sie denn getrunken?

SPEAKER_03

Ich denke mehr, so weil die Beziehung mit der Frau, also die Ex-Freundin, war ja dann Großteil auch, nachdem ich quasi ja freigegeben worden bin. Das ist schon auch mit dem Thema ja auch Adoption, dass ich jetzt mein Kind weggegeben, ein Stück weit zusammenhängen kann. Also zumindest hat sie, nachdem sie mich freigegeben hat, das steht in der Akte, hat sie dann am nächsten Tag auf Arbeit angerufen oder Bescheid gesagt, sie kann heute nicht arbeiten, kommen, sie muss sich jetzt betrinken, weil ihr ist das Kind weggenommen worden. Also ich denke, sie hat dann schon Bezug auf dieses Thema Alkohol dann schon benutzt, um da in gewisser Weise vielleicht zu verdrängen und vorher, ja, der Verlust des Papas, wie es im Elternhaus vielleicht gewesen ist, diese, ich kenne das ja auch, dieses Coming out mit sich selber, diese Konflikte auszuhalten oder nicht, und dass man da vielleicht zu solchen Mitteln greift, damit es irgendwie erträglicher ist. Kann ich mir schon vorstellen.

SPEAKER_04

Du hast doch in Bezug auf den Vater gesagt, dass da Sucht eine Rolle gespielt haben könnte, als der war, sie war 15, als er gestorben ist und er war nicht so verfügbar. Ach, auf ihren Papa, ja. Da vermutest du da auch schon irgendwie, war da was mit Alkohol?

SPEAKER_03

Ja, also das hat mir meine Tante auch Tabletten und Alkohol konsumiert und auch in Maßen, die nicht mehr gesund war. Er ist auch mit 50 dann gestorben und auch an einem Magenleiden. Also da gibt es sicherlich auch Themen, die er damit bearbeitet hat. Also das Thema zog sich so ein, also ist, wenn ich sagen, vorgelebt worden, aber da spielt der Alkohol schon eine große Rolle.

SPEAKER_04

Und Alkoholismus ist ja auch eine Familienkrankheit, nicht umsonst heißt es so. Also da wäre schon, wissen wir jetzt nicht, aber das wäre schon, damit hast du statt deiner Mutter schon eine ganz gute Voraussetzung gehabt, sozusagen.

SPEAKER_00

Du bist dann, sagen wir mal, so mit Mitte 20 zum Jugendamt gegangen und hast gesagt, bin adoptiert, wo ist meine Akte? Und dann hast du angefangen zu recherchieren. Wie war denn das, zum Beispiel dann zum ersten Mal der Schwester deiner Mutter gegenüber zu stehen? Also du hast, du hast irgend, du hast gemerkt, okay, du bist zu spät, deine Mutter ist gerade gestorben oder wie lange war dir dann tot, als du sie gefunden hättest?

SPEAKER_03

Also ich habe 2002 mit der Suche begonnen und sie ist 99 verstorben. So theoretisch drei Jahre. Also war jetzt nicht in der Woche zu spät, aber es war, wenn ich mit 18 gesucht hätte, wo man sagt, da hätte man ja offiziell, jetzt heute ist es, glaube ich, sogar mit 16, möglich zu sagen, ich möchte Informationen zur Herkunftsseite. Das war immer so, mein, okay, hätte ich halt einfach schon mit 18 das gemacht, was wäre dann gewesen.

SPEAKER_00

Dann machst du dir Vorwürfe?

SPEAKER_03

Ja, ich sehe es so als eine vertane Chance. Dieses natürlich, was wäre, wenn, keine Ahnung, es hätte genauso, trotz dass sie vielleicht noch gelebt hätte, ein Wiedersehen, gar nicht meine Fragen unbedingt vielleicht beantworten müssen, weil wir vielleicht in dem Gespräch gar nicht dazu gekommen wären, dass sie, dass ich das Gefühl hätte, sie beantwortet mir jetzt all meine Fragen und dann noch wahrheitsgemäß, aber es verpasst zu haben, so ein Stück weit, weil ich dann mit 18 noch nicht so den Mut hatte, mich das zu trauen. Ja, ich bereue das ein Stück weit. Also ich sage mir zwar auch immer wieder, das ist gar nicht meine Aufgabe eigentlich oder das ist dieses Thema Schuld dann auf mich zu nehmen, also für wen oder für was, aber ich bereue es. Also ich würde es vielleicht nicht schuld nennen, wo ich bereue, es tatsächlich so ein Stück.

SPEAKER_00

Und warum hast du es nicht gemacht mit 18? Weil du dich noch nicht getraut hast, hast du gerade gesagt, oder?

SPEAKER_03

Naja, ich habe da noch zu Hause gewohnt bei meinen Eltern, also Klammern, Adoptiveltern, und ich wollte einfach nicht, dass Post nach Hause kommt oder dass sie mitbekommen, dass ich suche, weil es einfach in unser, ja, dieses Thema Adoption einfach kein Thema war, was wofür wir uns Raum genommen haben oder was wir uns, ich glaube, beidseitig getraut haben anzusprechen. Jeder vielleicht sogar aus falschen Gründen oder immer so mit der Gegend, man will den anderen irgendwie beschützen oder nicht verletzen. Und dadurch habe ich es erst gemacht, nachdem ich dann ausgezogen war und da war es dann sozusagen im Nachhinein dann einfach zu spät.

SPEAKER_00

Ich weiß nicht, ob du das kennst, aber ich habe mal ein ganz tolles Buch gelesen, Rabenliebe. Da beschreibt ja jemand auch, dass er, also Peter Baverczynik, dass er im Heim groß wird, weil seine Mutter ihn verlassen hat, da war er ganz jung und sie ist in den Westen gegangen ohne ihr Kind. Und er forscht ewig dann hinterher und dann kommt die Wende und dann kann er sie treffen. Er weiß, er kriegt über irgendwie Umwege, die Adresse zugespielt, illegal. Er weiß dann, wo sie wohnt und er besucht sie jahrelang nicht. Und er wird auch gewarnt von vielen Leuten, mach das nicht. Das wird alle deine Erwartungen enttäuschen. Und er führt aber jahrelang jeden Tag selbst Gespräche, malt sich aus, wie das Treffen wäre, und beschreibt dann die Fahrt dorthin, dass er nicht mehr weiterfahren kann, weil er Warenvorstellungen hat oder kotzen muss oder zittert oder. Also möglicherweise ist er auch wahnsinnig aufgeladen und kann dann eigentlich nur in Enttäuschungen enden. Und wenn jemand sein Kind mit Absicht weggibt, weil er vielleicht überfordert ist, das war ja in dem Fall bei ihm, glaube ich, auch so. Jemand anders würde vielleicht auch sagen, vielleicht auch besser so, dass man sie eben in gut, du hast ja offenbar doch, hast du ja positive Erinnerungen oder zumindest positiv irgendwie als warmes Gefühl, sagst du, abgespeichert.

SPEAKER_03

Ich habe mir da im Vorfeld, was könnte da passieren, wie könnte das Gespräch ablaufen, könnte ich danach enttäuscht sein, das habe ich mir nicht ausgemalt. Also ich habe da, ich bin ein sehr wirklich planvoller und ich gehe Sachen, wenn ich das organisiere und was könnte und was wäre und wie würde dann das sein, das bin ich total, aber in dem Fall überhaupt nicht. Also ich hätte das wirklich oder wollte das auf mich zukommen lassen, ich hätte alles irgendwie genommen, was da kommt und hätte mich einfach nur gefreut, wenn ich zumindest im Nachgang das Gefühl gehabt hätte, okay, das ist jetzt die Wahrheit, das ist nicht jemand, der versucht, sich jetzt auch vielleicht rauszureden, weil sondern einfach nur, okay, was waren wirklich die Umstände, was hat dich da bewegt, was hast du gefühlt, wie schaust du jetzt vielleicht drauf? So wäre so mein Wunsch gewesen, wie vielleicht das Gespräch abläuft, aber überhaupt nicht, also war ich, insofern vielleicht muss ich dir sagen, es wäre mir, ich hätte das ertragen, egal auch, wenn das nur das eine Mal gewesen wäre und ich festgestellt hätte, wir verstehen uns überhaupt nicht, oder ich fühle da jetzt doch überhaupt nichts. Das wäre alles akzeptabel gewesen, aber dieses, ja, einmal sich irgendwie aussprechen können, das war schon und ist eigentlich immer noch mein großer Wunsch, aber ja, wie alt wäre sie denn gewesen, wenn du sie mit 18, also sagst du, mit 18 hättest du suchen können?

SPEAKER_04

Wie alt wäre sie denn gewesen, wenn du sie dann gefunden hättest, sofort? Sie ist 58 geboren, 18 plus 19, wenn sie mit 19 Mutter geworden ist, ne?

SPEAKER_00

So ungefähr.

SPEAKER_04

Und weißt du was aus den Erzählungen von ihren Freundinnen und Freunden, von der Schwester, wie da so ihre Lebenssituation war? Also wen hättest du angetroffen, wenn du sie mit 37 angetroffen hättest?

SPEAKER_03

Also eine wahrscheinlich vom Leben so ein bisschen gebrochene Frau. Also sie ist beruflich auch nach der Wende nicht auf die Füße gekommen. Das war so unter Otto und auch von meiner Tante. Also derzeit auch sehr allein wieder zurückgezogen. Also sie hat dann so, es war nochmal so ein paar Kurzzeitbeziehungen gehabt, teilweise auch mit Männern, aber nichts Festes. Also derzeit wäre sie definitiv allein gewesen, hat relativ zurückgezogen gelebt. Also es ist nicht unbedingt in einem Zustand, den man sich für seine Mutter wünscht, dass alles irgendwie gut ist im Leben und alles läuft. Also das wäre es nicht gewesen. Also es hat so dieses, ja, sie ist wieder diesen, ich gehe zurück oder ich bin nur mit mir und mache alles mit mir aus. Das war so dann derzeit ihr Lebensmodell.

SPEAKER_04

Und was weißt du über ihren Tod? Also weißt du, wie und woran sie gestorben ist?

SPEAKER_03

Also ich habe die Sterbeurkunde mir dann angefordert. Klar hatte ich natürlich durch meine Tante auch Infos, aber ich bin dann immer so, ich muss irgendwas, ich brauche diesen Nachweis irgendwie, damit ich damit auch abschließen kann. Deswegen, ja, offiziell ist es Herzversagen, steht in der Sterbeurkunde. Und Zusatzinformation war chronische Pankreatitis, also was ja schon noch auf eventuellen Alkoholkonsum über einen längeren Zeitraum hinweisen kann. Muss nicht, aber kann. Ja, offiziell Herzversagen mit 40.

SPEAKER_00

Hast du irgendein Erinnerungsstück in der Wohnung, also außer Fotos von ihr?

SPEAKER_03

Also ich habe durch meine Tante eine so klassische DDR, ist ja wie Sammeltasse, die hat sie bei sich in der Schrankwand stehen, so mit Goldrand grün. Das hat sie mir sozusagen vermacht.

SPEAKER_00

Und du schreibst auch, dass so als Trost für dich so ein Foto, wo sie, ich liebe dich oder so ein Herzchen draufgeklebt hat oder irgend sowas. Für dich als Zeichen, sie hätte dich doch lieb, weil es ja schon irgendwie so dieses Gefühl zu realisieren, ist ja was anderes wichtiger gewesen oder eine Zurückweisung.

SPEAKER_03

Ja, also das Foto ist ein großer Schatz. Ich habe lange gebraucht, wirklich zu verstehen, was diese Message eigentlich von diesem Foto ist, dass dieses I love you da drauf klebt, weil so diese Grundfrage, die ich, zumindest mit der ich natürlich schon lange rumgelaufen bin, sagen ja, hat mich denn meine Mama lieb gehabt, wo ich dann immer eine gerne Antwort gehabt hätte, die hat sie mir tatsächlich mit diesem Bild über meine Tante hinterlassen. Also da bin ich schon sehr dankbar, aber ich habe da echt lang gebraucht, das wirklich zu realisieren, dass das da draufsteht. Und das ist mir damit meine Frage beantwortet.

SPEAKER_00

Du bist auch später an ihr Grab gegangen, hast mit ihr gesprochen und hast auch so Sprüche aufgeschrieben und verbrannt dort. Was würdest du sie denn fragen oder was würdest du ihr denen sagen, wenn du könntest?

SPEAKER_03

Also was ich damals dort quasi verbrannt habe, um es einfach loszulassen letztlich, war schon diese Frage: Ja, hast du mich lieb gehabt, war es deine freie Entscheidung, bist du unter Druck gesetzt worden? Ich glaube, ich habe auch geschrieben, ich vergebe dir, obwohl es da eigentlich nichts zu vergeben gibt, aber dass ich einfach ihr mitteile, dass ich nicht böse auf sie bin, auch wenn rational ich es bestimmt sein könnte und sagen könnte, hättest du tatsächlich besser machen können oder dir Hilfe holen oder das hätte man doch irgendwie hinkriegen können. Aber um das dann loszulassen, damit es mich halt nicht ständig weiter begleitet, ja, wollte ich es tatsächlich auch physisch loslassen und da hat mir das halt geholfen, dass dann dort auch an dem Ort, der der einzige Bezugsort für mich letztlich ist, wo ich sie noch finden konnte, das damit loszulassen. Und aber auch für mich so ein bisschen sie zu entlasten, aber gleichzeitig auch mich. Also ich wollte nicht, ich vorhin schon sagte, dieser Groll, den ich sowieso nicht so wirklich habe, aber auch nicht irgendwie, also ich wollte den auch offiziell, falls irgendwo doch ein Schnipsel in mir ist, zu sagen, der muss gar nicht da sein. Das bringt mich nicht weiter und mir hilft es jetzt auch bloß nicht mehr, aber damit einfach innerlich den Frieden und mit diesem Gefühl zu verbinden, was ja irgendwie ein Stück weit gut ist, wo ich sage, das war dann stimmig zu dem, was ich dann so ein Stück weit fühle.

SPEAKER_00

Soll denn DDR auch Zwangsadoptionen gegeben haben? Ist dir jemals so der Gedanke durch den Kopf geschossen, dass das möglicherweise eine gewesen sein könnte, eventuell?

SPEAKER_03

Also nicht offiziell Zwangsadoption, weil das schon in der Regel eigentlich wirklich immer mit einem Gerichtsurteil einherging oder auch mit der Haft der Mutter meistens begleitet war. Aber es gab schon Adoption aus Willkür und das kann alles sein, was ja auch in der SED-Aufarbeitung jetzt noch ein Thema ist und dieser asozialen Paragraf, der ja für vieles vielleicht als Deckmantel diente, aber wo meine Mutter mit, ja, ich gehe ab und zu mal doch nicht arbeiten und bin dann unentschuldig der Arbeit ferngeblieben. Ich trinke Alkohol in der Öffentlichkeit, ich zeige auch noch, dass ich auf Frauen stehe. Also ich glaube, da hat sie schon einige Gründe geliefert, dass man das in Betracht gezogen hat und ich dann schon dem Gedanken ab und an nachgegangen bin, ja, wie sehr sie vielleicht auch unter Druck gesetzt wurde oder zu einer Entscheidung in dem Moment, in diesem einem Gespräch, was es ja angeblich nur gab, vielleicht tatsächlich gedrängt worden und hat in dem Moment gar nicht wirklich begriffen, was sie da eigentlich tut. Aber offiziell steht auch in den Stassen, dass ich aber auch auf die Stasiacken von mir, von ihr, von meinem Vater, von meinen Adoptiveltern angefordert, da ist bisher nichts gefunden worden. Aber selbst in der Akte, also der Adoptionsakte, ist ja da auch kein Hinweis, wo ich mich aber auch frage, würde der denn dort stehen, wenn es sowas gewesen wäre? Also ein bisschen sinnfrei, dass man das hätte dann noch dokumentiert für die Nachwelt. Das war sowas. Also ich glaube, das hat man dann, wenn, irgendwo anders dokumentiert, aber nicht in der offiziellen Adoptionsakte.

SPEAKER_04

War dein Vater eigentlich involviert in dieses Adoptionsverfahren? Also wurde der auch gefragt?

SPEAKER_03

Nein, dadurch, dass sie nicht verheiratet waren, meine Mutter das alleinige Sorgerecht hatte, hat er erst quasi im Nachhinein von der Adoption erfahren, nachdem er informiert wurde vom Jugendamt, dass er keinen Unterhalt mehr zahlen muss. Also weil dann meine Adoptiveltern ja meine Eltern und damit gesetzlich er eher überhaupt nicht mehr meinen Vater war und er dadurch quasi den Unterhalt nicht mehr zahlen musste. Darüber hat er erst letztlich erfahren und auch gefühlt alle anderen im Umfeld. Also es hat sich eher nicht angedeutet. Es war wirklich diese Freigabe an dem 8. September 1981 und dann zwei Tage später war ich bei meinen Eltern.

SPEAKER_00

Also ist ja die eine Sache zu sagen, okay, die Mutter ist vielleicht überfordert, aber dass man da nicht den Vater einmal fragt, würdest du das Kind nehmen? Oder auch die Oma fragt.

SPEAKER_03

Also, wie gesagt, ob die Oma gefragt worden ist, ob es da Gespräche gab, das weiß ich nicht. Das wusste auch meine oder weiß auch meine Tante nicht, weil durch die Distanz nach Dresden und sie ist, meine Tante hat auch erst erfahren nach der Adoption, dass es halt dazu gekommen ist. Und mein Vater ist, denke ich, auch aufgrund anderer Umstände, die ich jetzt aber hier nicht erwähnen möchte, nicht erreichbar gewesen in dem Moment. Also dass man ihn hätte vielleicht gefragt oder in Betracht gezogen. Von daher war auch mit den Schulfreundinnen, mit denen ich gesprochen habe, gefühlt das gesamte Umfeld überrascht, dass es dazu kam und dann mit welcher Schnelligkeit auch.

SPEAKER_00

Jetzt haben wir immer über deine Mutter gesprochen, du hast es gerade aber schon angedeutet. Du hast erfahren, deine Mutter ist gestorben und du hast auch erfahren, wer dein Vater, dein leiblicher Vater ist. Und der hat aber ausrichten lassen, er wünscht keinen Kontakt. Wie war das für dich?

SPEAKER_03

Das war schon erstmal, ja, bei euch würde man sagen, ne Watschen. Ja, also das ist, will man nicht hören. Man hat die Hoffnung oder ich hatte die Hoffnung, ja, also er ist ja dann erst gefragt worden, nachdem ich die Info hatte, okay, die Mutter ist verstorben. Also es war nicht meine erste Intention, nach dem Vater zu suchen. Aber als das Jugendamt dann fragte, sollen wir, dann fand ich das ja gut und hätte mich wirklich gefreut, da zumindest dann ein Gespräch zu haben. Zumindest wenigstens Telefonat, da ging es ja gar nicht um ein persönliches sofort Treffen oder so, aber Telefonat zum Beispiel oder man kann Briefe austauschen. Von daher war ich da schon enttäuscht, auf jeden Fall. Also hatte mir da was anderes erhofft, weil ich auch dachte, ja, ich war ja zumindest Mitte 20, also er wusste ja von mir, also er hat ja Unterhalt gezahlt, das wussten auch alle in der Familie, dass es mich gibt. Ich war ja jetzt nicht das Geheimnis oder so, wo ich mich schon gefragt habe, was könnten jetzt Gründe sein, dass er das jetzt ablehnt.

SPEAKER_00

Und dann habt ihr euch aber doch getroffen vor drei, vier Jahren.

SPEAKER_03

Genau, also mit meiner zweiten Suche sozusagen nochmal, ja.

SPEAKER_00

Wie war das?

SPEAKER_03

Ich würde sagen, gar nicht vielleicht so spektakulär, wie man sich das vorstellt, so vielleicht als Außenstehender. Weil man trifft ja erstmal auf einen völlig fremden Menschen. Also es ist ja, ich bin für ihn, für ihn eigentlich fremd, der ist für mich fremd. Ja, die Gene verbinden einen, aber ansonsten, man hat ja kein gemeinsames, gelebtes Leben. Ich war natürlich total aufgeregt, also der ganzen Körper gemerkt, ich habe ihn quasi in seinem jetzigen Heimatort besucht, bin zu ihm quasi in die Wohnung gefahren, da zu klingeln und so zweite Etage in dem Haus an, so die Treppe auf ihn zuzugehen, das ist, das hat mich durchgerüttelt. Aber es ist jetzt nicht, wo ich denke, boah, plötzlich fühle ich da im Sinne, das ist mein Vater. Ich habe ja immer geschrieben, ich suche gar nicht die Vaterfigur, ich möchte dich gerne kennenlernen, ich würde gern mit dir reden, ich würde über die Zeit reden, über deine Freundin, meine Mutter sprechen, aber ich suche jetzt keinen Vater. Das war, also das habe ich schon relativ, oder ich habe gar keine Ansprüche an dich, ich möchte da einfach nur reden und so sind wir uns begegnet. Und er hat, gut, ich möchte jetzt gar nicht für ihn sprechen, aber es ist, glaube ich, jetzt auch für ihn nicht. Er sagt, das ist jetzt meine verlorene Tochter, weil er hat mich in den drei Jahren, als ich noch im Mitweiter war, glaube ich, zweimal gesehen oder so. Da ist ja nichts an Verbindung. Aber deswegen fand ich es dann schon toll, dass wir das dann noch geschafft haben und auch immer noch in Kontakt stehen. Durch die Distanz, also die wohnen in der Nähe vom Bodensee. Bedingt das, dass man sich jetzt nicht so häufig live so in Präsenz sieht. Aber wir stehen zumindest in Kontakt und das ist mehr, als ich damals dann letztlich so nach dem ersten Nein überhaupt erwarten konnte und erwartet habe.

SPEAKER_00

Was kannst du über ihn sagen? Wir haben jetzt viel über deine Mutter gesprochen erfahren, aber was ich nehme wahr, dass du, dass es eine bestimmte Schranke gibt oder dass man nicht alles sagen kann oder darf oder wie auch immer oder er das vielleicht nicht möchte oder aber was kannst du teilen?

SPEAKER_03

Dass es schon Parallelen unserer beiden Biografie gibt, was vielleicht gar nicht erstaunlich ist, sondern einfach vieles vielleicht bestätigt, wo man sagt, dass sich ja viele Sachen manchmal in Familien weitergeben oder Erlebnisse, Bedingungen, Umstände der Vorgeneration sich in die nächste auch weitertragen. Dadurch haben wir schon Parallelen, die uns eigentlich auch verbinden, letztlich, könnte man sagen. Ich weiß, dass ich jetzt im Erwachsenenalter einfach nach ihm auch aussehe. Also diese Erkenntnisse zu sagen, optisch bin ich jetzt schon ein Stück weit mein Vater. War auch schön, das zu sehen, zu erfahren. Also meine jetzt mittlerweile weiße Streiner, also das ist so eins zu eins, die hat er an derselben Stelle. Ich meine, das mag witzig und unbedeutend sein, aber für mich war das so ein kleiner Aha-Effekt. Fahrradfahren und Fußball, das sind auch Dinge, die so, wo man sagen könnte, das kommt auch von ihm, so gemeinsame Interessen müssen vielleicht auch viel mit sich selbst. Ausmachen. Ich glaube, das würde er auch unterschreiben. Also vielleicht eher nicht nach außen und ja, vielleicht die Generation auch noch mit Gefühlen unbedingt umgehen und äußern oder zeigen. Das ist vielleicht nicht ganz so sein Ding. Aber er ist ein sehr lustiger, humorvoller, glaube ich auch sehr ein geselliger, was ich ja nicht so bin, aber ich denke, ein geselliger Mensch, der dann nochmal zwei Kinder bekommen hat. Also ich habe dadurch Halbgeschwister. Und ja, mit denen stehe ich auch seit vier, fünf Jahren in Kontakt und freue mich da auch so. Jetzt nicht dieses, okay, das sind jetzt Geschwister. Also es ist für mich eh so ein bisschen schwierig mit denen, jetzt zu begriffen, so Tante oder zwei Familien. Also ich hänge da gar nicht so an Bezeichnungen, sondern ich sage dann nur, okay, hat man vielleicht eine Bindung aufbauen können und das muss aber gar kein Label haben, das ist jetzt aber dein Halbbruder oder deine Halbschwester, sondern gibt es da einfach vielleicht, wo die Chemie stimmt und darauf kann man was aufbauen oder man merkt einfach, es passt halt nicht wie mit jedem anderen im Leben, dem man vielleicht begegnet und dann trennen sich auch wieder Wege. Aber zu den Halbgeschwistern besteht Kontakt, insbesondere zu meiner Schwester, auch ein richtig guter Draht. Und das ist natürlich ein Geschenk und eine Bereicherung, für die ich mich sehr freue, dass wir uns da jetzt ein Stück weit und wie weit auch immer, aber zumindest begleiten und dann auch da Gemeinsamkeiten rein jetzt genetisch dann doch zumindest auch entdecken, sich da wieder zu finden, wo man sagt, man hat ja da halt die Hälfte vom Vater und das sieht man dann auch bei uns. Deswegen, das war schon ein kleiner Aha-Effekt, den ich in der, zum Beispiel in der Pubertät nie hatte. Mir war das nie wichtig. Oder ich habe mir die Fragen nicht gestellt, nach wem sehe ich denn aus und könnte ich denn meinen leiblichen Eltern eigentlich begegnen und wie wäre das? Dann sehe ich mehr nach Mutter oder Vater aus und was habe ich denn eigentlich von denen charakterlich? Das ist alles erst so im Erwachsenenalter gekommen, also mit gefühlt Ende 30. Vorher war das für mich ganz weit weg oder überhaupt nicht wichtig. Oder ich wollte und konnte nicht drüber nachdenken.

SPEAKER_00

Wir beschäftigen uns ja hier mit der Wochengrippe, deswegen will ich einmal nochmal darauf zu sprechen kommen. Und das ist bei dir so ein bisschen anders als bei uns beiden vielleicht. Du hast möglich oder bewertest es möglicherweise die Zeit positiver, als wir das machen würden. Was verständlich ist aus deiner Geschichte. Ich habe gelesen, es gibt ja, du hast auch Entwicklungsbögen, die habe ich auch. Das ist ja die meisten Wochenkinder gar nicht, obwohl alle sie eigentlich damals hatten, aber die wenigsten haben das von den Eltern bekommen. Und da ist es so, als du in die Wochengrippe gekommen bist oder bei den ersten quartalsmäßigen Untersuchungen sind bei diesen Tests bei dir um rote Kringel, das heißt, du hast einen Entwicklungsrückstand gehabt. Und später dann hast du das aufgeholt, beziehungsweise das sehr, sehr gut aufgeholt, es überwiegen die grünen Kringel, das heißt, du hattest dich vorbildlich entwickelt. Offenbar messbaren Dinge durch das Dasein in der Wochengrippe.

SPEAKER_03

Ja, also letztlich auch nur Interpretation, wie du es auch gerade gesagt hast, aber gehe damit konform, dass ich wirklich tatsächlich sage, dass es für mich nach einer eher vielleicht in Isolation lebender Mutter, die vielleicht auch in unserem Innenverhältnis vielleicht gar nicht so auf mich einwirken konnte oder wollte oder viel Interaktion mit mir gemacht hat, dass ich dann mit ab dem elften Monat mit dem Kontext, okay, andere Kinder um mich herum, ich spiele mit anderen, ich bewege mich vielleicht ganz anders, ich habe vielleicht das Glück gehabt, dass eine Erziehung mich ein bisschen mehr mochte und vielleicht tatsächlich mir ein bisschen mehr Zeit gewidmet hat. Oder zumindest auch am Wochenende, wenn ich dann bei ihr war, dass das schon in meiner Entwicklung zuträglich war, letztlich. Besser war als das, was du zu Hause hattest. Ja, also zumindest dieses Lernen durchspielen, einfach durch das mit anderen Kindern zusammen sein, davon sich abschauen und lernen und dass das ja mir ein bisschen Stabilität, Struktur gebracht hat, die vielleicht zu Hause gar nicht gab. Ich weiß nicht, wie es bei uns in den zehn Monaten zu Hause war. Ich habe mich gefreut, dass ich lesen konnte oder erfahren habe, okay, ich war zumindest zehn Monate mit meiner Mutter, zumindest räumlich sehr eng, aber das heißt ja nicht, dass wir uns emotional uns nah waren oder dass es viel Bindendes zwischen uns gab. Das kann ich nach wie vor nicht einschätzen und das werde ich auch nie herausfinden. Aber rein, was der Bogen halt sagt, könnte man das so ablesen, zu sagen, dass es mir dort relativ gut ging, weil zumindest war ja die Woche über, dass diese Stabilität zumindest mit den anderen Kindern ja da. Wir waren ja zumindest in der Gruppe immer dieselben und konnten uns ja dadurch auch so begleiten und auffangen, auch wenn wir uns jetzt nicht wirklich vielleicht helfen konnten in unserem, wir sind von unseren Eltern getrennt und wie gehen wir denn eigentlich mit diesen Gefühlen da um. Aber wir waren ja trotzdem, wir waren ja dort zusammen und waren irgendwie eine Einheit. Und das nehme ich so für mich als Bild, mit dass ich dort nicht allein war. Ich war mit den anderen in meiner Gruppe, mit den Kindern, die ich auf den Fotos sehe, wo man Fasching, mit denen war ich ja dort die ganze Woche. Das muss, also ich empfinde das als so in Bezug auf ganz allein und zu Hause, mit meiner Mutter, die irgendwie mit sich selber zu tun hatte und dort finde ich irgendwie ein bisschen schöner, ehrlich gesagt.

SPEAKER_00

Und vielleicht auch eine typische Geschichte, oder? Also dass in den 60er Jahren die Wochenkrippen sehr verbreitet waren und Kinder aus allen Schichten da waren, auch Führungsschichter, die ihre Kinder dorthin gegeben hatten. In den 70ern kippt es so ein bisschen, es war sehr durchmischt, es gab beides. In den 80ern war das eher so, dass Kinder da abgegeben wurden aus mehreren Elternhäusern.

SPEAKER_04

Ja, kenne ich auch so.

SPEAKER_00

Ich weiß nicht, 76, 77 oder von welcher Zeit reden wir noch?

SPEAKER_03

79 bis 81.

SPEAKER_00

Und natürlich dieser Glücksumstand wahrscheinlich, dass eben eine Erzieherin es gut mit dir gemeint hat, weil das natürlich, wenn man mehrere Kinder betreut, ja, wahnsinnig entscheidend ist für die Entwicklung. Gab es nämlich auch Kinder, die wurden von ihr nicht so beachtet. Aber wenn sie dich mitgenommen hat und gemocht hat, das hat dich vielleicht ein Stück weit gerettet. Und du hast auch den Kontakt gesucht und nicht nur, also du hast die Erzieherin und die Leiterin gefunden, oder?

SPEAKER_03

Also es ging für mich natürlich auch, um dieses Wochenkrippenkonstrukt zu verstehen, weil als ich den Bogen dann von meinen Eltern, also Adoptiveltern bekommen habe und das erste Mal mich da reingelesen habe, war das für mich schon auch sehr abstrakt und konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Diese ständigen Beziehungsabbrüche und wie war ich denn, habe ich geweint, dass mich meine Mutter abgegeben hat, hat meine Mutter geweint, wie war das, also wir uns wiedergesehen haben am Freitag, wollte ich dann zu ihr oder nicht. Also das waren so die ersten Fragen, die dann so in meinem Kopf rumschwirrten und ich dachte, ja, wer soll dir das jetzt beantworten? Die Mutter ist nicht mehr da, also versuchst du irgendwie eine Erzieherin zu finden. Und ich dachte, ich bin durch 79, 81. Auf den Bildern sahen die Erzieherin teilweise sehr jung aus, dachte ich, wenn die so Anfang 20 vielleicht sind, gibt es vielleicht die Möglichkeit noch, dass sie, ja, die ein oder andere noch lebt und frei ist dann mit mir zu sprechen. Und so war es dann auch. Und die Resonanz war tatsächlich gut auf, also ich habe so einen Zeitzeugenaufruf dann mit weitergemacht, im Rathaus aufgeploppt und dann im Kaufland aufgehangen und so. Und da hat sich ganz schnell jemand zurückgemeldet, war ich sehr positiv, erstmal überrascht, ja, auf Resonanz zu stoßen. Und die besagte Erzieherin war halt dann auch dabei. Und wir haben dann erstmal telefoniert, zwei, dreimal, weil sie halt auch in der Nähe vom Bodensee wohnt, wo meine leiblichen Eltern wohnen. Also mein leiblicher Vater, wo ich dachte, das ist der Wahnsinn, die nach der Wende sind im Westen, aber dass sie beide 30 Kilometer auseinander wohnen, fand ich schon sehr nicht zufallmäßig. Und ja, also sie hat mir dann nicht viel zu, für mich war natürlich auch immer noch so ein bisschen die Intention, kann sie mir irgendwas zu meiner Mutter irgendwie berichten, wie wir unter Interaktion, wie sie uns beide quasi erlebt hat, um dann auch nochmal vielleicht zu bestätigen oder zu widerlegen, wie das Verhältnis von mir und meiner Mutter denn vielleicht für von außen drauf schauenden war. Aber sie hat mir auch von der Wochengrippe natürlich berichtet, wie die Abläufe waren, wie die Taktung war, wie diese strikten Zeitpläne waren, dass da eine Erzieherin in der Nacht war, für, also dort war es noch human, sage ich mal, in Anführungsstrichen, mit so 13 bis 15 Kindern pro Schicht, dass es sehr von der Lage sehr nicht unbedingt gesundheitsfordernd war, die Wochengrippe, weil die also mit weiter neben dem Press und Stahlwerk und dann aber so unter Senke und dann durch die Straße noch, also gefühlt haben wir, wenn wir draußen waren, auch nur in Abgarten wahrscheinlich gespielt. Also da war auch so dieses Pseudogrupp-Thema, wo dort auch häufig, also Kinder auch oft krank. Und was sie aber zumindest so ein bisschen nicht in die Karten sich hat schauen lassen, ist tatsächlich gesagt, ja, wie waren wir so, also wie haben wir das als Kinder, wie hat sie uns wahrgenommen, also von unseren Gefühlen auch, wie haben wir reagiert, wenn dann die Eltern kamen oder gingen. Also das hat sie so ein bisschen, das habe ich nicht so hervorlocken können, wie wir so als Kinder reagiert haben. Da hat sie sich ein bisschen bedeckt gehalten oder ist so, dass sie sich da jetzt nicht erinnern kann, dass wir da niedergeschlagen oder heulend irgendwo waren. Also das wäre wohl angeblich nicht gewesen, aber ich kann es mir nicht vorstellen, dass wir alle freudestrahlend immer da rein und raus sind. Aber ich war froh und dankbar, dass sie überhaupt bereit war, dass wir uns dann auch nochmal persönlich, also zweimal auch am Bodensee getroffen haben. Ja, und dass es für mich dann so ein Stück real auch war. Also so ein Menschen da zu treffen aus dieser Zeit, der mich da erlebt hat. Und der so ein bisschen dieses, was so über einem Schwebeithema Wochenkrippe zu sagen, also ich, da war halt ein realer Mensch und den konnte ich einschätzen, dass der mir nichts Böses gewollt hat. Und das war ein schönes Gefühl, das zu erleben. Und da hoffe ich, dass ganz viele so Erzieherinnen so waren, dass die uns ja wirklich ihr Bestes tatsächlich gegeben haben. Und aber das Konstrukt an sich ja einfach trotzdem was ist, was man einfach sagen muss, es geht eigentlich gar nicht. Aber die Menschen, hoffentlich Großteil, die dort uns betreut haben, einfach trotzdem menschen und menschlich waren und dass uns so gut die Zeit so gut wie möglich dort bereiten wollten.

SPEAKER_04

Die Erzieherin, die du da getroffen hast, das war die, die dich auch mitgenommen hat nach Hause. Genau. Und die konnte aber dir jetzt über das Verhältnis von deiner Mutter zu dir nichts mehr erzählen.

SPEAKER_03

Also hat sie jetzt nichts wahrgenommen. Also wenn mich meiner Mutter abgegeben hat, dann war sie wahrscheinlich immer in einem, ich sag's mal, einen klaren Zustand oder so. Also sie hat da jetzt auch nichts mitbekommen mit dem Alkohol oder so. Also da wäre alles wohl normal abgelaufen, also nichts auffälliges. Es gab keine, wo sie Meldungen gemacht hätten oder so. Die einzige Meldung war halt, dass ich mich nicht an diesem Tag, wo ich von der Wochenkrippe ins Wochenheim sozusagen wechseln sollte, wo sie da nicht mit dabei war, was ausgemacht war. Und ich dann in der Woche, also im Wochenheim verblieben bin, wo sie dann halt diese Meldung an den Rat der Stadt oder wie das da hieß, machen mussten. Aber ansonsten im Vorfeld gab es da keine Vorkommnisse, sag ich mal.

SPEAKER_00

Also jetzt haben wir die ganze Zeit über deine leiblichen Eltern gesprochen, über die Wochengrippe, aber den Hauptteil deiner Kindheit und Jugend hast du ja bei deinen Adoptionseltern verbracht. Du warst drei, als du adoptiert worden bist. Was war denn die Motivation, weißt du, dass deiner Adoptionseltern ein Kind zu adoptieren?

SPEAKER_03

Sinn oder Ziel war das schon, die Familiengründung. Also meine Eltern, insbesondere meine Mama wollte ein Kind. Das hat bis dadurch natürlich im Weg nicht geklappt, sodass sie sich dann für die Adoption angemeldet haben. Es lief dann, glaube ich, ungefähr zwei Jahre schon, also wo sie, seitdem sie den Antrag gestellt hatten.

SPEAKER_00

Und dann bist du wo groß geworden?

SPEAKER_03

Ganz ländlich, ganz dörflich, Erzgebirgskreis, ja, so quasi mit den Kühen hinterm Haus und Grundschule, zwar alles noch und ganz um und sowas, aber sehr, also ganz, ich glaube, 1000 Einwohner hatte damals rein, unser jetzt die kleine Gemeinde, also wirklich ganz klein und überschaubar.

SPEAKER_00

In was für Verhältnisse bist du dann gekommen?

SPEAKER_03

Eine Arbeiterfamilie, beide Vollzeitarbeiten gewesen, wir haben gefühlt was Dern DDR-Zeiten. Wir haben dann, also wir haben erst zur Mietwohnung gewohnt bei Verwandten, dann haben meine Eltern ein Haus ausgebaut auf dem Nachbargrundstück. Also wir sind dann irgendwann auch quasi in ein eigenes Häuschen gezogen, haben da viel, ja, war ja auch bedingt, musste man viel selber machen, gab ja nichts. Ja, haben da viel Zeit investiert, um da uns ein schönes Reich zu schaffen, um unabhängig so weit wie möglich zu sein. Oder sind, also ein ganz normales, unspektakuläres Leben, aber mit dem, was man halt Familie so macht, also mit Ausflügen, mit Urlauben im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten. Wir haben dann bei uns munter noch die Oma mit dem Haus, weil mein Großvater, also der Adoptivgroßvater, relativ früh verstorben ist, sodass wir quasi gefühlt ein Drei-Generationenhaus letztlich dann waren, was Vorteile hat, aber auch Konflikte mit sich bringt. Aber ja, ich hatte immer Katzen um mich. Das hat mich immer sehr als Kind so Tierlieb und die Dampfhoden, das war schon immer sehr schön. Und ansonsten viel draußen gewesen als Kind Baumhaus und mit den Nachbarsjungen und mit Fein und Bogen da rumgerannt und ja, irgendwann den Fußball entdeckt.

SPEAKER_00

Aber was ein liebevoller Haushalt zum Beispiel?

SPEAKER_03

Ja, würde ich schon sagen. Sich in meinem Vater, vielleicht so Gefühle ist auch, also wie ähnlich über meinem leiblichen Vater nicht so sein Ding, aber immer irgendwie sorgend oder alles Mögliche tun, damit es einem gut geht und damit so alles ringsrum stimmt. Sicherlich nicht jemand, der so ganz so der Kuscheltyp war, aber immer darauf bedacht, ja, dass es uns gut geht. Und meine Mama, also ich glaube, es war gar nicht unbedingt, dass ich sage, waren jetzt meine Eltern liebevoll, sehe vielleicht die Frage, konnte ich das annehmen oder zulassen oder habe ich Körperkontakt gesucht und das war, glaube ich, irgendwann ab einem gewissen Punkt nicht mehr. Und das kann ich aber auch gar nicht wirklich sagen, ob das eine bewusste oder unbewusste Entscheidung war oder ob das dann gekippt ist, als ich musste, dass ich adoptiert bin. Aber ich habe gemerkt, dass ich körperlich auf Abstand dann gegangen bin.

SPEAKER_00

Die haben dir das erzählt, da warst du acht oder wie?

SPEAKER_03

Ja, so sieben, acht. Also es war erst oder zweite Schuljahr. Weil ich glaube, sie hatten ein bisschen Sorge, dass mir irgendwann die Schulfreunde erzählen. Weil es wusste ja gefühlt jeder im Dorf. Also es war ja wirklich doof. Ich bin mit drei Tagen vom Himmel gefallen, das war ja jedem klar. Und ich glaube, das war so ein bisschen ihre Sorge. Und ich bin ihnen dankbar, dass sie es mir so zeitig gesagt haben, weil DDR-Zeiten, da war selbst heute bei Inkognito-Aduktion ist ja die Aussage, sagt es eurem Kind nicht. Und damals war das sicherlich auch die Marschrichtung, sagt es dem Kind nicht. Und da waren sie schon sehr fortschrittlich, ist mir dann zumindest in dem Alter zu sagen, auch wenn ich vielleicht mit sieben, acht auch nicht unbedingt diese Tragweite darf, begreifen konnte. Aber es war wichtig und wie gesagt, bin Ihnen dankbar, dass sie das sozeitig dann doch gemacht haben.

SPEAKER_04

Die Empfehlung heute von Fachleuten ist, sagt es euren Kindern nicht, wenn die adoptiert sind?

SPEAKER_03

Nein, das war damals. Also es war sicherlich DDR und BRD, also wenn man sagt, 70er, 80er Jahre Adoption, dann war Kinder, die müssen nicht wissen, dass sie adoptiert sind und die brauchen auch nicht die Herkunftsseite. Und da ist ganz viel Zeit ins Land gegangen, bis wirklich, man sagt, man hat auf Adoptionsforschung geschaut und hat mal drüber, wirklich drüber nachgedacht und auch durch Studien oder Interviews versucht, herauszufinden, was ist denn eigentlich für Adoptierte und ab welchem Alter vielleicht sinnvoll, dann doch die Identität und Biografie auch mit der Herkunftsseite zu verknüpfen. Und heute oder spätestens auch seit dem Adoptionshilfegesetz 2021 ist schon der Anspruch bei den Jugendämtern und Adoptionsvermittlungsstellen, die Adoptiveltern, die Zukünftigen insoweit aufzuklären, um zu sagen, also das Kind muss es wissen und gefühlt muss es das auf dem Wickeltisch schon wissen, wenn es so früh denn zu euch kommt, also diesen Moment immer weiter hinauszuschieben, weil man denkt, es ist noch nicht kindgerecht oder noch nicht altersgerecht. Und ich glaube, dass diese Hürde da ist und dass man ganz viele Begründungen dafür findet, warum das denn vielleicht heute noch nicht der Tag ist, um das dem Kind zu sagen. Aber es ist, würde ich auch rückwirkend sagen, es ist wirklich ein Fehler, es nicht zu sagen. Weil das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, ist trotzdem da beim Kind, dass das irgendwie, dass da noch irgendwas ist und dass was schlummert und dass irgendwas latent immer ausgeklammert wird, das merkt das Kind. Und deswegen wäre es ja viel schöner, das gemeinsam als Reise zu machen und weil das auch verbinden kann, weil das auch den Zusammenhalt fördern kann, wenn ich weiß, ich kann mit allem oder mit allen Themen mit meinen Eltern sprechen und wir klammern nicht die Hälfte eigentlich von dir selber, die klammern wir jetzt aber mal weg. Man kann ja die Familie, man kann die zwar verschweigen, aber die ist ja trotzdem da, diese andere Familie, ob man das nun wirklich als Familie nennt, aber zu sagen, die anderen Eltern, die gibt es halt. Sonst wäre doch viel schöner, das gemeinsam zu erforschen und dann darüber sich austauschen zu können, das immer da irgendwie so ein Tabu draus zu machen, weil das erzeugt auch definitiv Scham und auf beiden Seiten. Weil wenn ich was zum Geheimnis mache, dann ist es ja irgendwie ja negativ behaftet. Also sonst könnte ich ja drüber reden.

SPEAKER_04

Das mit der Scham schreibst du ja auch, ne? Das wäre auch eine Frage sowieso von mir gewesen. Also du schreibst irgendwie, dass du dagegen angehst oder dass du gegen die Scham antrittst und das offenlegen willst. Was ist das genau? Also was ist diese Scham? Wofür schämt sich da wer?

SPEAKER_03

Ich würde erstmal jetzt für mich sprechen, diese Scham, dieses positive Gefühl gegenüber meiner leiblichen Mutter zu haben, was ich vielleicht gar nicht begründen kann, aber was einfach da ist. Die Scham, wenn es mir wichtig ist, die Herkunftsseite zu beleuchten, was macht es mit meinen Eltern, verletze ich sie damit? Also vielleicht so ein Charme schuld. Also, ja, darf ich das überhaupt? Weil eigentlich will ich es ja überhaupt nicht verletzen, aber ich habe das Gefühl, dass ich es tue, wenn ich mich dem zuwende. Es ist die Charme, Traurigkeit zu empfinden, weil am Ende habe ich eine Mutter verloren und das wird, glaube ich, ganz oft, da kann ich glaube auch fast ein bisschen generalistisch sprechen, zumindest aus den Erfahrungen, aus der Selbsthilfe. Das einem ja fast bei Adoptivkindern verweigert wird, darüber zu trauern, weil das natürlich bekommt man andere Eltern und die versuchen alles, die wollen das Beste für dich, die wollen dir gefühlt das Schloss hinstellen, weil die wollen dich ja wirklich. Aber das klammert ja nicht aus, dass es deine Mutter und deinen Vater gibt und dass du die verloren hast und gefühlt von heute auf morgen. Und das ist ja ein Verlust und dieser Verlust wird aber, glaube ich, nicht anerkannt, zumindest auch bei ganz vielen Adoptiveltern im Kopf, weil die sich natürlich so sehr auf das Kind freuen und sie die Familie sein wollen. Aber es gibt diese andere Seite noch und ich habe, glaube ich, die Trauerarbeit auch jetzt erst als Erwachsene nachgeholt und bestimmt auch noch nicht vollständig, aber ich musste trauern über diesen Verlust. Wenn die Mutter beim Autounfall gestorben wäre, dann wäre das anerkannt. Dann würde jeder sagen, das ist ja ganz furchtbar. Und dann wäre das legitim, traurig zu sein und vielleicht das auch aufarbeiten zu müssen mit professioneller Hilfe oder was auch immer. Aber bei Adoption wird das so ausgeblendet, weil angeblich überlagert wird durch, okay, was denn die neuen Eltern ja alles für dich tun und für dich wollen und sicherlich auch im besten Sinne wollen.

SPEAKER_00

Du hast gerade das Adoptionshilfegesetz erwähnt. Warum warst du überhaupt notwendig, ein neues Gesetz da zu schaffen? Was steht da drin? Was ist da neu dran?

SPEAKER_03

Also der Hauptaugenmerk liegt in dem Gesetz darin, wirklich einen Rechtsanspruch auf Beratung sicherzustellen für Adoptiv-Entworten, also eigentlich erstmal für die Adoptiveltern, dass man sagt, die werden wirklich begleitet, sowohl im Vorfeld, während des Adoptionsverfahren und natürlich aber auch ganz wichtig, dann, wenn die Adoption passiert ist, wenn das Kind bei den Eltern ist, um dann wirklich zu unterstützen, um wirklich gefühlt auch therapeutisch vielleicht zu begleiten, weil man hat Adoptiveltern, die vielleicht unerfüllten Kinderwunsch hatten, die auch durch ganz viele Täler vielleicht im Vorfeld gegangen sind. Dann kommt ein Kind mit einem gewissen vielleicht Paket dazu, da ist ja ganz viel Potenzial für, okay, da kann ganz viel schief laufen und dann wird man gefühlt allein gelassen. Und das ist in der Vergangenheit tatsächlich passiert, da ist die Adoption gewesen und danach mussten die Eltern schauen, wie sie irgendwie zurechtkommen. Und da hat man einfach einen Rechtsanspruch jetzt hingestellt, um zu sagen, okay, die Eltern können sich an die Adoptionsvermittlung stellen, wenden ans Jugendamt, die können sagen, wir brauchen jetzt Hilfe, wir haben jetzt gewisse Konfliktsituationen und kommen nicht weiter und möchten das aber lösen. Und das auch für einen offenen Umgang vor allen Dingen hingearbeitet wird, dass halt wirklich aus dem, was die Bindungstheorie hergibt, was die Adoptionsforschung sagt, sagen, lebt wirklich einen offenen Umgang. Also diese Inkognitoadoption, wo das Kind nicht erfahren soll, dass es adoptiert ist und wer eigentlich seine Eltern sind, dass das nicht mehr tragbar ist, sondern dass es das Gegenteil sein muss. Was auch Konfliktpotenzial sicherlich mit sich trägt, wenn man dann aushalten muss, auch als Adoptiveltern, dass es vielleicht Kontakt des Kindes zu den leiblichen Eltern gibt. Briefe austauscht, Bilder austauscht, dass sogar Treffen dann vielleicht irgendwann im Raum steht, wenn das Kind sagt, jetzt möchte ich mal Mutter oder Vater treffen. Das ist eine Herausforderung, eine emotionale für die Eltern, definitiv. Aber ich finde, das ist ein viel, viel besserer Weg, als zu sagen, das wird dem Kind verwehrt, weil für die eigene Biografiearbeit und Identitätsfindung gehört das einfach dazu, finde ich. Und das hat man zumindest, dass man auch so ein bisschen dieses Kind in den Fokus damit drückt. Also nicht nur die Eltern, klar, da wird viel Lobbyarbeit gemacht und da gibt es ganz viele auch Gruppen, wo sich einfach Adoptivelter vernetzen können, aber auch so ein bisschen fehlt das für die Kinder eigentlich. Wer ist der Lobbyist für das Adoptivkind? Und das hat zumindest das Gesetz ein bisschen den Fokus darauf gelegt, zu sagen, okay, was ist wichtig für das Kind im Rahmen einer Adoption und nicht, wie können wir eigentlich alles ringsherum so tun, als wäre das gar nicht da. Aber es ist ein besonderes Konstrukt und da müssen alle schon bekleidet werden.

SPEAKER_00

Also du bewertest das Gesetz positiv, hättest du dir aber gewünscht, dass es ein bisschen weiter geht noch?

SPEAKER_03

Also positiv, auf jeden Fall, weiter, das kann ich jetzt gar nicht so einschätzen. Es ist sicherlich auch immer noch, es ist zumindest ein einheitlicher Standard jetzt so ein bisschen gegeben. Ich weiß nicht, ob vorher vielleicht jede Adoptionsvermittlungsstelle je nach Sachbearbeiter so gefühlt, da hat jeder Seins so gemacht und so gibt es zumindest so ein Regelwerk, einen Standard. Man verpflichtet auch die Adoptionsstellen, sich untereinander zu vernetzen oder auch mit anderen Beratungsstellen, dass man einfach da auch fachlich sich viel anders oder viel besser aufstellt als früher, dass die auch angehalten sind, gewisse Seminare zu besuchen, Gefühl zu Katalog, okay, was muss ich denn leisten jetzt als Adoptionsvermittlungsstelle, damit eine Adoption wirklich gelingen kann. Und wie begleite ich dann Eltern und Kind auch im Nachhinein gut, damit das auch eine gesicherte Bindung vielleicht entstehen kann zwischen Eltern und Kind und lasse die dann nicht einfach nach dem bürokratischen Akt dann einfach alleine dann im Sumpf manchmal oder im Nebel rumstochern. Es gibt auch noch ein paar, da geht es um die Auslandsadoption, um einfach auch Kinderhandel natürlich zu verhindern, was früher definitiv stattgefunden hat mit Vietnam und Südkorea und auch noch anderen Ländern. Das ist sicherlich aber ein kleiner Partereien für Deutschland gesehen, um wirklich zu sagen, was hat sich aus der Adoptionsforschung ergeben, was ist wirklich gut fürs Kind.

SPEAKER_00

In welchen Zahlen reden wir denn überhaupt, weißt du das zufällig? Hast du im Vorgespräch gesagt, Adoptionen sind auf dem Rückzug?

SPEAKER_03

Also sind eher rückläufig. Also ich dachte so, jetzt waren es immer so 3500, 3600 pro Jahr und ich glaube, so Anfang der 90er waren es noch so um die 7000. Viele sind jetzt eher so Stiefkind-Adoption, dass man sagt, man ist irgendwie Patchwork, Familie zusammengekommen und irgendwann adoptiert dann die eine Seite vielleicht die Kinder des anderen. Aber die Tendenz, es gibt Adoptionsforscher Peter Kühn aus Dresden, er hat das in einem Buch schön zusammengefasst. Da kann man zumindest auch, also ja, das gab es seit 49 sogar betrachtet, aber selbst wenn man so mal nach der Wende schaut, also kommt man so von 7000, jetzt sind wir so irgendwas bei 3000.

SPEAKER_00

Verschwindend wenige Fälle bei 84 Millionen Einwohnern. Insofern hier was ganz Besonderes, dass wir mit dir reden können. Sind Fragen offen geblieben? Also mir würden doch jede Menge Fragen einfallen.

SPEAKER_04

Aber vielleicht und abreden wir uns ja nochmal für eine nächste Runde dann.

SPEAKER_00

Ich fand es aber keine Sekunde langweilig. Vielen lieben Dank, dass du da warst.

SPEAKER_03

Ich danke euch.

SPEAKER_00

Ich zeige nochmal das Buch. Adoptierte Indianer. Du hast auch noch ein zweites Buch geschrieben, Generationen abgestumpft. Du gehst gerne damit auf Lesungen und Diskussionen. Wer dich also anfragen möchte, erreicht dich wie.

SPEAKER_03

Ja, da steht auch eine drin, das ist zwar mehr die Selbsthilfekontaktstelle, aber die betreue ich ja. Also deswegen, man erreicht mich sowohl über. Ist da ein Kontakt auch in dem anderen Buch? Ansonsten.

SPEAKER_00

Wir verlinken das unten. Wir schreiben das unten rein.

SPEAKER_03

Ich bin noch.

SPEAKER_00

Sehr schön. Dann nochmal vielen lieben Dank für die Offenheit, für die Einblicke. Wenn es Anregungen, Anmerkungen gibt zur Folge, wenn wir irgendjemand Spezielles einladen sollen, schreibt uns an ungehalten.de. Ansonsten vielen Dank. Auch an dich.

SPEAKER_04

Ja, danke an dich und an dich.

SPEAKER_00

Und bis zum nächsten Mal. Tschüss. Dieser Podcast wurde mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.