Bergrufe und Stadtgeflüster
Bergrufe und Stadtgeflüster - Der Podcast aus dem Herzen der Schweiz.
Komm mit auf Entdeckungsreise durch die Region Luzern-Vierwaldstättersee. Gemeinsam lernen wir spannende Persönlichkeiten, aussergewöhnliche Traditionen und versteckte Schätze kennen. Neue Folgen gibt’s jeden ersten Dienstag im Monat.
Bergrufe und Stadtgeflüster
#26 Von See zu See: Eine Reise durch die Zentralschweiz
Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.
In der Zentralschweiz reihen sich zahlreiche Seen aneinander – grosse und kleine, bekannte und versteckte. Heute machen wir Seen-Hopping: von Ufer zu Ufer, von Geschichte zu Geschichte. Dabei sausen wir mit über 90km/h übers Wasser, schnuppern Weltcup-Luft und stossen ganz nebenbei auf einen echten Kriminalfall.
***
Links zur Folge
- Seen-Hopping: https://www.luzern.com/de/highlights/hopping/seen
- SGV Fahrplan: https://www.lakelucerne.ch/de/informationen/fahrplan-schiffseinsaetze/
- Heidi Ulrich: https://www.heidiulrich.com/
- Lucerne Regatta: https://www.lucerneregatta.com/
- Fabienne Schweizer: https://www.fabienneschweizer.com/
- Swiss Rangers: https://swiss-rangers.ch/
- NaturDienst Bieri: https://naturdienst.ch/
- Fischerparadies Lungern: https://www.fischerparadies.ch/
Wenn man Luzern mal von oben anschaut – sagen wir vom Pilatus oder von der Rigi – dann fällt einem etwas auf: Wasser. Viel Wasser. Wie silberne Pfützen liegen sie da, eingebettet zwischen Hügeln und Bergen. Der Vierwaldstättersee, der Sarnersee, der Baldeggersee, der Sempachersee… Als hätte jemand beim Zeichnen der Zentralschweiz beschlossen: Hier darf es ruhig ein bisschen mehr glitzern.
Willkommen zu Bergrufe und Stadtgeflüster, dem Podcast von Luzern Tourismus. Ich bin Tamara und heute tauschen wir die Altstadtgässli gegen Stege, Surfboards und Uferpfade.
Denn wenn ich ehrlich bin, zieht’s mich in meiner Freizeit eher an die Seen als in die Stadt. Kein Wunder: Die Zentralschweiz ist bekannt für ihre Seen. Und zwar nicht nur wegen des Vierwaldstättersees, der sich dramatisch zwischen Bergen hindurchschlängelt, sondern auch wegen all den kleineren, ruhigeren, oft fast versteckten Seen, die nur ein paar Bahnminuten entfernt liegen.
Sie alle sehen anders aus, fühlen sich anders an. Der eine wirkt fast mystisch, der andere wie ein mediterraner Ferienort. Und obwohl ich dachte, ich kenne meine Heimat gut – bin ich immer wieder überrascht, wie viel es da noch zu entdecken gibt.
Also machen wir uns auf den Weg. Heute hüpfen wir von See zu See – mit dem Zug, dem Schiff, manchmal auch zu Fuss.
Unsere Reise startet wie für die vielen Touristen in der Stadt Luzern. Am Schiffsteg 1.
In der Schweiz gibt es viele schöne Seen. Einige sind sogar weltweit bekannt. Aber nur wenige sind so vielseitig und beeindruckend wie der Vierwaldstättersee. Und das liegt nicht nur an der Landschaft. Klar – die Berge, das Wasser, die Buchten – das sieht alles traumhaft aus. Aber der See ist auch geschichtlich sehr wichtig. Denn hier ist die Schweiz entstanden.v
Der Legende nach schlossen sich am 1. August 1291 die drei Urkantone zusammen: Schwyz, Uri und Unterwalden. Sie schworen sich gegenseitig Hilfe und Schutz. Dieser Bund war der Anfang der Schweiz, wie wir sie heute kennen. Und dann gibt es da noch Wilhelm Tell – den Schweizer Nationalhelden. Seine Geschichte spielt genau hier, am See. Der Dichter Friedrich Schiller hat sie später in ein berühmtes Theaterstück gepackt. So wurde Wilhelm Tell weltweit bekannt.
Viele Künstler und Maler kamen deshalb an den Vierwaldstättersee. Sie wollten sehen, wo alles angefangen hat. Sie suchten Inspiration – oder einfach eine Auszeit in der Natur. So wurde der See berühmt. Erst in der Schweiz, dann in ganz Europa und schliesslich auf der ganzen Welt. Und damit wurde er auch zum Herzstück des Schweizer Tourismus.
Der Vierwaldstättersee hat eine ganz spezielle Form, wie ein Puzzle reihen sich verschiedene Buchten aneinander. Meine Lehrerin hat früher gesagt: Stell dir ein Y, ein Z und ein I vor – und dann klebst du sie zusammen. So ungefähr sieht der See von oben aus.
Und tief ist er auch. In seiner tiefsten Stelle misst der See ganze 215 Meter – das ist in etwa so tief, wie ein 70-stöckiges Hochhaus hoch ist.
Seinen Namen hat der Vierwaldstättersee von den vier sogenannten Waldstätten, also den vier Regionen oder Kantonen, die an ihn grenzen: Uri, Schwyz, Unterwalden und Luzern. Früher sagte man übrigens einfach «Luzerner See». Und in manchen Sprachen ist das heute noch so – zum Beispiel heisst er auf Englisch Lake Lucerne.
Schon seit dem Mittelalter fahren Schiffe auf dem Vierwaldstättersee – zuerst für den Handel, später auch für Reisende. 1837 fuhr dann das erste Dampfschiff «Stadt Luzern». Und das war eine echte Revolution – plötzlich ging’s viel schneller von Luzern Richtung Gotthardpass.
Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Reisen richtig populär. Die Belle Époque begann – eine Zeit, in der die Menschen das Leben geniessen wollten. Auch das Reisen gehörte dazu. Immer mehr Touristinnen und Touristen kamen in die Zentralschweiz. Und auf dem Vierwaldstättersee wurde’s richtig schick: Grosse, elegante Dampfschiffe wie die „Victoria“, die „Germania“ oder die „Italia“ fuhren über das Wasser. Mit Salons, Spiegeln, Kronleuchtern. Damals stiegen Adelige und feine Gesellschaften ein – wie in ein schwimmendes Grandhotel. Fünf dieser prachtvollen Dampfschiffe gibt es noch heute. Und wer mitfährt, fühlt sich ein bisschen wie in einer anderen Zeit.
Heute betreibt die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees – kurz SGV – eine ganze Flotte mit 19 Schiffen. Da sind die historischen Dampfer dabei, aber auch moderne Motorschiffe.
Doch was heisst das eigentlich konkret: auf dem See arbeiten? Wie fühlt sich das an, wenn man fast jeden Tag auf dem Wasser unterwegs ist – bei Sonne, Sturm oder Föhn? Einer, der das genau weiss, ist Michel Scheurer. Er ist der Leiter Nautik, also der Chef-Kapitän der SGV. Michel arbeitet seit 15 Jahren bei der SGV und bringt insgesamt 40 Jahre Erfahrung in der Schifffahrt mit – zuvor war er 25 Jahre auf dem Bielersee unterwegs. Wie er zur Schifffahrt kam, erzählt er so:
«Also ich habe meinen Traumberuf oder Kindheitstraum verwirklicht. Ich habe zuerst die Verkehrsschule gemacht und anschliessend Bahnbetriebsdisponent. Normalerweise macht man einen handwerklichen Beruf, aber ich wollte nicht eine Berufslehre machen, die mir nicht gefällt. Und heute bin ich sehr dankbar für den Job, den ich machen konnte. Denn so habe ich doch auch von Rechnungslegung und Budget eine Ahnung. Das hat mir sehr geholfen. Und ich habe dann von Leichtmatrosen bis über Kassier und Schiffsführer die verschiedenen Stufen bis zum Kapitän durchlaufen. Und dann wurde ich 2003 Chefkapitän bei der Bielersee Schifffahrtsgesellschaft und 2011 hat die SGV einen Chefkapitän gesucht. Da ich vorher noch keine Dampfschiff fahren durfte oder konnte, weil wir auch keines hatten, hat mich dieser Job natürlich gereizt.»
Der Weg zum Kapitän ist lang: Es dauert ungefähr 20 Jahre, bis man alle Stufen durchlaufen hat. Vom Leichtmatrosen geht es über Matrose, Maschinist, Kassier und Schiffsführer bis hin zu vier verschiedenen Schiffsführerprüfungen, die sich je nach Grösse und Antrieb des Schiffes unterscheiden.
Michel liebt seinen Job also sehr. Und besonders mag er die Abwechslung, die der Beruf als Kapitän mit sich bringt:
«Sicher, dass wir in der Natur tätig sein können und eigentlich auch der eigene Chef auf dem Schiff bin und vor allem auch der Bezug zu den Passagieren, zu den Menschen. Also Kundenbetreuung ist für uns natürlich auch wichtig und man kommt auch immer mit Menschen in Kontakt. Man muss Menschen mögen und das liebe ich. Man ist in der freien Natur draussen und jeder Tag ist anders. Auf dem See hat es immer andere Stimmungen vom Wetter her. Es ist eigentlich jeder Tag anders. Ob im Winter Nebel, Schnee, im Sommer Gewitterstürme, Föhn, Wind, Schönwetter, windstill - es ist eigentlich kein Tag gleich wie der andere und die verschiedenen Wetterstimmungen ist doch etwas Tolles, was wir auf dem See erleben dürfen. Es ist ein sehr abwechslungsreicher Job.»
Der Kapitän hat also viel mehr Aufgaben als nur das Steuern des Schiffes. Er trägt die Verantwortung für die sichere Führung des Schiffs und kümmert sich gleichzeitig um die Gäste. Die enge Zusammenarbeit mit dem Servicepersonal, das Planen der Tagesabläufe und die Organisation der Reservierungen gehören genauso dazu. Zudem führt und bildet der Kapitän die Mannschaft aus – vom Matrosen über Kassier bis hin zu neuen Schiffsführern.
Michel fährt auch nicht immer die gleiche Strecke. Die SGV bietet drei verschiedene Hauptlinien an: von Luzern nach Flüelen, nach Küssnacht und nach Alpnach und dann noch eine Verbindung zum Bürgenstock.
«Da ist die Abwechslung eigentlich relativ gross bei uns. Man sieht nicht jeden Tag die gleichen Pfähle.»
In der Regel fährt man entweder zwei kurze Strecken oder einmal nach Flüelen und zurück. Diese Route alleine dauert schon 6h. Und das ist nicht alles: Der Arbeitstag beginnt schon über eine Stunden vor Abfahrt. Denn dann wird das Schiff technisch kontrolliert und bereitgestellt. Sicherheitschecks sind essenziell, damit das Schiff den ganzen Tag sicher unterwegs ist. Kurz vor der Abfahrt gibt es ein Briefing, damit die Crew genau weiß, was an diesem Tag zu tun ist und keine Überraschungen – etwa durch Wetterumschwünge – auftreten. Dann startet das Manöver zur Anlegestelle, wo die Gäste einsteigen und herzlich willkommen geheissen werden.
«Und dann geht es los und dann ist es immer verschieden. Manchmal muss man Probleme lösen, manchmal muss man schauen, dass die Passagiere auch zufrieden sind. Sie werden immer anspruchsvoller, vor allem logischerweise, wenn es viele Passagiere hat, wenig Platz, dann muss man da auch immer das ein bisschen im Griff haben. Und so gehen wir von Station zu Station, ichfahre vielfach nach Flüelen und zurück mit den grossen Dampfschiffen oder auch mit dem Diamant. Und da ist die Gästebetreuung auch wichtig und natürlich das sichere Führen des Schiffes nach Flüelen und zurück.»
Nach der Rückkehr in Luzern wird das Schiff gereinigt und manchmal steht auch ein Manöver in die Werft an, wo das Schiff dann für die Nacht festgemacht wird, damit es auch sicher übernachten kann.
Am liebsten fährt Michel bei schönem, ruhigem Wetter, dann wenn viele Gäste an Bord sind. Aber auch Nachtfahrten haben für ihn einen besonderen Reiz. Denn dann entfalte der See seinen ganz eigenen Zauber:
«Ich geniesse immer die Stimmung auf dem See in der Nacht oder auf das Eindunkeln und die verschiedenen Lichter rund um den See.»
Gerade im Winter, wenn es früh dunkel w ird, kann Michel das häufiger bestaunen. Dazu kommen spezielle Themenfahrten am Abend, etwa Fondue- oder Chinoise-Fahrten oder Extrafahrten.
Vorausschauendes Handeln ist für einen Kapitän besonders wichtig. Man trifft immer mehr verschiedene Leute an: Kitesurfer, Schwimmer, Ruderer – und alle müssen aufeinander Rücksicht nehmen. Michel und seine Kollegen müssen frühzeitig reagieren, um gefährliche Situationen zu verhindern. Obwohl die Dampfschiffe Vorrang haben, sind sie relativ träge und man muss die Manöver sorgfältig planen. Da unterschieden sich Motorschiff und Dampfschiff sehr:
«Da gibt es jetzt wirklich einen grossen Unterschied. Beim Motorschiff kann ich immer direkt eingreifen in die Geschwindigkeit, in die Fahrrichtung - vorwärts, rückwärts - das kann man beim Dampfschiff nicht. Sondern da hat man noch einen Maschinisten und dem Maschinisten gibt man über den Maschinentelegraph oder über das Sprachrohr die Befehle, was er ausführen soll, also voll voraus oder halbe Kraft voraus oder von halber Kraft zurück. Und er stellt das dann ein. Also das heisst, ich habe nicht direkten Eingriff in die Geschwindigkeit des Schiffes, sondern ich übermittle das dem Maschinisten und das stellt er nach nachher ein. Und sonst steuern wir das Schiff natürlich noch mit dem Ruder und jedes Schiff ist ein bisschen anders zu fahren.»
Und wenn man ihn nach seiner Lieblingsstrecke fragt, muss Michel nicht lange überlegen:
«Grundsätzlich liebe ich die Abwechslung. Eine schöne Strecke ist sicher wirklich von Luzern Richtung Flüelen, denn wir fahren da eigentlich vom Mittelland ins Gebirge. Der Urnersee ist so Fjord ähnlich wie in Norwegen. Ich bin auch noch ein bisschen Norwegen Fan. Das ist sicher eine sehr schöne und abwechslungsreiche Strecke. Aber gerade im Frühling ist auch der Küssnachtersee, der nicht so bekannt ist bei uns, sehr sehr schön. Landschaftlich auch die Bäume, die blühen, und die ganze Blues im Frühling ist wirklich eine Fahrt wert in Richtung Küssnacht.»
Unsere Fahrt führt uns nicht nach Küssnacht, dafür aber eben nach Flüelen. Damit erreichen wir den Urnersee, den wildesten und wohl eindrücklichsten Teil des Vierwaldstättersees. Steil und imposant steigen hier die felsigen Ufer in die Höhe, und dazwischen klammern sich einzelne Bauernhäuser an die Hänge.
Wer über den Urnersee blickt, trifft mit grosser Wahrscheinlichkeit auf sie: Heidi Ulrich. Die fünffache Weltrekordhalterin im Speedwindsurfen, Weltmeisterin 2023 und 2024 – und aktuell Vize-Weltmeisterin.
Wenn Wind und Wasser aufeinandertreffen, rast sie mit über 90 km/h übers Wasser. Zum Speedwindsurfen kam sie allerdings eher zufällig:
«2013 habe ich mit dem Windsurfen begonnen. Da konnte ich wirklich eigentlich noch gar nichts. Mit meinem damaligen Freund und seinem Bruder bin ich nach Namibia gereist. Die haben dort im ausgebaggerten Kanal am Weltrekordversuch teilgenommen im Speedwindsurfen. Und mich hat das so crazy fasziniert, wirklich von Anfang an. Ich habe gedacht, was machen die eigentlich hier? Und trotzdem hat es mich wirklich gerade gepackt, als ich denen zugeschaut habe, wie sie den Kanal runtersausen, zurückgeshuttlet werden und wieder runtersausen. Ich konnte gerade so knapp auf dem Windsurfbrett stehen und sagte: Das will ich auch. Ich wurde dann von allen natürlich ausgelacht und belächelt, aber neun Jahre später hat es geklappt und ich durfte den Weltrekord in die Schweiz nehmen.»
An ihren erster Tag auf dem Brett erinnert sie sich also noch sehr gut:
«Ich musste zuerst lernen, wie man das Material aufstellt, bevor ich aufs Wasser durfte. Sie haben mir ganz klar gesagt, solange du nicht weisst, wie du das Material aufstellst, dann gehörst du auch nicht aufs Wasser. Im Nachhinein muss ich sagen, bin ich froh, habe ich es auf die harte Tour gelernt. Und ich wurde am Anfang auch immer als Boje benutzt von allen anderen, weil ich wirklich irgendwie im Wasser rumgeschwommen bin. Sie haben mir dann auch so eine Schwimmweste gegeben, eine pinke, eine uralte. Also mich konnte man nicht übersehen. Also ich erinnere mich sehr gut an die ersten Tage. Die waren am Gardasee.»
Früher hat Heidi Volleyball und Beachvolleyball auf hohem Niveau gespielt. Der Ehrgeiz war also schon immer da. Doch jetzt setzt sie alles auf das Surfen. Und siehe da, es hat nicht lange gedauert, bis sie auf dem Brett sicher stehen konnte:
«Ich bin sehr eine ehrgeizige Person. Ich war die ganze Zeit mit Pro-Windsurfern unterwegs und wollte mir da keine Blösse geben. Wir waren immer in sehr stark windigen Regionen. Und tatsächlich hat es nicht so lange gedauert, bis ich einigermassen sicher auf dem Windsurfbrett stehen konnte. Zuerst hatte ich natürlich so ein Riesenschiff unter mir, also wirklich so ein Zweihundertzwanzig-Liter-Brett. Und beim Speedwindsurfen sind wir dann noch bei fünfzig Liter, also bei einem Sinker. Das hat dann schon ein bisschen länger gedauert, bis ich das kleine Brett bändigen konnte und das Brett nicht mehr mich bändigte. Aber trotzdem, neun Jahre von Beginn an. Ich habe erst mit achtundzwanzig begonnen, also relativ spät. Ich glaube, es ist viel einfacher, wenn man eine Sportart lernt, wenn man noch jung ist oder Kind ist. Ich glaube, das Spielerische und Intuitive ist dann viel einfacher, als wenn man schon ein älteres Semester ist. Und trotzdem glaube ich, neun Jahre von null bis zum Weltrekord ist eigentlich nicht eine sehr lange Zeit.»
Bis dahin war’s aber ein weiter Weg. Heid hat hart dafür gearbeitet – richtig hart. Sie hat trainiert wie eine Verrückte. Alles andere musste zurückstehen. Auch ihre Beziehung – die zerbrach irgendwann. Dann, 2016, trifft sie beim Training einen, der ihr Leben verändert: Christian Arnold. Auch er ist Surfer. Sie erzählt ihm von ihrem grossen Traum – Weltmeisterin werden. Und er sagt einfach: «Kein Problem. Ich mach dich zur Weltmeisterin.» Christian stellt seine eigenen Pläne in den Hintergrund. Er hätte selbst an der Weltspitze surfen können. Aber er entscheidet sich, Heid zu unterstützen – mit vollem Herzen.
Das Paar lebt in Flüelen am Urnersee. Direkt unterhalb ihres Wohnblocks können sie mit ihren Surfbrettern aufs Wasser. Denn der Urnersee ist berüchtigt für seinen starken Wind. Und ist daher ideal zum Windsurfen.
«Ja, der Föhn ist definitiv der älteste Urner, wie man so schön sagt im Kanton Uri. Der Föhnwind. Und ich habe schon früh gelernt, dass, wenn man den Föhnwind surfen kann, dann kann man eigentlich auf der ganzen Welt surfen. Und ich muss mittlerweile wirklich sagen, das ist so, denn der Föhnwind ist ein sehr unberechenbarer Wind.»
Der Föhn ist ein Fallwind. Er entsteht, wenn im Süden schlechtes Wetter herrscht. Dann drückt der Wind gegen die Alpen, und auf der Nordseite – also hier bei uns – fällt er als starker, böiger Wind ins Tal. Und weil der Urnersee von Bergen umgeben ist, ist er dafür wie gemacht. Aber nicht nur der Föhn bringt Wind: An schönen Tagen sorgt auch die Thermik dafür, dass man aufs Wasser kann. Wenn die Sonne scheint, erwärmen sich die Berghänge rund um den See. Die Luft über diesen Hängen wird dadurch wärmer – und warme Luft steigt bekanntlich nach oben. Gleichzeitig strömt kühlere Luft vom See nach, um die aufsteigende warme Luft zu ersetzen. Dieser Luftstrom, also dieser Ausgleich, erzeugt Wind – den thermischen Wind. Und dann sind da noch die Westwinde, die mit Kaltfronten kommen. Auch die bringen Power aufs Wasser. Kurz gesagt: Es gibt hier fast immer Wind – von März bis Oktober kann man an mit etwas Glück fast jeden Tag aufs Wasser.
Also wenn man hier wohnt, muss man den Wind wirklich gerne haben.
«Am Speedsurfen fasziniert mich am meisten, dass ich auf mich alleine gestellt bin und eigentlich nur gegen meine Uhr fahre. Ich habe keine Leute um mich herum, wie jetzt zum Beispiel an der Weltmeisterschaft. Da sind wir in einem Feld von fünfzig Personen gleichzeitig gestartet und das stresst mich dann ein bisschen. Also ich habe lieber ich, der Wind und mein GPS und dann muss ich auf nichts anderes schauen. Und beim Speedwindsurfen ist es so, wir können nur Rekorde fertigen, wenn es wirklich viel Wind hat. Das heisst, es muss um die achtzig plus Stundenkilometer Wind haben und erst dann wird gestartet. Und das habe ich gern. Wenn es so richtig ballert und wenn es so richtig graue Konditionen sind, dann blühe ich eigentlich auf.»
Das klingt schon ziemlich gefährlich. Und eine richtige Schutzausrüstung gibt es auch nicht. Man trägt einen Neoprenanzug, dazu ein Trapez mit Haken, um das Segel zu halten. Heidi persönlich trägt auch einen Helm. Das tun nicht alle – denn:
«Weil es halt auch so umstritten ist, wenn man dann mit dem Helm fällt, hat man mehr Volumen im Kopf. Aber bei diesen Geschwindigkeiten, die wir haben, wenn wir fallen, dann ist das Wasser eigentlich Beton. Also wir tauchen nicht gerade ins Wasser ein. Also es ist so ein bisschen umstritten, macht der Helm Sinn oder nicht? Ich finde jedoch, ja, weil wenn man dann aufs Material fällt, hat man wenigstens ein bisschen den Kopf noch geschützt.»
Was wiederum alle Surfer tragen, sind mehrere Schwimmwesten. Das hat gleich zwei Gründe. Denn um beim Speedwindsurfen schnell zu sein, braucht es nicht nur Wind – sondern vor allem Stabilität. Und die kommt durch Masse. Heidi trägt deshalb bis zu 20 Kilogramm Zusatzgewicht auf dem Rücken. Dazu nutzt sie spezielle Westen, die sich mit Bleiplatten unterschiedlicher Grösse bestücken lassen.
Das hat einen einfachen physikalischen Grund: Masse erzeugt Stabilität – und Stabilität ermöglicht Geschwindigkeit. Beim Speedwindsurfen spielt zudem das Hebelgesetz eine zentrale Rolle. Wer zwei Meter gross ist und hundert Kilo wiegt, bringt ideale Voraussetzungen mit, um die Kräfte zwischen Wind, Segel und Körper optimal zu kontrollieren.
«Zwei Meter schaffe ich nicht. Mit Highheels kann ich nicht sehr gut Speedwindsurfen. Aber mit dem Gewicht kann ich ein bisschen nachhelfen. Und darum packe ich mir Gewicht auf den Rücken, um wenigstens ein bisschen an die perfekte Masse zu kommen.»
Andererseits sind die Schwimmwesten auch gleich ein Prallschutz.
«Das Einzige, was bei uns wichtig ist, ist, wir müssen schwimmen. Mit all dem, was wir anhaben, mit all den Bleistücken auf dem Rücken etc. müssen wir schwimmen. Aus diesem Grund ziehe ich auch immer drei verschiedene Westen an, die mir dann wieder Auftrieb geben. Weil wenn etwas passiert, dass wir wenigstens schwimmen.»
Heidi hat mit all dem begonnen als sie eben den Leuten im Kanal zugesehen hat beim Weltrekordversuch. Ihr grösstes Ziel was dann diesen Weltrekord zu knacken.
«Ich habe diesem Ziel sehr viel untergeordnet. Mein Mann Christian auch. Der hat mich dann schlussendlich wirklich auch dorthin gebracht. Ich glaube, ohne ihn wäre das überhaupt nicht möglich gewesen. Und als der Weltrekord dann geknackt wurde, war ich gerade so ein bisschen planlos unterwegs und dachte, warum nicht auch noch Weltmeisterin werden? Und ich habe dann zum ersten Mal auch an den Weltmeisterschaften teilgenommen, im 2023. Und das hat dann auch an ihm geklappt. Und ich wollte dann kein One-Hit-Wonder sein und wollte das halt bestätigen im 2024. Was zum Glück auch geklappt hat.»
Christian Arnold hat also sein Versprechen gehalten. Heidi Ulrich hat inzwischen nicht nur den Weltmeistertitel, sondern ist auch in fünf Guinness-Büchern mit ihren Weltrekorden eingetragen. Sie hat also alles erreicht, was sie sich als Sportlerin vorgenommen hat. Mehr muss nicht unbedingt kommen. Der Ehrgeiz, alles dem Sport unterzuordnen, ist einer neuen Perspektive gewichen.
«Mittlerweile finde ich, es gibt so viel mehr im Leben als nur in Anführungszeichen Sport zu machen. Es gibt so viele schöne Plätze, wo man nicht die ganze Zeit den Sand in den Augen hat, den Sand im Mund hat, Sand essen muss und beim Duschen irgendwie ein Kilo Sand am Schluss runterläuft. Und ja, ich glaube, es ist cool, was ich alles erreicht habe. Definitiv. Aber es muss jetzt sicher nicht mehr auf Biegen und Brechen alles einem weiteren Ziel untergeordnet werden. Der Traum ist eigentlich, das Leben zu geniessen und nicht nur als Sportlerin, sondern wirklich als Mensch, als Heidi. Und ich glaube, das ist schlussendlich so viel mehr wert, als sportlichen Zielen hinterher zu jagen.»
Was bleibt vom Leistungssport, wenn man ihn loslässt? Vielleicht genau das: die Liebe zur Bewegung. Zur Natur. Zum Wasser.
Und davon gibt’s in der Region Luzern mehr als genug. Nur wenige Kilometer von Heidis Zuhause entfernt liegt der Rotsee – ein Ort, an dem Sport ebenfalls im Mittelpunkt steht. Aber auf eine ganz andere Weise.
Wo beim Windsurfen der Wind das Tempo vorgibt, ist es hier gerade die völlige Windstille, die den Rotsee so besonders macht. Denn hier gleiten Ruderboote übers spiegelglatte Wasser, umgeben von einem Naturschutzgebiet. Kein Motorenlärm, keine Wellen – nur Rhythmus, Konzentration und diese fast schon meditative Ruhe.
Unter Ruderern gilt der See als Göttersee oder Wimbledon des Ruderns. Wieso, das weiss Timon Wernas, selbst Ruderer und Geschäftsleiter der Lucerne Regatta.
«Ursprünglich kommt das aus einem Zitat von einer japanischen IOC Funktionärin. Die den See gesehen hat und gesagt hat: Das ist der perfekte See fürs Rudern. Das ist so ein Geschenk Gottes an den Rudersport. Und daher ist da so ein bisschen dieses Stichwort oder dieser Spitzname Göttersee entstanden. Heute sind vielleicht die Götterinnen und Götter die Ruderer, die jedes Jahr nach Luzern kommen und für staunende und grosse Augen sorgen oder natürlich nach wie vor einfach das perfekte Setting, das das perfekte Gewässer für den Rudersport genau lang genug, genau breit genug, perfekt geschützt vom schädlichen Seitenwind.»
Für den Rudersport ist ein schmaler See ein grosser Vorteil. Denn je breiter ein Gewässer ist, desto angreifbarer wird es für Seitenwind – und der kann ein Rennen massiv beeinflussen. Der Rotsee ist schmal und liegt eingebettet zwischen zwei Hügelketten. Dadurch wird er auf natürliche Weise vor Seitenwind geschützt. Der Wind kommt hier entweder direkt von vorn oder von hinten – also als Gegen- oder Rückenwind. Und selbst wenn er von der Seite kommt, weht er über die Hügel hinweg.
«Vor 2 Wochen war ein indischer Funktionär hier auf Besuch, der wollte unbedingt den Rotsee besichtigen. Ich hab ihm dann die Anlage gezeigt und ein bisschen erzählt und irgendwann hat er mich dann gefragt: Wann habt ihr das hier gebaut? Und ja, das mag jetzt witzig klingen. Es zeigt aber, dass viele Ruderbecken auf der ganzen Welt eigentlich künstlich gebaut werden. Das sind oft einfach viereckige Betonbecken, die irgendwo in die Landschaft gesetzt werden. Und das hier ist was ganz anderes, das ist ein Naturparadies und es ist ein Riesenprivileg, das der Rudersport hier zu Hause sein darf und davon profitieren kann.»
Doch der Rotsee war nicht immer ein sportliches Aushängeschild. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert war das stille Gewässer vor allem eins: eine stinkende Kloake. Durch die Einleitung von Siedlungsabwässern war der See stark belastet – Gestank, Algenblüten und eine trübe Brühe machten das Wasser ungeniessbar. Erst mit dem Bau des Reuss-Rotsee-Kanals 1924 und später der konsequenten Abwasserreinigung in den 1970er Jahren verbesserte sich die Wasserqualität deutlich.
Doch bereits schon vorher nämlich 1881 wurde der See-Club Luzern gegründet, heute der grösste Ruderclub der Schweiz. Und 1903 wurde dann die Lucerne Regatta Association gegründet. Nun fanden erste Regatten statt. Also Ruder-Wettkämpfe. Damals aber noch auf dem Vierwaldstättersee.
1933 wurde auf dem Rotsee die erste Regatta durchgeführt, damals eben noch im etwas verschmutzen See. Und seither findet auf dem Rotsee jährlich die Rotsee-Regatta statt als eine der drei Austragungen des Ruder-Weltcups, eine der bedeutendsten Ruderregatten der Welt.
«Du kannst irgendwo auf der Welt einen Ruderer Fragen, er wird sofort wissen, was der Rotsee ist, wo er ist. In der Schweiz glaube ich das, dass das nicht alle wissen, aber im Rudersport, da weiss jeder sofort, was das hier für ein See ist.»
Die diesjährige Regatta hat gerade dieses Wochenende stattgefunden. Während der Regatta sind rund 800 Sportlerinnen und Sportler aus 50 Nationen am Start. Eine von ihnen ist Fabienne Schweizer. Sie wuchs in Buchrain auf und entdeckte das Rudern beim Seeclub Luzern.
«Ich war in meiner Schulzeit immer in der Mädchenriege und dann in der sechsten Klasse. Ja, war diese langsam vorbei. Ich musste etwa eine neue Sport suchen und dadurch ich habe durch meine Schwester dann mit dem Rudern angefangen und irgendwie das Element Wasser und die Natur hat für mich einfach gepasst.»
Mit dem Rudern beginnt man meist im Alter zwischen 12 und 14 Jahren. Das liegt daran, dass man eine gewisse Körpergrösse und Kraft braucht, um die richtige Technik zu erlernen und effektiv rudern zu können. Ist man zu klein, fällt es schwer, die Ruder richtig ins Wasser zu tauchen.
Schon kurz nach ihrem Einstieg war Fabienne begeistert vom Rudersport. Sie konnte es kaum erwarten ins Training zu gehen. Damals trainierte sie noch drei Mal pro Woche. Heute sind das schon eher 18 Trainingseinheiten pro Woche. Fabienne ist Teil des Nationalkaders des Schweizerischen Ruderverbandes und hat an den vergangenen Olympischen Spielen in Paris teilgenommen.
«Mich persönlich fasziniert am Rudern die Ruhe auf dem See. Das war das Schönste für mich, wenn ich auf den See kann und es ist einfach still und nicht so diese Hintergrund- oder Stadtgeräusche. Dann zusätzlich die Teamarbeit. Man ist zu zweit oder zu viert in einem Boot und das Zusammenspiel von mehreren Charakteren ist für mich sehr interessant.»
Fabienne rudert mal allein, mal im Zweier- oder Vierer-Team – je nach Saison. Bei den letzten Olympischen Spielen war sie im Doppel-Vierer am Start. „Doppel“ bedeutet, dass jede Ruderin zwei Ruderblätter in der Hand hält, also mit beiden Armen rudert – das nennt man Skull. Im Gegensatz dazu gibt es die Riemenboote, bei denen jede Person nur einen Ruder hat.
Bei den Olympischen Spielen in Paris erreichte Fabienne mit ihrem Team den vierten Platz. Dabei kam sie fast zufällig dorthin.
«Ja, ich hatte eigentlich nie den Traum Olympische Spiele oder Wettkampfrudern. Ich bin da einfach ein bisschen hineingerutscht, denn du startest mal so, eben mit 3 Trainings, das ist auch schon viel als Zwölfjährige, in der Woche, und dann plötzlich wurde ich älter und dann ging ich in die nächste höhere Gruppe. Und da war es plötzlich Leistungssport. Irgendwie ging es so voran und ja, so endete ich im Nationalteam und es war gar nie der Plan.»
So erzählt sie es fast beiläufig – als wäre es das Normalste der Welt, zufällig im Na tionalteam zu landen. Doch hinter diesem „Hineinrutschen“ steckt natürlich viel Training, Disziplin und Leidenschaft. Und genau diese Leidenschaft spürt man auch, wenn sie vom Rotsee spricht.
«Das sage ich jedes Jahr, das das Highlight hier am Rotsee an den Start zu gehen. Zum einen wegen der schönen Umgebung aber auch die Wege sind natürlich kurz für mich. Wir haben keinen Anreiseweg. Ich kenne alles schon gut, kennen das Wasser, kennen die Strecke und das Wichtigste, natürlich die Familie und Freunde können hier sein, mich begleiten, ja mich anfeuern, und das ist schon speziell.»
Kein Wunder also, hat sie hier ihren emotionales Moment erlebt hat:
«Das war letztes Jahr, also 2024, der Welt-Cup. Wir wurden 5. Das war ein wirklich spannendes und knappes Rennen und wir waren natürlich enttäuscht, weil es nicht für eine Medaille gereicht hat. Aber dann sind wir vom Ziel zum Auswasserungssteg gerudert, das ist ein Kilometer. Und sind da halt allen Zuschauern vorbeigerudert und alle haben uns zugewunken und gejubelt und wir haben wirklich kurz angehalten und zurückgewunken. Das wir wirklich ein Gänsehaut Moment.»
Die Rotsee-Regatta unterscheidet sich zu allen anderen Weltcups und Weltmeisterschaften in einem Punkt. Der Zuschauerbereich und der Athletenbereich sind nicht getrennt. Und genau das macht es für Fabienne hier so speziell:
«Meine Familie kann nach dem Rennen wirklich direkt zu mir kommen und an anderen Wettkämpfen geht das dann wirklich eine Stunde mindestens, bis ich es in den Zuschauerbereich schaffe. Und hier können Sie zu mir kommen. Es hat auch die negativen Seiten, dass ich dann vor den Rennen vor allem als Luzernerin ein bisschen den Leuten aus dem Weg gehen muss, weil da sehe ich jeden noch irgendwie. Und da will jemand Hallo sagen und dann muss ich mich manchmal ein bisschen abgrenzen.»
Und genau das macht die Lucerne Regatta so einzigartig, weiss Timon. Denn der Rotsee ist während des Wettkampfs voll zugänglich .
«Wir haben nicht so viel Platz am Rotsee, das ist für uns als Veranstalter eine Herausforderung. Aber es ist auch eine Chance, denn das Ganze ist sehr kompakt. Es sind relativ viele Zuschauende und dadurch kommt auch relativ gut Stimmung auf, obwohl es jetzt kein Stadion ist. Wir haben keine riesige Tribüne oder so, das gibt es bei anderen Ruderbecken dann auch trot zdem. Ja, ist die ist die Stimmung gut, es wird auch richtig laut im Ziel, wenn die Athletinnen und Athleten kommen.»
Am Morgen spazieren die Leute mit dem Hund oder joggen rund um den Rotsee – und am Nachmittag rudert die Elite um Weltcup-Medaillen. Man ist mittendrin, direkt neben Olympiasiegerinnen und Weltmeistern.
«Da ändert sich eigentlich kaum was, die Wise ist halt ein bisschen belegt mit Ruderbooten, aber grundsätzlich ist alles nach wie vor sehr offen und dann auch während der Veranstaltung selber. Man kann eigentlich die Athleten vom Aufwärmen im Ruderzentrum bis zu dem Moment, wo sie das Boot ins Wasser legen und den ersten Ruderschlag machen. Man kann alles eigentlich hautnah miterleben und beobachten.»
Dieses nahe Erlebnis ist typisch für den Rotsee – und doch wird sich in zwei Jahren vieles verändern. Denn 2027 findet hier die Ruder-Weltmeisterschaft statt – und damit ein Anlass von ganz anderer Grössenordnung.
«Seitdem auf Rotsee gerudert, wird in den 30er 40er Jahren, haben hier schon 4 Weltmeisterschaften stattgefunden. Und es ist natürlich mega cool, dass wir 2027 jetzt die nächsten Weltmeisterschaften hier austragen dürfen. 2001 war das letzte Mal, also es wird dann über 25 Jahre her sein. Eine lange, lange Pause und umso schöner, dass das natürlich auch die die Haupt- oder die wichtigste Qualifikationsveranstaltung ist für die Olympischen und Paralympischen Spiele dann 2028 in Los Angeles.»
Für die Weltmeisterschaften am Rotsee wird alles grösser als beim Weltcup: mehr Athletinnen und Athleten, eine längere Dauer und eine umfassendere Infrastruktur – unter anderem mit zusätzlichen Tribünen und möglicherweise sogar einer temporären Brücke über den Rotsee, bereitgestellt von der Schweizer Armee. Weil der Rotsee ein Naturschutzgebiet ist, soll das Rahmenprogramm – mit Siegerehrungen, Konzerten und Festen – bewusst ins Stadtzentrum verlegt werden, um die Natur zu schonen.
Für Fabienne steht aber schon dieses Jahr eine WM auf dem Programm: Die Ruder-Weltmeisterschaften 2025 in Shanghai.
Doch bevor wir gedanklich nach Asien reisen, bleiben wir noch einen Moment in der Schweiz.
Am Rotsee, liegt nicht nur eine der schönsten Regattastrecken Europas – es ist auch ein Ort, an dem Natur und Sport eng miteinander verwoben sind. Und genau dieses Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur begleitet uns weiter – wenn wir ein Stück nordwärts reisen. Wir lassen Luzern hinter uns, fahren ins Seetal – und landen am Baldeggersee.
Der Baldeggersee ist der grösste Privatsee der Schweiz. Bereits 1940 wurde er von Pro Natura gekauft – mit dem Ziel, ihn zu schützen. Und genau das macht ihn bis heute so besonders: Seine Ufer sind weitgehend unverbaut, die Natur darf sich hier ausbreiten, wachsen und entfalten. Markus Bieri, Ranger am Hallwilersee, kennt den Baldeggersee wie seine Westentasche. Er weiss, warum dieser Ort nicht nur wunderschön, sondern auch ökologisch unglaublich wertvoll ist:
«Ausstreichen möchte ich das wirklich, etwa schätzungsweise 80% der Ufer unverbaut sind, also das natürliche Ufer sind, wo die eine natürliche Dynamik vor sich gibt. Und das ist speziell: die Uferregionen und die Schilfbestände. Deswegen sind wir da, dass wir ein Auge drauf haben, dass die Leute das Schilf nicht beschädigen.»
Die Ranger kümmern sich um den Baldeggersee und den Hallwilersee, bei dem der unter Teil noch zum Kanton Luzern gehört. Die Ranger sind das Bindeglied zwischen Mensch und Natur. Sie geben Auskunft über die Landschaft und die Tier- und Pflanzenvielfalt rund um den See. Und kümmern sich um die Natur:
«Die Leute sehen nicht, was verloren geht. Und das ist ja das Schlimme. Das Problem ist eigentlich, dass das Bewusstsein immer noch nicht da ist oder viel zu wenig vorhanden ist oder komplett unterschätzt wird. Wir als Ranger sensibilisieren deshalb einerseits für die Naturwerte und andererseits setzen wir uns für deren Schutz ein. Es gibt es gibt dabei nicht den Menschen auszugrenzen, er gehört ja auch zum grossen Ganzen da. Natürlich gibt es auch Zonen hier am See, wo wir draussen bleiben müssen, weil da haben andere Vorrang. Das ja, wenn das Vögel sind, die Brüten, dann lassen wir, dann lassen wir die dort schön brüten und der Biber wird auch nicht gestört im Bau, dann hat er Vorrang. Wir wollen aber die Menschen teilhaben lassen, die Natur zu geniessen. Die Werte zu erkennen, etwas darüber zu lernen.»
Die Ranger sind immer wieder am Baldeggersee anzutreffen. Häufig spazieren sie am Ostufer den Wanderweg entlang. Dort hat es auch am meisten Leute. Sie sind aber auch auf der andern Seite anzutreffen. Und ab und zu sind sie auch mit dem Boot auf dem See unterwegs, da man vom Wasser aus einige Dinge einfach besser beobachten kann als vom Land.
«Der See bietet dank dem, dass die Ufer grösstenteils unverbaut sind, eine hohe Biodiversität. Die gilt zu erhalten. Vielleicht sollte die Frage auch sein, warum müssen wir dann immer alles kaputt machen, damit wir so solche Reservate dann schaffen müssen? Ja, also ich komm sehr gerne hier hin, weil jeder Tag sieht anders aus, die Natur hat immer ein anderes Gesicht, wenn man das sehen will natürlich. Das ist das, was wir dann vermitteln oder dass die Leute die Augen öffnen. Man kann jeden Tag irgendetwas anderes beobachten, das ist ja das Schöne.»
Markus ist gelernter Geomatiker, als solcher arbeitet er auch heute noch neben dem Ranger sein. Ihn hat es schon immer in die Natur gezogen.
«Der Wunsch, mit Menschen zusammen die Natur zu entdecken, entstand eigentlich schon sehr früh, also in der Kindheit. Ich hatte immer einen Wunsch, irgendwo eine Safari zu leiten, das war mein Ding, man hat das im Fernsehen gesehen, so typischer Kinderwunsch und irgendwann hab ich mir das dann wieder so hervorgeholt und hab mich dann wirklich mal umgeschaut. Wo gibt es sowas auch hier? Dann bin ich auf die Swiss Ranger gestossen, hab mir das dann im Sihlwald angeschaut bei einer Ranger Führung und dann wusste ich halt genau das ist es. Dann habe ich mich kurz darauf beworben beim Bildungszentrum Wald in Lyss. Dort wird der Rangerlehrgang durchgeführt. Den hab ich dann absolviert 2021 bis 22 und anfangs 23 wurde eine Stelle frei am Hallwilersee, für die ich mich dann beworben hab.»
Die Hallwilersee Ranger gehören zu den Swiss Ranger. Ein Verband, der in der ganzen Schweiz und sogar international tätig ist. Die Ausbildung zum diplomierten Ranger dauert rund ein Jahr.
Das spezielle am Baldeggersee ist, dass eben nicht nur das Ufer, sondern der ganze See und einige Teiche und Wiese zum Schutzgebiet zählen. So sind hier die Tiere und vor allem die Amphibien vom Laichgebiet bis zum wirklichen Lebensraum geschützt
Doch der Baldeggersee war nicht immer das Naturparadies, das wir heute sehen. Wie auch der Rotsee war der Baldeggersee lange Zeit stark verschmutzt. Der Grund: Er liegt mitten in einem Gebiet mit intensiver Landwirtschaft. Schon ab den 1920er-Jahren gelangten dadurch grosse Mengen an Nährstoffen in den See – vor allem aus Gülle und Dünger.
Was dann passiert, ist schnell erklärt: Zu viele Nährstoffe fördern das Algenwachstum. Die Algen brauchen viel Sauerstoff – und je mehr von ihnen wachsen, desto weniger bleibt für Fische und andere Lebewesen. In den 1980er-Jahren war der See dann an einem kritischen Punkt angelangt: Er kippte um.Um das Gewässer zu retten, begann man, den See künstlich zu belüften. Seither wird kontinuierlich Sauerstoff eingebracht – eine Methode, die man auch am Hallwilersee oder Sempachersee anwendet. Denn im Baldeggersee funktioniert die natürliche Umwälzung nicht mehr. Ohne zusätzliche Belüftung wäre ab etwa zwölf Metern Tiefe kein Leben mehr möglich.
Zu wenig Sauerstoff ist aber nicht die einzige Gefahr für das Ökosystem, auch fremde Arten können es bedrohen:
«Dort hinten sind so gelbe Bojen. Da findet momentan eine Untersuchung statt von einem ZHW Student, der für seine Bachelorarbeit, das Vorkommen des Forellenbarschs untersucht. Also der Forellenbarsch, den wollen wir da nicht, das ist eine Art, die kommt aus Amerika. Die wurde letztes Jahr entdeckt, die kam irgend auf eine Weise hierhin und jetzt geht es darum, um festzustellen, ob die in seinen Brutkästen, die er da deponiert hat, ob die das annehmen. Denn das Ziel ist natürlich, dass sie nichts annehmen, was dann bedeuten würde, dass der da sicher nicht vermehrt. Aber es läuft noch. Bislang wurde nichts gefunden.»
Fremde Fischarten können dabei gefährlich sein, weil sie einheimische Arten verdrängen, das ökologische Gleichgewicht stören, Krankheiten einschleppen und den Lebensraum verändern.
Ein besonders wichtiger Lebensraum für die Vögel ist das Schilf. Denn es bietet Schutz, Nistplätze und Nahrung. In den dichten Halmen können Vögel sicher brüten, sich vor Feinden verstecken und Insekten oder Samen finden.
«Jetzt zum Beispiel, den Teichrohrsänger, den wir vorhin gesehen haben, der in solchen Strukturen brütet. Dann gibt es auch Rohrdommeln oder Zwergdommeln, die sich im Schilf verstecken. Und auch die Wasservögel, also das sei das jetzt zum Beispiel ein Zwergtaucher: Der braucht absolute Ruhe, der ist sehr störungsempfindlich. Im letzten Jahr habe ich da oben gesehen. Dieses Jahr habe ich keinen gesehen. Also die reagieren sehr stark auf Störungen. Aber er würde sich dann auch so am Schilfrand ein Ort zum Brüten suchen. Und auch die Blesshühner brüten da. Ja, und jetzt da ein bisschen vorgelagert da in den Teichrosen der Habentaucher.»
Deshalb ist es auch so wichtig, dass man sich im Naturschutzgebiet an die Regeln hält:
«Grundsätzlich soll man, wenn man in so ein Gebiet geht, sich mal eine Infotafel anschauen und dann sind die Grundregeln dort beschrieben. Das hat auch Piktogramme drauf, man muss nicht alles lesen. Wenn man die einhält, dann kann ja nicht viel schiefgehen.»
Im Naturschutzgebiet gilt, dass man die markierten Wege nicht verlassen darf. Man darf natürlich nicht grillieren oder zelten, es gilt Hundeleinen-Pflicht und man soll keinen unnötigen Lärm machen.
«Wir wollen die die Leute ja nicht ausschliessen. Wir wollen ja, dass die Leute diese Naturmärkte noch kennenlernen und ihnen etwas vermitteln darüber. Das ist sehr wichtig. Grundsätzlich soll man sich ja, wenn man in so ein Gebiet geht, anpassen, das gilt auch für andere Sachen oder dass man Rücksicht nimmt, dass man keine Tiere aufscheucht, dass man keine Pflanzen einfach zertretet und also so grundlegende Sachen und natürlich Abfall liegen lassen.»
Und wenn ihr jetzt wie ich den Baldeggersee mal erkunden möchtet, dann hat Markus einen Tipp. Und zwar die Beobachtungsstation, an dem wir auch gerade stehen:
«Also wenn du explizit das über die Naturwerte kennenlernen möchtest, dann besuche, dann bist du jetzt schon genau am richtigen Ort. Das ist eigentlich der Anfang oder das Ende, je nachdem von welcher Seite du kommst.»
Es gehört nämlich zum Besucherpfad den Pro Natura eingerichtet hat. Entlang des Sees gibt es an 5 verschiedenen Stationen Infos über Pflanzen oder Tiere. Die Tafeln werden monatlich ausgewechselt. Sie passen also immer zur Saison. Man kann also direkt etwas lernen, über das was man sehen kann. Wie wir zum Beispiel gerade über die Teichrose.
«Und dann entdecken auf eigene Faust, immer mit Einhalten der Regeln natürlich. Und nicht durchrennen, sondern still sein, hören, schauen, fühlen und riechen und das einsaugen. Man muss es spüren. Und das Rate ich beim Besuch, öffnet die Augen, sitzt mal irgendwo hin und eine Viertelstunde und lasst auf auch wirken.»
Nachdem wir am Baldeggersee noch kurz innehalten und die Natur geniessen, zieht es uns weiter in Richtung Obwalden– zu unserem letzten Stopp heute. Denn dort wartet der Lungerersee. Eingebettet in eine atemberaubende Bergwelt und mit seinem kristallklaren Wasser. Doch der See ist nicht nur für seine Schönheit bekannt, sondern vor allem als wahres Fischerparadies.
Sein klares Wasser bietet eine ideale Umgebung für viele Fischarten. Der See ist bekannt für seine Forellen, aber auch Hechte, Felchen und Egli kommen hier vor. Der See selbst ist gut zugänglich, mit zahlreichen Uferplätzen und Möglichkeiten, Boote zu mieten, um weiter draussen zu fischen. Und das ist einzigartig in der Schweiz, man kann hier fast das ganze Jahr über auf Forellen Fischen.
Ich selbst habe zwar noch nie geangelt, aber zum Glück treffe ich direkt am Ufer des Lungerersees jemanden, der mir das Handwerk erklären kann: Dani Odermatt, Geschäftsführer des Fischerparadies Lungern. Seine Leidenschaft fürs Fischen begann schon früh.
«Es ist eine ganz lustige Geschichte. Es fischt niemand in meiner Familie. Ich habe mit 5 Jahren eine Fischerrute gewünscht. Und habe sie erhalten und seitdem, egal wo wir waren, ich war immer am See, überall, jeden Fluss habe ich reingeschaut. Meine Eltern haben eben gesagt, wir wissen nicht, woher das kommt. Und seit 10 Jahren ist es mein Beruf sogar.»
Und wenn Dani es erklärt, klingt das Fischen gar nicht so kompliziert:
«Grundsätzliche braucht man einen Haken, ein Köder, eine Schnur und ein Stock, aber das ist nicht mehr zeitgemäss. Wir haben inzwischen Fischereimaterial, ruten,rollen und da muss man halt ans Wasser, die Fische suchen, den richtigen Köder anbieten und hoffen, dass man den Fisch überlisten kann. So einfach tönt das.»
Dabei ist es so, dass jede Fischart ihre eigenen Vorlieben hat – etwa unterschiedliche Köder oder bestimmte Plätze, an denen sie eher zu finden ist. Es gibt zwar Überschneidungen, aber grundsätzlich kann man mit dem richtigen Köder die Chancen gezielt beeinflussen. Das bedeutet allerdings auch: Man braucht einiges an Wissen. Und auch noch was anderes:
«Ja, Geduld ist sicher ein wichtiges Mittel, das man braucht. Es kann manchmal lange gehen, bis man einen Fisch fängt, dann braucht man halt ein bisschen auch den Instinkt. Es muss einen ein bisschen auch reizen, dass man den Fisch überlisten will. Es gibt Leute, die sagen: «Nein, das ist nichts für mich». Dann ist das halt so. Ich fische jetzt schon sehr lange. Ich habe mit 5 Jahren begonnen, bin jetzt 32. Das sind doch ein paar Jahre schon auf meinem Fischerbuckel.»
Um am Lungerersee zu fischen, braucht man eine Ausbildung, den sogenannte Sachkundenachweis (SaNa) und ein Patent für den See. Am Ufer patrouillieren Fischereiaufseher, die immer wieder stichprobenartige Kontrollen durchführen. Sie achten genau darauf, ob beim Fischen alle Regeln eingehalten werden.
«Vor allem die tierschutzrelevanten Sachen, dass der Fisch korrekt schnell betäuben, das ist uns sehr wichtig. Schnell töten, sauber töten dass der Fisch auch schnell tot ist, dass er nicht leidet und natürlich auch, dass man nicht zu viele Fische fängt.»
Denn hier gibt es eine weitere wichtige Regel. Man darf nur 5 Forellen fangen pro Tag und Patent. Wenn man das erreicht hat, muss man aufhören. Das hat einen ganz bestimmten Grund:
«Weil die Chance, dass du eine Regenbogenforelle fängst, sehr, sehr gross ist, darfst du, wenn du die 5 Forellen hast, nicht mehr weiter fischen. Du kannst aber nach 4 Forellen noch 7 Hechte fangen und 10 Eglis, das ist kein Problem, aber sobald du 5 Forellen hast, ist fertig. Weil die Chance, dass du beim Hechtfischen oder beim Egelfischen eine Forelle fischst, ist sehr gross.»
Im Lungerersee hat es eben so viele Regenbogenforellen, weil der See künstlich damit besetzt wird. Jährlich sind das etwa 25 Tonnen Regenbogenforellen.
«Es sind fangreife Regenbogenforellen, die werden fangreif besetzt, rein zum Zweck, um sie wieder zu fangen.»
Denn früher war der Lungersee ein Eldorado für Fischer zum Felchenfischen. Doch der Lungerersee ist auch ein Stausee, hier wird also Strom produziert. Und dadurch schwankt der Wasserspiegel stark, vor allem im Winter hat der See fast einen Drittel weniger Wasser.
«Im Winter hatten die Fische sehr viele Probleme, sich fortzupflanzen. Die Felchen sind fast ausgestorben, die bestehen jetzt auch nur noch im See, weil es künstlicher Besatz gibt vom Kanton Obwalden. Es gibt dann noch Hechte, Egli, Weissfische, aber auch eher wenig. Man hat dann 2011 begonnen den See touristisch aufzuwerten mit dem Besatz von fangreifen Regenbogenforellen.»
Früher wurden viele Gewässer regelmässig mit gezüchteten Fischen besetzt. Aber das hatte Folgen: Die eingesetzten Fische verdrängten die natürlich vorkommenden Bestände, und die genetische Vielfalt – die für die Anpassung an Umweltbedingungen wichtig ist – litt darunter. Manche Arten wurden anfälliger für Krankheiten oder Temperaturschwankungen.
Heute ist Fischbesatz deshalb in vielen Gewässern stark eingeschränkt oder sogar verboten. Trotzdem gibt es Ausnahmen – etwa hier am Lungerersee. Weil es sich um einen geschlossenen Stausee handelt, darf hier unter strengen Auflagen weiterhin besetzt werden – zum Beispiel mit Regenbogenforellen. Diese Forellen stammen ursprünglich aus Nordamerika und gelten bei uns als nicht heimisch. Ihr Besatz ist daher bewilligungspflichtig und streng reguliert.
«Grundsätzlich sind alle Fische, die Fangreife aus der Fischzucht kommen, relativ dumme Fisch. So gesagt. Sie werden jeden Tag gefüttert auf das Maximum, dass sie möglichst schnell wachsen. Und dann kommen sie in so einen See. Die beissen fast auf alles. Und die Regenbogenforelle, die ist sehr resistent gegen Wasser. Also wenn die Wasserwerte nicht ganz optimal sind, die Backforelle, die nimmt es viel schneller vorher. Und sie wächst auch viel schneller. Die Regenbogenforelle, so fangreif, ist die mit etwa eineinhalb Jahren, wenn alles stimmt und die Bachforelle braucht fast 3 Jahre, und darum ist das eigentlich auch, sag ich jetzt mal, die günstigste Forelle, die man kaufen kann und auch die beliebteste zum züchten.»
Der Lungerersee ist also ein Stausee. Früher gab es allerdings einen natürlichen Abfluss in den Sarnersee. Doch dann gegen Ende des 18. Jahrhunderts entschloss sich die Bevölkerung, zur Landgewinnung, den See tiefer zu legen. Und so baute man einen Stollen, der den Seespiegel um 35 m gesenkt hat. Und so hat man neues Weidland gewonnen. Doch dann etwa 100 Jahre später, wollte man den See nutzen, um Strom zu produzieren. Also staute man ihn wieder auf.
«Dann hat man zig Häuser verschoben, die stehen teilweise jetzt noch oben am See, die hat man auf dem Seeboden hochgeschoben, einige wurden abgerissen. Wenn der See im Winter tief unten ist, sieht man teilweise noch alte Brücken und solche Sachen oder auch Baumstämme, die sind noch immer da.»
Und ein weiterer Fun Fact zum See. Denn das Wasser im Lungerersee kommt nicht etwa vom Brünig oder Brienzer Rothorn, sondern von der Melchsee-Frutt. Es handelt sich dabei um Schmelzwasser. Das Wasser wird durch einen Stollen nach Giswil transportiert, geht durch die Turbinen und kommt so in den Lungerersee.
Doch zurück zum Fischen. Und einem anderen Fun Fact. Denn der Gruss der Fischer ist ja Petri Heil. Mit ihm wünscht mit dem man sich gegenseitig einen erfolgreichen Fang. Der Gruss geht auf den Apostel Petrus zurück, der als Schutzpatron der Fischer gilt. Die Antwort auf „Petri Heil“ ist meist ebenfalls „Petri Heil“ – hat man einen Fisch gefangen, sagt man „Petri Dank“.
Wie an jedem See ist es ziemlich unterschiedlich, wie erfolgreich man beim Fischen ist.
«Es gibt Tage, da läuft es rund um den See super, da fangen fast alle 5. Und dann gibt es Tage, da fängt niemand was. Und das kann sein heute so und am nächsten Tag wieder ganz anders jetzt, aktuell ist Vollmond, das spüren die Forellen. Jetzt die Regenbogenforellen mögen das nicht, die beissen relativ schlecht, da braucht es 2 oder 3 Tage und dann beissen sie dann wieder besser.»
Zudem hängt der Fischfang stark von der Wassertemperatur ab: Forellen mögen kaltes Wasser und ziehen sich im Sommer in tiefere Zonen zurück. Andere Arten wie Hecht und Egli hingegen bevorzugen wärmeres Wasser und kommen erst jetzt im Sommer näher ans Ufer.
Und auch der Zeitpunkt spielt eine grosse Rolle – je nach Tageszeit sind die Bedingungen ganz unterschiedlich:
«Ich gehe am liebsten entweder am Morgen ganz früh, also da bin ich teilweise um 4 Uhr auf dem Wasser. Dann gehe ich halt um 8 Uhr wieder nach Hause. Es ist ruhig auf dem See, es ist in den heissen Tagen noch sehr kühl, man ist wirklich fast alleine, der See ist windstill, meistens am Nachmittag hat es Wind. Und am Abend dann so ab 8 oder 9 Uhr. Man darf halt nur bis 10 Uhr fischen an den meisten Orten. Aber gerade so die letzten 2 Stunden mag ich.»
So idyllisch der See auch ist – nicht immer geht es hier nur friedlich zu. Wer sensibel auf Kriminalgeschichten reagiert, sollte jetzt besser abschalten. Denn zum Schluss habe ich noch einen Mordfall im Gepäck, der den Lungerersee – neben seiner Bekanntheit als Fischerparadies – auch aus ganz anderen Gründen schweizweit in die Schlagzeilen gebracht hat. Denn hier hat sich ein dunkles Kapitel abgespielt. Und es hätte das perfekte Verbrechen sein können, wenn der Täter gewusst hätte, dass der Lungerersee ein Stausee ist.
Es ist Winter 1999. Gegen Nachmittag ging ein Fischer am Ufer des Sees entlang.
«Das ist zufällig unser Verwaltungsratspräsident Denis Schürmann, der war am Fischen und hat dann 2 Fässer gesehen und Haare in den Fässern, dann dachte er, ja sei Fasnacht, es hängt eine Fasnachtspuppe oder so. Und dann ist er doch ein bisschen näher schauen gegangen, und da waren da 2 Personen einbetoniert. Das war eine Riesengeschichte, weil an dem Tag war Lungern noch von der Aussenwelt abgeschnitten wegen einem Schneerutsch. Dann sind sie mit Helikoptern gekommen.»
Die beiden Fässer wurden per Helikopter ins Institut für Rechtsmedizin nach Zürich gebracht. Die Untersuchung gestaltete sich schwierig. Denn: Die Leichen wurden bewusst mit Beton übergossen, um eine mögliche Obduktion und Identifizierung zu verhindern. Darum kam der Verdacht auf, dass die Mafia dahinterstecken könnte. Die Spur führte am Ende aber nicht ins Mafia-Milieu. Das wurde klar, als die Opfer identifiziert wurden. Bei den Toten handelte es sich um zwei Männer, die in Fribourg gemeinsam einen leicht dubiosen Autohandel führten. Sie wurden seit Januar 1999 vermisst.
Die Ermittlung führte schnell zu einem Geschäftspartner der beiden Juan Z. Z. schuldete den beiden Männern rund die 50'000 Franken. Ein Komplize von Juan Z. wurde ausfindig gemacht. Er gestand schliesslich seine Mithilfe und erläuterte den Ermittlern die Tat.
Juan Z. erschoss die beiden Männer in seinem Keller und betonierte ihre Leichen in die Fässer ein. Dann führ er mit einem weiteren Komplizen in Richtung Zentralschweiz. Der Lungerersee war in ihren Augen der ideale Ort, um die Fässer zu versenken.
«Hätten sie die jetzt im Brienzersee oder Thuners entsorgt, wären die nie nach vorne gekommen, aber. Beim Lungerersee spätestens im Winter sind halt die Fässer nach vorne gekommen. Und die Fässer waren noch so beschriftet, dass man das zuordnen konnte von wo die kommen.»
Z wurde schlussendlich verhaftet und verurteilt wegen zweifachen Mordes.
Und mit dieser etwas anderes Schlussgeschichte enden wir mal. Was wissen wir, was sonst noch für Geheimnisse auf dem Grund der Seen liegen. Jedenfalls danke fürs Zuhören. Ich bin Tamara von Luzern Tourismus und das ist der Podcast Bergrufe und Stadtgeflüster.