C3-Radio
C3-Radio, das entwicklungspolitische Radio aus dem Centrum für Internationale Entwicklung. Unser Radio-Host Klemens Lobnig beleuchtet einmal monatlich aktuelle entwicklungspolitische Themen für die Hörer_innen. Mit Interviews, Berichten, Hintergrundinformationen sowie Ausschnitten aus dem umfangreichen Veranstaltungsprogramm im C3.
Das C3-Radio ist eine Initiative der fünf Organisationen ÖFSE, BAOBAB, frauensolidarität, Paulo Freire Zentrum und Mattersburger Kreis im C3.
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Wirtschaft, Macht, Globaler Wandel: Kritische Wirtschaftsbildung für Jugendliche
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02.02.2026
C3-Radio
Wirtschaft, Macht, Globaler Wandel: Kritische Wirtschaftsbildung für Jugendliche
Was ist eigentlich „Wirtschaft“ – und wer kommt in klassischen Wirtschaftsmodellen vor, wer nicht? In dieser Folge vom C3-Radio widmen wir uns der Frage, wie Wirtschafts- und Finanzbildung so gestaltet werden kann, dass sie globale Ungleichheiten sichtbar macht, Machtverhältnisse hinterfragt und junge Menschen zu kritisch-reflektiertem Handeln befähigt.
Ausgehend von aktuellen Debatten rund um Finanzbildung in Schulen sprechen wir über alternative Ansätze einer kritischen, transformativen Wirtschaftsbildung. Im Interview stellen wir das Netzwerk „Wir alle machen Wirtschaft“ vor und diskutieren, warum Wirtschaft nicht nur Markt und Geld, sondern auch Care-Arbeit, Solidarität und gesellschaftliche Verantwortung umfasst. Außerdem hören wir Stimmen aus der C3-Living-Library-Veranstaltung „Work in Progress: Nachhaltige Wirtschaft & Arbeit“, die zeigen, wie ökonomische Bildung Räume für Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Teilhabe eröffnen kann.
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Host: Klemens Lobnig
Stimmen: Mario Taschwer (Attac Österreich, Netzwerk „Wir alle machen Wirtschaft“), Fabian Reyer (COCO lab, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Wien), Tina Füchslbauer (Socialarbeiterin) & Stefan Grasgruber-Kerl (Südwind Österreich).
Music by Alisia from Pixabay and Oleg Fedak from Pixabay
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Klemens
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe vom C3-Radio. Schön, dass ihr wieder mit dabei seid. Ich bin Klemens Lobnig und möchte heute in der Sendung ein aktuelles, sehr kontrovers diskutiertes Thema aufgreifen. Wirtschaftsbildung für Jugendliche im Unterricht. Wirtschaft betrifft uns alle und das jeden Tag. Ob beim Einkaufen, beim Wohnen, bei der Frage nach fairen Löhnen oder danach, wie öffentliche Gelder eingesetzt werden. Und trotzdem wird Wirtschaft oft so vermittelt, als wäre sie etwas Abstraktes, Technisches, fast Naturgegebenes. Gerade in der Wirtschafts- und Finanzbildung für Jugendliche dominiert. Häufig ein sehr enger Blick Wie funktioniert der Markt? Wie manage ich mein Geld und wie passe ich mich möglichst gut an bestehende Spielregeln an? So als gäbe es geprüfte Rezepte, die man nur anwenden müsste. Doch genau dagegen regt sich zunehmend Kritik. Denn Wirtschaft ist nicht neutral und existiert nicht unabhängig von uns und unserer Gesellschaft. Sie ist geprägt von Machtverhältnissen, politischen Entscheidungen und globalen Ungleichheiten. Deshalb tauchen in der Debatte um Wirtschaftsbildung zunehmend auch folgende Fragen Wie kann Wirtschaftsbildung junge Menschen befähigen, diese Zusammenhänge zu verstehen? Wie kann sie dazu beitragen, sich selbst als Gestalter innen von Wirtschaft zu verstehen, die eine sozial gerechte und nachhaltige Zukunft für uns alle sichert?
Über diese oft ausgeklammerten Fragen und über Möglichkeiten einer kritischeren Wirtschaftsbildung sprach ich für die Sendung mit Mario Taschwer, wirtschaftspolitischer Referent bei Attac und Teil vom Netzwerk Wir alle machen Wirtschaft. Das Netzwerk setzt sich für eine kritische, gerechte und lebensnahe Wirtschaftsbildung ein und mischt sich aktiv in die aktuelle bildungspolitische Diskussion ein. Nachdem er mir das Netzwerk und seine Ziele erklärt hat, habe ich Mario Taschwer gefragt, warum Wirtschaftsbildung gerade jetzt so umkämpft ist und ihn um eine Einordnung der Debatte gebeten.
Mario Taschwer
Das Netzwerk hat sich 2021 gegründet. Und zwar war es damals so, dass damals der Finanzminister Gernot Blümel sich mit dem ersten Bankchef Andreas Treichl hingestellt hat und gesagt so, jetzt brauchen wir Finanzbildung. Also das Finanzministerium ohne Lehrerinnen, ohne das Bildungsministerium. Ein Banker und ein Finanzminister haben sich hingestellt und da haben wir Das kann so nicht gehen. Ein breites Bündnis an zivilgesellschaftlichen Organisationen hat sich Attac, die Arbeiterkammer Wien, die Armutskonferenz. GESÖB. Das ist eine Gesellschaft für sozioökonomische Bildung. Feministische Organisationen wie Versorgen haben sich zusammengeschlossen und wollen kritische Wirtschaftsbildung, Wirtschaftsbildung, die den Interessen der vielen, der breiten Maße der Bevölkerung dient, etablieren. Wir machen Veranstaltungen. Wir haben ein Buch herausgebracht, genau mit dem Namen Wir alle machen Wirtschaft - Zukunftsfähige Wirtschafts- und Finanzbildung und wir versuchen Finanz und Wirtschaftsbildung in eine positive Richtung zu drehen.
Klemens
Warum ist die Frage, wie wir über Wirtschaft lernen, eigentlich so politisch?
Mario Taschwer
Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden. Also ich finde es ganz zentral. Es ist die Frage, was man lernt. In den Schulen geht es darum, dass man lernt, Menschen sind egoistisch und der Kapitalismus ist naturgemacht. Oder ist es ein Unterschied, wenn es heiß Wir Menschen können unsere Welt verändern und wenn wir uns zusammentun, können wir das auch erreichen. Es macht einfach einen Unterschied, ob es interessengeleitete Bildung gibt, also von Wirtschaftslobbys geleitete Bildung gibt, die würde ich dann gar nicht Bildung nennen, sondern Finanzerziehung. Oder eben ob es das Ziel hat, Menschen aufzuklären, zu bilden, echte Bildung zu fördern. Politisch ist das Ganze, weil es natürlich darum geht, was passiert in der Gesellschaft. Es geht immer um die Gesellschaft, deswegen ist es auch politisch. Was soll in die Köpfe der Menschen hinein? Soll es eben Aufklärung und Bildung sein oder soll es eben Erziehung sein oder Anpassung an das bestehende Wirtschaftssystem mit unserem Netzwerk? Wir alle machen Wirtschaft. Wir wollen, dass Menschen aufgeklärt werden, dass sie natürlich wissen, was ist ein ETF, welche Kryptowährungen gibt es? Aber auch immer das ganze System dahinter zu hinterfragen zu Warum gibt es das überhaupt? Wer profitiert davon und welche Rolle habe ich in diesem System drinnen? Es gibt andere Wirtschaftslobbyisten und es gibt lobbynahe Vereine, Institute, Thinktanks, Stiftungen, die wollen ein eigenes Fach Wirtschaft oder Finanzbildung etablieren. Sie wollen Werbung machen, sie wollen Kundinnen gewinnen. Das heißt, das ist keine Bildung, sondern das ist Finanzerziehung und dem muss man widersprechen. Es geht Wie ist unser Bildungssystem ausstrukturiert und welche Inhalte kommen dabei vor? Und vor allem, wer setzt diese Inhalte durch?
Klemens
OK, dann lass uns jetzt ein bisschen tiefer eintauchen. Welche Ansätze einer Neuausrichtung der Wirtschaftsbildung gibt es denn? Und Wie unter unterscheiden sie sich von klassischer Finanz und Wirtschaftsbildung.
Mario Taschwer
Wir fordern gemeinwohlorientierte oder zukunftsorientierte Wirtschafts- und Finanzbildung. Da ist es zentral, dass es ansetzt bei den Erfahrungen und den Lebensrealitäten von den Schülerinnen oder von Menschen generell, von denen, die etwas lernen wollen. Und es muss sie auch befähigen, eine kritische Sicht zu verschaffen. Und dabei ist es auch ein Gebot und wir leben in sehr kontroversen Zeiten, dass diese kontroversen Themen auch kontrovers diskutiert werden. Und es geht auch darum, Menschen in eine Handlungsfähigkeit zu bringen. Das heißt, es geht nicht nur darum, irgendwie Wissen zu vermitteln, zu sagen, was man schon gar nicht machen soll, ist natürlich sagen, das ist richtig und das ist falsch, sondern Menschen müssen sich ihre eigene Meinung bilden können. Aber man muss auch schaffen, dass sie reflektieren, was ist denn meine Rolle in dem System? Wie kann ich etwas ändern? Wie kann ich in einer Gruppe was ändern? Wie können wir gemeinschaftlich was ändern an den Problemen, die uns beschäftigen, Sei es jetzt, wie kann ich investieren, Dass man da anfängt bei dieser Frage und dann wieder auf größere gesellschaftliche Themen auch hinkommt oder die mitbespricht, Aber genauso auch warum ist das Arbeitslosengeld so gering oder was können wir dagegen unternehmen? Also ökonomische Alphabetisierung ist immer ein Anfang und es ist ganz wichtig, dass auch die Handlungsfähigkeit immer mitpraktiziert und mitgedacht wird.
Klemens
Vielleicht kannst du den Begriff ökonomische Alphabetisierung noch einmal kurz erklären.
Mario Taschwer
Also es geht einfach darum, Fachbegriffe, die kompliziert scheinen, Menschen näher zu bringen und das runterzubrechen, verständlich zu machen und auch Handlungsweisen aufzuzeigen.
Klemens
Das hast du jetzt eh auch schon ein bisschen angesprochen. Aber Themen, die in vielen Wirtschaftsmodellen und auch in der Wirtschaftsbildung oft kaum vorkommen, sind Machtverhältnisse, globale Ungleichheiten oder auch historische Abhängigkeiten. Welche Rolle spielen die eigentlich in dieser ganzen Debatte um Wirtschaftsbildung?
Mario Taschwer
In der öffentlichen medialen Debatte spielen sie keine Rolle, da fallen sie vor allem durch Abwesenheit auf, weil es einfach in Mainstream Ökonomie gibt es halt so was wie Machtverhältnisse quasi nicht. Es gibt schon so Sachen wie Pfadabhängigkeit, aber dass man sich anschaut, welche Rolle hat der Kolonialismus gespielt im Aufstieg des Kapitalismus als Beispiel die Versklavung der Menschen in Afrika. Welche Rolle hat das gespielt? Das kommt dann natürlich nicht vor. Und es wird auch immer versucht, diese Themen auszublenden. Also es wird immer so getan, als ob die Wirtschaft neutral wäre und ob es ganz natürlich wäre, dass wir alle jeden Tag arbeiten gehen müssen, dass unsere Löhne möglichst niedrig sein sollen. Also es wird immer versucht, es so darzustellen, als ob man auch nichts daran ändern könnte. Dem halten wir natürlich entgegen, dass Wirtschaft ein menschliches Konstrukt ist, dass wir natürlich alle teilnehmen, egal ob wir Menschen betreuen, Kinderbetreuung, Sorgearbeit leisten, das ist alles Wirtschaften.
Klemens
Wenn wir jetzt Wirtschaftsbildung als Teil einer gesellschaftlichen Transformation verstehen, welche Kompetenzen brauchen denn aus deiner Sicht junge Menschen heute, um wirtschaftliche Zusammenhänge kritisch beurteilen zu können?
Mario Taschwer
Auf jeden Fall Kritikfähigkeit, Kritik zu üben, Dinge zu hinterfragen, die nicht als naturgegeben wahrzunehmen, Demokratie und Beteiligungskompetenz, dass man sich auch einbringt, dass man lernt, auch Dinge zu verändern. Das ist auch sehr verknüpft mit der Handlungsfähigkeit, dass man auch sieht, nicht nur immer lernt darüber, also nicht nur dieses Lernen Abstraktes, sondern wirklich auch in das Tun kommen und diese Handlungskompetenzen zu erfahren eigentlich. Es geht viel ums Erfahren. Das kann so viel sein. Das kann sein, von einer Schule organisiert, dass sie gemeinsam auf einen Klimastreik gehen oder dass sie sich auch selbstwirksam fühlen. Also für mich sind das ganz wichtige kritische Kompetenzen und es ist vielleicht auch keine Kompetenz noch, aber Solidarität, also Zusammenhalt zu spüren, gemeinsam für etwas einzustehen oder füreinander einzustehen. Ich glaube, das wird in Zukunft auch eine ganz wichtige Rolle spielen, niemanden zurückzulassen und gemeinsam versuchen, Verbesserungen zu erreichen.
Klemens
Wie kann denn eine Wirtschaftsbildung mit Fokus auf Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und auch auf die globalen Zusammenhänge praktisch umgesetzt werden?
Mario Taschwer
Was es natürlich braucht aus meiner Sicht als erstes wäre zu Banken und Lobbys müssen mal raus aus den Schulen, die haben da nicht verloren. Natürlich braucht es Bildungsarbeit oder die Bewusstseinsarbeit bei den politischen Parteien, weil die SPÖ in Wien macht große Fehler mit ihrer ökonomischen sogenannten Bildung, weil sie da sehr auf die Finanzindustrie hereinfallen. Die Neos wollen ein eigenes Fach Wirtschaft etablieren, wo es nur darum geht, wie kann man Unternehmerisch denken und dass Kinder dazu erzogen werden sollen, dass sie die besten Start up Unternehmerinnen werden. Also da geht es nicht um breite Bildung. Man muss den Non Profit Bereich stärken, man muss Angebote unabhängig von Profitinteressen ausbauen. Ich finde auch, es braucht eine Stärkung des aktuellen Fachs Geografie und wirtschaftliche Bildung. Das ist ein Querschnittsfach, das das Thema wirtschaftliche Bildung sehr gut abdeckt. Das ist auch in verschiedenen PISA Studien schon bewiesen, dass Österreich bei der Finanzbildung bei den Jugendlichen sehr gut ist mit dem bestehenden Fach. Das heißt, es muss natürlich noch ausgebaut werden. Bessere Möglichkeiten für die Ausbildung, für die Lehrerinnen, für die Fachkräftequalifikation, Weiterbildung. Natürlich braucht es mehr Geld im Schulsystem, weil immer mehr Lehrerinnen, Lehrer fachfremd unterrichten. Also eine Reihe von Maßnahmen, die man umsetzen könnte.
Klemens
Wenn du dir jetzt etwas noch wünschen könntest, was müsste sich in der Wirtschaftsbildung ändern, damit sie tatsächlich zu mehr Nachhaltigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit führt?
Mario Taschwer
Mein größter Wunsch ist natürlich, dass die Konzerne und die Banken nicht mehr an den Schulen ihre Inhalte ungefragt teilen können. Die haben natürlich Unmengen an Geld. Die schicken jedes Jahr Schülerinnen und Schüler durch ihre Propagandamaschine. Das ist gratis. Die Schülerinnen freuen sich, die Lehrerinnen freuen sich, Schulen freuen sich. Es ist sozusagen gratis, aber es hat natürlich gesellschaftliche Kosten, weil ihnen da eine falsche Propaganda eingeimpft wird. Und das andere wäre natürlich, dass es so positive Angebote, die es eben gibt, mehr an Schulen unterrichtet oder mehr an Schulen Platz finden. Wir als Attac oder auch andere Vereine haben begrenzte Ressourcen, haben einfach nicht das Geld, um mit diesen großen Konzernen mitzuhalten. Deswegen würde ich mich natürlich freuen, wenn viele Menschen Angebote von Wir alle machen Wirtschaft buchen und versuchen, so einen kleinen Beitrag zu leisten, im kleinen Sand ins Getriebe zu streuen.
Klemens
Was wir bisher gehört haben, zeigt ziemlich Die Debatte um Wirtschafts- und Finanzbildung ist alles andere als neutral. Es geht nicht nur darum, wie Wirtschaft funktioniert, sondern darum, welches Wirtschaftsverständnis wir jungen Menschen vermitteln und welche Werte, Interessen und Machtverhältnisse dabei mittransportiert werden. Kritische Stimmen warnen davor, ökonomische Bildung auf individuelles Sparen, Investieren und unternehmerisches Denken zu verengen. Stattdessen fordern sie eine Bildung, die Wirtschaft als gesellschaftlich gestaltbar begreift und auch Fragen von Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Verantwortung mitdenkt. Gleichzeitig wird aber Wenn Wirtschaftsbildung diesen Anspruch erfüllen soll, dann braucht sie andere Zugänge als klassische Unterrichtsformate. Es reicht nicht, Modelle theoretisch zu erklären oder Begriffe zu definieren. Entscheidend ist, dass junge Menschen Wirtschaft als etwas erleben, das ihr eigenes Leben direkt betrifft und dass sie Räume bekommen, in denen sie Fragen stellen, Perspektiven vergleichen und auch eigene Positionen entwickeln und diese dann auch erleben können. Genau an diesem Punkt setzen Formate wie die Living Library an, die regelmäßig bei uns im C stattfinden. Unter dem Titel Work in Progress Nachhaltige Wirtschaft und Arbeit konnten am 04.12.2025 genau diese Prinzipien erfahren werden, denn dort wurde kritische Wirtschaftsbildung nicht nur diskutiert, sondern praktisch erprobt. In persönlichen Gesprächen trafen Jugendliche auf lebende Bücher Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen rund um Wirtschaft, Arbeit und Nachhaltigkeit. Wie diese Gespräche abliefen, was sie bei den Teilnehmenden ausgelöst haben und warum solche Begegnungen ein wichtiger Baustein für eine transformative Wirtschaftsbildung sein können, hören wir jetzt in den nächsten Beiträgen aus der Living Library, die meine Kollegin Mirabel am Rande der Veranstaltung aufgenommen hat. Ein Einblick in die vielseitigen lebenden Bücher, die auch die vielseitigen Perspektiven auf Wirtschaft abbilden. Beginnen wir mit Fabian Reyer vom Gesellschafts und Wirtschaftsmuseum, der als lebendes Buch vor allem das Thema Konsum in den Fokus stellte.
Mirabell
Hallo Fabian, ich freue mich, dass du heute hier bist. Vielleicht magst du dich auch noch mal selbst kurz vorstellen und sagen, für was du arbeitest.
Fabian Reyer
Ja, sehr gerne. Auch danke, dass ich da sein darf. Ich arbeite im Gesellschafts und Wirtschaftsmuseum, vor allem im Bereich cocolab im Conscious Consumers Laboratory.
Mirabell
OK. Und welche Inhalte, würdest du sagen, sind besonders wichtig oder zentral für eine kritische Wirtschaftsbildung, die aber eben auch die Herausforderungen, also ökologischen und globalen Herausforderungen berücksichtigt? Und warum sind diese aus deiner Sicht und Erfahrung wichtig?
Fabian Reyer
Also ich denke, dass klassische Wirtschaftsbildung sehr wichtig ist. Also wie funktioniert unser derzeitiges Wirtschaftssystem? Welche Grundbegriffe muss ich dazu wissen? Unser Steckenpferd ist die individuelle Ebene, wo wir ansetzen, weil unser Zielpublikum auch Kinder und Jugendliche sind. Und wir wollen vom Individuum in die Gesellschaft den Transfer erwirken und deswegen starten wir bei ihnen Die wichtigsten Themen sind die Nachhaltigkeitsthemen nach den ESG Kriterien Environmental, Social and Governance und die versuchen wir möglichst niederschwellig den Kindern und Jugendlichen in für sie alltagsrelevante Themen zu verpacken.
Mirabell
OK, und weil du jetzt gerade meintest, ihr setzt auf einer individuellen Ebene, ist das eben genau das, dass ihr beim Alltag der Jugendlichen, das heißt bei den Themen, die Jugendlichen beschäftigen, eben genau da versucht anzusetzen und um dann eben das ja doch sehr komplexe wie funktioniert Wirtschaft denn eigentlich ein bisschen greifbarer zu machen.
Fabian Reyer
Ganz genau. Wir streifen dafür unterschiedliche Konsumthemen. Ein klassisches wäre natürlich das Smartphone. Wie viel Zeit verbringe ich darauf? Ist es überhaupt gesund für mich, so viel Zeit darauf zu verbringen? Was konsumiere ich dort überhaupt und welche Unternehmen stehen dahinter und wie groß sind diese Unternehmen inzwischen und wie können die auch den Meinungsdiskurs in freien Demokratien beeinflussen?
Mirabell
Eine wichtige und sehr aktuelle Frage, mit der man sich beschäftigen sollte. Jetzt haben wir gerade eigentlich eh schon ein bisschen genau das gestriffen oder die Antwort meiner nächsten Frage und zwar wäre, welche Rollen können Institutionen, wie zum Beispiel, wir sind jetzt hier gerade in der C Bibliothek, aber eben auch Museen für diesen Kompetenzaufbau spielen, also dass Jugendliche da sozusagen mehr ein Gefühl dafür bekommen, wie funktioniert unsere Wirtschaft?
Fabian Reyer
Also ich denke, dass Museen, seit es Museen gibt, ein wichtiger Bestandteil in der Volksbildung sind. Die Formate, die wir anbieten, sind Workshop Formate extra speziell an Jugendliche gerichtet und dadurch, dass wir vom Sozialministerium gefördert werden, gibt es keine finanziellen Barrieren. Somit können wir einen großen Querschnitt der Kinder und Jugendlichen in Wien zu uns einladen und wir haben einfach die Möglichkeit, durch unsere Räumlichkeiten, auch durch das Teamteaching eine besondere Erfahrung im Vergleich zum Schulalltag, der auch sehr gut sein kann. Das können wir bieten und ich denke, dass solche Ausflüge, solche Bildungsangebote einfach noch einmal den Horizont erweitern können und es.
Mirabell
Halt auch anders, spielerischer irgendwie erfahrbar machen.
Fabian Reyer
Genau, also didaktisch, methodisch schauen wir, dass wir es so interaktiv wie möglich gestalten und niederschwellig natürlich auch, weil Wirtschaft, Statistik, all diese Begriffe, Finanzwesen klingt sehr sperrig, aber mit dem richtigen Wording erreicht man die Jugendlichen.
Klemens
Wirtschaft wird oft nur sehr eng gedacht. Es geht um Märkte, Wachstum Geldflüsse, Gewinne und um individuelle Entscheidungen. Was dabei aber fast vollständig ausgeblendet wird, sind jene Arbeiten, ohne die Wirtschaft überhaupt nicht funktionieren würde Sorgearbeit, Pflege, Kinderbetreuung, emotionale Arbeit, kurz Care Arbeit. Diese Tätigkeiten sichern tagtäglich das Leben und die Arbeitskraft von Menschen, tauchen aber weder in volkswirtschaftlichen Kennzahlen noch in Schulbüchern auf. Sie werden meist unbezahlt oder schlecht bezahlt verrichtet und das überwiegend von Frauen. Wenn wir also über gerechtere, nachhaltige Wirtschaft sprechen, müssen wir auch darüber sprechen, was im ökonomischen Mainstream unsichtbar bleibt. Genau hier setzt die nächste Perspektive an. In der Living Library haben wir mit Sozialarbeiterin Tina Füchslbauer darüber gesprochen, warum Care Arbeit ein zentraler Bestandteil jeder Wirtschaft ist, weshalb ihre Unsichtbarkeit kein Zufall ist und was kritische Wirtschaftsbildung leisten muss, um diesen blinden Fleck sichtbar zu machen. Aber hören wir rein.
Mirabell
Die Living Library ging ja heute um Arbeit und alternative Wirtschaft oder Wirtschaft vielleicht auch ein bisschen neu denken. Welche Rolle würdest du sagen, spielen eben Themen wie Care Arbeit in einer zukunftsfähigen Wirtschaftsbildung?
Tina Füchslbauer
Ja, also aus der Arbeit mit arbeitssuchenden Frauen weiß ich dass nur immer sehr viele Frauen quasi diesen Schichtwechsel haben, das heißt von der Erwerbsarbeit in die unbezahlte Care Arbeit und sich damit oft sehr allein gelassen fühlen. Und ich glaube, es müsste einfach viel mehr Bewusstsein darüber geben, was vor allem Flintas, also nicht nur cis-Frauen, sondern Flintas generell da an Care Arbeit leisten und was das eigentlich für gesellschaftliche Bedeutung hat und auch für einen Wert. Im Kapitalismus muss ja dann alles in Geld umgerechnet werden, was ein bisschen traurig ist. Gerade beim Thema Care gibt es ja auch viele schöne Aspekte, die dadurch oft ausgeklammert werden, aber es macht wahrscheinlich Sinn, das auch ein bisschen deutlicher zu machen, was das für einen auch finanziellen Wert hat, diese Arbeit.
Mirabell
Genau wie du es eigentlich gesagt hast, sind es eben mehrheitlich Flinta Personen, die eigentlich doppelt belastet sind, weil viele eben in der bezahlten, produktiven Arbeit in Anführungsstrichen oder wie es im Kapitalismus gedeutet werden würde, sind und eben dazu noch sehr viel Care Arbeit daheim machen. Und das ist eigentlich schon ein Missstand und eigentlich halt einfach, dass eben unbezahlte Arbeit weiterhin eigentlich unsichtbar gemacht.
Tina Füchslbauer
Ja, das hat jetzt auch die Arbeit mit den Jugendlichen gezeigt, dass sie als wir gesammelt haben. Was gehört zu Care-Arbeit, dass einigen ist sehr viel eingefallen, einigen aber hauptsächlich Pflege Und auch als ich sie gefragt habe, wo sie schon Care Arbeit geleistet haben, meinten sie am Anfang eigentlich alle noch nie. Und erst übers Reden sind wir draufgekommen, dass sie natürlich schon oft Freund-innen getröstet haben oder jemanden unterlagen von der Schule. Gebracht haben, wenn jemand krank war oder eine Oma besucht haben oder für die Oma während der Pandemie und für den Opa einkaufen waren und so weiter. Also es gibt wenig Verständnis und Begriff von Care-Arbeit.
Klemens
Wir sind alle Teil der Wirtschaft mit dem was wir arbeiten, mit unserem Konsumverhalten, mit unserer Haltung. Viele der Produkte, die wir täglich verwenden oder die wir kaufen, haben sehr aufwendige Lieferkits und gerade, wenn im globalen Süden produziert wird, werden faire Arbeitsbedingungen oft nur am Rande behandelt. Diesen Missstand möchte Stefan Grasgruber-Kerl von der Organisation Südwind entgegentreten und hat deshalb genau darüber mit den Jugendlichen gesprochen.
Stefan Grasgruber-Kerl
Und ich war heute hier mit dem Thema Fast Fashion oder Fair Fashion ein spannendes Thema.
Mirabell
Ich fand es auch sehr cool, dass du es eingeleitet hast mit dem Black Friday, weil das wahrscheinlich sehr viel an der Lebensrealität von Jugendlichen angeknüpft hat. Bleiben wir gleich mal Du warst eben ein lebendes Buch. Wie ging es dir damit? Und waren das Gespräche, die dir auch irgendwie die Perspektive von Jugendlichen im Kontext von Wirtschaftsbildung noch mal mehr aufgezeigt haben?
Stefan Grasgruber-Kerl
Also die Jugendlichen waren sehr interessiert und haben zu dem Thema nicht nur zugehört, sondern auch selber Vorschläge gemacht. Also ich habe sie eben gefragt, was könnt ihr tun, was seid ihr der Meinung, soll die Politik tun? Und sie haben zu all diesen Bereichen eigentlich Vorschläge gehabt, angefangen von naja, wir könnten weniger beim Black Friday konsumieren bis hin zu eben es braucht von der Politik mehr Gesetze und Regulierung, um einfach giftige Mode, Fast Fashion zu verbieten oder sowas. Und da gab es gute Vorschläge und ich glaube, dass ändert auch vieles, wenn sie nicht nur zuhören und nicht nur mit den Büchern Frage Antwort Spiel machen, sondern auch tatsächlich sich selbst was überlegen. Und das war sehr spannend für mich, auch auf was die Jugendlichen kommen.
Mirabell
Vielleicht ist es a „bit on the nose“, weil du es eigentlich eh gerade schon gesagt hast, dass alles das ist mit was du dich in deiner Arbeit beschäftigst. Aber welche Rolle, würdest du sagen, spielen genau Themen wie globale Lieferketten, faire Arbeiten, Care Arbeit, Konsum und eben Umweltgerechtigkeit in einer zukunftsfähigen Wirtschaftsbildung hoffentlich die Hauptrolle?
Stefan Grasgruber-Kerl
Also mittlerweile nicht mittlerweile schon immer, schon immer ist die Wirtschaft eine globalisierte Wirtschaft. Und deswegen spielen gerade diese Frage von Lieferketten, wo kommen Produkte her, wo gehen sie hin? Auch bei Bekleidung ganz wichtig. Es geht ja nicht nur darum, wo wird sie produziert, wie konsumieren wir sie, sondern auch was passiert nachher, was passiert mit den ganzen Altkleidermüll und Altkleider Wiederverwertung Und all das sind Lieferketten oder gesamte Wertschöpfungsketten, die über die ganze Welt gehen und die viel zu tun haben mit Arbeitsbedingungen, Nachhaltigkeit, mit mir und vielen, vielen anderen auf der ganzen Welt. Und das ist eigentlich das, worum es in Wirtschaftsbildung hauptsächlich gehen sollte. Nicht, wie kann ich möglichst viel Profit maximieren, sondern wie kann ich eine Wirtschaft herstellen, die für alle gut ist und wie kann ich eine Modewelt machen, die gerecht ist für beide Seiten?
Mirabell
Also es braucht eigentlich eine Transformation von der aktuellen wie Wirtschaft gelebt wird, wie Wirtschaft konzipiert ist.
Stefan Grasgruber-Kerl
Genau deswegen habe ich es auch genannt Fast Fashion oder Fair Fashion. Also wir setzen uns eben dafür ein für Fair Fashion, für Just Fashion, also für eine gerechte Modewelt, die natürlich nur in einer gerechten Wirtschaft letztlich funktionieren kann, wo es nicht mehr um Profitmaximierung geht, sondern darum, dass man sich gemeinsam überlegt, wie kann ich Mode und Bekleidung herstellen, die ich auch nicht andauernd wechseln muss wegen Modetrends oder weil sie eh so schlecht produziert ist. Sondern wo ich weniger Lieblingsstücke habe, die gerne trage, länger trage und wo einfach auch die Arbeiterinnen faire Bedingungen haben.
Klemens
Damit sind wir auch schon wieder am Ende der heutigen Sendung angekommen. Wir haben gehört, warum Wirtschafts- und Finanzbildung mehr sein muss als das Vermitteln von Marktlogiken und individuellen Finanzentscheidungen und wie eine kritische, machtsensible Wirtschaftsbildung dazu beitragen kann, globale Ungleichheiten sichtbar zu machen, Solidarität zu stärken, gesellschaftliche Gestaltungsspielräume zu eröffnen und so weiter. Die Beiträge haben eines Wirtschaft betrifft uns alle, Wirtschaft ist vielfältig und wir alle sollten sie verantwortungsvoll gemeinsam gestalten. Wenn ihr euch weiter mit dem Thema auseinandersetzen möchtet, findet ihr vertiefende Informationen und Materialien auf der Website des C3 - Centrum für internationale Entwicklung, sowie auf wirallemachenwirtschaft.at. Damit verabschiede ich mich für heute. Danke fürs Zuhören und danke fürs Dabeisein. Die Nächste Ausgabe des C3-Radios gibt es dann am 2. März wieder. Bis dahin macht's gut, bleibt kritisch und wir hören uns!