Bergrufe und Stadtgeflüster

#35 Wasserschlösser der Zentralschweiz

Luzern Tourismus

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Eine verzweifelte Flucht, ein grausamer Vogt und ein Schloss, das dem Untergang nur knapp entkommt. Heute blicken wir hinter die Mauern der Burg Schwanau und von Schloss Wyher, wo Rachegeister auf den Glanz des «Schweizerkönigs» treffen.

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Langsam schiebt sich ein kleines Boot durch den Morgennebel. Das Wasser liegt ruhig da, nur das leise Geräusch des Motors ist zu hören. Vor uns tauchen zwei Inseln auf. Klein, bewaldet und mitten im Lauerzersee. Auf einer der Inseln ragt eine alte Burgruine in den Himmel. Die Insel daneben ist bis heute unbewohnt. 

Früher, so erzählt man sich, kam niemand freiwillig hierher. Alte Sagen berichten von Rittern, Einsiedlern und zwielichtigen Gestalten, die das Eiland über die Jahrhunderte bevölkerten und von einem grausamen Vogt, der auf der Burg herrschte.

Damit herzlich willkommen zu Bergrufe und Stadtgeflüster, dem Podcast von Luzern Tourismus. Ich bin Tamara, und heute nehme ich euch mit zu zwei besonderen Wasserschlössern: zur Burg auf der Insel Schwanau im Lauerzersee und zum Schloss Wyher im Luzerner Hinterland.

Aber was genau versteht man eigentlich unter einer Wasserburg oder einem Wasserschloss? Laut dem Bildwörterbuch der Architektur ist es einfach eine «von Wasser umgebene Niederburg». Im Gegensatz zu einer Höhenburg, die auf einem Berg thront und steile Hänge zur Verteidigung nutzt, liegt die Wasserburg meistens im Flachland. Daher also der Name Niederburg. 

Wasserburgen sind entweder durch künstlich angelegte Gräben oder durch natürliche Gewässer wie Seen und Flüsse geschützt. Im Mittelalter wurde fast jede Burg, die eben nicht auf einem Hügel stand, mit einem solchen Wassergraben umgeben. Das Wasser machte es Angreifern schwer, direkt zur Burg zu gelangen. Sie konnten weder Rammböcke noch Belagerungstürme direkt an die Mauern schieben. Auch konnte man keinen Tunnel graben, da jeder Schacht sofort voll Wasser gelaufen wäre. Der einzige kontrollierte Zugang erfolgte meist über eine Zugbrücke, die bei Gefahr hochgezogen wurde und die Burg somit komplett vom Umland isolierte.

Genau diese Abgeschiedenheit führt uns zu unserer ersten Burg. Mitten im Lauerzersee ragen nämlich die Überreste einer stattlichen Anlage aus dem Wasser: die Burg Schwanau auf der gleichnamigen Insel. Sie gehört zu den schönsten Inselburgen der Schweiz. 

 

Doch warum wurde ausgerechnet auf dieser kleinen Insel eine Burg errichtet? Natürlich bot die Lage mitten im See Schutz, doch es gab noch einen weiteren Grund. Im Schwyzer Talkessel kreuzten sich damals wichtige Verkehrswege. Nämlich die grossen Handels- und Reisestrecke vom Mittelland und Zürich zum Gotthard. 

Die Insel lag genau an diesem Knotenpunkt und machte sie zu einem strategisch wichtigen Ort. Für einen adligen Landesherrn war sie ein idealer Stützpunkt, um den Verkehr zu kontrollieren. Es ist sogar denkbar, dass am gegenüberliegenden Ufer eine Zollstätte stand. Doch die Burg diente noch einem weiteren Zweck. Sie war auch ein Zeichen von Macht und Repräsentation. Wer die Burg sah, wusste: Hier beansprucht ein Herrscher ein Gebiet, vielleicht das Arthertal oder sogar den ganzen Schwyzer Talkessel.

Die Inseln selbst bestehen aus Schrattenkalk, einem stark zerklüfteten Gestein. Auf diesem festen, aber unebenen Untergrund wurde einst der Bergfried der Burg Schwanau errichtet.

Spannend ist, dass man dafür nicht den Kalkstein der Insel nutzte, sondern grosse Granitblöcke heranschaffte. Ob diese schweren Steine im Winter über das zugefrorene Wasser transportiert wurden, ist umstritten. Die Burg wurde im Mittelalter in einer warmen Phase gebaut. Der See war also kaum zuverlässig zugefroren. Ausserdem wäre es riskant gewesen, Blöcke von über einer Tonne nur über Eis zu bewegen. Und es hätte auch deutlich länger gedauert, wenn man nur bei Minusgraden arbeiten konnte. Wahrscheinlicher ist es also, dass man starke Flosse einsetzte, um das Material über das Wasser zur Insel zu bringen.

Heute ist von der einst stattlichen Burganlage nur noch ein Teil erhalten. Der Turm misst rund zehn Meter pro Seite und erreicht an seiner höchsten Stelle etwa neun Meter. Früher dürfte er noch etwa fünf Meter höher gewesen sein, mit einem hölzernen Aufbau auf dem Stein.

An der Nordseite sieht man eine kleine Scharte, kaum von unten erkennbar. Sie diente vielleicht als Lichtschacht. Oder aber als Schussöffnung für einen knienden Armbrust- oder Bogenschützen, der so das schmale Eingangstor sichern konnte. Dieses Tor lag ebenfalls auf der Nordseite und war wahrscheinlich mit einem Fallgatter geschützt. 

Die schweren Steine halten nur durch ihr Eigengewicht zusammen, ganz ohne viel Mörtel. Unter der Etage mit der Scharte, etwa sechs Meter über dem Boden, gab es keine Stockwerke mehr. Dieser Raum könnte als Verlies gedient haben, ähnlich wie im Luzerner Wasserturm. Der Turm diente vor allem zur Verteidigung und nicht zum Wohnen. 

Östlich des Turms öffnet sich der längliche Burghof. Hier standen vermutlich Holzbauten wie Stallungen und Wirtschaftsräume, von denen aber nur wenige Spuren gefunden wurden. Eine dicke Quermauer teilte den östlichen Teil ab. Hier entdeckten Archäologen Fragmente von Ofenkacheln, Keramik, Zangen, Hufeisen und Pfeile. Ein deutlicher Hinweis also auf einen Wohntrakt mit Küche und geheizter Stube.

Der trapezförmige Wohntrakt liegt im Osten der Anlage, eingerahmt von vier Mauern. Ein kleines Pförtchen in der Nordmauer führte vermutlich zum See, um Trinkwasser zu holen, denn eine Zisterne konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Die Aussenmauern sind unterschiedlich dick: Die Südseite, die zum Festland zeigt, ist bis zu 2,8 Meter dick. Die Nordseite zum See hin misst nur noch 1,2 Meter. Das macht Sinn, denn von Norden, also der Seeseite, war ein Angriff mit Fernwaffen kaum zu erwarten. Von Süden her dagegen, nur etwa 200 Meter vom Festland entfernt, konnte ein Feind leichter mit Booten oder Belagerungsgeräten angreifen.

Der Name der Insel hat wahrscheinlich nichts mit Schwänen zu tun. Der älteste überlieferte Name lautet „Swandau“ und bedeutet so viel wie „gerodete Au“. „Schwenden“ bedeutet, Bäume durch Abschälen der Rinde zum Absterben zu bringen. Und „Au“ bezeichnet ein Gebiet am Wasser und taucht oft in Inselnamen auf, zum Beispiel Ufenau, Lützelau oder Reichenau. 

Es gibt kaum schriftliche Quellen aus dem Hochmittelalter. Das könnte bedeuten, dass Schwanau kein eigenständiges Herrschaftszentrum war, sondern zu einem Hofgut gehörte. Im 13. Jahrhundert sind im Gebiet von Schwyz drei solche Hofgüter bekannt: der Kyburger Hof, der Frohburger Hof und der Hof von Arth – zu dessen Verwaltungsbezirk die Insel Schwanau gehörte. Später, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, fielen diese Höfe an die Habsburger. Es ist also gut möglich, dass auf der Burg Schwanau ein habsburgischer Beamter oder Verwalter gewohnt hat.

Die Schwanau gibt bis heute Rätsel auf. Was im Mittelalter und davor auf der Insel geschah, wissen wir nur in Fragmenten. Die bisher wichtigsten Hinweise lieferten archäologischen Grabungen von 1960.

Die frühesten Spuren menschlicher Besiedlung reichen zurück bis etwa 1200 vor Christus, also in die Bronzezeit. Bei den Grabungen fanden sich Fragmente prähistorischer Keramik, und im nordwestlichen Teil der Insel wurde ein Graben freigelegt, der aus urgeschichtlicher Zeit stammen könnte. Wozu dieser Graben diente, wissen wir nicht. Inseln wurden damals oft für besondere Zwecke genutzt – als Siedlungsort, als Rückzugsort oder auch als religiöse Stätten.

Die Burg selbst entstand vermutlich kurz vor dem Jahr 1200. Die imposante Ruine, die wir heute sehen, wurde Ende des 12. Jahrhunderts errichtet. Die Burg wurde vermutlich nur zwei bis drei Generationen lang genutzt. Schon Mitte des 13. Jahrhunderts wurde sie durch einen Brand zerstört. Über die genauen Umstände, oder wer sie erbaut hat, gibt es keine verlässlichen Quellen. Kurz nach der Zerstörung fiel die Insel jedenfalls in den Besitz der Habsburger.

Nach Jahrhunderten der Stille kehrte im späten 17. Jahrhundert wieder Leben auf die Insel zurück. Ein fränkischer Einsiedler namens Johann Linder bezog die Schwanau, und 1684 errichtete man mit Unterstützung des Klosters Einsiedeln eine kleine Kapelle. Und später auch ein Fischerhaus, das heute als Gasthaus dient. 

Etwa 75 Jahre nach Linder lebte Bruder Johann Wiget hier. Sein merkwürdiges Verhalten und seine geheimnisvollen Besucher brachten ihm den Ruf eines französischen Sympathisanten ein und er wurde verhaften. Es gelang ihm aber bald ins Ausland zu fliehen. 

1806 kam es dann zum Goldauer Bergsturz. Die Flutwelle, die die Geröllmengen verursachten, zerstören die Kapelle auf der Insel. Mehr zum Bergsturz übrigens in Folge 29. 1808 verkaufte die Kirchgemeinde Schwyz die Insel an General Ludwig Auf der Maur unter der Auflage, die Kapelle zu restaurieren und die Ruine zu erhalten. Und er dürfte die Insel nie an einen Nicht-Schwyzer verkaufen. Auf der Mauer nimmt den Auftrag aber nicht sehr ernst, sodass dann 1967 der Kanton Schwyz die Insel von den Nachfahren Auf der Maurs kauft und sie unter Heimat- und Naturschutz stellt. 1999 beschloss der Kanton feierlich, die Insel nie wieder zu verkaufen.

Verschiedene Chroniken und vor allem das weisse Buch von Sarnen erzählen von den Freiheitskämpfen der Eidgenossen gegen die Habsburger. Und immer wieder taucht die Insel Schwanau darin auf. Eine der bekanntesten Geschichten handelt von Gemma von Arth. 

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts herrschten in Uri, Schwyz und Unterwalden die Habsburger Reichsvögte. Über ihr grausames Treiben erzählt man sich von Tal zu Tal, und die Menschen lebten in Angst und Schrecken. Zu diese unglücklichen Zeit regierte einer dieser Langvögte, ein Kastellan aus dem Geschlecht der Gessler auch im Land Schwyz. Sein Sitz war die Gesslerburg auf der Insel Schwanau auf dem Lauerzersee. Er soll ein Verwandter des berühmtem Gessler aus der Tell-Sage gewesen sein. Von seinem steinernen Turm aus überwachte er die Umgebung und führte ein Leben voller Grausamkeit.

Eines Tages entdeckten er und seine Knechte eine junge schöne Frau im Dorf Arth. Sie wurde auf offener Strasse verschleppt, auf die Burg gebracht und dort gefangen gehalten. Ihr Name war Gemma. Doch als der Vogt sie in seiner Burg einsperrte, gelang es ihr mit viel Glück durch ein Loch in der Mauer zu fliegen. So erreichte sie die Zinne des Turms. In ihrer grossen Verzweiflung stürzte sich in den See. Opferte sie ihr Leben doch lieber für die Unschuld. 

Die Nachricht von den schrecklichen Taten des Vogts verbreitete sich schnell. Die Menschen im Tal waren empört, besonders Werner Stauffacher und eine Gruppe mutiger Schwyzer. Stauffacher kennen wir ja bereits aus der Sage rund um den Rütlischwur von Folge 27. Am Neujahrstag 1308 setzten sie jedenfalls mit mehreren Schiffen zur Insel über. Sie stürmten die Burg, rissen die Tore auf und zerstörten sie teilweise. Der Vogt floh dank der List seiner getrauten Knechten. Doch die Wut der Schwyzer war so gross, dass Gessler sogar ganz aus dem Land geflüchtet sei. 

Wie die Sage erzählt, wurde der Vogt 1315 bei der Schlacht bei Morgarten erschlagen. Seither soll auf der Schwanau in der Nacht des Jahrestages ein unheimliches Heulen zu hören sein. Ein junges Mädchen in weissem Kleid, eine Fackel in der Hand, jagt einen bewaffneten Mann um die Ruine der Burg. Immer wieder weicht er aus, doch das Mädchen gibt nicht auf – bis der Mann mit einem Schrei ins Wasser stürzt und versinkt. Daraufhin verschwindet der Rachegeist des Mädchens und erscheint bis im nächsten Jahr nichtmehr. 

Die Geschichte und die Insel hat die Fantasie vieler Schriftsteller beflügelt. Meinrad Lienert griff sie in «Der Ahne» auf, Thomas Bornhauser in «Gemma von Arth». Auch Johann Wolfgang von Goethe nahm die Insel zum Anlass für Erzählungen, soll er doch 1775 selber die Insel betreten haben.

Wie viel von der Sage um die Schwanau tatsächlich historisch stimmt, lässt sich kaum genau sagen. Viele Geschichten wurden über die Jahrhunderte ausgeschmückt und immer wieder neu erzählt. Um herauszufinden, was damals wirklich passiert ist, müsste man alle Burgen untersuchen, die in den Befreiungssagen rund um die Habsburger erwähnt werden. Angeblich sollen ja empörte Landleute diese Burgen gestürmt haben. Wenn man die Anlagen archäologisch erforschen und die Ergebnisse miteinander vergleichen würde, könnte man besser einschätzen, wie viel an diesen Überlieferungen tatsächlich stimmt.

Ein klarer archäologischer Beweis dafür, dass die Burg Schwanau in einem Kampf zerstört wurde, fehlt bis heute. Es ist gut möglich, dass die Anlage zwar geplündert wurde, aber nicht vollständig niederbrannte. Damals kam es auch vor, dass Bewohner vertrieben oder getötet wurden und eine Burg unbewohnbar gemacht wurde, zum Beispiel indem man Dächer abdeckte oder Einbauten herausriss. Solche Spuren lassen sich heute jedoch kaum noch eindeutig nachweisen.

Trotzdem übt die Insel bis heute eine geheimnisvolle Faszination aus. Wer die Schwanau besucht, wird nicht nur von der mittelalterlichen Burgruine beeindruckt, sondern auch von der kleinen Kapelle und dem Gasthaus im traditionellen Schwyzer Bauernhausstil. Besucher gelangen auch noch heute nur mit dem Fährmann und seinem Boot auf das Eiland. Zu Ehren des Mädchens aus der Sage trägt das Fährschiff übrigens den Namen «Gemma von Arth».

Während auf der Schwanau von Geistern erzählt wird, steht in Luzerner Hinterland ein Schloss, dessen Vergangenheit zwar weniger sagenhaft wirkt, aber nicht weniger spannend ist: das Wasserschloss Wyher. 

Südlich des Dorfkerns von Ettiswil erhebt sich die Anlage mitten in der offenen Landschaft. Ein breiter Wassergraben umgibt die Mauern, dahinter ragen runde Türme, dicke Steinwände und das Herrenhaus mit seinem steilen Dach in die Höhe. Wer zum Schloss will, muss eine Brücke über das Wasser überqueren und durch das schwere Tor eintreten.

Wie alt die Burg ist, weiss man nicht genau. Vermutlich entstand hier bereits im späten 13. Jahrhundert eine erste befestigte Anlage. Manche Historiker vermuten sogar, dass an dieser Stelle schon viel früher ein Wehrbau stand, vielleicht in römischer oder sogar keltischer Zeit. Sicher ist nur: Über Jahrhunderte hinweg wurde das Schloss immer wieder umgebaut. Jede Generation hat hier also ihre Spuren hinterlassen.

Erstmals schriftlich erwähnt wurde Wyher im Jahr 1304. Damals gehörte die Anlage zusammen mit dem Dorf Ettiswil zum Kloster Einsiedeln und wurde an die Freiherren von Hasenburg verkauft. In den folgenden Jahrzehnten wechselte das Schloss immer wieder den Besitzer. Mal wurde es verkauft, mal vererbt, mal durch eine Heirat weitergegeben. Bis im späten 15. Jahrhundert ein Mann auftauchte, der dem Schloss sein heutiges Gesicht gab.

Petermann Feer. Er war ein Luzerner Krieger und Politiker. In den frühen 1480er-Jahren übernahm er die Burg von seinem Vater. Petermann Feer war kein ruhiger Schlossherr, sondern ein Mann des Krieges. 1499 führte er rund 800 Luzerner Soldaten in die Schlacht bei Dornach und kämpfte an der Seite der Eidgenossen gegen den Schwäbischen Bund.

Gefeiert wurde aber nicht nur auf dem Schlachtfeld. Die ersten Schlachtfeiern sind nicht in Dornach belegt, sondern hier beim Schloss Wyher. Vor den Mauern der Burg fanden grosse Feiern statt, bei denen eine Schlacht nachgestellt wurde. Dabei wurde die Burg zur belagerten Festung, während sich davor zwei Gruppen gegenüberstanden und den Kampf spielten. Aus dem ernsten Spiel wurde am Ende jeweils ein Volksfest mit Musik, Essen und vielen Zuschauern. Diese Feiern gab es bis ins 19. Jahrhundert immer wieder. 

Auch am Schloss selbst hinterliess Feer deutliche Spuren. Um 1510 entstand der mächtige Hauptbau, vermutlich auf älteren Fundamenten. Seine Nachkommen erweiterten die Anlage weiter, bauten zusätzliche Gebäude, runde Türmchen und einen langen Wirtschaftstrakt, der bis heute Teil der Umfassungsmauer ist. Sogar der Zugang wurde verändert. Die Zugbrücke wurde versetzt, und wer das Schloss betreten wollte, musste nun von Westen her über den Wassergraben kommen.

 

In dieser Zeit entstanden auch die Seitengebäude mit den vier Ecktürmen. Diese Bauten, heute Klösterli genannt, dienten früher als Unterkunft für das Dienstpersonal des Schlosses. Auch die Pferde hatten hier einen sicheren Platz. Daneben gab es Pulvertürme, ein finsteres Verliess und ein Gehege für Jagdhunde. Eine gut ausgestattete Rüstkammer sorgte für Sicherheit. Im Keller soll es sogar einen geheimen Fluchtweg gegeben haben. Ein grosser Brunnen und ein steinerner Tisch im Hof waren die Schmuckstücke, auf denen der adelige Herr Fisch und Wild zubereitete.

Nach Petermann Feer blieb das Schloss zunächst in der Familie. Sein Sohn Beat gab dem Nachnamen bereits den Zusatz «Feer von Wyher». Doch das Geschlecht starb schliesslich aus. Ritter Beat Jakob Feer war der letzte Besitzer aus der Familie. Seine fünf Kinder starben alle früh, und damit fehlte ein Erbe. So entschied er sich, Schloss und Hof im Jahr 1588 zu verkaufen. Für 18’000 Gulden ging Wyher an seinen Schwager, den Luzerner Ritter Ludwig Pfyffer. Der Familie Pfyffer blieb das Schloss beinahe 250 Jahre erhalten.

Ludwig Pfyffer war ein grosser Feldherr und Staatsmann. Er wurde sogar «Schweizerkönig» genannt. Im Dienst von König Karl von Frankreich genoss er hohes Ansehen. So rettete er seinen Herrn beim Rückzug von Meaux und kämpfte mit Tapferkeit in den Schlachten von Dreux und Montcontour. Nach seinen glanzvollen Einsätzen kehrte er zurück in die Heimat. Schloss Wyher war also das Zuhause des berühmtesten Schweizer seiner Zeit.

Unter Ludwig Pfyffer bekam Schloss Wyher ein neues, modernes Gesicht, stark beeinflusst von französischem Stil. Altes musste weichen, und sein ausgeprägter Kunstsinn zeigte sich überall: ein erweitertes Hoftor, grössere Fenster und vor allem das prachtvolle Prunkzimmer im ersten Stock.

Dieses Zimmer, ausgestattet mit edlem Nussbaumholz und sorgfältig ausgewählter Eschenmaser, zeugt vom feinen Geschmack Pfyffers. Zur Einrichtung gehörten eine kunstvoll gearbeitete Kredenz, ein Wandschrank mit Ruhebank, ein kleines Wandkästchen und vier Fensternischen mit eingebauten Truhen. Heute ist dieses besondere Zimmer jedoch nicht mehr auf Schloss Wyher zu sehen, denn es befindet sich in Privatbesitz.

Ausserdem liess Ludwig Pfyffer auf einem kleinen Hügel in der Nähe des Schlosses eine Kapelle bauen. Geweiht zu Ehren von Sankt Ludwig, dem französischen König Ludwig dem Neunten. Das Innere der Kapelle ist im schlichten Renaissancestil gehalten. Zu sehen sind die Wappen der Familien Pfyffer und Sonnenberg sowie alte Heiligenbilder. Die Kapelle steht zwischen zwei grossen, alten Lindenbäumen. Und wenn die Glocke läutet, soll man sie bis nach Ettiswil hören können. 

Nach Ludwig Pfyffer übernahm sein Sohn Jost Ludwig Pfyffer von Altishofen das Schloss Wyher. Und danach dessen Sohn, der auch wieder Ludwig heisst. Einfach damit die Geschichte kompliziert wird. Diese Ludwig hatte aber keine männlichen Nachkommen. Deshalb wurde Tochter Barbara Schlossherin. Und jetzt wird es noch verwirrender, denn Barbara heiratete einen Mann namens Jost Pfyffer von Altishofen. Keine Panik, das war nicht ihr Grossvater, der hiess ja Jost Ludwig Pfyffer von Altishofen. Ja, scheinbar gab es im 16. Jahrhundert nur zwei männliche Vornamen. 

Jedenfalls folgten dann noch einige weitere Ludwigs nämlich, Franz Ludwig Pfyffer zu Wyher, Ludwig Christoph Pfyffer von Wyher, Jost Franz Pfyffer und Franz Ludwig Pfyffer zu Wyher. Immerhin brachte das ein bisschen Abwechslung in die Namenspalette.

Jedenfalls heiratet der letzte Ludwig, also Franz Ludwig Pfyffer 1741 die unternehmungslustige Anna d’Hemel. Während ihr Mann einmal längere Zeit abwesend ist, lässt Anna das Schloss kurzerhand umbauen. Die Dächer des Herrenhauses und der Türmchen werden verbreitert und neu gestaltet, Wände werden durchbrochen und Räume verändert. Und den zweiten Stock richtet sie im eleganten Stil von König Ludwig dem Sechzehnten von Frankreich ein. Auch rund um das Schloss lässt sie vieles verändern. Die alte Steinbrücke wird mit Erde aufgefüllt, damit ein breiter Fahrweg entsteht. Um die Anlage herum lässt sie einen tiefen Graben ausheben und einen breiten Damm mit Kastanienbäumen anlegen. 

Nach dem Tod von Franz Ludwig Pfyffer erben seine Töchter Maria Anna und Maria Hyazintha das Schloss. Die Namenswiederholung machte also auch nicht halt vor den Frauen der Pfyfferfamilie. 

 

 

Maria Hyazintha heiratet Jost Bernhard Pfyffer von Altishofen, und das Schloss fällt so wieder zurück an den Hauptstamm der Familie. Doch später verkaufen ihre Kinder das Schloss an die Gebrüder Hüsler von Hasenhusen in Gunzwil. Damit endet die Ära der Pfyffers – und der Ludwigs.

Die Bauersleute Hüsler hatten aber zu wenig Geld für die teilweise umfangreichen Unterhaltsarbeiten. Um 1850 wurde daher der Wassergraben trockengelegt, was die Mauern instabil machte. Teile der Ringmauer und die beiden Ecktürme mussten abgetragen werden. Mit dem Schloss ging es in dieser Zeit deutlich bergab. Zeitweise wurden Räume an arme Familien vermietet, und während des Zweiten Weltkriegs brachte man im Schloss Flüchtlinge unter.

Später waren die Räume unbewohnbar. Wertvolles Inventar wurde an Private veräussert. Mauersteine wurden als Baumaterial abtransportiert. Der ehemalige Wassergraben war nun eine Viehweide.

1961 wurde das Schloss zum Verkauf ausgeschrieben. Der Luzerner Politiker Fritz Steiner ergriff die Initiative, um das Schloss Wyher für die Öffentlichkeit zu sichern. Im Luzerner Grossen Rat machte er darauf aufmerksam, dass der Kanton damals gerade einen Standort für das Historische Museum suchte und sich Wyher dafür eignen könnte. Daraufhin begannen Kaufverhandlungen zwischen dem Kanton und der Familie Hüsler. Im Juli 1963 wurde das Schloss schliesslich unter Denkmalschutz gestellt.

Doch dann, in der Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1963, schlug ein Blitz ins Schloss ein. Das Dach des Haupthauses geriet in Brand. Das Feuer breitete sich in die oberen Räume aus. Das Parterre, der Verbindungstrakt und das Klösterli konnten aber von der Feuerwehr gerettet werden. Freiwillige räumten den Brandschutt weg und retteten wertvolle Ausstattung wie Schnitzereien, Täfer, Decken und Balken.

Im Jahr darauf gründete sich ein Initiativkomitee mit dem Ziel, das Äussere der Schlossanlage wiederherzustellen. Noch im selben Jahr erwarb der Kanton Luzern das Schloss und renovierte es die nächste Jahrzehnte umfassend innen und aussen. Dabei wurden auch zwei der vier Ecktürme wieder aufgebaut, die zuvor abgebrochen worden waren.

 

Am 13. Januar 1970 wurde die Stiftung Schloss Wyher gegründet. Ihr Ziel war es, das Schloss und die Anlage vor weiterem Verfall zu schützen. Die Restaurierungskosten wurden durch öffentliche Mittel, Stiftungen und Beiträge Dritter gedeckt.

Das ursprüngliche Initiativkomitee konnte zudem Teile der früher verkauften Inneneinrichtung retten, darunter Böden, Täfer, Decken, Gitter, Öfen, Säulen und Sandsteinfassungen. In den achtziger Jahren entstand ein Gönnerverein, der die Arbeiten beschleunigte. Er renovierte unter anderem den Feer-Saal, kaufte die Pfyfferstube zurück und richtete im Erdgeschoss eine Cafeteria ein. Zwischen 1996 und 2011 übernahm der Verein auch die Betreuung des Schlosses.

Seit 2012 wird Schloss Wyher von der Luzerner Gastgeber AG geführt. Heute finden hier unterschiedlichste Anlässe statt: Hochzeiten, Bankette, Tagungen sowie kulturelle Veranstaltungen wie Open-Air-Kino oder Krimi-Dinner. Besonders beliebt ist der Advents- und Weihnachtsmarkt, der jedes Jahr tausende Besucher anzieht. Bis 2020 beherbergte das Schloss übrigens die volkskundliche Sammlung des Mundartforschers Josef Zihlmann. Heute ist sie jedoch im Historischen Museum Luzern zu sehen.

Damit sind wir am Ende dieser Folge angekommen. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Ma. Ich bin Tamara von Luzern Tourismus und das ist der Podcast Bergrufe und Stadtgeflüster.