Cybersecurity Basement – der Podcast für echten Security-Content
Alle 14 Tage spricht Michael Döhmen mit Gästen aus der Cybersecurity-Branche über die Themen, die IT- und Security-Entscheider wirklich bewegen: von Incident Response über Security Operations bis zu den Fragen, die im Tagesgeschäft für Reibung sorgen.
Kein suresecure-Feature-Fucking, sondern ein seriöser, authentischer Austausch aus Theorie und Praxis. Objektivität steht dabei an erster Stelle.
Der Podcast richtet sich an CISOs, IT-Leiter, SOC-Verantwortliche und alle, die es werden wollen. Hier gibt's kein Blabla, sondern Security als Handwerk – ehrlich auf den Tisch. Die Gäste übersetzen Security in Business-Sprache und umgekehrt, damit technische Tiefe und unternehmerische Perspektive zusammenfinden.
Regelmäßig sind externe Gäste und Kundenstimmen dabei, die neue Blickwinkel einbringen und den Praxisbezug schärfen. So bleibt der Cybersecurity Basement auf Augenhöhe mit dem Zielpublikum – Folge für Folge.
Cybersecurity Basement – der Podcast für echten Security-Content
Wenn die KI selbstständig wird: Drei reale Cyberangriffe, bei denen genau das passiert ist
Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.
Drei reale Cyberangriffe zeigen, wie weit KI in der Cyberkriminalität heute schon ist: Ein Ransomware-Agent wechselt in unter zwei Minuten vom Windows- ins Linux-System; schneller, als ein Mensch reagieren könnte. Ein Anruf wirkt täuschend echt, obwohl am anderen Ende nur eine KI-Stimme spricht. Und ein KI-Modell bricht aus seiner eigenen Testumgebung aus, weil es einen gefundenen Angriff erst beweisen musste.
In dieser Folge von Cybersecurity Basement spricht Michael mit André Ditzel, Principal Analyst bei suresecure, darüber, was diese Angriffe technisch möglich macht und warum sie sich so schwer erkennen lassen. Es geht um die Ransomware-Gruppe, die ihre Strategie live an das vorgefundene Unternehmensnetzwerk anpasst, um die Voice-Phishing-Plattform hinter dem sogenannten TOAD-Angriff und um den viel diskutierten OpenAI-Fall, bei dem eine KI aus ihrer Sandbox ausbrach.
Am Ende dreht sich das Gespräch um die Verteidigung: Warum Angreifer noch immer nur einen einzigen Fehler brauchen, während Unternehmen ihre gesamte IT-Landschaft absichern müssen, und wie viel davon am Ende doch an den altbekannten Basics hängt.
Reinhören lohnt sich für alle, die wissen wollen, wie nah KI-gestützte Cyberangriffe der Realität in deutschen Unternehmen schon sind.
Passende Folge zum Thema:
KI im Einsatz der Hacker: Deepfakes, Agenten & 24/7-Cyberangriffe
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Michael: Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von Cybersecurity Basement, dem Podcast für echten Security-Content. Heute habe ich einen Gast dabei, der quasi aus dem Maschinenraum kommt. Ich freue mich sehr, dass er wieder zu Gast ist, denn es gab schon die eine oder andere Folge mit ihm – es ist immer sehr aufschlussreich und spannend zugleich. Wir wollen heute über das Thema KI in Bezug auf Cybersecurity sprechen und beschäftigen uns mit ein paar modernen Angriffsformen. Dazu haben wir ein paar Fallbeispiele mitgebracht, denn in der letzten Woche war auch wiederholt das Thema „autonome Angriffe" in der Presse – auch das OpenAI-Beispiel haben wir dabei und wollen darüber sprechen. Zuallererst begrüße ich dich recht herzlich: André Ditzel, Principal Analyst bei uns bei suresecure. Einen wunderschönen guten Morgen, André.
André: Hi, freut mich, dass ich wieder dabei sein darf. Ich sage vielleicht kurz was zu mir: Den Titel hast du gerade schon genannt, der ist erst seit Kurzem neu. Ich bin aber hauptsächlich täglich in der Incident Response tätig, mache dort meistens die forensischen Analysen oder vertretungsweise auch Incident Management, je nachdem wie viele Vorfälle wir gerade gleichzeitig haben. Forensik ist eigentlich mein ganzer Background, das mache ich schon seit vielen Jahren und habe viele Incidents betreut. Ich freue mich, dass ich wieder hier sein darf.
Michael: Wir freuen uns auch – und das darf man gar nicht vergessen: Wir begegnen uns da auch regelmäßig, mein Thema ist ja die Kommunikation, und wenn du mir keine Informationen gibst, wird es immer schwer. Deshalb haben wir da einen regen Austausch. Erzähl uns doch noch mal kurz, wie du eigentlich zur suresecure gekommen bist – das ist ja nun auch schon ein paar Jahre her.
André: Ja, kann ich gerne machen. Cyber Security habe ich klassisch mit einer Ausbildung zur Systemintegration angefangen und bin dort, bedingt durch das Ausbildungsunternehmen, direkt in Produkte eingestiegen. Danach bin ich ins Consulting gewechselt und habe dort erste Erfahrung als Analyst gesammelt. Relativ schnell bin ich dann in die Incident Response gewechselt, weil mir das sehr gut gefallen hat. Ich habe in dem Bereich auch einige Zertifizierungen gemacht, unter anderem vom SANS Institute, und die neueste Zertifizierung ist jetzt vom BSI: der Vorfallexperte. Die habe ich quasi für den deutschen Raum noch mal nachgeholt.
Michael: Spannend. Wenn man sich jetzt schon so lange mit dem Thema Cyber Security beschäftigt – ich kenne das von mir selbst auch, ich bin ja auch schon sechseinhalb Jahre in der Branche unterwegs – wird man in Teilen ja paranoid. Aber du bekommst natürlich auch noch viel mehr Details mit und kennst dich technisch einfach viel besser aus. André, sag mal: Wie schwer ist es, bei dir zu Hause reinzukommen?
André: Wie schwer? Naja, ich habe mich einfach darauf geeinigt, so wenig Smart Home wie möglich zu haben.
Michael: Also Angriffsfläche reduziert. Auch eine Idee.
André: Ja, wenn jemand gut im Schlossknacken ist, wird es ihm wahrscheinlich trotzdem gelingen. Aber ich habe tatsächlich nicht viel Smart Home oder vernetzte Geräte, und was ich habe, ist alles voneinander getrennt. Man hat ja mittlerweile doch einiges im Eigenheim – die Wärmepumpe zum Beispiel läuft noch auf Windows 95, habe ich vom Hersteller erfahren. Die wird ihr Netzwerk aber nie verlassen. Es gibt also schon interessante Dinge im privaten Sektor, aber nach außen habe ich gar nichts offen. Da habe ich einfach alles so gelassen, wie es ist.
Michael: Gut. Wir wollen heute über KI-Angriffe sprechen und haben ein paar Fallbeispiele dabei. Aber vorab noch die Frage: Du siehst in deinem Arbeitsalltag ja viel, nicht jeder Fall landet in der Presse. Wie stark sind die Standard- oder Regelvorfälle, die ihr bearbeitet, schon von KI beeinflusst? Kann man das überhaupt an bestimmten Parametern erkennen?
André: Man kann es vielleicht teilweise an der Geschwindigkeit erkennen. Grundsätzlich ist es aber auch so, dass KI so trainiert ist, dass am Ende trotzdem Kommandozeilenparameter verwendet werden, die auch ein normaler Mensch nutzen würde. Das heißt, in der Kombination der forensischen Artefakte sieht man nicht immer, ob KI dahintersteckt. Ich bin aber schon der Meinung, dass es durch die Geschwindigkeit, mit der Angreifer vorgehen, zunehmend ein Thema wird, bei dem man es genauer erkennt. Es gab zum Beispiel ein, zwei Kampagnen mit gefälschten PDF-Tools, die als Funktion hatten, PDFs zu verbinden und zu bearbeiten, aber im Hintergrund noch ein kleines Command-and-Control-Tool mitbrachten, ohne dass der Nutzer das bemerkt. Ich glaube, solche Fälle werden wir häufiger sehen – dass Software gefälscht wird, weil das dank KI einfacher geworden ist.
Michael: Man spürt ja, dass es so eine Art – ich will nicht sagen Hype ist – aber sowohl auf Angreiferseite passieren Dinge, die in der Presse breit getreten werden, teilweise auch mit Bezug auf die großen LLMs von Anthropic und GPT, wo Dinge passieren, die vielleicht wirklich so ablaufen oder auch bewusst genutzt werden, um Aufmerksamkeit für die eigene Technologie zu erzeugen. Das weiß man natürlich nicht zu hundert Prozent. Trotzdem zeigen diese Fälle, was möglich ist. Auf einer Skala von eins bis zehn, wobei eins Hype wäre und zehn eine echte Bedrohung: Wo stehen wir gerade beim Thema KI in Bezug auf Cyber Security? Hype oder ist das Risiko schon so groß?
André: Ich würde es wahrscheinlich irgendwo in der Mitte einordnen. Ich sehe es noch nicht so kritisch in dem Sinne, dass gerade außergewöhnliche Angriffe passieren, also etwas, das wir noch nicht gesehen haben – die Angriffsmuster sind im Kern noch dieselben wie bei früheren Angriffen. Ich glaube aber, dass sich zum einen die Geschwindigkeit verändert und zum anderen die Informationslage: Durch KI-Unterstützung schafft man es sehr viel besser, Informationen zu bündeln und schneller auszuwerten, und dadurch werden Angreiferkampagnen natürlich auch erfolgreicher.
Michael: Dann lass uns ins erste Fallbeispiel starten. Du hattest mir das mal per Teams geschickt, und in der Vorschau habe ich nur einen Kugelfisch mit roten Augen gesehen, der ein bisschen mechanisch aussah – das hat mich direkt angesprochen. Es geht um einen Artikel über einen vermutlich ersten, vollständig mit Agenten durchgeführten Ransomware-Fall. Es wird wahrscheinlich etwas technisch, aber erzähl uns: Was war das Besondere an diesem Fall? Warum wurde darüber so viel geschrieben?
André: Das war ein sehr interessanter Artikel über eine Gruppe, die vermutlich KI umfänglich genutzt hat. Das macht man an einigen Artefakten fest. Zum einen war das die schnelle Anpassung der Angreiferstrategie – man hat sehr schnell die Angriffsmuster gewechselt, basierend darauf, was man im Unternehmen vorgefunden hat. Das stützt die Theorie, dass die Informationsbeschaffung heute deutlich einfacher geht. Das Interessanteste war aber, dass es hier zu einer vollumfänglichen Verschlüsselung gekommen ist, offenbar durch autonome Agenten. Wie weit dahinter tatsächlich nur autonome Agenten stecken, weiß ich allerdings nicht.
Michael: Du hast gesagt, die Angriffsmuster wurden gewechselt – was genau bedeutet das? Wurde konkret beschrieben, welches Muster durch welches abgelöst wurde?
André: Basierend auf den Systeminformationen: Im Angreiferumfeld gibt es Malware mit einem bestimmten Payload, der ausgeführt wird – und um ihn auszuführen, muss er natürlich mit dem Betriebssystem beziehungsweise der ausführenden Einheit kompatibel sein. Nehmen wir ein ganz banales, fiktives Beispiel, weil es im Artikel selbst nicht so genau beschrieben war: Der Angreifer bewegt sich zunächst über PowerShell-Skripte im Windows-System fort und merkt dann, dass auch Linux-Systeme vorhanden sind. In sehr kurzer Zeit – ich glaube, es waren ein, zwei Minuten – wurde der Wechsel auf die Linux-Kommandozeilenbefehle vollzogen, und der Angreifer sprang direkt auf die Linux-Systeme weiter. Das ist, denke ich, auch das, was wir künftig häufiger sehen werden: dass Informationen sehr viel schneller verarbeitet werden und man dadurch anpassungsfähiger und reaktionsschneller agiert.
Michael: Ich habe sogar gelesen, dass dieser Agent in 31 Sekunden einen entsprechenden Fix beziehungsweise Angriffsschritt herbeigeführt hat. Was bedeutet das für die Verteidigung? Wenn ein Angreifer flexibel zwischen Varianten wechseln kann, sobald eine nicht funktioniert – wie fängt man diese Flexibilität ein? Das wird ja die Aufgabe für deutsche Unternehmen sein.
André: Die Herausforderung liegt darin, mehrere „Mauern" zu bauen, damit Erkennung überhaupt greifen kann. Wenn ich nur eine klassische Firewall habe und dahinter kein Netzwerkkonzept, sondern nur ein großes, undifferenziertes Netzwerk, wird es sehr schwierig – der Angreifer wird dann nur an einer einzigen Stelle erkannt. Und bei der Geschwindigkeit der Reaktion kann man menschlich gesehen gar nicht so schnell gegensteuern. Man muss also mehr in Richtung autonome Detektion gehen und vielleicht auch auf Verteidigerseite KI einsetzen, die selbst schneller reagieren kann. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um „KI gegen KI", sondern eher darum, designtechnisch anzusetzen und mehr Detektionspunkte zu schaffen.
Michael: Denn je früher ich etwas mitbekomme, desto eher kann ich auch gegensteuern. Ein komplett auf einem LLM basierender Angriff also – wie hieß die Gruppe noch mal?
André: Ich meine, es wird ungefähr so ausgesprochen wie geschrieben, aber ganz sicher bin ich mir nicht.
Michael: Falls wir das falsch aussprechen, gebt uns gerne Feedback – wir sind uns nicht ganz sicher, glauben aber, dass wir nah dran sind. Dann lass uns zum nächsten Fallbeispiel springen: Voice Phishing. Als ich das erste Mal davon gehört habe, dachte ich: automatisiertes Voice Phishing, wie soll das funktionieren? Aber am Ende des Tages kann eine KI auch einen Dialog führen und eine Stimme imitieren – so weit hergeholt ist das also nicht. Das Ganze nennt man dann TOAD-Angriff. André, bring uns mal auf den Stand der Dinge – es ging dabei auch um eine Plattform. Wie läuft so ein Angriff konkret ab?
André: In dem Fall war das ein „Fraud-as-a-Service"-Modell: Ein Angreifer beziehungsweise eine Gruppe hat eine Plattform angeboten, die dieses Voice Phishing automatisiert. Es gibt dabei verschiedene Wege, um einzusteigen, zum Beispiel per Phishing-E-Mail: Eine E-Mail wird an Betroffene verschickt, die die Anweisung enthält, eine bestimmte Nummer zurückzurufen. Ruft man diese Nummer zurück, meldet sich ein ganz gewöhnlich klingender Voice-Agent – ähnlich wie man es heute schon von vielen Unternehmen kennt, mit „drücken Sie die Eins" und „nennen Sie bitte Ihre Vorgangsnummer". Dieser Voice-Agent leitet dann dazu an, eine bestimmte Website zu besuchen und dort ein Tool herunterzuladen, etwa ein Remote-Management-Tool oder Malware. Ist das erledigt, geht abschließend eine Meldung an den Angreifer, dass eine Verbindung besteht – und der kann dann, keine Ahnung, in Ruhe weitermachen. Ob das inzwischen auch schon automatisiert ist, weiß ich nicht, aber das ist erst mal die Grundidee der Plattform.
Michael: Das heißt, wenn plötzlich jemand über eine vielleicht sogar direkte Durchwahl anruft, ist das aus einem Security Center heraus gar nicht erkennbar, weil es einfach nur eine Nummer ist. Entweder ich habe diese Nummer oder Region bereits geblockt beziehungsweise als hohes Risiko eingestuft und gesperrt, oder ich habe gar keine Chance, meine Kolleginnen und Kollegen davor zu schützen, dass dieser Anruf ankommt. Und alles, was danach passiert, wirkt ja umso realistischer, je natürlicher die Stimme klingt und je passender der Kontext ist – es kann ja durchaus sein, dass unternehmensnahe Kontextinformationen mitgegeben werden, sodass man das Gefühl hat: Das passt schon. Dann gibt man vielleicht sogar seine Kreditkartennummer heraus. Und so etwas kann man sich offenbar auch für pauschale Beträge einkaufen und dann läuft es vollautomatisiert durch. Das sind wirklich krasse Zeiten. Wie stellen wir uns dagegen auf? Telefon abschaffen geht ja auch nicht.
André: Telefone abschaffen – nein. Aus der Phishing-Perspektive gedacht ist es natürlich erst mal schwierig, eine Telefonnummer zu klassifizieren. Die E-Mail wird also wahrscheinlich zugestellt, und dann kommt es zum einen darauf an, wie gut die Awareness-Schulung der Mitarbeitenden ist – dass ihnen klar ist, dass so etwas heute technisch möglich ist. Der nächste Schritt wäre dann die Detektion der Malware oder des Management-Tools und eine daraus resultierende automatische Reaktion: Sobald das erkannt wird, wird der Client isoliert. Im schlimmsten Fall ist der Mitarbeiter dann erst mal nicht mehr arbeitsfähig, aber man hat nicht das Szenario, dass ein Angreifer ein bis zwei Stunden lang auf dem Client agieren kann. Genau das ist wahrscheinlich das Gefährlichste, das haben wir auch schon in vielen Incidents gesehen: Sobald man auf dem Client ist, hat man ein, zwei Stunden später meist schon ein Datenschutzproblem, weil in dieser Zeit in den meisten Fällen das Active Directory kopiert wurde.
Michael: Hast du das Gefühl, dass der Wettkampf gerade nicht ganz fair ist? Auf Angreiferseite kann man ja relativ schnell alles einsetzen, was zur Verfügung steht, und das auch im großen Stil. Bei Unternehmen ist das immer eine andere Sache: Kann ich KI überhaupt in der Verteidigung einsetzen, was macht diese KI dabei, wie setze ich sie in einem sicheren Kontext ein? Passt das mit der DSGVO zusammen? Laufe ich Gefahr, dass die KI etwas Eigenständiges tut – das ist gleich unser drittes Fallbeispiel. Wann, glaubst du, bewegen wir uns wieder auf Augenhöhe? Oder wird der Vorsprung der Angreifer einfach immer größer?
André: Es gibt natürlich sehr viele Regulatorien, das muss man klar sagen. Ich glaube aber auch – wenn ich an vergangene Incidents denke – dass es sowieso schon immer so war, dass der Angreifer nur einen einzigen Punkt finden musste, während der Verteidiger die gesamte Unternehmenslandschaft im Blick haben musste. Der Angreifer hatte also schon immer einen gewissen Vorteil, meistens hat ein einziger Fehler ausgereicht. Das erleben wir auch in Incidents immer wieder: Jemand wollte nur schnell etwas testen und hat dafür RDP mal drei Stunden offen gelassen – und der Angreifer hat das sofort gesehen. Man denkt dann, das sei Zufall gewesen, dass er es ausgerechnet in diesen drei Stunden entdeckt hat. Aus meiner Sicht ist das Scanning nach offenen RDP-Ports und Ähnlichem aber schon lange vor KI automatisiert worden – die Angreifer hatten also schon vorher Automatisierung, sie machen sie jetzt mithilfe von KI nur noch effizienter. Es war also schon immer so, dass ein einziger Fehler gereicht hat. Ob wir den Punkt erreichen, an dem beide Seiten gleichauf sind, weiß ich nicht genau. Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube, die Realität ist, dass wir da immer ein Stück zurückhängen.
Michael: Das glaube ich leider auch. Das liegt sicher auch in der Natur der Sache, weil Angreifer in der Regel wenig mit Regulatorik zu kämpfen haben und direkt in die Vollen gehen können. Dann lass uns zu Fall drei springen: der OpenAI-Fall, der letzte Woche sehr stark in der Presse war. Was ist da passiert? Eigentlich sollte es ein Testszenario in einer gesicherten Sandbox sein, doch die Technologie ist aus dieser Sandbox ausgebrochen und hat sich ein Stück weit selbstständig gemacht – am Ende musste offenbar ein anderes Unternehmen darunter leiden. Was ist deine Einschätzung, was da technisch passiert ist? Wie kann so ein Ausbruch aus der Testumgebung, der ja gleichzusetzen ist mit einem Kontrollverlust, überhaupt passieren?
André: Ganz tief in der Technik stecke ich da nicht drin, und auf technischer Ebene ist auch nicht allzu viel veröffentlicht worden. Grob beschrieben wurde, dass die KI selbstständig eine Schwachstelle gefunden hat und sich darüber im Netzwerk weiter vorarbeiten konnte – ich versuche, das nicht zu technisch zu beschreiben. Das heißt, die KI konnte sich zunehmend mehr Informationen beschaffen: Zunächst innerhalb ihrer eigenen, abgeschotteten Umgebung hat sie eine kleine Lücke gefunden, um auszubrechen. Und in dem Moment, in dem sie mehr vom umliegenden Netzwerk sehen konnte, hat sie sich einen Weg gesucht, um herauszukommen und dann zu einem anderen Partner überzugreifen.
Michael: Die eigentliche Aufgabe war es ja, Schwachstellen für die Verteidigung zu finden, und nicht, sie tatsächlich auszunutzen – auch wenn das technisch nicht so genau beschrieben ist. Wie glaubst du, kann so etwas passieren?
André: Schwachstellen für die Verteidigung zu finden ist ja immer so eine Sache: Man muss letztlich auch beweisen, dass sie ausnutzbar sind – man muss sie also tatsächlich ausnutzen, um diese Validierung zu bekommen. Die KI hatte also wahrscheinlich von sich aus schon den Ansatz: „Validiere das auch, führe den Angriff einmal durch, um zu bestätigen, dass er funktioniert." Ich glaube, so ist es letztlich dazu gekommen. Es ist schwer, das genauer zu beschreiben, weil die Datenlage dünn ist beziehungsweise ich auch nur das mitbekommen habe, was in den großen Medien stand. Aber ich finde es tatsächlich sehr interessant: Um überhaupt verteidigen zu können, muss man verstehen, wie der Angreifer vorgeht – und genau das musste man der KI dann auch beibringen, sonst könnte sie es gar nicht leisten.
Michael: Das stimmt. Hier ging es ja explizit darum, neue Schwachstellen zu finden – Schwachstellen über klassische Schwachstellen-Scanner werden ja ohnehin ständig gesucht, aber dabei wird normalerweise kein tatsächlicher Angriff ausgeführt. Das wäre fatal. Glaubst du, dass diese drei Fälle dazu führen, dass die Bedenken gegenüber KI-Security-Tools eher größer werden? Es dauert ja immer eine gewisse Zeit, bis alle so weit abgeholt sind, dass verstanden wird, was passiert, und die Barrieren sinken. Sorgen solche Fälle eher dafür, dass Unternehmen sagen: Puh, weiß nicht, ob ich das bei uns einsetzen sollte – oder eher: Jetzt brauchen wir erst recht solche KI-Sicherheitsmechanismen? Beides wäre aus meiner Sicht legitim.
André: Ich glaube, es ist ein Mix aus beidem. Ich glaube schon, dass wir KI brauchen, um die Informationslage in vergleichbarer Geschwindigkeit erfassen zu können. Auf der anderen Seite merkt man aber auch, dass KI nicht die Lösung für alles ist. Das sieht man ja auch in den Medien: Vorher gab es einen sehr großen Andrang, alles auf KI zu trimmen, und jetzt merkt man, dass es oft kostengetrieben doch wieder anders läuft – dass man für bestimmte Aufgaben lieber einen Entwickler einsetzt, weil das schlicht günstiger ist, und nicht alles über eine KI abwickeln muss. Ich glaube, wir befinden uns gerade in einer Findungsphase, was tatsächlich sinnvoll ist. Man hat erst mal viel ausprobiert, und jetzt kommen langsam Ergebnisse dazu, wie man KI effizient einsetzt. Ihr hattet das, glaube ich, auch schon in einer früheren Folge: Wichtig ist, sich zuerst über den Prozess Gedanken zu machen und darüber, was man erreichen möchte – und nicht erst zu sagen: „Ich habe jetzt mein ganzes Unternehmen in irgendein Large Language Model gepackt, was können wir jetzt damit tun?" So herum sollte es besser nicht laufen.
Michael: Du hast gerade das Kosten- beziehungsweise Effizienzthema angesprochen – das ist ja auch noch eine große Unbekannte, was diese KI-Prozesse am Ende tatsächlich kosten. Wie viele Tokens werden da bewegt? Auch das ist noch offen, ob sich das am Ende wirklich rechnet.
André: Das ist auch ein ganz neues Schadensbild. Wenn du gerade Tokens sagst: Immer mehr Unternehmen binden Dinge wie APIs oder Chatbots an KI an. Es soll ja auch Chatbots gegeben haben, die ausgenutzt wurden – wenn man einen Chatbot dazu bringt, die Essensbestellung zu ignorieren und stattdessen ein Python-Skript auszuführen, dann hat man zwar „kostenlos" ein LLM genutzt, aber die Kosten trägt trotzdem das Unternehmen, das die API bezahlt. Das ist tatsächlich ein neues Angriffsmodell: Man kann Unternehmen schaden, indem man ihre APIs einfach unter Last setzt und dadurch Kosten verursacht. Auch das ist ein neues Schadensbild.
Michael: Wenn du dir die drei besprochenen Fälle anschaust und wir zehn Jahre weiterdenken: Glaubst du, das wäre dann immer noch einen Artikel wert, oder wird das die neue Normalität?
André: Ich glaube schon, dass es ein Stück weit Normalität werden wird. KI ist jetzt da, wir müssen uns damit auseinandersetzen. Wie weit es technologisch tatsächlich gehen wird – ob so weit, wie wir es befürchten oder erhoffen – kann, glaube ich, niemand wirklich beantworten. Aber mit diesem Grundstandard müssen wir jetzt schon leben, auch was Tooling und Ähnliches angeht. Es ist heute sehr viel einfacher, in ein Thema einzusteigen – und dadurch natürlich auch sehr viel einfacher, in die Cyberkriminalität einzusteigen. Das wird uns nicht mehr verlassen, glaube ich, das wird bleiben.
Michael: Das denke ich auch. Du hast ganz am Anfang gesagt, ein zentrales Erkennungsmerkmal ist der Speed – also die Geschwindigkeit, mit der diese Angriffe ausgeführt werden, und die Geschwindigkeit, mit der sich Angriffsmuster von einem zum nächsten wandeln können. Wir sind ja selbst im Bereich der Verteidigung unterwegs, Automatisierung und so weiter gibt es dort auch schon lange. Wie, glaubst du, wird sich die Technologielandschaft auf Verteidigerseite dahingehend verändern? Es gibt ja mittlerweile unzählige „native" SOC-Anbieter, die aus Übersee zu uns kommen, und es wird gerade wieder unglaublich viel Geld in diese neuen Technologien investiert. Wie wird sich die Technologielandschaft auf der Verteidigungsseite deiner Meinung nach verändern oder anpassen?
André: Ich glaube, dass Informationen zunehmend greifbarer werden – dass für einen ersten Eindruck nicht mehr so ein hohes Expertenniveau nötig ist, weil einem Informationen besser erklärt werden und man auch mit einem eher einsteigerfreundlichen Niveau schneller kritische Sachverhalte erkennt. Vorausgesetzt natürlich, es geht in Zukunft so weit, dass wir der Technologie mehr vertrauen können. Aktuell muss man die Ergebnisse noch immer hinterfragen und genau wissen, welche Daten man eingibt und was dabei herauskommt. Insofern wird sich das in den nächsten Jahren sicher verbessern, und ich glaube, dass der Anspruch an das nötige Expertenniveau auf beiden Seiten sinken wird.
Michael: Neben all der technologischen Veränderung, die ohnehin nicht mehr aufzuhalten sein wird – und das ist auch vollkommen in Ordnung, man muss sich einfach bewusst sein, dass sie nicht mehr weggeht, und lernen, damit umzugehen – ist es abseits davon aber offenbar immer noch so, dass die Angriffsmuster grundsätzlich die bekannten sind, nur schneller genutzt und eingesetzt werden. Und ein entscheidender Faktor bleibt die sogenannte Cyber-Hygiene, also die Basics. Jetzt kommst du ins Spiel: Was genau könnte damit gemeint sein? Was siehst du bei Vorfällen, wo du dir manchmal denkst: Leute, euer Ernst?
André: Multifaktor-Authentifizierung an öffentlich erreichbaren Systemen ist eigentlich schon ein Thema, seit es Multifaktor gibt. Aber wir finden auch heute noch Unternehmen, bei denen das nicht implementiert wurde. Oder der klassische Fall: „Ich wollte nur kurz etwas testen" – und aus „kurz" wird dann eben nicht kurz. Das führt letztlich dazu, dass man auch mehr über sein Netzwerk nachdenken sollte, also gewisse Barrieren innerhalb des Netzwerks schafft. Das sehen wir noch viel zu häufig: Man investiert sehr viel in die Außenmauer, aber wenn diese Außenmauer durch Schwachstellen Lücken hat – und solche Schwachstellen werden uns gerade bei öffentlich erreichbaren Systemen wahrscheinlich künftig noch häufiger begegnen – dann hält innen nichts mehr auf, sobald jemand einmal durch ist. Dann kann auch ein EDR-Tool nicht mehr viel ausrichten. Es kann sein Bestes versuchen, aber ich bin überzeugt: Wenn man nicht mehr interne Barrieren schafft, um einen Angreifer gegebenenfalls zu isolieren, wird man ihn dort auch nicht mehr aufhalten.
Michael: Wenn jemand wissen möchte, wie gut er auf einen solchen Vorfall vorbereitet ist – das kann man ja mittlerweile testen, es gibt entsprechende Technologien dafür, man kann auch Dienstleister wie uns fragen: Wie oft würdest du so etwas empfehlen?
André: Wie oft, das kommt immer darauf an, wie häufig sich Netzwerk oder grundlegende Bausteine im Unternehmen ändern. Die Realität ist wahrscheinlich, dass Unternehmen ständig im Wandel sind: Es kommen neue Tools hinzu, neue Infrastruktur, man wechselt in die Cloud oder vielleicht auch wieder zurück On-Premise. Ich würde sagen: einmal im Jahr, wenn nicht sogar öfter. Es kommt ganz darauf an, wie das jeweilige Unternehmen aufgestellt ist.
Michael: Also quasi wie der jährliche Arztbesuch, wenn man vierzig ist.
André: Ja, genau, so ein regelmäßiger Check-up.
Michael: Auch wenn sich am Ende des Tages nie etwas verändert hat.
André: Wenn man Risikopatient ist, geht man eben öfter – so kann man es vielleicht sehen.
Michael: Für mehr Gesundheitstipps hört gerne auch in unsere anderen Folgen rein. Damit schließen wir aber diese Folge. André, vielen Dank, dass du da warst, es war sehr spannend – ich hoffe, du kommst gerne noch mal wieder. Bleibt sicher und gesund. Und wenn ihr Fragen rund um das Thema KI-Angriffe oder KI-Verteidigung habt, kommt gerne auf uns zu, schreibt uns, folgt uns auf LinkedIn. Vielen Dank.
André: Hat mich gefreut.
Michael: Vielen Dank, tschüss.