Bergrufe und Stadtgeflüster
Bergrufe und Stadtgeflüster - Der Podcast aus dem Herzen der Schweiz.
Komm mit auf Entdeckungsreise durch die Region Luzern-Vierwaldstättersee. Gemeinsam lernen wir spannende Persönlichkeiten, aussergewöhnliche Traditionen und versteckte Schätze kennen. Neue Folgen gibt’s jeden ersten Dienstag im Monat.
Bergrufe und Stadtgeflüster
#34 Die Spreuerbrücke
Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.
Sie ist die «kleine Schwester» der Kapellbrücke, doch ihre Geschichte ist mindestens genauso spektakulär: In dieser Folge entdecken wir, warum hier der Tod im Gebälk tanzt, was ein englischer Garten mit der Brücke zu tun hat und weshalb früher buchstäblich der Müll in die Reuss flog.
***
- Die Spreuerbrücke: https://www.luzern.com/de/stadt/sehenswuerdigkeiten/top-sehenswuerdigkeiten/spreuerbruecke
- Der Totentanz inkl. Audioguide: https://www.kapellbruecke.com/bilderzyklen/bilderzyklen-spreuerbruecke/
Kerzen flackern über einem steinernen Altar. Schwere Gewänder schimmern im Halbdunkel. Mit dem Rücken zur Gemeinde steht Papst Urban VIII. am Altar und zelebriert die Messe. Sein goldenes Gewand fällt in weichen Falten herab, seine Hände bewegen sich ruhig über Kelch und Hostie.
Neben ihm kniet ein Messdiener in Weiss, den Blick gesenkt. Doch sein Gesicht ist fahl. Kein Atem, kein Leben liegt darin. Es ist ein Toter, der hier dient. Hinter ihm löst sich eine weiteres Skelett aus dem Schatten. Eine Lanze in der Hand. Es schleicht sich heran, um den Papst abzuholen.
Herzlich willkommen zu Bergrufe und Stadtgeflüster, dem Podcast von Luzern Tourismus. Was ihr eben gehört habt, ist keine Horrorgeschichte. Oder nur ein bisschen. Denn es ist eine Szene auf einem Gemälde. Und dieses Bild hängt tatsächlich auf einer Brücke in Luzern. Aber nicht auf der bekannten Kapellbrücke, sondern auf ihrer kleineren Schwester. Der Spreuerbrücke.
Die Spreuerbrücke liegt weiter reussabwärts und verbindet den Kasernenplatz am linken Ufer mit dem Mühlenplatz am rechten Ufer. Sie gehört zu den ältesten erhaltenen Holzbrücken der Schweiz.
Wer über die Brücke läuft, bemerkt schnell einen auffälligen Knick auf der Höhe der Reussinsel. Dieser Knick besteht, weil die Spreuerbrücke aus eigentlich zwei Brücken besteht.
Im 13. Jahrhundert standen nämlich am heutigen Mühlenplatz und auf Inseln in der Reuss mehrere Mühlen. Damals wird im Ratsbüchlein ein erster Steg erwähnt, und zwar der sogenannte «Mülisteg». Dieser nördliche Brückenteil führte etwa bis zur Mitte des Flusses und diente als Zugang zu den Mühlen. Und er ist sogar älter als die Hofbrücke und die Kapellbrücke.
Erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde der Steg dann über die gesamte Reuss verlängert. Also wegen der wachsenden Stadt und etwa gleichzeitig mit dem Bau der Museggmauer. 1408 wird die Spreuerbrücke auch erstmals als vollständige Brücke erwähnt. Jetzt dient sie nicht mehr nur den Mühlen, sondern auch als Wehrgang. Sie bildete also wie die Kapellbrücke einen Teil des Befestigungsrings von Luzerns.
Die südliche Hälfte steht quer zur Reuss, die nördliche schräg dazu, in einem Winkel von rund 123 Grad. Wegen der starken Strömung ist die Südseite der Brücke mit steinernen Pfeilern und eisernen Wasserbrechern gesichert.
Den Namen Spreuerbrücke hat sie übrigens ebenfalls wegen den Mühlen. Denn die Spreu ist ein Abfallprodukt der Müllerei. Also unter anderem Hülsen, Hüllen und Stängelteile. Die Müller warfen nun eben die Spreu oft von der Holzbrücke in die Reuss, um sie zu entsorgen. Deshalb wurde die Brücke «Spreuerbrücke» genannt. Das Spreu durfte man auch nur von dieser untersten Brücke der Stadt in die Reuss schütten. Die letzte der Mühlen wurde übrigens 1890 abgetragen.
Während sich die nördliche Brückenhälfte durch die Arbeit in den Mühlen ständig veränderte, blieb die südliche Seite über die Jahrhunderte fast original erhalten. Mit einer dramatischen Ausnahme. Am 16. Juli 1566 suchte ein gewaltiges Unwetter Luzern heim. Es riss den südlichen Teil samt seinen massiven Steinpfeilern mit sich. Der Wiederaufbau war ein Kraftakt: Im harten Frondienst musste das Wasser weggeschöpft werden, um das Fundament neu zu setzen. Im Zuge dieser Bauarbeiten wurde auch eine steinerne Halle mit einer Kornschütte direkt am Baslertor errichtet. Heute misst die Brücke übrigens noch 81 Meter, was deutlich kürzer ist als die ursprünglichen 112 Meter.
Mitten auf der Spreuerbrücke befindet sich etwas weiters Ungewöhnliches. Nämlich die kleine Kapelle «Maria auf der Reuss». Schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts steht hier ein hölzerner Aufbau mit einem Spitzgiebel und einem kleinen Fähnchen. Am Anfang war das Ganze aber gar keine Kapelle. Es war eigentlich nur eine kleine Schutzhütte, um sich bei Wind und Wetter unterzustellen. Weil dort aber ein Heiligenbild stand, begannen die Menschen, den Ort als Kapelle zu nutzen. Rund hundert Jahre später wurde sie dann auch offiziell als Kapelle erwähnt. Über die Jahre wurde sie immer weiter verschönert. Im Jahr 1890 bekam sie ihre heutige Vorderseite und 1905 kamen die bunten Glasfenster dazu. Sie zeigen den Heiligen Mauritius und die Heilige Katharina. Dass man sich für diese beiden entschieden hat, ist kein Zufall: Mauritius war ein mutiger Soldat und Schutzpatron. Und die heilige Katharina ist unter anderem die Schutzpatronin der Müller.
Obwohl die Spreuerbrücke oft im Schatten der berühmten Kapellbrücke steht, hat sie ihre ganz eigenen Fans. Eine Geschichte ist besonders kurios: Die englische Künstlerin Mary Hemsworth war bei ihrem Besuch in Luzern so begeistert von der Brücke, dass sie ein Stück davon mit nach Hause nehmen wollte.
Zurück in England liess sie deshalb die Spreuerbrücke einfach originaltreu in ihrem eigenen Garten nachbauen. Wer also mal in der Gegend von North Yorkshire ist, kann diese Kopie dort heute noch auf ihrem ehemaligen Anwesen in Monk Fryston bewundern.
Neben der kleinen Kapelle gibt es auf der Spreuerbrücke noch etwas, das einen innehalten lässt. Wenn man den Blick nach oben in das Gebälk des Dachstuhls richtet, sieht man viele dreieckige Bilder. Zwischen 1625 und 1635 schuf der Maler Caspar Meglinger hier einen beeindruckenden Bilderzyklus, den sogenannten Totentanz.
Während die Bilder auf der Kapellbrücke die Heldentaten der Eidgenossen erzählen, und die heute abgebrochene Hofbrücke die biblischen Tugenden zeigte, verfolgt die Spreuerbrücke eine deutlich düstere Botschaft: Memento Mori – gedenke, dass du sterblich bist. Es ist eine mahnende Erinnerung daran, dass alles Irdische vergänglich ist. Der Totentanz war daher im Mittelalter ein viel verwendetes Motiv. Auf Brücken taucht es aber eher selten auf.
Interessanterweise gelten diese Bilder als künstlerisch wertvoller als jene auf der Kapellbrücke. Während die Malereien dort stilistisch eher rückwärtsgewandt in die Renaissance blicken, stehen Meglingers Werke auf der gleichen Stufe wie die zeitgenössische Barockkunst der Franzosen.
Die 67 Bildertafeln entstanden in einer Zeit des Umbruchs. Wir befinden uns im 17. Jahrhundert. Die Reformation und Gegenreformation spaltet die Gesellschaft. Und in Europa tobte der Dreissigjährige Krieg. Der Tod war damals kein ferner Gedanke, er war ein ständiger Begleiter. Das spiegelt sich in den Bildern wider – der Tod tritt hier nicht als schreckliches Ungeheuer auf, sondern schleicht sich fast schon elegant und heimtückisch in den Alltag ein.
Die Tafeln selbst sind etwa 90 cm hoch und 160 cm breit, gefasst in flachen schwarzen Rahmen. Sie sind paarweise, Rücken an Rücken, im Dreieck zwischen Querbalken und Streben befestigt. In den unteren Ecken findet man die Wappen der Stifter. Zwei Bilder wurden von der Obrigkeit finanziert, der Rest von wohlhabenden Privatpersonen, die man auch häufig in den Bildern erkennen kann. Auf der untern Rahmenleiste erklärt ein Vierzeiler jeweils den Inhalt der Bilder.
Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Spreuerbrücke auf der Seite des Mühlenplatzes verkürzt wurde, mussten einige Bilder weichen. Deshalb sieht man heute nur noch 45 Giebelbilder auf der Brücke. Weil die Bilder immer der Fertigkeit direkt über dem Fluss ausgesetzt sind, wurden sie immer wieder renoviert. Dabei wurden zwar Details verändert, die Bildinhalte sind aber bis heute erhalten.
Die Bilder erzählen also auch noch heute von Begegnungen der Lebenden mit den Toten. Eingeleitet wird dieser monumentale Zyklus durch einen dreiteiligen Prolog, der auf der Seite der Kornschütte beginnt: Zuerst sehen wir die Symbole der weltlichen Macht, gefolgt von einer dramatischen Szene, in der ein Schiff der Toten das Schiff der Lebenden angreift. Das dritte Bild zeigt schliesslich eine Gesichte aus der Familie des Stifters. Erst danach eröffnet der eigentliche Totentanz den Zyklus. Danach folgt die Geschichte von Adam und Eva, die aus dem Paradies vertrieben werden – und damit erst den Tod in die Welt bringen.
Bis zur Tafel 27 schreitet der Tod die soziale Leiter der Mächtigen ab. Es beginnt beim Papst, dessen Tafel wir zu Beginn dieser Folge gehört haben. Er führt uns weiter über Kaiser, Könige und Herzöge bis hin zum hohen Adel. Ein besonders eindrückliches Bild ist Tafel 18: Hier sehen wir eine Gräfin in ihrer Kutsche. Der Tod hat sich als Kutscher verkleidet, schwingt in seinem roten Gewand die Peitsche über den Pferden und führt die ahnungslose Dame in rasantem Tempo über das Land. Direkt ihrem Ende entgegen. Dieser Teil des Zyklus endet schliesslich bei den Ratsherren und stolzen Rittern.
Bis Tafel 49 begegnen wir den bürgerlichen Ständen. Hier zeigt sich der Tod als listiger Betrüger. Schauen wir uns zum Beispiel das Bild des Richters an: Während das Gericht über einen Angeklagten urteilt, hat sich ein Toter unbemerkt unter die Richter gemischt. Ein zweites Skelett stiehlt dem Vorsitzenden den Richterstab, während ein drittes den Angeklagten packt. Dessen Bettelstab bricht in diesem Moment entzwei.
Der Weg führt uns weiter vorbei an Philosophen, Kaufleuten und Malern bis hin zum einfachen Bauern. In dieser Szene stützt sich der Tod auf seine Sense und reicht dem Bauern einen Krug, damit dieser ihn mit frischer Milch füllt. Den Abschluss dieser Reihe bildet der sogenannte Weltmann, also ein Aristokrat.
Besonders berührend sind die Tafeln 50 bis 57, die die verschiedenen Lebensalter zeigen. Es beginnt beim Unschuldigsten: Ein nacktes Kind steigt fröhlich aus seiner Wiege, einen Apfel in der Hand, und folgt dem Tod fast spielerisch. Daneben steht die hilflose Mutter. Doch der Tod macht vor niemandem Halt. Wir sehen den Kampf zwischen Amor und dem Tod, bei dem die Liebe gegen das Ende antritt. Ein Kampf, dessen Ausgang wir alle kennen. Sogar ein frisch vermähltes Brautpaar ist an seinem Hochzeitstag nicht sicher vor dem ungebetenen Gast. Diese Reihe endet schliesslich bei den Greisen, für die der Tod fast schon wie eine Erlösung wirkt.
Auf den nächsten Tafeln wird die Reihe der Stände fortgesetzt, bevor die letzten drei Tafeln den Zyklus abschliessen. Wir sehen den aussichtslosen Krieg der Menschen gegen den Tod, die Auferstehung der Toten und schliesslich das Jüngste Gericht. Christus erscheint am Himmel, während die Menschen der Erde entsteigen, um gerichtet zu werden: Die Guten schweben gen Himmel, die Verdammten fahren zur Hölle. Es ist genau dieses letzte, Bild, das der Maler Kaspar Meglinger mit seinem Namen signierte.
Inspiriert wurde dieses gewaltige Werk wohl vom biblischen Buch des Predigers. Es beschreibt Menschen, die im Überfluss leben – und genau das sehen wir auf der Brücke: Menschen, die trotz des Sensenmanns an ihrer Seite Stolz, Hochmut und pure Lebenslust ausstrahlen. Sie verdrängen das Unausweichliche, bis der Tod sie schliesslich zum letzten Tanz auffordert.
Im Zyklus sieht man übrigens auch die Luzerner Gesellschaft, so sind zum Beispiel viele Patrizierfamilien porträtiert.
Weil auf den Bildern der Spreuerbrücke eben der Tod omnipräsent ist, wurde die Brücke im 19. Jahrhundert auch Totenbrücke genannt. Der Name setzte sich allerdings nicht durch.
Heute hat die Spreuerbrücke ihren strategischen Wert zur Stadtverteidigung verloren und auch die Stadtmühlen existieren nicht mehr. Dennoch ist sie wichtiger denn je: Als zentrale Fussgängerverbindung zwischen dem Mühlenplatz und dem Historischen Museum überqueren täglich rund 8'400 Menschen die Reuss. Dabei werden wohl die wenigsten bemerken, welche düsteren Geschichten direkt über ihren Köpfen erzählt werden.
Damit endet unsere heutige Folge zur Spreuerbrücke. Weitere Infos findet ihr wie immer in den Show Notes. Ich bin Tamara von Luzern Tourismus und da ist der Podcast Bergrufe und Stadtgeflüster.