Think Flow Grow Cast mit Tim Boettner

Das Gesicht als Spiegel der Seele mit Anne Fierhauser | #286

Tim Bottner Season 1 Episode 286

Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.

0:00 | 1:16:07

„Die Wahrheit deines Lebens steht dir ins Gesicht geschrieben.“ Das ist Anne Fierhausers Credo. Hunderte Merkmale und ihre Kombinationen zeigen die einzigartigen Facetten eines Menschen: Stärken und Potenziale, Arbeits- und Kommunikationsstile, Entwicklungsfelder und Lebensaufgaben, Erlebnisse und Emotionen. Dieses Wissen ist in allen Hochkulturen verankert und Jahrtausende alt. 

Anne Fierhauser lebt seit elf Jahren ihre Berufung als Gesichtleserin. Sie beschreibt das Gesicht als Spiegel der Seele. Wie du dein eigenes Gesicht besser verstehen kannst — und damit ein größeres Verständnis für deinen inneren und äußeren Erfolg und deinen Lebensweg gewinnst — erfährst du in dieser Episode. 

Ich habe Anne auf dem Flowfest 2026 kennengelernt. Wir hatten sofort eine tiefe Verbindung. Vor einiger Zeit war ich bei ihr im Podcast, da hat sie mein Gesicht gelesen. Nun haben wir unser Gespräch fortgesetzt — und sind weit über das Gesichtlesen hinaus in die Tiefe gegangen… bis in die Wüste des Oman. 

In dieser Episode 

  • warum es keine hässlichen Gesichter gibt — sondern nur einzigartige
  • was die Ohren über deine Seele erzählen und die Nase über deinen Willen
  • warum Falten die Siegel deines Lebens sind
  • was passiert, wenn dich jemand wirklich sieht
  • warum Anne bestimmte Gesichter nicht liest

Mehr von Anne

 
Erwähnte Episoden zum Weiterhören

In dieser Episode erwähnt

Danke an die Sponsoren dieser Epsiode:

Smaints Mushrooms | Vitalpilze | TIM10 für Erstbestellung | TIM 5 für weitere Bestellungen

 

👉 Freier Körper. Stiller Geist. Wildes Herz. — Experience Session: 73 Minuten Bewegung, Atem und Meditation. Kostenfrei. 

👉 Unlock Your Body Membership — Monatsthema August: Deep Relaxation & Letting Go

👉 Der Puls — jede Woche ein Impuls, kostenfrei abonnieren — 20 bis 30 Minuten, direkt in deiner App

👉 Folge mir

Instagram: @tim_boettner

Newsletter: Jetzt eintragen

Telegram-Community

Webseite & Blog

👉 Alle meine Empfehlungen und Sponsoren


👉 Unlock Your Body

Unlock Your Body Online Kurse

Tritt der Membership bei: Unlock Your Body


Tim (00:02) Ich habe dich kennengelernt als Gesichtleserin. Du bist Gesichtleserin, aber du bist irgendwie auch so viel mehr. Das wollen wir in der Episode entpacken: die Faszination Gesichtlesen — Faszination Mensch sein, würde ich auch sagen. Erste Frage an dich: Was bringt dein Gesicht zum Leuchten? Was begeistert dich?

Anne Fierhauser (00:22) Ich glaube: wundervolle Begegnungen, tiefe Begegnungen, erfahrungsreiche Begegnungen — und immer und immer wieder die Wüste.

Tim (00:35) Gesichtlesen. Wie bist du zum Gesichtlesen gekommen? Das ist so eine Frage, ich überlege — stellt man mal so eine Frage, „erkläre deine Geschichte"? Und ich habe gemerkt, ich möchte das wissen. Wie bist du zum Gesichtlesen gekommen? Wie kommt man dazu? Was ist Gesichtlesen überhaupt?

Anne Fierhauser (00:53) Ja, was ist Gesichtlesen überhaupt? Ich glaube, ich beantworte erst mal die erste Frage: Wie kommt man dazu? Und ich glaube zu wissen, dass ich dir die kleinen Geschichten und kurzen Geschichten des Zufalls nicht erzählen muss, da bist du nicht der Mensch dazu.

Ich glaube — und vermutlich ist es bei dir und bei jedem anderen Menschen genauso wie bei mir —, dass unsere Kindheit uns letztendlich auf unsere Berufung vorbereitet. Und das war bei mir tatsächlich auch so. Diese Kindheit war, würde ich aus heutiger Sicht sagen, keine glückliche Kindheit. Ich war ein ziemlich krasses Außenseiterkind. Ich habe dieses Willkommensein-Gefühl in dieser Welt — also sowohl in meiner Herkunftsfamilie als auch in der Grundschule — einfach nicht erlebt.

Ich hatte immer das Gefühl, oder ich habe immer empfangen: Ich bin zu viel von hier und zu viel von da und zu wenig von da, und eigentlich müsste ich … und so wie ich bin, bin ich auf jeden Fall falsch. Und dieses Grundwissen, das wir uns in unserer Kindheit angeeignet haben, das hat tatsächlich bis 35 Jahre angehalten. Mein Leben war dafür da, doch endlich mal die Wertschätzung von Papa und Mama — also vor allem Papa — zu kriegen und endlich mal richtig sein zu dürfen.

Und dann habe ich ein Geburtstagsgeschenk bekommen: ein Gesichtlesen, von einer damaligen Freundin. Und ich habe mir noch gedacht: Was ist denn Gesichtlesen, und was ist das denn für ein Blödsinn? Das ist ja hier New Age, keine Ahnung. Bin dann aber trotzdem — geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul — hingegangen und hatte wahrscheinlich den größten Veränderungspunkt meines Lebens.

Weil da ein Mann stand, der sich mit meinem Gesicht kurz auseinandergesetzt hat, sich zurückgezogen hat und dann einen zweistündigen Monolog gehalten hat über das, was ich längst vergessen hatte und was meine Seele längst vergessen hatte. Also: Wie bin ich eigentlich gedacht? Was kann ich? Was sind meine Talente? Was sind meine Potenziale? Was sind vielleicht die Fallstricke in meinem Leben? Und was wäre denn, wenn alles, was da ist, einfach richtig ist?

Aus diesem Gespräch bin ich raus und habe gesagt: Wenn das geht, dass wir uns selbst wieder an unsere Seelen erinnern können, dann ist alles, was ich davor gelernt habe, nicht ich. Und dann möchte ich mich dem Gesichtlesen schenken. Genau das habe ich getan. Ich habe gekündigt, und seit elf Jahren mache ich nichts anderes als Gesichtlesen.

Tim (03:25) Was für eine schöne Reise. Und ich glaube, so viele können daran anknüpfen. Ich kann es zumindest sehr gut. Es gibt so viele verschiedene Systeme der Selbsterkenntnis, und Gesichtlesen ist ein absolut faszinierendes davon. Ich erinnere mich zum Beispiel auch an das Thema Human Design, auf das ich vor einigen Jahren gekommen bin — das war eine ähnliche Geschichte. Dieses: Interessant, da bekomme ich einen Spiegel, der mir sagt, ich bin nicht falsch, sondern ich bin so, wie ich bin.

Das können viele Systeme ebenso leisten. Dieses: Okay, es ist okay. Und das ist so wertvoll. Ich denke mir dann immer: Wenn ich das in der Kindheit schon so gelernt hätte, oder meine Eltern gelernt hätten, mir das zu spiegeln — das wäre ein Riesengeschenk gewesen.

Anne Fierhauser (04:10) Total. Eine der großen Erkenntnisse, die ich beim Gesichtlesen bekommen habe, ist dieses: Es gibt kein richtig und kein falsch. Wir denken immer, dass wir die Dinge kategorisieren und voneinander trennen müssten. Also im Sinne von: Das ist richtig, das ist falsch, das ist eine gute Eigenschaft, das ist eine schlechte Eigenschaft. Und was das Gesichtlesen mir so sehr beigebracht hat: Es gibt kein Gut und kein Schlecht, es gibt nur gewinnendes und verlierendes Leben.

Wenn wir zum Beispiel eng stehende Augen haben, dann ist der gewinnende Teil davon, dass ich die Nadel im Heuhaufen finde, dass ich Fokus legen kann und Dinge wirklich finden kann, die wichtig sind für mich. Wenn ich es verlierend lebe, bin ich engstirnig und stur. Aber die eng stehenden Augen an sich, die Eigenschaft dessen, ist nichts Schlechtes — es ist eine Chance. Eine Chance, die Nadel im Heuhaufen zu finden.

Wenn ich jetzt daran denke, wie es ist, die Vogelperspektive einzunehmen und alles zu sehen — dann bin ich schlecht? Aber wenn ich sage, ich bin mir darüber bewusst, was das heißt, dann ist das etwas ganz Gewinnendes, und ich kann es mir akzeptieren und anerkennen und der Welt schenken.

Tim (05:30) Wow, okay. Das ist insofern sehr interessant: Wenn wir im Einklang mit unserem Gesicht, mit unserer Aufgabe leben, dann gewinnen wir im Endeffekt. Was du jetzt gesagt hast, resoniert mit mir insofern, als du mein Gesicht ja auch angefangen hast zu lesen und gesagt hast, ich habe sehr weit auseinanderstehende Augen. Und interessanterweise — wenn ich das Ganze synthetisiere, auch zum Beispiel mit dem System Gene Keys — ist das eine meiner Lebensaufgaben: grundlegend die Quintessenz zu erkennen, mit dem Schatten der Komplexität.

Wenn ich mich zu sehr im Detail verliere, in der Komplexität, dann bin ich aus meinem Lebenswerk heraus, aus dieser Perspektive. Aber das sagst du ja eben auch. Für mich ist zu sehr im Detail sein ein Verlieren, wo ich Feedback vom Leben bekomme: keine gute Idee. Aber für den Nächsten kann das wieder richtig sein.

Anne Fierhauser (06:15) Ich habe komplett Gänsehaut, weil das genau das ist. Diese ganzen Systeme — ob es Human Design ist, Lebensaufgabensysteme welcher Form auch immer, ob Gesichtlesen, Astrologie, was weiß ich — die passen übereinander und helfen sich gegenseitig. Und das ist für mich immer der Beweis: Das Universum ist dein Freund. Es gibt dir alles, was du brauchst, um deine Aufgaben zu erfüllen und ein gewinnendes Leben zu führen. Wir haben nur angefangen, uns selbst bewerten zu lassen — und uns dadurch selbst zu bewerten. Und diese Bewertung ist meistens schlecht, und dadurch kommen wir in ein verlierendes Leben.

Und wie gesagt: Guck mal, du redest von einer ganz anderen Philosophie, und das Thema spiegelt sich in deinem Gesicht wider. Wie großartig ist das? Wie magisch ist das?

Tim (07:04) Natürlich auch von mir der Hinweis, der mir so wichtig ist: Diese ganzen Systeme, in die wir jetzt richtig tief reingehen, sind unfassbar wertvoll. Aber wenn ich das Leben beobachte — und das ist ja der ultimative Test —, dann spüre ich es in mir drin und brauche keines von den Systemen. Weil wir aber Menschen sind, kann es sehr hilfreich sein.

Anne Fierhauser (07:20) Vollkommen. Ja, total. Und du hast so recht. Das ist genau dieses: Wir sollten uns nie einem System versklaven, sondern wir sollten uns unserer Seele versklaven. Und am Ende des Tages: Wenn wir ein System brauchen, um uns diesem Sklaventum der Seele hinzugeben, dann ist das System gut. Aber wir haben alles in uns. Wir brauchen niemanden, der uns irgendwas erklärt. Ich finde das so wichtig.

Tim (07:49) Die große Frage bei allen Systemen, vor allem aber beim Gesichtlesen, ist natürlich: Warum zeigt das Gesicht diese ganze Story? Was ist da deine Begründung?

Anne Fierhauser (08:03) Ja. Und da finde ich, ist das Gesichtlesen nicht besser und nicht schlechter, aber ein bisschen logisch nachvollziehbarer als andere Systeme. Weil unser Gesicht unser ganzes Leben lang bei uns ist. Das heißt, es kriegt ja alles mit, was wir im Außen sehen und was wir im Innen fühlen. Es ist ganz nah an unserem Gehirn, es ist mit 40 Muskeln mit unserem Gehirn verbunden. Und alles, was wir letztendlich im Außen sehen und im Innen fühlen, spiegelt sich früher oder später in unserem Gesicht wider.

Das Gesicht ist das Buch unseres Lebens. Wir kommen mit genetischen Dingen auf die Welt — viele sagen immer: Ich sehe so aus, weil Papa und Mama so aussahen. Das stimmt auch in einer gewissen Art und Weise. Ich komme mit einer Grundausstattung auf die Welt, auch Muttermale und so weiter. Das sind alles Dinge, die bringe ich mit. Und dann erlebe ich Dinge und verhalte mich zu diesen Dingen. Und dadurch verändert sich unser Gesicht.

Eine der schönsten Erklärungen, die ich glaube für jeden schlüssig sind, ist: Wenn ich Stress habe und mich auf Dinge fokussiere und nicht gut loslassen kann — was mache ich nachts? Genau, ich knirsche mit den Zähnen. Wenn wir jetzt mal am Tage probieren, mit den Zähnen zu knirschen, werden wir merken, wie anstrengend das ist und was das eigentlich bedeutet. Das heißt, es ist eine logische Schlusskonsequenz, dass dieser Kiefer und dieser Knochen hier extrem stark werden.

Ich komme ja nicht mit einem starken Kiefer als Kind auf die Welt, sondern ich habe gelernt, dass es eine gute Idee ist, die Zähne zusammenzubeißen, durchzuhalten. Ich habe eine seelische Zähigkeit, und die zeigt sich genau an einem starken Kiefer. Da hat mich mein Leben hingebracht.

Und auch das ist nichts Gutes und nichts Schlechtes. Das ist erst mal so. Aber es ist das Spiegelbild dessen, was ich mitgebracht habe — vom Genetischen und dem Epigenetischen, was in mir verbunden ist — plus das, was mir im Außen passiert. Und das wiederum zeigt sich in der Struktur und in der Statik des Gesichtes. Sind meine Augen groß, sind sie klein? Wie ist das Verhältnis Oberlippe, Unterlippe? Das verändert sich alles fast täglich. Und das alles erzählt uns etwas über das Buch unseres Lebens, über unsere Seele, über unser Sein und unser Verhalten.

Tim (10:32) Aber inwiefern ist das, was du im Gesicht jetzt siehst, der aktuelle Zustand, den wir erworben haben? Und wie kannst du auch sehen, was der ursprüngliche Bauplan ist? Also inwiefern kann etwas verzogen sein? Was ist quasi ursprünglich und was ist erworben?

Anne Fierhauser (10:51) Ich liebe die Frage. Also grundsätzlich sind wir immer das, was wir gerade sind. Wenn wir sehr ehrlich sind: Es gibt kein Gestern und es gibt kein Morgen. Das Einzige, was es gibt, ist das Jetzt. Das heißt, ich bin grundsätzlich jemand, der eher das Jetzt anschaut als „wovon kommen wir und wohin gehen wir".

Das Gesicht zeigt natürlich Dinge, die schon immer da sind, die schwerlich veränderlich sind. Das sind zum Beispiel — wenn wir auf Seelenebene gucken — die Ohren. Die Struktur unserer Ohren, die Knorpelstruktur und all diese Größenverhältnisse im gesamten Gesicht verändern sich nur minimal. Das heißt: Sowohl die Siang Mian, also die chinesischen Gesichtleser, als auch die europäischen Gesichtleser, die Physiognomiker, sagen, dass wir an den Ohren die Seelenschichten der Menschen erkennen und dass an den Ohren erkennbar ist, wofür der Mensch auf diese Welt gekommen ist.

An den Ohren erkenne ich also sehr ursprüngliche Dinge. Was vielleicht Menschen im ersten Augenblick sehr komisch finden: Das variabelste Merkmal des Gesichtes ist die Nase. Die Nase verändert sich tatsächlich unser ganzes Leben lang, weil wir an der Nase unseren Willen erkennen. Und ich finde das sehr logisch, dass unser Wille sich verändert und sich dadurch auch die Nasen verändern. Und die wachsen nicht nur oder werden nicht nur breiter, es geht in alle Richtungen und alle Formen.

Muttermale zum Beispiel sind etwas, damit kommst du auf die Welt. Falten wiederum erzählen dir etwas darüber, wie das Leben dich geprägt hat. Man guckt sich an: Was ist am langwierigsten im Gesicht, am nachhaltigsten, am längsten schon da — und was ist neu hinzugekommen? Und das erzählt uns etwas über die Abfolge der Dinge.

Tim (12:51) Ein interessanter Effekt, der für mich gerade strange ist: Ich schaue dich an, ich schaue auch mich ein bisschen an. Wir haben auch mal aus Spaß ein bisschen Gesichtlesen gemacht, im Kreis mit Mark Richter und so. Und je länger man darüber nachdenkt oder einen anderen anschaut, desto merkwürdiger sehen wir aus. Wenn ich mich gerade anschaue, meine Nase, meine Ohren — man sieht immer komischer aus. Es ist total merkwürdig.

Man sieht ehrlicherweise immer ein bisschen blöder aus, eigentlich. Wenn wir jetzt über eine hohe Stirn sprechen würden, dann denke ich mir: Wie komisch kann eine Stirn aussehen? Und es ist so erstaunlich — wenn man sich nicht damit beschäftigt hat, wie ähnlich Gesichter erst mal aussehen. Und dann merkt man erst, wie individuell und ehrlicherweise wie absurd auch im ersten Moment Gesichter eigentlich aussehen können.

Anne Fierhauser (13:38) Das ist voll spannend, dass du das sagst, weil ich mich irgendwie so ein bisschen derealisiert fühle. Manchmal ist das doch so, dass man ein bestimmtes Wort fünfmal schreibt und sich irgendwann fragt: Ist das Wort richtig? Es sieht so komisch aus. So stelle ich mir diesen Effekt vor.

Aber das hat vielleicht auch etwas mit dem Gesichtlesen in meinem Leben zu tun. Ich finde: Es gibt kein hässliches Gesicht mehr. Früher habe ich durchaus gesagt: Das ist ein hübscher Mensch, das ist ein hässlicher Mensch, der ist doof, der ist cool. Und ich bin, seitdem ich Gesichter lese, so ehrlich an allem interessiert. Weil es diese Hässlichkeit nicht mehr gibt — im Grunde genommen erzählt alles, was im Gesicht ist, etwas über dein Leben.

Bestes Beispiel: Falten. Wie viele Menschen — da bist du jetzt noch ein bisschen jünger als ich — wie viele Menschen in meinem Alter fangen an, mit ihren Falten wirklich zu hadern, zu sagen: Ich werde alt, was auch immer. Und dann tun sie irgendwas dagegen.

Wenn wir jetzt aber davon ausgehen, dass die chinesischen Gesichtleser vielleicht nicht ganz so falsch liegen und sagen: Falten sind die Abzeichen deines Lebens, sie sind die Siegel deines Lebens, sie sind das Zeichen dafür, wo du über deine Grenzen hinausgegangen bist und Grenzen für dich überschritten hast, also deine Komfortzone erweitert hast — dann kann das ja nicht mehr hässlich sein. Wir haben früher immer so viel gesagt: Willst du nicht diese Falte mal wegmachen? Wo ich sage: Auf gar keinen Fall, die habe ich mir ja hart erarbeitet in meinem Leben.

Es gibt nichts Merkwürdiges mehr, aber es gibt sehr viele Dinge, die sehr neugierig machen.

Tim (15:25) Das ist sehr interessant. Während du sprichst, fallen mir Leute ein, die starke Falten haben, und ein Teil in mir würde die fast erwähnen. Und dann gibt es einen Teil, der sagt: Nee, das wäre ja gleich bewertend, abwertend — aber ja, totaler Quatsch. Und ich merke gerade die Faszination: Was wäre, wenn alles, was wir haben, erst mal so ist, wie es ist, und dann auch so perfekt ist, wie es ist? Und klar, von da aus können wir Entscheidungen treffen — aber vor allem die Geschenke erkennen.

Anne Fierhauser (15:52) Ja. Ich bin gerade an dem Thema, das du sagst, mit dem Bewerten. Da bin ich gerade auf einer ganz emotionalen, auch persönlichen Sicht noch mal drauf gestoßen worden. Ich glaube: Wenn ich Wissen über Menschen habe oder wenn ich Erfahrungen in meinem Leben mache — nutze ich die, um zu bewerten, oder nutze ich sie, um Räume zu öffnen?

Wenn ich ganz, ganz viele Erfahrungen mit Menschen gemacht habe, dann kann ich zu dem Schluss kommen, dass keiner in eine Schublade passt. Oder ich kann zu dem Schluss kommen: Ich weiß, wie dieses Leben läuft. Ich glaube, es ist eine Haltungsfrage.

Und das mit dem Bewerten — ich finde es gut, dass du das ansprichst — ist etwas, was dem Gesichtlesen sehr, sehr oft vorgeworfen wird. Und ich verstehe das auch. Denn wenn wir es mit einer falschen Haltung machen, dann können wir uns hinsetzen und sagen: Ha, du hast eine große Nase, und deswegen weiß ich, dass du so und so bist. Oder aber ich sage: Wow, ich sehe in deinem Gesicht eine große Nase. Das heißt für mich, dass Dominanz ein Thema in deinem Leben ist. Wie gehst du damit um?

Weil es kann ja auch sein, dass wir sehr dominante Menschen haben, die ihre Dominanz nicht ausleben können. Und dann öffnet es Räume. Ich finde, Gesichtlesen ist ein ganz, ganz toller Raumöffner. Die Gefahr ist ganz sicher, dass da ganz viel Bewertung und Schubladendenken drinstecken kann. Aber das hat derjenige, der das Gesicht liest, in seiner Haltung in den Händen.

Tim (17:22) Total. Bei mir kommt ein tiefer Atemzug, weil durch diese Systeme — jetzt auch beim Gesichtlesen — Folgendes passiert: Wenn ich mit dir hier im Kontakt bin und mir bewusst ist, wie viel du in meinem Gesicht ablesen kannst, entsteht eine Transparenz, eine gewisse Durchsichtigkeit. Und das ist ein Hallmark von dem, was ich als neues Bewusstsein, als neuen Menschen bezeichne: dass wir ehrlich werden.

Ich erinnere mich an eine Situation vor vielen Jahren. Ich habe eine Frau getroffen und mit ihr gearbeitet, die viel schamanisch gearbeitet hatte. Ich werde sie nie vergessen. An einem Abend saßen wir zusammen in der Küche, und mir war so bewusst, was sie in mir sieht — dass sie im Grunde meine gesamte Seele, meinen gesamten Weg sieht. Und ich habe gemerkt: Ich brauche keine Lüge zu erzählen, weil ich komplett nackt bin. Und ein Teil in mir hat Angst davor gehabt. Ein anderer hat losgelassen. Da ist mir bewusst geworden: Ja, es ist mein Thema. Projiziere ich da eine Bewertung, die es gar nicht gab? Oder erlaube ich, dass ich voll gesehen werde?

Und das ist ja genau dasselbe. Ich könnte mir vorstellen, du hast das oft erfahren — auf einer von anderen oft unbewussten Ebene: dass in dem Moment, wo du diese Transparenz siehst, quasi durchgucken kannst, ein Raum geöffnet wird. Aber kann der andere Mensch diesen Raum halten, diese Ehrlichkeit sich selbst gegenüber? Weil man ist ja sehr stark mit sich konfrontiert.

Und ich könnte mir gut vorstellen — teil vielleicht etwas dazu —, dass du dann auch Angriffe erhalten hast, weil du dieser Spiegel der Ehrlichkeit bist. Weil deine Präsenz, deine Aura das einfach ausstrahlt. Und das zu halten — da sind wir wahrscheinlich bei dem Punkt, wo du gesagt hast, dass du in der Kindheit oft erfahren hast, dass du zu viel bist. Weil ich ganz stark behaupte, dass der Schlüssel des Gesichtlesens nicht erst vor elf Jahren begonnen hat, sondern dass diese Anlage der Wahrnehmung immer schon da war — und dieses Zuvielsein da reflektiert wurde, weil andere deine Transparenz nicht halten konnten.

Anne Fierhauser (19:28) Du hast vollkommen recht. Es gibt tatsächlich viele Menschen … Auch in meinem Freundeskreis: Als ich vor elf Jahren mit dem Gesichtlesen angefangen habe — ich glaube, es gibt zwei Menschen aus dem damaligen Kreis, die noch in meinem engsten Kreis sind. Alle anderen haben sich wegentwickelt, oder ich habe mich wegentwickelt. Wir haben uns voneinander wegentwickelt. Da ist gar keine Wertung dahinter.

Und ganz oft höre ich: „Du bist im Raum, da muss ich mir den Schleier anziehen." Das ist so etwas, was ich ständig höre: „Du bist wieder da, da muss ich schnell mein Gesicht verschleiern."

Und ich glaube, auch das ist wiederum eine Erfahrung. Wir haben in unserem Leben erfahren, dass wir angreifbar sind, wenn wir wirklich gesehen werden. Menschen haben unsere Fehler in der Schule gesehen und haben uns eine Drei gegeben, dann sind wir nach Hause gekommen, und Mama und Papa waren nicht zufrieden mit der Drei. Wenn ich als Mädchen mit einem Auto gespielt habe, dann hieß es: Du musst doch mit Puppen spielen. Also: Ich werde gesehen, und aus diesem Gesehenwerden kommen oft lapidare Bewertungen raus.

Und deswegen weiß unser Unterbewusstsein: Je mehr von mir gesehen wird, desto angreifbarer bin ich. Unsere Seele weiß etwas anderes. Und je größer der Schmerz ist, in der Wahrheit gesehen zu werden — also die Angst davor —, desto mehr Angst hat man vor mir. Aber das hat ja nichts mit mir zu tun, sondern das hat etwas mit dieser Erfahrung zu tun: Weißt du eigentlich, dass du richtig bist?

Diese Erfahrung haben viele noch nicht gemacht. Ich freue mich, wenn ich Menschen diese Erfahrung schenken kann. Wenn die Seele noch nicht so weit ist, dann ist das auch okay. Ich finde, da darf man als Gesichtleser — oder als Mensch, der andere Menschen gut versteht — vorsichtig sein. Nur weil ich etwas erahne, welcher Form auch immer, heißt es noch nicht, dass ich es dem anderen aufdrücken muss.

Tim (21:30) Ja, das ist wahrscheinlich geil, dieser Prozess: Wie viel kann der andere gerade halten? Wenn es zu viel ist, verschließt sich der andere, eine neue Wunde entsteht. Aber wo ist dieser Sweet Spot, wo ein kleiner Trigger einsetzt, aber in Sicherheit empfangen werden kann — und aus der Sicherheit heraus der andere sich entfalten kann?

Anne Fierhauser (21:46) Ich finde es sehr schön, dass du das so sagst. Und es ist auch nicht mein Spruch, ich feiere da ein Teammitglied sehr, den lieben Tino aus meinem Gesichtleser-Team, der sagt: Ich frage mich bei jedem Reading — wie kann ich dir gerade dienen?

Ich glaube, auch das ist so eine schöne Erfahrung: sich in den Dienst von Seelen zu stellen. Es geht nie darum zu zeigen: Ach, ich weiß alles, und ach, was habe ich für eine Kompetenz, und ich weiß ganz genau, was in deiner Kindheit passiert ist. Das alles kann ein Gesichtleser sehen.

Aber es geht darum: Was dient in diesem Moment dafür, dass du einen Schritt weiter bist? Und ich finde, die Frage ist immer eine gute Frage, um den Sweet Spot erahnen zu können: Was dient?

Tim (22:36) Lass uns mal konkret werden, damit die Hörerinnen und Hörer sich abgeholt fühlen. Erst mal die Ohren: Du hast gesagt, die Ohren sind ein sehr starker Spiegel der Seele. Was sind die Ohrenmerkmale, die man erkennen kann?

Anne Fierhauser (22:52) Ja. Ich bekomme in meinen Seminaren oft die Frage: Hat das auch eine Bedeutung? Und ich unterbreche den Satz immer mit „Ja", weil alles eine Bedeutung hat. So ist es bei den Ohren auch.

Wenn wir mal von vorne gucken — an uns beiden ist das ein schönes Beispiel — kann man erst mal schauen: Sitzen die Ohren hoch oder sitzen sie tief? Normal sitzen sie zwischen der Augenbrauenlinie und der Nase, da sind sie irgendwie dazwischen. Wenn sie sehr hoch liegen, sind sie über beiden Linien; tief liegend sind sie unter beiden Linien.

Dann guckt man die Größe an — das ist bei uns beiden, glaube ich, ganz gut zu erkennen. Bei mir sieht man, dass ich sehr große Ohren habe. Man guckt die Größe der Ohren von Haaransatz bis Kinn an und schaut, wie oft die Ohren dazwischenpassen. Du hast zum Beispiel kleinere Ohren als ich.

Und dann sieht man von vorne auch noch: Stehen sie ab, oder sind sie so anliegend, dass sie gar nicht gesehen werden? Viele Menschen haben von vorne tatsächlich keine Ohren, weil sie so anliegend sind. Wir beide haben zum Beispiel relativ normale Ohren mit einem Hang zum Abstehenden, aber ich würde sie als normal lesen.

Dann guckt man von der Seite: Ist dieser Bereich, die äußere Helix, ganz gerade, sodass man ein Lineal dransetzen kann? Ist sie eingerollt oder ist sie platt gebügelt? Dann sieht man die innere Helix — steht die über die äußere Helix? Bei mir sieht man das zum Beispiel gerade ganz gut, die ist weiter hervorstehend als die äußere Helix. Dann natürlich die Ohrläppchen. Wie groß ist dieser Spalt hier? Wie groß ist dieser Tragus?

Es gibt nichts, was ich an diesem Ohr nicht sehen oder nicht lesen kann. Du bist jetzt so weit weg, dass ich bei dir schlecht … Ich habe halt auch so einen kleinen Bildschirm, gell?

Tim (25:07) Hm.

Anne Fierhauser (25:09) … dass ich bei dir das jetzt ganz schlecht erkennen kann. Aber da verweise ich noch mal auf unseren Podcast: Du warst ja bei mir zu Gast, da habe ich dein Gesicht ein bisschen gelesen. Du bist so weit weg, dass es schwer zu erkennen ist, und da darf man sehr genau sein. So guckt man sich das Ohr an. Also du merkst: Es gibt nichts. Wie groß ist diese Fläche im Vergleich zu jener Fläche? Es sind lauter solche Sachen, die man sich ganz genau anschaut.

Tim (25:32) Ich finde das immer faszinierend, wenn man das Ganze durch verschiedene Systeme sieht. Ich habe Sportwissenschaften studiert, Bewegungswissenschaften, und da spricht man beispielsweise vom Homunculus — von einer Karte, wie der Körper im Gehirn kartiert ist. Darauf basiert ja auch die Ohrakupunktur, obwohl ich dazu nicht viel sagen will, davon habe ich eigentlich keine Ahnung.

Aber jedenfalls gibt es Abbildungen, wie unsere Wirbelsäule im Ohr kartiert ist — und im Grunde auch unsere embryonale Entwicklung im Ohr kartiert ist. Und da sehe ich in der Bewegungswissenschaft oder Embryologie, wie die Entfaltung unseres Körpers im Ohr kartiert ist und die Wirbelsäule sich da abbildet. Da sehen wir diesen Spiegel auch neurologisch wieder.

Anne Fierhauser (26:20) Und wie krass das ist: Weil die chinesischen Gesichtleser am Ohr erkennen, wie die Kindheit gelaufen ist. Und wenn wir jetzt darüber sprechen, dass man an den Ohren auch die Wirbelsäule erkennt — unsere Kindheit ist unsere Wirbelsäule. Alles, was uns aufrichtet oder eben auch drückt, ist vielleicht nicht alles, aber doch sehr vieles an der Wirbelsäule zu erkennen.

Deswegen: Die Dinge liegen so übereinander. Es macht so viel Sinn, dass wir hier erkennen, wie die Wirbelsäule funktioniert, und auf der anderen Seite auch erkennen, wie unsere Kindheit verlaufen ist. Das ist verrückt, aber es ist am Ende des Tages so logisch.

Tim (27:00) Ja, total faszinierend. Es ist so interessant: Vor ein paar Jahren hätte man sagen können, metaphysischer, esoterischer Quatsch. Aber wenn man einmal tiefer eintaucht, merkt man: Es ist logisch. Es ist sogar eigentlich unlogisch, es nicht logisch zu finden. Das ist der Witz an der Sache.

Anne Fierhauser (27:19) Schön, dass du das so sagst, weil ich das auch immer so finde. Manchmal höre ich Zweifel — und ich finde Zweifel und Fragen und Skepsis dem Gesichtlesen gegenüber super wichtig und essenziell. Und gleichzeitig denke ich immer: Aber das ist doch jetzt keine Frage der Skepsis, sondern das ist doch logisch, dass es so ist. Das mit dem Kiefer zum Beispiel — das ist logisch. Da gibt es gar nichts.

Ja, es ist unlogisch, es nicht logisch zu finden. Darüber hatten wir in unserem Podcast auch gesprochen. Es ist vielleicht auch ein Sicherheitsventil in unserem Sein, dass wir viele Dinge, die wissenschaftlich nicht erklärbar sind, erst mal abgrenzen müssen.

Tim (28:04) Und gleichzeitig, wenn wir in die Wissenschaft hineingucken, sind so viele Dinge erklärbar. Das ist das Faszinierende. Gut, die Ohren. Was ist ein anderes Gesichtsmerkmal, wo jeder bei sich anfangen kann — was du am liebsten zu Beginn anschaust?

Anne Fierhauser (28:20) Ich finde, zu Beginn schaut man genau das an, was auffällig im Gesicht eines Menschen ist. Das ist mir beim Gesichtlesen ganz, ganz wichtig, auch wenn ich es in meinen Seminaren beibringe: Es geht nie darum, eine Blaupause darüberzulegen, sondern es geht immer darum, auf diesen einen individuellen Menschen einzugehen.

Wenn ich dich zum Beispiel jetzt aus der etwas größeren Entfernung anschaue, dann ist dieser Bereich — das dritte Auge — total auffällig. Da muss ich die ganze Zeit drauf starren, das ging mir auch so, als wir uns das erste Mal gesehen haben. Und dann weiß ich ja, dass dieser Bereich des dritten Auges das Wichtigste ist. Oder dass das das ist, was ich erst mal herausfinden will: Warum gucke ich da so drauf? Und dann hangele ich mich so durch das Gesicht.

Letztendlich ist es, glaube ich, viel wichtiger zu sehen: Was macht das Gesicht aus? Was macht dieses Gesicht charakteristisch? Ich zeige dir das mal — mal gucken, was du jetzt sagst. Was findest du, was in meinem Gesicht charakteristisch ist?

Tim (29:22) Zum Beispiel fällt mir die Falte zwischen deinen Augen auf. Und vor allem, dass ich links eine Falte sehe und rechts nicht. Das ist das Erste, was mir auffällt.

Anne Fierhauser (29:30) Genau. Ja, ja.

Also da würdest du tatsächlich an ein Grundthema in meinem Leben kommen. Es gibt in diesem Bereich 64 verschiedene Falten. Da darf man nicht … Aber du hast das total gut gesehen, weil die allermeisten immer sagen: Du hast eine Falte in der Mitte. Nein, es ist keine Falte in der Mitte, weil die eine komplett andere Bedeutung hat. Es ist die Falte auf meiner linken Seite. Du hast es komplett richtig gesehen.

Und diese Falte sagt einem Menschen — wenn sie links ist, sie muss links sein —, dass ich über meine Emotionalität nachdenke und nachgrüble. Es ist die emotionale Grübler-Falte. Übersetzt heißt das: Dieser Mensch war schon in fundamentalen Situationen, wo er sich und seinen Lebenssinn angezweifelt hat.

So. Jetzt habe ich dir von meiner Kindheit erzählt. Ich habe 35 Jahre das Gefühl gehabt, ich bin falsch. Ich darf eigentlich nicht auf dieser Welt sein. Tausend Sachen — ich habe mich immer wieder mit der Frage beschäftigt: Darf ich das? Bin ich falsch? Sollte ich vielleicht nicht auf dieser Welt sein? All diese Dinge. Und das spiegelt sich in meinem Gesicht.

Das wirst du in meinem Gesicht immer wieder finden und auch die Gründe dahinter finden. Jetzt würdest du weitergehen und sagen: Aber die Frau scheint ja jetzt nicht unbedingt die Depression auf der Stirn zu tragen. Und du würdest vielleicht weitergucken und sagen: Ach krass, guck mal, eines meiner sehr auffälligen Merkmale sind meine Augenbrauen. Ich habe sehr starke Augenbrauen. Und die sprechen von unglaublich viel Temperament und Leidenschaft und auch der Fähigkeit, Wut zu leben. Wut und Leidenschaft und Kraft zu leben.

Das heißt, jetzt würdest du anfangen zu puzzeln und würdest sagen: Okay, die Frau hat gegebenenfalls richtig emotionalen Deep Shit durchlitten — da ist schon ein Leiden drin, emotionales Leiden. Sie ist dem aber mit Temperament und Wut begegnet. Und so könntest du dich durch mein Gesicht hangeln und irgendwann meine Geschichte herausfinden.

Du würdest ja nicht sagen: Sie ist dem mit Wut begegnet — aber sie hat die Kraft der Wut in sich. Wie hängt das zusammen? Und so würdest du dich durch ein Gesicht puzzeln. Und je nachdem, was im Gesicht wichtig ist, so sind die Lebensbereiche wichtig. Beispielsweise meine Augenbrauen sind eines der auffälligsten Themen, die ich mitgebracht habe. Da geht es um Temperament, Leidenschaft, Dinge nach vorne zu bringen.

Tim (32:12) Interessant. Wir haben im Vorgespräch über die Wüste gesprochen, und was ich gerade sehe, ist, wie du in der Wüste im Oman stehst und schreist. Wie du dir da erlaubst zu schreien und alles rauszulassen, was sonst nicht rausgelassen werden sollte.

Anne Fierhauser (32:27) Jetzt hast du mich gleich emotional, weil es genau diesen Moment gab. Genau das ist passiert — das ist es, was mich der Wüste gegenüber so weich hat werden lassen.

Tim (32:41) Eigentlich will ich noch gar nicht vom Gesicht weggehen. Aber ich will trotzdem mit dir in die Wüste gehen — warum die Wüste deine Seelenheimat ist. Lass uns einmal direkt in die Wüste gehen, weil das für dich einfach so eine große Bedeutung zu haben scheint. Was ist die Story der Wüste?

Anne Fierhauser (32:56) Die Story der Wüste — und das ist ein Zeichen dafür, dass sie wirklich eine Seelengeschichte ist: Mir fällt sie nach drei Jahren immer noch schwer zu erzählen und gut in Worte zu fassen.

Es war ein Zufall. Eine Freundin von mir wollte mit mir in die Wüste. Wir waren im Oman, haben da etwas Geschäftliches gemacht, und sie sagte so als Dankeschön: Dafür, dass du mich begleitet hast, möchte ich dich in die Wüste einladen. Und es waren irgendwie 400 Kilometer dahin zu fahren, und ich hätte gesagt: Warum soll ich denn jetzt für eine Nacht in die Wüste fahren, was für ein Blödsinn. Ich hatte einen Widerstand ohne Ende in mir und habe da wirklich rumgebockt, obwohl das eigentlich gar nicht meine Art ist. Ich bin eigentlich so ein Ja-zum-Leben-Sager. Warum nein — also dann doch ja.

Na ja, da habe ich richtig gebockt. Dann sind wir da irgendwie … Man fährt keine Ahnung 240 Kilometer über die Autobahn und alles ein bisschen. Und dann gibt es einen Punkt — und heute gibt es davon auch viele Bilder von mir —, wo tatsächlich der Asphalt zu Ende ist. Es ist wirklich so ein magischer Punkt. Und wirklich, Tim: Ich bin über diesen Punkt gefahren und habe einfach angefangen zu weinen.

Und ich bin nicht so der Weiner in meinem Leben. Das ist nicht meine erste Sprache. Und ich habe einfach gedacht: Alter, was passiert hier? Es ist etwas … Ich kann das immer noch nicht in Worte fassen. Es ist etwas passiert, was nicht von dieser Welt war. Allein schon in diesem Auto.

Und dann fahren wir noch 160 Kilometer an einen Ort. Heute weiß ich, dass das mein Seelenort ist. Ich habe da anscheinend mal ein Glücksleben gelebt, wie auch immer. Und ich war einfach für 24 Stunden — ich habe keine Traurigkeit in mir gehabt, ich habe eine unfassbare Leichtigkeit in mir gehabt. Ich habe eine Leere in mir gehabt, aber eine Leere im Sinne des Schönsten, was passieren kann. Ich habe keine Bewertung, keine Zukunft, keine Vergangenheit, gar nichts in mir gehabt, sondern habe einfach da gesessen.

Ich bin schon vor fast zwei Jahrzehnten mal fünf Tage durch den Dschungel gelaufen, mit einer Machete. Und ich sage immer: Alles antwortet dir. Auch so ein Wald antwortet dir. Wenn du mit einem Fluss sprichst — alles gibt dir eine Antwort. Der einzige Ort, von dem ich keine Antwort bekommen habe, ist die Wüste. Aber ich habe den Raum bekommen, eine eigene Antwort zu finden.

Und die Wüste antwortet dir nie, aber sie hält dich so lange aus, bis du dir selbst begegnest.

Es sind nur Wunder passiert in dieser Wüste. Ich war jetzt viermal da. Es ist immer wieder so, dass ich da nur mit ganz vielen Tränen zurückgehe. Und ich gehe da nur zurück, weil ich weiß, dass hier in dieser Welt etwas auf mich wartet. Ich könnte mich da auflösen. Ich hätte die Kraft, mich an diesem Ort aufzulösen.

Ich glaube, es ist meine Seelenheimat.

Tim (36:12) Ich hatte gerade so etwas zu spüren. Das kennen wir selber — so ein Ort, wo es bei uns eben auch so ist. Ich konnte so spüren, wie man der Straße folgt, erst asphaltiert, gefühlt irgendwie der Falte folgt. Der Falte folgt, die noch da ist. Dann hört diese Straße auf und es löst sich auf. Alles wird weich, alles wird weit. Da ist dieses Oman, Omen irgendwie da — und nichts ist mehr da. Die Fragen sind weg, die Antworten sind weg. Und gleichzeitig ist alles da.

Anne Fierhauser (36:47) Ja, du bringst das total schön. Ich mag deine Wortwahl, das ist mir schon das letzte Mal aufgefallen. Du kannst wunderbar spiegeln, und genauso ist es.

Und ich glaube auch: Die Wüste ist einfach auch … Ich sage immer wieder: Wir würden alle in drei Stunden in dieser Wüste — wir sind 160 Kilometer im Nirwana — wir würden alle nicht überleben können. Keiner von uns. Diese Wüste hat die Kraft, innerhalb kürzester Zeit zu töten. Und gleichzeitig ist sie der weichste Ort, den ich jemals kennengelernt habe.

Es ist so etwas Kraftvolles und Weiches und Sanftes gleichzeitig. Wenn ich schon da saß und wirklich mit Wut auf den Sand gehauen habe — es passiert nichts. Weißt du, haust du auf einen Baum oder auf irgendeinen Stein, hast du Schmerzen. Die Wüste akzeptiert das, macht das Loch wieder zu und sagt: Mach weiter, bis du fertig bist.

Tim (37:45) Ich liebe es, diese Geschichte zu hören, weil sie auch tiefe Teile in mir anspricht. Wir haben alle eine unterschiedliche Seelenheimat, sicherlich. Andererseits sind wir Menschen. Und ich glaube und spüre ganz tief, dass wir als Menschen auf einer ganz biologischen Ebene einfach zur Wüste oder zum Kontinent Afrika eine tiefe, tiefe Affinität als mütterliches Prinzip haben.

Ich habe im Vorgespräch erzählt, dass ich auch eine tiefe Erfahrung hatte, in einer etwas anderen Wüste: in den Rocklands in Südafrika, was eher eine Steinwüste ist. Schlagen ist ein bisschen schmerzhafter, sage ich mal, weil da viel Fels ist. Aber ich war damals etwa drei Wochen da und habe draußen gezeltet. Und ich erinnere mich an die Momente, wo ich einfach dalag und die Langsamkeit — es war so ein ganz tiefer Herzschlag der Erde zu hören, und eine absolute Leere und Fülle gleichzeitig. Und dieser unendliche Frieden. Es war, als würde ich im Schoß der Erde liegen.

Ich bezeichne das nicht als meine Seelenheimat — obwohl ich glaube, unsere Seelenheimat hat viele Dimensionen —, aber wie der Schoß der Erde, wo ganz tief in meiner Wirbelsäule, meinem Becken etwas Heimat findet.

Anne Fierhauser (38:56) Wie schön du das beschreibst. In diesem Schoß der Mutter Erde zu sein — das fühle ich wiederum, wenn du es erzählst. Das ist super schön.

Ja, ich glaube, am Ende des Tages ist es auch so … Ich frage mich immer: Was macht diesen Ort so besonders? Da ist halt noch nicht so viel passiert. Da sind keine Kriege gewesen. Du hast an diesem Ort auch kein WLAN. Du hast keinen Empfang, du hast nichts. Dieser Ort hat noch nichts gespeichert.

Und aus dieser Nicht-Speicherung heraus — ich glaube, da knüpfen unsere Seelen an. Und das hört sich bei dir genauso an. Das ist ein Raum der Wertfreiheit. Und in diesem Raum knüpft unsere Seele an und sagt: Gerade fühle ich mich geborgen, weil hier keine Geschichten gespeichert sind. Und auch meine Seele kann dann die gespeicherten Geschichten nicht als relevant betrachten.

Tim (40:06) Ja, es wird alles so wunderschön paradox. Weil einerseits sind diese Orte uralt, da ist wahnsinnig viel Geschichte — und dann aber doch wenig Verzerrung. Da ist eigentlich die ursprüngliche Erinnerung. Das ist es vielleicht: Die ursprüngliche Erinnerung ist da und resoniert.

Anne Fierhauser (40:18) Genau. Ich kriege Gänsehaut, wenn du das sagst. Und ganz ehrlich, da ist es dann auch egal, ob es eine Steinwüste oder eine Sandwüste oder eine Salzwüste ist — es sind alles Orte, wo wir die Ursprünglichkeit noch mal spüren können, weil sie nicht verzerrt sind. Sie haben keine bösen Geschichten gespeichert.

Wir haben beide unsere Geschichte mit dieser einen Stadt. Das Gegenteil ist Dresden. Wenn du nach Dresden kommst und dich ein bisschen mit dieser Stadt in Verbindung setzt, spürst du einfach nur Schmerz und Leid. Weil das gespeichert ist.

Tim (40:59) Wow. Gehen wir da jetzt rein. Das ist so interessant, weil eine Bekannte von mir, JJ Brighton — die auch bald im Podcast sein wird — neulich ein Event in Dresden gemacht hat, wo es um die Heilung von Dresden ging. Sie ist Amerikanerin, war aber gerufen, in Dresden ein Gridwork-Event zu machen. Davor hat sie mich kontaktiert, beziehungsweise ich hatte sie kontaktiert, dann haben wir zusammengefunden, weil ich in Dresden gewohnt habe.

Sie hat mich gefragt: Kannst du etwas über die Energie von Dresden teilen? Da habe ich mich erst mal wieder in die Stadt eingetunt und so hineingefühlt. Und dann ist mir eines bewusst geworden: Diese Landschaft — wunder-, wunderschön. Das Elbsandsteingebirge, wunderschön, keine Frage.

Anne Fierhauser (41:38) Wunderschön!

Tim (41:42) Und dann haben wir auch die Architektur, die aufgebaute Frauenkirche und so weiter. Und dann ist es aber so: Die Architektur ist neu, ja — aber es ist alles noch gespeichert. Es ist wie eine Betondecke drüber, und darunter ist so viel Schmerz.

Wenn ich mich da hineinspüre, kommt unfassbar viel Trauma, das nie entlassen wurde. Und aus irgendeinem Grund spüre ich so sehr die Schreie und die Feuer, die dort gewütet haben, unter der Erde in brennenden Kellern — und die Schreie. Und wie einmal ein Schleier darübergelegt wurde. Oder kein Schleier, sondern eine Mauer, eine Decke, und das ist gespeichert. Und es ist unfassbar schmerzhaft oder schwierig, das zu entlassen, das wieder zu harmonisieren. Aber das ist da eben noch mit drin.

Ich habe dann den Prozess mit JJ Brighton auch realisiert. Spannend: Ich habe elf Jahre da gewohnt. Nach ungefähr drei, vier Jahren wusste ich, ich will eigentlich weg. Ich bin aber geblieben. Merkwürdigerweise habe ich erkannt: Ja, es gab den Teil in mir, der dachte, er müsse das tragen, müsse das mitheilen, müsse dableiben, um für Heilung zu sorgen. Irgendwann habe ich dann entschieden: Es ist nicht mehr meins zu tun.

Anne Fierhauser (42:43) Es ist genau die gleiche Geschichte, die ich habe. Genau die gleiche. Und ich verurteile Dresden nicht, überhaupt nicht. Aber Dresden hat ein unglaubliches Leid erfahren und trägt die Schwere. Ich habe es da auch nicht mehr ausgehalten. Ich habe gesagt: Ich gehe hier kaputt.

Und ja, vielleicht ist es — oder ganz ehrlich, böses Thema, aber: Geh weg von Dresden, weil mir immer gesagt wird, dass ich Dresden irgendwie nicht positiv sehe. Geh an den Ground Zero in New York. Was du da an Energien spürst, ist ein unfassbares Leid.

Um zurückzukommen: An so einem Ort in der Wüste hat so etwas nicht stattgefunden. Und deswegen — so wie du am Ground Zero stehst, ich stand da noch nie, aber ich habe mir erzählen lassen, dass ich es vielleicht auch nicht tun sollte — oder geh nach Auschwitz und fühle die Energien. Es ist die Hölle. Und das alles — und das dürfen wir auch mal im positiven Gegenstück sehen — findet in einer Wüste nicht statt. Und deswegen können wir uns frei machen.

Tim (44:09) Ich bin ja nun in Weimar aufgewachsen, direkt dort, wo auch das Konzentrationslager Buchenwald ist. Und es hat für mich lange gedauert — Jahrzehnte, logischerweise, kein Vorwurf als Jugendlicher — zu realisieren, warum einerseits Weimar großartig ist, Goethe, Kunst, und andererseits so viel Schwere und Schmerz da ist.

Wenn ich die Geschichte von Dresden realisiere und Dresden dann als Wesen wahrnehme — es klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber als Wesen wahrnehme, das so viel Schmerz erlitten hat, wie wir Menschen, wie wir alle. Und diese Entzündung, die darunter da ist und zurückgehalten wird, weil keine Transparenz da ist, weil das Trauma nicht verarbeitet wurde — da kann ich nicht anders als Mitgefühl zu empfinden. Ganz viel Mitgefühl gegenüber dem Wesen Dresden.

Und da kommen wir ein bisschen zu dem interessanten Ding: Wenn ich das spüre — die Lösung ist, wenn wir uns das anschauen, in Transparenz gehen, akzeptieren und dann wieder fließen lassen. Dann kann Dresden diese Orte wieder heilen. Genau wie wir das können. Da sind wir beim Thema Gesichtlesen, beim Thema Energielesen — und wie wir diese Wunden, diese Narben sehen.

Anne Fierhauser (45:24) Ich glaube — und das ist ein Punkt, und es ist wirklich egal, ob wir über Dresden oder das Gesicht sprechen: Vielleicht ist Heilung nicht im Sinne von „es wird wieder alles gut", sondern: Ich kann es akzeptieren und kann daraus die Stärke entwickeln.

Da bin ich sehr überzeugt davon. Es gibt auch tatsächlich Gesichter, die ich zeigen könnte — die ich in meiner Intensivausbildung als Thema habe: Wo Licht ist, ist Schatten, wo Schatten ist, ist Licht. Und überall, wo du Schmerz siehst, kann etwas Neues daraus transformieren, wenn ich es nicht negieren will.

Und das ist genau das, was vielleicht auch meine Falte ist. Ich will nicht negieren, dass ich dieses emotionale Leid ganz tief gefühlt habe. Weil, wenn ich es negieren würde, könnte ich keine Stärke daraus entwickeln. Wenn ich es anerkenne und transformiere, kann daraus eine riesige Kraft werden.

Und das ist dieses: Warum wollen wir denn immer alles wegmachen? Warum können wir nicht verstehen, dass die Geschichten, die Städte, wir, Seelen, Länder erleben, eigentlich dazu da sind, etwas noch Stärkeres daraus werden zu lassen?

Und daran glaube ich bei Dresden auch. Ich glaube daran, dass Dresden eine riesige Kraft hat, die es noch finden darf. Wenn die Schwere vielleicht anerkannt wird. Vielleicht geht es gar nicht darum, sie loszulassen, sondern zu sagen: Ja, diese Stadt hat ein Schicksal, das viele andere Städte so nicht haben.

Tim (47:03) Ich glaube, ein Grund — auch der psychologische Mechanismus — ist der Irrtum: dass in dem Moment, wo wir es voll akzeptieren, uns akzeptieren, die Dunkelheit akzeptieren, wir das auch tun müssten. Dass wir dann da hineingehen und das leben. Aber der Witz an der Sache ist ja: In dem Moment, wo wir in tiefe Akzeptanz unserer größten Schatten, unserer größten Wunden kommen, nehmen wir ihnen damit die Kraft.

Und ja, es gibt den Moment, wo uns das erst mal voll überflutet. Aber dann können wir eine neue Wahl treffen, aus unserer Mitte heraus, weil diese Energie entladen ist. Ich persönlich habe erst mal Angst davor, dass mich das übermannt. Ich habe diesen dissoziierten Teil von mir, diesen — sagen wir mal — Arschloch-gefährlichen Teil. Und in dem Moment, wo ich ihn akzeptiere, würde das heißen, ich werde also dazu. Aber wenn ich einmal hineingehe, integriert er sich von selbst, und ich kann eine neue, freie Wahl treffen.

Anne Fierhauser (48:02) Ich glaube auch, dass das der Weg zur Selbstbestimmung ist, der wirkliche Weg zur Selbstwirksamkeit. Weil das, was du auch sagst: dieses Leid anerkennen. Und wenn ich es wirklich anerkannt habe, dann muss ich kein Mitgefühl mehr haben oder mich nicht mehr vom Mitleid anderer nähren. Und das wiederum heißt: das Verlassen der Opferrolle.

Und ich glaube, dass das Verlassen der Opferrolle eines der schwierigsten Themen in unserem Leben, in all unseren Leben ist. Weil jeder von uns ab und zu gerne mal in die Opferrolle geht — das soll mir keiner erzählen, dass er das nicht lebt. Wo ich sage: Weil die Opferrolle uns auch vor unserer Selbstwirksamkeit schützt.

In dem Moment, wo ich sage: Okay, ich habe dieses Leid erlebt, und es ist auch okay so, und da brauchen wir jetzt nicht mehr reden, sondern da können wir jetzt weitergehen — dann kann ich mich über dieses Leid auch nicht mehr identifizieren.

Tim (48:52) Hm. Das ist ein Prozess. Und du hast vorhin so schön gesagt: Die volle Wahrheit kann manchmal zu viel sein. Ich merke das auch — das Opfer anzuerkennen und dann im eigenen Tempo Verantwortung zu nehmen. Auch das ist wichtig, weil in die volle Verantwortung zu steigen ein riesen, riesen Ding sein kann.

Ich persönlich habe mich manchmal damit verbrannt, indem ich zu viel Verantwortung auf einmal übernommen habe: eine ganze Stadt sofort zu heilen, oder als deutscher Mann die ganze maskuline Wunde auf einmal zu heilen. Das kann auch ein bisschen viel sein.

Anne Fierhauser (49:32) Da ist dieser starke Anteil in dir, dieser Wut-Anteil, der jetzt sofort alles machen will. Aber wie spannend, Tim — guck mal: Wir reden hier über Dresden, wir reden über Gesichter, wir reden über Seelen und über die Wüste. Am Ende des Tages ist doch alles im Kleinen wie im Großen und im Großen wie im Kleinen.

Wenn wir das verstehen, dass es keine Abgrenzung gibt, und dass Dresden und Gesichter ähnlich liebend angeschaut werden können — dann würde Frieden entstehen.

Tim (50:07) Ja. Die Wüste, Gesichter. Wow.

Ich bin noch fasziniert von der Nase, da würde ich gerne noch mal nachfragen. Die Nasenform und Nasenart, die sich so schnell wandelt — vielleicht hat sich die Nase in den letzten 50 Minuten, in denen wir sprechen, ja schon geändert.

Anne Fierhauser (50:24) Ja, nicht sichtbar, aber ja, kann sein.

Tim (50:27) Das geht mir jetzt gerade auf: Wenn ich Dinge beobachte, was ich gerade eben tue, dann sehe ich das energetisch anders. Und das ist etwas, wo ich die Realität nicht ganz greifen, nicht ganz verstehen kann. Aber ich behaupte: Wenn wir tiefer spüren, tiefer sehen, können wir Unterschiede extrem schnell wahrnehmen. Und dann kann Realität — das ist ganz komisch zu beschreiben — sich instantan verändern.

Ich weiß nicht, was daran jetzt physisch ist und was nicht. Aber wenn ich darauf achte, sehe ich sofort, dass sich mit einem Gedanken regelrecht das Gesicht verändert und wieder in eine andere Richtung verändert. Ob andere das auch so sehen? Keine Ahnung. Wie auch immer — jedenfalls: Lass uns mal in die Nase gehen. Was drückt die Nase aus?

Anne Fierhauser (51:13) Ja, lass uns mal an die Nase gehen. Also ich glaube, dass du energetisch — und das sieht man ja auch in deinem Gesicht, ich sage jetzt mal wieder drittes Auge — extrem scharf siehst und extrem gut siehst. Du hast sehr tief liegende Augen, aber sehr weit auseinanderstehende Augen: Du beobachtest also das Ganze.

Und ich komme jetzt zur Nase zurück. Ich glaube, dass das, was du energetisch siehst, für andere so eine Idee ist, so ein nebulöses Ideentum, das sie nicht greifen können. Und du kannst das extrem gut greifen.

Beispiel: Ich habe einen Freund, der mit einer Frau zusammen war, die er sehr geliebt hat. Und die hat sich innerhalb der Partnerschaft ihre Nase verändern lassen. Und er hat sich innerhalb kürzester Zeit von ihr nicht mehr angezogen gefühlt und hat sich von ihr getrennt. Er konnte im Grunde nicht so genau sagen, warum. Irgendwann hat er gesagt: Es muss mit der Nasen-OP zu tun gehabt haben.

Weil sie mit der Nasen-OP und der Nasenveränderung … Sie hatte eine relativ kräftige Nase und dadurch einen kräftigen Willen. An der Nase erkennst du den Willen, das Willenszentrum des Menschen, und auch ein bisschen das Arbeitszentrum. Wenn ich in Unternehmen bin und Teams zusammenstelle oder Team-Mediationen mache, dann gucke ich immer auf die Nase, weil du an der Nase auch erkennst: Wie arbeitet ein Mensch? Wie geht ein Mensch an die Dinge heran? Wie verhält er sich in einem Team? Hat er Führungsenergie, all diese Sachen — oder Führungswillen? Energie haben wir wahrscheinlich alle, aber die Frage ist ja: Möchte ich überhaupt der Anführer sein oder möchte ich das nicht?

Na ja, und was bei ihm passiert ist: Dieses, was du energetisch sehr klar wahrnehmen kannst — er hat irgendwie gemerkt, ich fühle mich nicht mehr angezogen, ich finde die Frau inzwischen nicht mehr anziehend oder fühle mich sogar abgestoßen von ihr. Weil sie an ihrer Grundenergie ihres Willens etwas verändert hat. Und dadurch hat sich die komplette Beziehungsdynamik erst optisch, dann aber irgendwann auch energetisch verändert. Weil: wie im Innen, so im Außen.

Und wenn wir daran nicht glauben, dass wir uns verändern, weil sich unsere Nase verändert — da würde ich gerne das Beispiel der Augenbrauen nehmen. Die Augenbrauen zeigen uns die Wirkung. Meine Augenbrauen sprechen darüber, wie ich auf andere Menschen wirke.

Wenn ich sehr starke Augenbrauen habe, dann werde ich von Menschen … die haben so eine unbewusste Führungsqualität, die werden immer gefragt: Wie machen wir es denn jetzt? Die müssen irgendwie immer nach vorne laufen. Und die werden auch als relativ dominant und willensstark und temperamentvoll wahrgenommen. Und wenn ich ganz schmale Augenbrauen habe, dann falle ich meinem Gegenüber weniger auf.

Wenn ich jetzt also meine Augenbrauen verändere — ich habe eigentlich starke Augenbrauen, und dann zupfe ich sie mir der Mode wegen klein —, dann wirke ich anders auf andere, die anders mit mir umgehen. Und das hat wiederum etwas mit mir zu tun, mit meinem Verhalten. Und so ist das mit der Nase am Ende des Tages auch. Wir schauen uns an, wie das wirkt, unser Unterbewusstsein reagiert darauf und verhält sich entsprechend — und das hat wiederum eine Wirkung auf uns.

Tim (54:49) Wow, super spannend, diese Feedback-Schleife. Und was mir dazu noch kommt, ist das Thema Authentizität. In dem Moment, wo jemand eine Nasen-OP hat, drückt die Seele vielleicht trotzdem etwas anderes aus als das Gesicht. Das wirkt für mich total irritierend. Ich weiß im Grunde gar nicht, wo ich bin, weil dieser Mensch im wahrsten Sinne des Wortes eine Maske aufhat.

Anne Fierhauser (55:13) Ist voll so.

Tim (55:13) Und das würde für mich persönlich erst mal abstoßend wirken, weil einer meiner höchsten Werte Authentizität ist. Und ich behaupte, auf einer tiefen Ebene ist der Wert Authentizität für jeden ganz, ganz wichtig.

Anne Fierhauser (55:26) Und gleichzeitig möchte ich an dieser Stelle auch nicht sagen, solche Veränderungen seien falsch. Es gibt kein richtig und kein falsch, es stecken eben nur Bedürfnisse dahinter.

Ich habe mal ein Interview mit jemandem geführt, der sich eine Zeit lang manisch seine Augenbrauen ausgezupft hat und dann in einem Selbstmordversuch geendet ist, der Gott sei Dank nicht funktioniert hat. Aber was war sein tiefstes Bedürfnis? Er wollte von anderen Menschen nicht gesehen werden. Und deswegen hat er sich, ohne dass er es wusste, zweimal am Tag manisch die Augenbrauen ausgezupft — weil du Menschen nicht wahrnimmst, die keine Augenbrauen haben.

Da müssten wir jetzt einen tiefen Dive machen, aber nehmen wir das mal so hin: Unsere Seele sagt uns schon, warum wir etwas verändern wollen. Und für mich ist es immer wichtig, wenn Menschen mich fragen: Anne, ich würde gerne die und die Veränderung in meinem Gesicht machen lassen, was sagst du dazu? Dann rechnen alle damit, dass ich sage: Auf gar keinen Fall! Sondern ich sage: Guck dir die Themen dahinter an. Und wenn du dann entscheidest, dass es für dich wichtig ist, nicht so dominant auf die Welt gucken zu wollen oder wie auch immer — dann mach das.

Aber tu es nicht, nur weil irgendein Modezar sagt, dass es jetzt richtig sei, die und die Nase zu haben. Auch da: Es geht immer nur ums Bewusstsein. Es geht nicht darum, ob ja oder nein, sondern: Bist du dir bewusst, was du veränderst, und willst du das?

Tim (56:49) Ja, letztendlich kreieren wir eine andere Situation und damit einen anderen Spiegel. Und der Spiegel kann super hilfreich sein für den Selbsterkenntnisprozess — wenn wir uns bewusst sind, dass wir uns damit einen anderen Spiegel kreieren.

Eine Frage brennt mir auf der Zunge: Du hast so oft das Wort Seele benutzt. Es scheint bei dir ganz viel um das Wort Seele zu gehen. Und das ist eines der Konzepte, das für viele ein Konzept ist. Aber was ist in deinem Empfinden, in deinen Worten die Seele? Ich weiß, das ist eine große Frage, aber vielleicht kannst du ein paar Worte dafür finden.

Anne Fierhauser (57:25) Also, ich finde das wirklich eine große Frage. Und es ist spannend, dass du der Erste bist — weil ich wirklich viel von Seele quatsche — der Erste, der mich das fragt.

Sagen wir mal so: Ich muss mir das jetzt mal selbst kurz herleiten. Ich sage immer: Das Gesicht ist die Brücke zur Seele. Und das Gesicht erzählt uns letztendlich unsere Essenz. Und wenn ich auch sage — da bin ich wieder in der Wüste —: Warum ist das ein Seelenort? Weil ich in der tiefsten Essenz meiner selbst sein kann.

Ich glaube, dass Seele letztendlich die Essenz dessen ist, was wir an Licht in diese Welt mitgebracht haben. Das heißt: Die Seele ist etwas unglaublich Lichtvolles, und es ist etwas, was nicht sterblich ist. Und dieses Licht sieht bei jedem Menschen anders aus, weil wir ganz andere Perlen mitgebracht haben, die unsere Seelen auszeichnen.

Ich glaube, es ist die Essenz unseres Lichtes — ohne energetischen Müll davor.

Tim (58:42) Das kann einfach jeder für sich resonieren lassen. Das ist eine der Fragen — vielleicht die einzige Frage. Weil in ihrer Essenz unser Leben eben das ist, wo sich die Seele erfährt. Das heißt, diese Frage kann im Grunde gar keine Definition haben, weil das ganze Leben letztendlich die Antwort ist. Genauso wie die Seele unsterblich ist, ist sie auch nie geboren. Aber dem möchte ich eigentlich keine Worte hinzufügen.

Anne Fierhauser (59:04) Spannend, dass du mir jetzt eine Denkaufgabe für die nächsten Radtouren gegeben hast.

Tim (59:16) Ich habe eine Frage aufgeschrieben, die ich meiner Frau Elisabeth gestellt habe: Was wären denn Fragen an Anne, die dich interessieren? Und sie hat interessiert, welche Gesichter aktuell vielleicht auf der Weltbühne sind. Garantiert guckst du dir Gesichter auf der Weltbühne an, Menschen, die viel Macht haben. Könntest du eines herauspicken und ein paar Merkmale nennen?

Die Frage ist auch deshalb interessant, weil du gesagt hast: Es gibt keine schlechten Gesichter, es gibt kein Gut oder Schlecht, kein Richtig oder Falsch. Gibt es böse Gesichter? Gibt es da Merkmale? Was kommt dir da als Erstes?

Anne Fierhauser (1:00:03) Tatsächlich — und ich finde das superschön, dass wir in diesem Gespräch immer wieder um die Essenz meines Ehrenkodexes kreisen, ohne dass ich ihn jemals genannt habe.

Ich kann an dieser Stelle nur sagen, was ich als Gesichtleserin mit meiner Haltung, mit meiner Seele und meiner Haltung aufs Leben tue. Das kann nicht das sein, was alle machen müssen. Ich kann da wirklich nur von meiner eigenen Art des Gesichtlesens sprechen.

Ich persönlich halte das Gesichtlesen für eines der größten Instrumente und Wunder, um Menschen in ihren persönlichen Lichthimmel zu bringen — und gleichzeitig für eine der größten Atomwaffen, um Menschen in ihre Dunkelheit zu treten. Und um diesen moralischen Aspekt in sich zu verankern, habe ich einen Ehrenkodex geschrieben. In diesem Ehrenkodex sind zehn Punkte, an die wir uns halten sollten, wenn wir ans Gesichtlesen herangehen. Moralische Punkte. Es hat etwas mit Haltung zu tun: Stelle ich Diagnosen? Drücke ich mein Wissen auf?

Und einer dieser Punkte ist: Lies nur in der bedingungslosen Liebe. Das heißt: Das Allerwichtigste für mich, wenn ich ein Gesicht lese, ist — für mich ist das eine Lichtsäule, in die ich den Menschen hineinstelle und ihn aus dem Licht der bedingungslosen Liebe anschauen kann. Und ich überprüfe bei jeder Person … weil die bedingungslose Liebe mir eine Wertfreiheit gibt und mir den Menschen in der schönsten Version seiner selbst gibt.

Ich überprüfe, bevor ich einen Menschen lese, ob dieser Mensch in diese Säule geht. Worauf ich hinauswill: Schon viele Menschen haben mich gefragt: Können wir Herrn Hitler mal lesen? Oder können wir Putin oder Herrn Trump lesen?

Ganz ehrlich: Meine Seele ist nicht groß genug dafür, diese Menschen in die bedingungslose Liebe zu stellen. Das kann auch nur ich über mich sagen — es gibt Menschen, die das können. Und deswegen habe ich diese Menschen nicht gelesen. Weil ich für mich überprüfe, ob ich den Menschen … Ich finde, Gesichtlesen ist eine riesige Verantwortung für die Seele. Du hast eine kleine Seele in der Hand, und du hast alle Chancen für alles.

Auch eine Hitler-Seele, auch eine Trump-Seele und auch eine Putin-Seele sind Seelen, die schlichtweg voll sind. Aber ich als Anne Fierhauser bin nicht in der Lage, diese Menschen in ihrem lichtvollsten Licht zu sehen — und deswegen habe ich nicht das Recht, sie zu lesen. Deswegen kann ich genau diese Menschen nicht benennen und kann dir wenig über ihr Gesicht sagen.

Und so ist es immer einfacher, Menschen zu lesen, die man nicht kennt oder die man sehr sympathisch findet.

Tim (1:02:58) Ja, wow. Also eine ganz, ganz große Antwort. Ganz, ganz große Antwort. Auch mit der Reflexion: Ich meine, du siehst so viele Menschen, du kannst so viel halten — und trotzdem legst du für dich fest, Verantwortung zu übernehmen. Denen kannst du nicht genug Raum bieten.

Da darf sich jeder an die eigene Nase fassen: Wann sind wir in einem Urteil? Wann nehmen wir uns selbst heraus, andere beurteilen zu können, sehen zu können — was wir vielleicht eben nicht ganz können, weil wir in dem Moment nicht groß genug sind? Weil vielleicht unsere Seele in der vollen Expression es könnte, aber wir immer noch eine Persönlichkeit haben, die die Seele exprimiert und die vielleicht nicht groß genug ist.

Anne Fierhauser (1:03:43) Ja, total.

Tim (1:03:45) Das ist okay. Es ist absolut okay. Und dann nicht in eine spirituelle Bypass-Idee gehen. Wir haben eine Persönlichkeit, wir haben ein Ego, was die Seele in einer gewissen Art und Weise kompromittiert. Und wir können es eben nicht halten. Das ist okay. Sonst würde es zu einer gefährlichen Verzerrung kommen.

Ich atme tief. Und ich sehe das ganz viel in einer gewissen New-Age-Spiritualität, wo viele vielleicht zu weit gehen, sich zu viel aufhalsen, zu viel anmaßen. Und auch das ist mehr oder weniger wertfrei gemeint. Ich denke jetzt auch nur laut und finde deine Antwort großartig.

Anne Fierhauser (1:04:21) Ich finde, viele Menschen in der New-Age-Szene erlauben sich nicht mehr, Mensch zu sein. Ganz ehrlich, wenn ich höre: „Ich bin nur Licht und Liebe" — da sage ich: Wenn du nur Licht und Liebe wärst, dann würdest du nicht mit diesem Körper, mit dieser Erdanziehungskraft auf diesem Planeten herumlaufen.

Du bist nicht nur Licht und Liebe. Du bist Mensch. Und Mensch hat ein Ego, Mensch hat Bedürfnisse, Mensch hat alles. Und das dürfen wir auch, sonst wären wir nicht so inkarniert. Und da denke ich immer: Warum haben denn Menschen an sich selbst den Anspruch, sie seien nur Licht und Liebe? Damit erlauben sie sich ja das Menschsein nicht mehr.

Tim (1:04:59) Und jetzt sind wir wieder bei der Wüste. Du hast gesagt, du könntest dich da auflösen. Du könntest wieder zu Licht und Liebe werden. Und es gibt diese Orte, wo wir dahin zurückkommen können. Und wahrscheinlich haben wir das Bedürfnis, weil wir das so lange völlig vergessen haben.

Und jetzt schauen wir eine andere Facette an und sehen genau das. Und Menschsein bedeutet für mich eben auch: Können wir diese verschiedenen Facetten halten? Können wir unsere Dunkelheit, unsere Emotionen und so weiter — können wir das alles gleichzeitig halten? Und der Punkt ist ja: Wir sind Licht und Liebe. Und noch so, so, so viel mehr.

Anne Fierhauser (1:05:33) Genau. Ja, und Gott sei Dank!

Tim (1:05:36) Gott sei Dank. Also Schwarz und Weiß und der ganze Regenbogen dazwischen, mit allen Kleinigkeiten und Großigkeiten.

Anne Fierhauser (1:05:44) Genau. Und da finde ich: In Berufen, wie wir sie ausleben — als Coaches, als Gesichtleser, als spirituelle Begleiter, whatever — ist es unsere Aufgabe zu wissen: Und hier ist meine menschliche Grenze. Und das ist Verantwortung am Ende. Das ist genau mein Bild der bedingungslosen Liebe, wo ich einfach sage: Ich muss nicht jeden bedingungslos lieben — aber dann brauche ich auch nicht jeden zu lesen. Oder darf ich nicht jeden lesen.

Tim (1:06:12) Ich habe den Satz sehr genossen, wo du gesagt hast, dass für dich das Gesicht der Spiegel der Seele ist, das Tor zur Seele. Ich sage manchmal: Der Körper ist der Spiegel, das Tor zur Seele. Und andere würden sagen, die Augen sind das Tor zur Seele.

Ich hatte mal Dr. Karin Bender-Gonser zu Gast, die aus den Zähnen quasi alles abliest.

Anne Fierhauser (1:06:30) Mhm. Ja. Ja.

Tim (1:06:36) Oder Brent Pruninger, an den ich mich gerade erinnere, der Handlesen macht, der an der Hand alles abliest. Das ist so faszinierend: Wir können überall tief hineinschauen und finden letztendlich alles. Wir könnten wahrscheinlich sogar ein ganzes System über die Brustwarzen machen und würden auch da alles lesen können.

Anne Fierhauser (1:06:53) Und Tim: Es ist egal, wer was liest. Wenn es gute, kompetente Menschen sind, erzählen sie alle das Gleiche. Und das ist das, was ich am Anfang gesagt habe: Unser System sorgt schon dafür, dass wir dem dienen können, wofür wir eigentlich auf die Welt gekommen sind.

Es geht auch an der Stelle nicht darum: Du musst das alles nicht glauben. Wenn man ein rational-wissenschaftlich fundierter Mensch sein möchte, muss man daran nicht glauben. Aber guck doch hin!

Tim (1:07:28) Und spür danach, was für dich wirklich stimmig ist, ob es hilfreich ist.

Ja, Anne. Ich nehme dieses profunde Gefühl mit und möchte es auch so weitergeben: gesehen zu werden. Gesehen zu werden, das einerseits dieses Schöne hat, andererseits auch dieses „Scheiße, ich werde gesehen, ich bin nackt". Und dann aber auch die Schönheit dieses Nacktseins — und sich so gegenseitig zu begegnen. Das ist eine Welt, in der ich leben möchte, die ich jeden Tag mitgestalten möchte: was ich anderen spiegele, wie ich andere sehe und auch so gesehen werden möchte, wo diese Nähe entsteht. Das finde ich so ein schönes Gefühl.

Anne Fierhauser (1:08:05) Ich muss an dieser Stelle noch einmal Verena König zitieren, die in einem Vorwort einen ganz wunderschönen Satz formuliert hat, den ich immer wieder in meinen Ausbildungen nutze. Es geht gar nicht nur ums Sehen, sondern die größte Heilung eines Menschen — so hat sie es in diesem Vorwort geschrieben — besteht aus: Ich sehe dich, ich glaube dir, und du bist nicht allein.

Und ich glaube, dass viele Menschen die Erfahrung gemacht haben, gesehen zu werden und zerstört zu werden. Ich wünsche eben die Erfahrung: gesehen zu werden, Glauben zu bekommen und Zugehörigkeit zu spüren. Weil sich daraus unsere Seele nähren und wachsen und lichtvoll werden kann.

Tim (1:08:53) Ja, wow. So wichtig. Daran wächst diese Verantwortung, dass ich andere sehe und auch so akzeptiere, wie sie eben sind.

Verena König war bei mir auch zweimal im Podcast zu Gast — die Episoden verlinke ich auch in den Shownotes, natürlich.

Du hast Bücher geschrieben, du machst Fortbildungen. Tatsächlich haben einige meiner Kollegen und Freunde Fortbildungen bei dir gemacht: Tobias Duven, Mark Richter. Sie schwärmen davon, sagen, wie großartig diese Fortbildungen sind. Einmal, weil sie wahnsinnig viel Handwerkszeug lernen — andererseits, weil sie über sich unfassbar viel lernen. Auf so vielen Ebenen wahnsinnig viel lernen.

Wie kann man mehr über dich lernen? Und natürlich auch gerne den Podcast hören — ich war bei dir auch als Gast, „Ein Blick ins Gesicht". Auch den verlinke ich in den Shownotes. Aber wie können Leute mit dir in Kontakt treten und mehr von dir lernen?

Anne Fierhauser (1:09:47) Ganz ehrlich: Ich habe mich vor elf Jahren dem Gesichtlesen geschenkt, und ich mache in meinem Leben tatsächlich nahezu nichts anderes, als Gesichter zu lesen. Ich sehe das schon lange nicht mehr als Beruf, sondern als mein Leben.

Und ich glaube, jeder findet seine Möglichkeit, mit mir oder mit dem Gesichtlesen in Kontakt zu treten. Es gibt auf YouTube — du hast es gerade erwähnt — Formate von mir, wo man mich selbst kennenlernen kann und auch das Gesichtlesen kennenlernt. Ich schreibe seit acht Jahren einen riesigen Blog, was in meinen Augen die größte deutschsprachige Wissenssammlung des Gesichtlesens ist. Ich gebe Seminare: Tagesseminare, Wochenendseminare, Halbjahresausbildungen. Ich schreibe wöchentlich einen sehr, sehr persönlichen, nicht KI-generierten Newsletter. Und ich lese Gesichter.

Ich glaube, es gibt fast nichts, was man nicht findet. Und auch da: Finde deinen Weg, worauf hast du Lust, und folge dem, worauf du Lust hast. Und guck mal auf einblickgesicht.de — da wird ganz sicher der richtige Weg für dich zu finden sein.

Weil auch das ein Learning für mich ist: Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Es gibt nur den richtigen Weg für dich — und den erzählt dir deine Seele und nicht irgendeine Marketingstrategie.

Tim (1:11:05) Wow. Ja, gleichzeitig finden wir den Weg auf deine Webseite. Und dann einen der Wege wählen ins Gesicht.

Anne Fierhauser (1:11:11) Das stimmt. Auf Instagram bin ich natürlich auch. Aber vielleicht verlinken wir einen Linktree von mir, und da könnt ihr euch aussuchen, was gerade am allerbesten für euch passt.

Tim (1:11:28) Ja, schön. Ich bin tief inspiriert, beseelt. Um die Runde jetzt rund zu machen: Was liegt dir noch auf dem Herzen? Was spürst du noch?

Anne Fierhauser (1:11:41) Erst mal ein ganz, ganz herzliches Dankeschön an dich. Weil ich einfach — und das hat sich von Moment eins an gezeigt — deine ausgestrahlte Ruhe mag, deine Raumgebung und deine wunderschönen Worte und Übersetzungen, dieses energetische Übersetzen in verbale Worte. Das ist einfach ganz großartig. Also an dich ganz, ganz vielen Dank für diesen Raum, den du mir geschenkt hast.

Und an alle anderen: Ich glaube, das Allerwichtigste in deinem Leben ist, dass du einfach Ja zu dir sagst. Sag Ja zu dem, was in dir ist, und sag Ja zu all den Anteilen, die in dir sind. Weil daraus innerer Frieden entsteht — und aus innerem Frieden entsteht auch daraus viel.

Tim (1:12:25) Und ja, damit treffen wir uns auch wieder und machen den Kreis rund. Aus innerem Frieden entsteht äußerer Frieden.

Also folgt sehr gerne Anne, schaut auf die Webseite. Und hinterlasst uns gern auch einen Kommentar, was mit euch resoniert hat. In dem Sinne wünsche ich allen Hörerinnen und Hörern eine wunderschöne Woche. Und danke dir, Anne, für deine Präsenz und all dein Teilen. Danke.

Anne Fierhauser (1:12:47) Lieber Tim, danke dir. Alles Gute für euch alle. Tschüss!

Tim (1:12:52) Tschüss.