Alexander Teske
Dies ist der private Kanal von Alexander Teske, Journalist und Autor.
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Bahn-Chaos: So schlimm war es noch nie!
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Historische Pinkelpause in Ludwigslust. Ich schildere hier meine "schönste" Bahnfahrt und warum ich überhaupt Bahn fahren muss. Teilt gerne eure Erlebnis mit der Deutschen Bahn.
Da sich bereits mehrere Journalisten jetzt bei mir gemeldet haben, möchte ich kurz schildern, was mir gestern mit der Deutschen Bahn passiert ist nicht, weil ich mich hier irgendwie persönlich in den Vordergrund schieben will, sondern weil einfach das sehr viel aussagt über die Situation in unserem Land. Die Bahn steht ja nur stellvertretend für viele andere Dinge, die momentan nicht mehr so funktionieren, wie sie mal vor Jahren funktioniert haben und wie sie eigentlich funktionieren sollten. Was ist passiert? Gestern hatte ich eine Bahnfahrkarte von Leipzig nach Hamburg. Ich wurde schon früh in der App informiert, dass die Fahrt ausfällt. Ich habe danach gesehen, sind gleich mehrere Züge ausgefallen, woraufhin wir dann beschlossen haben, schon 90 Minuten eher loszufahren. Da Leipzig ohnehin ja so gut wie vom Bahnverkehr, vom ICE-Verkehr mal sehr entkernt wurde. Ich will nicht sagen abgekoppelt, aber da wurde schon kräftig gespart, weil die neue Strecke ICE-Strecke Berlin-München an Leipzig ja vorbeiführt. Es ist immer gar nicht so einfach, dann nach Berlin zu kommen. Jedenfalls habe ich gesehen, dass die Züge ausfallen und bin mit dem Regionalzug, also eigentlich erst mit der S-Bahn bis Wittenberg gefahren und dort in einen Regionalexpress gestiegen, der nach Berlin fährt. Diese S-Bahn und Regionalexpress-Züge sind natürlich schon auch gut gefüllt, weil viele Leute ja das Deutschland-Ticket nutzen und diese Züge kostenlos benutzen können und so eben von Leipzig nach Berlin kommen können. Trotzdem sind wir relativ pünktlich angekommen. Die Temperatur war auch erträglich, die Toiletten haben auch funktioniert. Das Ganze war noch einigermaßen komfortabel, auch wenn es immerhin drei Stunden gedauert hat. Normalerweise muss man wissen, fährt der Zug zwischen Leipzig und Berlin eine reichliche Stunde. In Berlin ging das Karason aber erst so richtig los, der Bahnhof war heillos überfüllt und praktisch alle Fernverkehrszüge hatten Verspätung. Wir reden die nicht von fünf Minuten, sondern eher von 90, 100 oder 120 Minuten. Und die Leute standen einfach an den Bahnsteigen, wie Sie vielleicht noch wissen, 38 Grad im Schatten. Es war doch recht anspruchsvoll, sagen wir mal. Zwei Züge waren direkt ausgefallen von Berlin nach Hamburg. Es war also entsprechendes Gedrängel und der Zug sollte eigentlich 15,35 Uhr losfahren. 17.05 Uhr fuhr ein kurzer ICE. Bahnkenner wissen Bescheid, es ist also ein einfacher ICE, kein doppelter ein. Die Leute gingen alle in diesen Zug und suchten sich einen Platz. Es gab keine Anzeigen, deswegen alle Reservierungen waren quasi null und nichtig. Die Leute wollten sowieso eigentlich andere Züge benutzen und konnten auch schon allein die Reservierung gar nicht benutzen. Also man hat sich einfach einen Platz gesucht. Wer später kam, hatte Pech, der Zug war heillos überfüllt. Dazu kam noch, dass ein Wagen gesperrt war, komplett, weil die Klimaanlage ausfiel. Ewig gab es nur nicht mal Anzeigen, sondern es gab auch keine Durchsagen. Es passierte einfach nichts. Man stand da am Gleis und der Zug füllte sich immer mehr. Es gab kein Personal, was gesichtet wurde. Irgendwann setzte sich der Zug um 17.20 Uhr stumm in Bewegung, nicht mit der normalen Geschwindigkeit aufgrund der Hitze gedrosselt. Ich würde mal schätzen, 120 kmh statt der üblichen 220. Dann habe ich relativ schnell festgestellt, das Bord bis True war geschlossen, also Wasser kaufen war nicht. Immerhin gab es allerdings Wasser, was durchgereicht wurde an die Reisenden. Die Toiletten allerdings, zwei waren, glaube ich, sowieso von vornherein gesperrt. Und die anderen wurden natürlich regel frequentiert, denn der Zug war ungefähr mit doppelt so vielen Menschen belegt, wie vielleicht üblich. Also jeder Sitzplatz war belegt und dazu saßen die Leute im Gang und sie standen auch im Gang. Ich feier nun wirklich seit vielen Jahren Bahn, habe auch schon erlebt, dass die Leute zwischen den Abteilen sitzen, aber dass sie im Gang stehen, auch für längere Zeit. Und zwar dicht an dicht, sodass man sich wirklich durchkämpfen musste. Das habe ich so tatsächlich auch noch nicht erlebt. Da waren Menschen dabei mit Krücken, ältere Menschen, Menschen mit kleinen Kindern. Und ich weiß auch nicht, wieso der Zug losgefahren ist, denn ich glaube, das ist ein veritables Sicherheitsproblem, wenn man bei dieser Geschwindigkeit eine Vollbremsung hinlegt und die Leute da im Gang stehen. Auch die Notausgänge waren natürlich alle zugestellt, überall auch Menschen und Gepäck. Ja, und die wenigen funktionierenden Toiletten geschlossen wurden dann nach und nach, im wahrsten Sinne des Wortes, liefen die über und wurden vom Zugpersonal dann geschlossen, kam so ein Klebezettel dran, Toilette geschlossen und irgendwann, also in einer Stunde war auch die letzte Toilette geschlossen und es gab praktisch keine mehr. Die Leute haben ja viel Wasser getrunken aufgrund der Hitze. Ja, und dann gab es die einzige Lösung, das habe ich auch noch nicht erlebt. Ein Toilettenstopp in Ludwigslust wurde eingelegt. Das Personal sagte diesen Stopp durch. 19.08 Uhr war es dann soweit, man hielt da und ich würde mal schätzen, 200 Menschen verließen den ICI und sprinteten Richtung Bahnhofsgelände durch die Unterführung, um möglichst die ersten zu sein. Leider haben sie dann festgestellt, dass der Bahnhof gerade umgebaut wird und die Toiletten auch abgeschlossen waren und dann irrten alle durch die Gegend. Einige haben sich dann in der Gegend erleichtert oder wie jemand sagte, ich habe eine Ordnungswidrigkeit begangen, sehr lustig. Und dann gab es eine Riesenschlange an einem Dixi-Klo. Es war als Stadt ein einsames Dixi-Klo dort. Und sehr viele haben versucht, dort sich anzustellen und das zu schaffen. Immer den ICE im Blick, aber dann sich wieder in Bewegung setzt. Einige Sendeten auch eine nahegelegene Gaststätte. Und nach, ich glaube, 23 Minuten setzte sich der ICE wieder in Bewegung. Eine Riesenschlange stand kurz vorher auch noch an einem Automaten auf der Plattform, weil natürlich Leute Wasser oder was zu essen kaufen wollten. Ja, und dann ging es weiter im vollbesetzten ICE Richtung Hamburg und wir haben den dann tatsächlich erreicht um 20 Uhr 25 Uhr etwa, also fast drei Stunden später als eigentlich geplant. Allerdings für einige Menschen war es schon eine sehr, sehr schwere Reise, fast dramatisch, weil sie diese Durchsage mit dem Toilettenstopp gar nicht gehört haben. Viele hören ja Kopfhörer, Musik, was auch immer und hören nicht jede Durchsage, da wird ja doch recht häufig was durchgesagt und man schaltet dann so ein bisschen auf Durzug. Sie haben es also nicht mitbekommen, es soll ja auch schwerige Menschen geben. Und die hatten dann plötzlich ein Problem, weil sie eben gemerkt haben, die Toiletten sind zu und es pressiert. Also das ist schon sehr, sehr unangenehm, jeder, der mal in einer solchen Situation war, weiß, wovon ich rede. Ich halte das schon für Nötigung und ich weiß auch gar nicht, was die Bahn da reitet, die Menschen in so eine Situation zu bringen. Ich meine, auch mal was gelesen zu haben. Ich weiß nicht, ob es ein Flieger oder eine Bahn war, wo jemand in einem entsprechenden Fall eine Entschädigung durchgesetzt hat. Meine Reise begann ja in Leipzig, hatte ich schon gesagt, und mit mehreren Halten an kleinen Bahnhöfen. Insgesamt haben wir für die 400 Kilometer heute siebeneinhalb Stunden gebraucht. Von Leipzig nach Hamburg. Der offizielle Preis 146,40 Euro. Ja, soweit das gestrige Drama, was ja wirklich kein, wie soll ich sagen, keine Ausnahme mehr ist, wie haben die Leute das aufgenommen? Sie haben gar nicht so sehr protestiert oder waren wütend. Es ist ja eigentlich das Schlimme daran, man hat sich schon so sehr gewöhnt an solche Ausfälle, an solche Vorfälle, dass die meisten Leute das wirklich sehr, sehr demütig aufgenommen haben. Es gab jede Menge Kalkenhumor. Man hat sich die Sitzplätze gegenseitig angeboten und sich abgewechselt. Also es gab durchaus eine Solidarität unter den Menschen. Aber ich finde schon, da hat sich dramatisch was verändert. Ich bin die Strecke Leipzig-Hamburg früher regelmäßig gefahren. Ich bin viele Jahre gependelt. Es hat drei Stunden 15 gedauert und zu 90 Prozent der Fälle war die Bahn auch pünktlich. Das wäre heute gar nicht mehr möglich zu pendeln, weil sie die Art unzuverlässig ist. Ich bin sehr, sehr viel mit der Bahn unterwegs, ungefähr so zweimal in der Woche zu Veranstaltungen, Lesungen, Diskussionen und muss dann natürlich auch pünktlich sein und kann jetzt auch nicht jedes Mal am Abend vorher schon anreisen. Ich plane schon immer drei Stunden Puffer ein und trotzdem wird es dann manchmal knapp schwitzig und schaffe es gerade so fünf Minuten vor Veranstaltungsbeginn da reinzuschneiden, weil die Bahn mich wieder mal im Regen hat stehen lassen. Also ich kann einen Verfall der Bahn in den letzten Jahren ganz deutlich feststellen. Ich bin zuletzt auch wieder gestrandet. Ich wollte den letzten Zug aus Halle nehmen, bin auch bis Berlin gekommen, dort hätte ich umsteigen müssen, aber keine Chance. Der Zug war weg, wollte auch nicht warten. Und dann habe ich Mitternacht in Berlin gestanden. Der Informationsschalter war zu. Ich habe das nächste Hotel, bin ich angesteuert, das war voll. Dann bin ich ins Übernächste und da musste ich 184 Euro für die Übernachtung bezahlen, ohne Frühstück versteht sich. Und die Kosten hat die Bahn mir bisher noch nicht erstattet. Sie behauptet, das Formular noch nicht erhalten zu haben. Das muss man ja, wenn man mehr als 120 Euro zurück haben will, muss man das ausdrucken, das Formular unterschreiben, mit der Post hinschicken. Das Porto schenkt man ja sowieso der Bahn, bekommt man nicht erstattet. Und jetzt behaupten sie noch, sie hätten das bisher nicht bekommen. Meine Bahnödesie hat eigentlich angefangen, so vor zwölf Jahren, da habe ich beschlossen, das Auto zu verkaufen und wollte es eigentlich mal so als Experiment einfach nur probieren. Und das hat meinen Blick auf die Gesellschaft wirklich radikal verändert. Ich könnte jedem nur empfehlen, alle Wege zu Fuß mit Bus und Bahn oder mit dem Fahrrad zurückzulegen. Man bekommt einen ganz, ganz anderen Blick auf diese Gesellschaft. Und viele Entscheider in dieser Gesellschaft fahren ja Auto oder fliegen oder maximal sitzen sie in der ersten Klasse und bekommen das eben nicht mit. Wenn sie es tun würden, würde die Bahn nicht in diesem Zustand sein, in dem sie jetzt weh ist. Die Bundestagsabgeordneten zum Beispiel haben ja alle ein Bahnticket, also eine Bahncard 100. Das heißt, sie können alle Bahnen, alle Züge in diesem Land kostenlos benutzen. Ich habe sie aber, ich kenne nicht jeden Bundestagsabgeordneten namentlich, aber ich treffe sie nicht im Zug. Also ich bin der Meinung, dass sie das äußerst selten annehmen und lieber fliegen oder aber den Dienstwagen nehmen. Wenn sie verpflichtet wären, mit der Bahn zu fahren, wäre die Bahn in einem anderen Zustand. Da bin ich eigentlich ziemlich, ja, davon bin ich überzeugt. Eigentlich finde ich die Bahn ja ein großartiges Transportmittel und ich gestehe der Bahn auch zu. Immer mehr Menschen benutzen die Bahn, das ist ja politisch gewollt. Und natürlich ist es eine große Herausforderung und die Verweise auf die Schweiz oder andere kleine Länder sind natürlich ein bisschen schwierig, weil Deutschland ja deutlich größer ist und das Bahnnetz deutlich komplizierter. Alles läuft über dieses Netz, auch der Güterverkehr nah und Fernverkehr. Und das ist, was man natürlich muss man jetzt austragen, was man vor 20, 30 Jahren hätte anschieben müssen, was man versäumt hat, auch von der Politik, die eben gespart hat. Man hat ja Strecken in großem Umfang stillgelegt, Bahnhöfe verkauft. Man hat privatisiert und wollte tatsächlich Dividende aus der Bahn pressen. Das ist wirklich kurios. Und wir sehen eben jetzt alle das Ergebnis. Also defekte Klimaanlagen, gesperrte Toiletten. Das WLAN funktioniert nie. Also selbst auf dieser neu gebauten oder neu sanierten Strecke Berlin-Hamburgs ja gerade wieder eingeweiht worden nach einem Jahr Generalsanierung und seitdem sind die Züge trotzdem alle verspätet, das WLAN geht nicht. Das ist eigentlich ein Drama. Ja, und wenn man das ins Ausland schaut, ich höre mal neidisch, die Reisen, also wenn Leute zurückkommen von Reisen aus China oder Japan und dann berichten, wie toll es dort mit dem Zug ist, dort unterwegs zu sein in Japan. Ich habe gerade mal nachgesehen, ist die durchschnittliche Verspätung der Bahn etwa eine Minute. Also über das ganze Jahr alle Züge gerechnet im Schnitt maximal eine Minute verspätet. Das ist schon ein enormer Unterschied. Angeblich sollte ich auch einen Zugbegleiter umgebracht haben, weil er eine Verspätung von zehn Minuten zu verantworten hatte in Japan. Das ist ja nicht ein drastisches Beispiel, aber dieses Leserfeer in Deutschland, meine gefühlte Pünktlichkeitsquote der letzten zwölf Monate würde ich mal auf 50 Prozent schätzen. Das ist schon der krasse Unterschied. Und wenn man jetzt sagt, die Hitze ist schuld, dann muss man vielleicht daran erinnern, dass es Länder gibt wie in Italien, Spanien, Frankreich, wo ich auch schon mit dem Zug unterwegs war, auch bei Hitze, und das war überhaupt kein Problem. Also man kann damit zurechtkommen. Und das ist natürlich auch eine Frage an den Anbieter, an Siemens, die die Züge produzieren. Ist da bei der Ausschreibung, was steht da drin? Hat die Bahn vielleicht gespart bei der Ausschreibung oder sind die Züge einfach nicht davon, also auf was für Temperaturen sind Sie ausgelegt? Steht da drin nur bis 30 Grad oder fahren die auch bis 40 Grad? Wir müssen ja offenbar darauf einstellen und wie ist das eigentlich im Winter, da haben wir das gleiche Problem, dass die Bahn nicht fährt. Also soweit mein persönlicher Bahnbericht. Sie haben vielleicht auch welche. Teilen Sie das gerne in den Kommentaren und ja, wollen wir mal hoffen, dass sich vielleicht die Hoffnung stirbt zuletzt irgendwann etwas daran ändert.