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Handel neu denken: Welche Zukunft hat die EU-Handelspolitik?

c3radio@centrum3.at (C3 Radio) Season 2 Episode 24

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02.03.2026
C3-Radio
Handel neu denken: Welche Zukunft hat die EU-Handelspolitik?

Die EU-Handelspolitik steht unter massivem Druck: Geopolitische Konflikte, wachsende Abhängigkeiten bei Energie und Rohstoffen sowie die sozial-ökologische Transformation stellen das bisherige Handelsmodell infrage. In dieser Folge diskutieren wir, warum das exportorientierte, neoliberale Leitbild an seine Grenzen stößt und wie eine alternative Handelspolitik aussehen könnte.

In der Sendung beleuchtet das C3-Radio die aktuelle geopolitische Lage und die Schwächen der aktuellen Handelspolitik, analysiert die neuen EU-Handelsabkommen und zeigt einen Ausblick auf Alternativen. Die Sendung macht deutlich: Handelspolitik ist kein technisches Nischenthema, sondern eine zentrale Weichenstellung für Europas wirtschaftliche Zukunft, internationale Kooperation und globale Gerechtigkeit.


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Host: Klemens Lobnig
Stimmen: Elisabeth Christen (Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung), Theresa Kofler (Attac), Werner Raza (Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung)

Musik by Alisia from Pixabay and Oleg Fedak from Pixabay

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Klemens:

Hallo und herzlich willkommen beim C3-Radio! Ich freue mich, dass Sie auch heute wieder mit dabei sind. 

Die Handelspolitik der Europäischen Union steht heute an einem Wendepunkt. Jahrzehntelang war sie stark vom neoliberalen Leitbild geprägt: offene Märkte, Exportorientierung und globaler Wettbewerb galten als Motor für Wachstum und Wohlstand. Doch geopolitische Konflikte, neue Machtverschiebungen in der Weltwirtschaft und zunehmende Abhängigkeiten bei Energie, Rohstoffen und Technologien zeigen, dass dieses Modell an seine Grenzen stößt. Die EU muss ihre Handelspolitik neu ausrichten. Weg von reinem Exportfokus, hin zu mehr wirtschaftlicher Resilienz, sozialer und ökologischer Transformation sowie internationaler Kooperation. 

Wie steht es um den globalen Freihandel? Was sind die großen geopolitischen Verschiebungen, die eine Neuorientierung notwendig machen? Und wie könnte eine solche progressive, alternative Handelspolitik konkret aussehen? Darüber spreche ich heute mit meinen Gästen. Beginnen möchte ich mit Werner Raza, wissenschaftlicher Leiter der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung. Werner Raza forscht dort unter anderem zu den Themen Handel- und Industriepolitik und hat gerade ein Paper veröffentlicht, das sich mit einer zukünftigen Handelspolitik auseinandersetzt und Empfehlungen für die Politik formuliert. 


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Klemens Lobnig
Die EU-Handelspolitik steht derzeit stark. Unter Druck, geopolitisch, wirtschaftlich und auch klimapolitisch. Sie schreiben sogar von einem Wendepunkt. Was ist aus Ihrer Sicht die zentrale Krise des aktuellen EU Handelsmodells?

Werner Raza
Das derzeitige Handelsmodell macht uns abhängig und verwundbar. Die EU ist trotz des großen Binnenmarkts eng mit der Weltwirtschaft verflochten, sowohl auf der Importseite, wo wir von Importen von Energie, kritischen Rohstoffen und anderen wichtigen Gütern wie pharmazeutischen Grundstoffen abhängig sind, aber auch auf der Exportseite, wo wir einen Handelsbilanzüberschuss von rund 4 Prozent des europäischen Bruttoinlandsproduktes ausweisen. Das bedeutet, dass unser Wirtschaftswachstum stark am Export hängt. Beide Abhängigkeiten, sowohl importseitig als auch exportseitig, werden gegen uns politisch eingesetzt. Zum Beispiel durch die Handelspolitik der aktuellen Trump Regierung in den Vereinigten Staaten oder die Exportbeschränkungen von China zum Beispiel bei Seltenen Erden.

Klemens Lobnig
So wie ich das verstanden habe, wird Handel auch zunehmend als Instrument geopolitischer Konkurrenz eingesetzt. Welche Rolle spielt denn die EU dabei heute in dieser ganzen geopolitischen Gemengelage und wo sind die größten Abhängigkeiten der EU?

Werner Raza
Es zeigt sich, dass die Europäische Union Zeiten geopolitischer Macht, Konflikte und Rivalitäten eben kein geopolitischer Akteur im eigentlichen Sinne ist. Die Abhängigkeiten auf der Import und Exportseite sind das eine, aber dazu kommt eben jetzt auch insbesondere, dass die Europäische Union sicherheitspolitisch nicht souverän ist. Das heißt, unsere Sicherheit hängt von der NATO ab und insbesondere von den Vereinigten Staaten. Und solange wir nicht für unsere Sicherheit selbst Sorge tragen können, sind wir daher erpressbar. Die derzeitige US Regierung weiß das und nutzt es letztendlich auch zu unseren Lasten aus. Und dazu kommt, dass mit China ein technologisch gleichwertiger Akteur auf den internationalen Märkten auftritt, der europäischen Unternehmen sowohl innerhalb des europäischen Binnenmarkts als auch auf Drittmärkten zunehmend Konkurrenz macht. Mit diesen Herausforderungen, sowohl auf der politischen, sicherheitspolitischen, aber auch ökonomischen Ebene kann das derzeitige europäische Wirtschafts und auch das politische Modell nicht gut umgehen. Gleichzeitig sind wir eben auch politisch nicht in der Lage, in der Europäischen Union bei diesen zentralen Fragen mit einer Stimme zu sprechen, das heißt zu gemeinsamen Positionen zu kommen. Das gelingt zum Teil, aber in vielen Bereichen gelingt es eben auch nicht schlicht und einfach deshalb, weil die Interessen der Mitgliedstaaten bei wichtigen Fragen der Außen und Sicherheitspolitik nach wie vor weit auseinander liegen und zum anderen auch weil die Interessen in der Zivilgesellschaft, insbesondere zwischen dem Unternehmenssektor und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren derzeit zu weit auseinander liegen.

Klemens Lobnig
Sie sprechen in Ihrer Forschung auch von der Notwendigkeit einer post neoliberalen Handelspolitik. Was wären denn die wichtigsten Elemente einer solchen Handelspolitik, die eine Alternative zum aktuellen System darstellen würde?

Werner Raza
Also zum einen muss man sagen, es ist unwahrscheinlich, dass in Zukunft der internationale Handel im selben Umfang wie in den letzten 20 Jahren zum wirtschaftlichen Wachstum und zur wirtschaftlichen Entwicklung der Europäischen Union beitragen werden. Wir sehen doch eine Rückkehr zu einer gewissen protektionistischen Handelspolitik der großen Blöcke. Von daher glaube ich, dass das primäre Ziel einer Handelspolitik der Zukunft darin bestehen muss, uns stärker uns zu stärken im Hinblick auf unsere strategische Autonomie, uns zu stärken im Hinblick auf unsere wirtschaftliche Resilienz, also Widerstandsfähigkeit und auch eine dienende Rolle haben muss, eine unterstützende Rolle haben muss im Hinblick auf die Beschleunigung der sozial ökologischen Transformation. Das bedeutet zum einen natürlich eine stärkere Diversifizierung unserer Handelsströme, wie das derzeit auch die Europäische Union selbst forciert, aber es reicht eben nicht. Es braucht darüber hinaus auch die sogenannte Importsubstitution bei Energie, Rohstoffen und anderen essentiellen Gütern. Das heißt, wir müssen unsere externen Abhängigkeiten in diesen Bereichen verringern, indem wir schlicht und einfach nach Lösungen suchen, wie wir mit weniger Energie, wie wir mit weniger Rohstoffimporten in Zukunft auskommen können. Das heißt konkret, wir brauchen eben auch eine Beschleunigung der sozial ökologischen Transformation, eine Beschleunigung der erneuerbaren Energiewende, eine Beschleunigung der Mobilitätswende, ein Ausbau der Kreislaufwirtschaft, weil nur so können wir nachhaltig diese externen Abhängigkeiten verringern, abgesehen davon, dass diese Transformation auch positive Umwelteffekte hätte und von daher ja auch ein erklärtes Ziel der Europäischen Union ist. Zum Zweiten, glaube ich, braucht es auch eine Handelspolitik, die die Möglichkeiten versucht auszuloten für eine andere Form und eine faire und solidarische Form des Multilateralismus, also der Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und anderen Ländern. Viele Länder im globalen Süden insbesondere sind von der derzeitigen Rückkehr zur Machtpolitik der großen Blöcke durchaus negativ betroffen. Sie sind genauso verwundbar. Sie haben daher auch, glaube ich, grundsätzlich ein Interesse, über internationale Zusammenarbeit nachzudenken. Auch über eine Reform des internationalen Handelssystems selbst nachzudenken. Und die Europäische Union hätte die Möglichkeit, in einen ehrlichen Dialog zur Förderung einer solidarischen internationalen Zusammenarbeit einzutreten, wenn sie das möchte. Derzeit, glaube ich, befinden wir uns diesbezüglich noch in einer Übergangsphase. Die Europäische Union hält im Wesentlichen zumindest rhetorisch an der derzeitigen handelspolitischen Ordnung fest und ist sozusagen auch daran interessiert, eine WTO Reform anzustoßen. Ich glaube aber, dass das aufgrund der Position der Vereinigten Staaten, aber auch anderer Länder in der Form nicht möglich ist. Das heißt, ich glaube, es braucht einen völlig neuen Ansatz, internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit und Handel neu zu denken. Und hier könnte die Europäische Union schon eine Rolle spielen, wenn sie sich in einen offenen Dialog mit den Ländern des globalen Südens begibt.

Klemens Lobnig
In letzter Zeit werden die Stimmen immer lauter, die fordern, dass man das Handelssystem stärker mit Klima und Industriepolitik verknüpfen sollte. Wie könnte eine solche Verzahnung konkret aussehen?

Werner Raza
Ich glaube, der wesentliche Mechanismus hier ist, dass handelspolitischer Schutz für europäische Unternehmen mit industriepolitischen Anforderungen zur Beschleunigung der Energiewende, der sozial ökologischen Transformation, aber auch vielleicht der digitalen Transformation verknüpft ist werden muss. Das heißt, das Vorantreiben der Energie und Mobilitätswende mit dem Ziel der Reduktion von Einfuhren von Energie und Rohstoffen braucht die Kombination von industrieller Konversion, industriellem Umbau und dem Ausbau der Kreislaufwirtschaft. Staatliche Schutz und Unterstützungsmaßnahmen sollten daher mit der Erreichung bestimmter Konversionsziele auf Unternehmensebene verknüpft werden. Das heißt, Handelspolitik, handelspolitische Schutzmaßnahmen sind eng damit verknüpft, dass Unternehmen eben auch in der Lage sind und willens sind, ihre Geschäftsmodelle auf eine neue, nachhaltigere Grundlage zu stellen. Von daher ist sozusagen die Konditionalisierung von handelspolitischen Maßnahmen mit industriepolitischen Zielen eine Möglichkeit, um diese sozialökologische Wende, die wir brauchen, zu beschleunigen und nicht, wie es derzeit passiert, zu verwässern und zu verlangsamen.

Klemens Lobnig
Wenn wir uns jetzt der aktuellen politischen Realität widmen, was müsste denn politisch passieren, damit sich die EU tatsächlich in Richtung einer gerechteren und nachhaltigeren Handelspolitik bewegt?

Werner Raza
Ich glaube, erstens braucht es einen realitätsbezogenen Pragmatismus, würde ich das nennen, also sprich die Einsicht der politischen Akteurinnen in der Europäischen Union, dass die Zeiten sich massiv im Wandel befinden und dass die Europäische Union in Zukunft nur dann erfolgreich sein kann, wenn wir versuchen, Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Was wir derzeit sehen, ist, dass aufgrund des geringen Wachstums, der Konkurrenz durch China, des Drucks von Seiten der Vereinigten Staaten, die europäischen Unternehmen und die europäische Wirtschaftspolitik eher dazu tendieren, die sozial ökologische Wende zu verlangsamen, aufzuweichen, zu verwässern, offenbar in der Hoffnung, damit Zeit zu gewinnen. Ich glaube, das ist aber letztendlich der falsche Weg. Wir brauchen eine proaktive Politik, die eben diese notwendigkeit für die sozial-ökologische Wende einzieht und auch sozusagen durch industriepolitische, aber auch handelspolitische Maßnahmen aktiv unterstützt. Nur so kann das europäische Wirtschafts und Wohlfahrtsmodell in Zukunft auch gesichert werden. Und zweitens glaube ich, braucht es die Einsicht, dass die Europäische Union eben, wie das auch mittlerweile viele Analystinnen und Analysten eingestehen, kein geopolitischer Akteur in der ersten Reihe ist, sondern eher sowas wie eine Mittelmacht. Das heißt, wir sind auch für unsere wirtschaftliche Entwicklung auf internationale Zusammenarbeit angewiesen. Wir haben kein Interesse daran, potenzielle Partnerinnen, Partner vor allem im globalen Süden gegen uns aufzubringen. Wir haben kein Interesse daran, Öl ins Feuer zu gießen, wenn es um internationale Konflikte geht. Wir brauchen schlicht und einfach ein Bekenntnis zu ehrlicher internationaler Zusammenarbeit auf Augenhöhe, weil nur so die globalen Problemlagen, vor denen wir stehen, letztendlich auch bewältigt werden können und und die Europäische Union allein ist ganz klar nicht in der Lage, diese sich verändernden globalen Problemlagen zu bewältigen. Wir brauchen dafür auch einen neuen Ansatz in der internationalen Zusammenarbeit.
 
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Klemens Lobnig

Wenn die EU ihre Handelspolitik neu ausrichten will, dann geht es also nicht nur um Zölle und Marktzugänge, sondern um Grundsatzfragen. Wer profitiert vom Handel? Welche Interessen setzen sich durch? Und wie lassen sich Klima-, Industrie- und Handelspolitik sinnvoll verbinden?

Genau diese Spannungen zeigen sich besonders deutlich bei den jüngsten Handelsabkommen, die die EU gerade abgeschlossen hat oder bei denen sie mitten in den Verhandlungen steckt. Etwa mit den Mercosur-Staaten oder mit Indien. Während die einen darin wirtschaftliche Chancen und geopolitische Handlungsfähigkeit sehen, warnen andere vor klimapolitischen Rückschritten, sozialen Verwerfungen und einer Fortschreibung alter Abhängigkeitsmuster.

Über diese Spannungen habe ich mit Therese Kofler gesprochen. Kofler ist Expertin für Handelspolitik bei der Organisation Attac und vertritt eine kritische Position zu EU-Mercosur Abkommen. Gesprochen haben wir unter anderem über die Frage, ob ein Abkommen, dessen Grundstruktur aus den 1990er-Jahren stammt, wirklich Antworten auf die Krisen von heute liefern kann. Hören wir rein!

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 Klemens Lobnig
Das EU-Mercosur-Abkommen wird von seinen Befürworter-innen als wirtschaftliche Chance und als geopolitisches Signal beschrieben. Gleichzeitig gibt es da aber auch massive Kritik, etwa in Bezug auf Umwelt, Landwirtschaft oder auch Menschenrechte. Wo sehen Sie die zentralen Widersprüche dieses Abkommens?

Theresa Kofler
Was beim EU Mercosur Abkommen besonders wichtig ist, ist zu verstehen, dass es eine Grundstruktur hat, die aus dem Jahr 1999 stammt. Das heißt, selbst wenn jetzt seitdem über sehr viele Jahre verhandelt worden ist, hat sich diese Grundstruktur nicht geändert. Wir können deswegen eigentlich auch nicht davon ausgehen, dass das, was 1999 sich gedacht wurde, was gescheit ist, die Antworten auf die Krisen von 2026 liefern kann. Und das sehen wir zum Beispiel darin, dass das Abkommen vor allem Handel mit klimaschädlichen Produkten erleichtern soll. Und das führt uns eben schon zu dem Hauptkritikpunkt eigentlich und der ist, dass dieses Abkommen die Klimakrise anheizen wird, sehen wir einerseits dadurch, dass allein schon der vermehrte Handel und Einsatz von diesen Produkten nicht helfen wird und auf der anderen Seite, dass eben Rattenschwänze nach sich ziehen wird, wie beispielsweise, dass der Amazonas noch weiter in Gefahr gerät. Und wir alle wissen, der Amazonas hat eine sehr zentrale Funktion für das Weltklima. Das heißt, es nutzt uns in Europa auch nichts, wenn wir Solarpaneele und E Autos auf den Straßen haben, wenn im Zeitgleich der Amazonas kippt und dadurch das gesamte Weltklima in Gefahr ist. Der Amazonas ist deswegen in Gefahr, weil mehr Flächen für landwirtschaftliche Produkte, also beispielsweise Rinderherden oder Sojafelder ausgebaut werden sollen, die dann wiederum beispielsweise, da schließt sich der Kreis mit den Pestiziden besprüht werden sollen, die aus der EU nach Südamerika mehr geliefert werden sollen. Was mir ganz wichtig ist, ist dann zu sehen, dass es da nicht nur um das Thema Klima geht, sondern dass es auch um soziale Fragen geht, weil beispielsweise genau diese Pestizide, die dann dort eingesetzt werden sollen, auch hochgefährlich sind. Also ganz viele von denen, einerseits von Bayern, andererseits von Monsanto, die mehr nach Lateinamerika geliefert werden sollen, sind in der EU eigentlich verboten, weil sie bei uns als so gefährlich eingeschätzt werden. Das heißt, wir sehen da Natürlich haben diese Konzerne großes Interesse daran, billiger woanders hin liefern zu können. Und was heißt das. Das heißt, dass sich die Krebsraten für die Arbeiter innen erhöhen, die damit arbeiten müssen, dass aber auch zum Beispiel Anwohner innen davon betroffen sind, dass ökologische Landwirtschaft davon betroffen ist und so weiter und so fort. Also sehen wir in Summe ein Abkommen, das sowohl die Klimakrise anheizt als auch soziale Probleme verschärft und insgesamt auch sehr ungleich ist. Also die EU und die Interessen europäischer Konzerne haben sich da sehr intensiv durchgesetzt und somit kann das auch geopolitisch langfristig eigentlich keine Lösung sein, weil früher oder später alle draufkommen werden, dass die Klimakrise verstärkt wird, dass soziale Ungleichheit verstärkt wird. Wir wissen, diese Faktoren helfen auch in der demokratischen Entwicklung nicht und deswegen kann es eigentlich auch geopolitisch langfristig nicht dazu beitragen, dass diese Regionen miteinander wirklich in einer guten Beziehung stehen.

Klemens Lobnig

Viele Beobachter innen argumentieren, dass internationale Handelsabkommen deshalb notwendig sind, um Kooperationen und Entwicklungen auf der Welt zu fördern. Unter welchen Bedingungen könnte denn ein Abkommen wie dieses EU Mercosur Abkommen tatsächlich zu sozialer Gerechtigkeit und nachhaltigerer Entwicklung beitragen?

Theresa Kofler
Wie eben schon erwähnt, dieses Abkommen hat eine Grundstruktur, die ist nicht nur aus dem letzten Jahrhundert, sondern aus dem letzten Jahrtausend und kann eben insofern diese Ziele eigentlich nicht verfolgen. Wenn wir uns zurückerinnern, 1999 da war Klimakrise zum Beispiel für die allermeisten noch ein Randthema und entsprechend war es eigentlich von vornherein unmöglich, dass dieses Abkommen das leistet, weil er die EU auch immer mit dem mandat, das sie 99 bekommen hat, verhandeln musste. Also selbst wenn jetzt über die letzten Jahre da noch an einzelnen Stellen nachjustiert worden ist und Umwelt und Klimaschutzverbal in diesem Abkommen drinstehen, hat am Ende des Tages Handel immer Priorität. Und wir würden eben sagen, der Handel, solange der das absolute Ziel von so einem Abkommen ist, werden soziale Fragen und Klimafragen immer nachgereiht sein. Also das sehen wir eben sozusagen im Moment, wenn wir uns anschauen, welche Mechanismen da drinnen sind, wie vorgegangen wird, wenn beispielsweise beim Klimaschutz was vernachlässigt wird, wenn bei Menschenrechten was vernachlässigt wird oder wenn bei Handel was vernachlässigt wird, dann sind die Mechanismen bei Sozialem und Klima sehr, sehr viel schwächer als bei Handel. Wir würden eben sagen, ein Handelsabkommen jetzt in dem Sinne kann all diese Probleme vermutlich nicht lösen. Was wir aber auf jeden Fall brauchen, sind internationale Abkommen, um unsere Beziehungen zu anderen Ländern und besonders zu anderen Demokratien zu stärken. Das ist überhaupt keine Frage. Und was aber dafür passieren müsste, ist, dass Klimagerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit ins Zentrum gerückt werden. Das heißt, dass wir genau diese Logik umdrehen und sagen, Klimaschutz ist das Wichtigste, Menschenrecht sind das Wichtigste und Handel soll oder darf nur passieren, wenn es uns zu diesen Zielen hilft.

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Klemens Lobnig

Wir haben jetzt eine sehr grundsätzliche Kritik gehört: Zweifel daran, ob die neuen EU-Handelsabkommen tatsächlich mit Klima- und Nachhaltigkeitszielen vereinbar sind. Und ob sie strukturelle Ungleichheiten eher verfestigen als abbauen?

Gleichzeitig argumentieren andere, dass Handelspolitik in einer zunehmend fragmentierten Welt auch strategisch gedacht werden muss. Gerade vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen, globaler Lieferkettenkrisen und wachsender Konkurrenz zwischen großen Wirtschaftsräumen stellt sich die Frage, wie Europa wirtschaftlich handlungsfähig bleibt.

Wie lässt sich diese Balance zwischen Nachhaltigkeit, wirtschaftlichen Interessen und geopolitischer Realität denken? Dazu hören wir nun eine Perspektive, von Elisabeth Christen, mit der ich für diese Sendung ebenfalls gesprochen habe. Elisabeth Christen ist Ökonomin am österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, dem WIFO, und forscht dort zu Außenwirtschaft und internationale Wirtschaftsbeziehungen. 

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Klemens Lobnig
Warum sollte die EU gerade jetzt neue Freihandelsabkommen, wie zum Beispiel das Mercosur Abkommen oder dieses neue EU Indien Handelsabkommen abschließen? Oder warum sollte sie es nicht tun?

Elisabeth Christen
Also danke für die Einladung. Ich bin eher ein Befürworter, dass die EU gerade in dieser geopolitischen Unsicherheitszeit Freihandelsabkommen abschließen sollte, um einerseits die wirtschaftlichen Impulse, die sich aus diesen Abkommen ergeben, nützen zu können, insbesondere zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, andererseits aber auch aufgrund der bedeutenden geopolitischen Implikationen, die so ein Freihandelsabkommen gerade in diesen unsicheren Zeiten momentan mit sich bringt. Daraus ergeben sich mehrere Gründe, die dafür sprechen würden. Einerseits um die Handelsbeziehungen der EU stärker zu diversifizieren, andererseits um auch den Zugang zu kritischen Rohstoffen für die Europäische Union zu verbessern. Und drittens, wahrscheinlich der weitaus gewichtigste Grund ist, dass solche Abkommen die Handlungsfähigkeit der EU in dieser aktuellen Zeit stärken können und somit auch ein bisschen die EU in der Lage ist zu zeigen, dass man mit komplizierten Partnern eine rechtssichere Vereinbarung treffen kann.

Klemens Lobnig
Wenn man sich jetzt konkret diese zwei relativ neuen Handelsabkommen anschaut, wo sehen Sie Vorteile dieser zwei Abkommen oder auch Nachteile?

Elisabeth Christen
Die Vorteile liegen sicherlich auch im wirtschaftlichen Bereich. Also das sind Länder, die Mercosur Länder, aber auch Indien sind alles große und sehr dynamisch wachsende Wirtschaftsräume, von denen natürlich auch dann besondere Impulse für die österreichische Exportwirtschaft beispielsweise ausgehen könnten. Also sicherlich auch der wirtschaftliche Faktor, der hier mitschwingt. Zusätzlich natürlich zu allem dem, was ein Freihandelsabkommen bewirkt, im Hinblick auf Abbau von Handelshemmnissen erleichtert verbesserter Zugang zu Dienstleistungen bzw. Auch zu öffentlichen Beschaffungsmärkten. Also das kann auch innerhalb der Europäischen Union natürlich ein bisschen ein Konjunkturboost sein, muss man ein bisschen vorsichtig sein. Es ist natürlich jetzt keine sofortige konjunkturelle Sofortwirkung zu erwarten, sondern wirklich eher anzusehen als strategisches Asset, das man eben mitnimmt und dass man vor allem gerade in dieser geopolitischen Zeit sozusagen hier ein Zeichen und ein politisches Signal setzen kann.

Klemens Lobnig
Es wird ja öfters argumentiert, dass solche Abkommen auch ein wichtiges Instrument zur Stärkung politischer Kooperation von der EU zu anderen Weltwirtschaftsräumen oder auch mit potenziellen Bündnispartnern ist. Aber wie sehen Sie das? Gilt das auch für Politiker, die vielleicht im Umgang nicht so leicht sind wie Xavier Milei oder Narendra Modri?

Elisabeth Christen
Ja, also ich glaube, diese Freiheitsabkommen sind eben genau ein politisches oder geopolitisches Signal, eben in diesen unsicheren Zeiten mit auch komplizierten Partnern Abkommen abschließen zu können. Das eben auch zeigt, dass die Europäische Union noch ihre Gestaltungs und Handlungsfähigkeit hat und hier auch sozusagen ein geopolitisches Gegengewicht setzen kann zu diesen protektionistischen Maßnahmen beispielsweise, die aktuell eben auch von den USA ausgehen. Natürlich sind sozusagen auch die Staatsoberhäupter dieser Länder nicht leicht einzuschätzen, aber man muss sich schon vor Augen führen, dass wir einen Großteil unseres Handels auch mit Autokratien führen. Und die Frage ist, wenn wir das nicht wollen, auch nicht über Freihandelsabkommen, dann ist schon die Frage, woher wir bestimmte Rohstoffe wie beispielsweise seltene Erde beziehen können.

Klemens Lobnig
Wenn wir jetzt noch einmal darüber hinausschauen, was gibt es denn neben Freihandelsabkommen noch für alternative Möglichkeiten, internationale Kooperation zum Beispiel im wirtschaftlichen oder im Handelsbereich zu fördern?

Elisabeth Christen
Da hat die EU in den letzten Jahren immer wieder versucht, auch neue Wege einzugehen, weil die Schiene über ein Freiheitsabkommen doch in den letzten Jahren sehr mühsam und langwierig geworden ist, bis eben der Abschluss dann tatsächlich stattgefunden ist und auch die Ratifizierung. Wir wissen sozusagen auch bei Mercosur ist jetzt sozusagen noch mal eine Schleife eingelegt worden, die Umsetzung nochmal verzögert. Es gibt natürlich auch andere Wege. Beispielsweise hat die EU auch hier versucht, im Rahmen von Energie und Rohstoffpartnerschaften auf bilateralem Wege jetzt nicht ein umfassendes Freihandelsabkommen abzuschließen, sondern wirklich mit einzelnen Ländern zu versuchen, den Zugang zu gewissen sehr wichtigen Energieträgern bzw. Rohstoffe, Stoffen abzusichern, im Gegenzug beispielsweise für einen verbesserten Marktzugang zum europäischen Binnenmarkt. Also es gibt schon sozusagen Teilbereiche, die man aus einem Abkommen dann herausstellen kann, um eben auch in der gegenwärtigen Situation noch handlungsfähig zu sein und sich vor gewissen asymmetrischen Abhängigkeiten sozusagen diese zu versuchen zu reduzieren und zu mindern.
 
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Klemens Lobnig 

Die Handelspolitik der Europäischen Union steht also tatsächlich an einem Wendepunkt. Zwischen geopolitischem Druck, wirtschaftlichen Interessen und den Herausforderungen von Klima- und Sozialgerechtigkeit entscheidet sich, welchen Weg Europa in Zukunft einschlägt. Und vor allem: welche Rolle Handel dabei spielt. Deutlich wurde auch, dass es nicht nur um technische Fragen von Zöllen oder Marktzugängen geht, sondern um grundlegende politische Entscheidungen darüber, wie wirtschaftliche Zusammenarbeit gestaltet werden soll. 

Wenn Sie sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchten, finden Sie die in der Sendung besprochene Studie von Werner Raza online auf der Website der ÖFSE. Dort finden Sie auch weitere Hintergrundinformationen und Analysen zur aktuellen EU-Handelspolitik.

Und das war dann auch schon wieder mit dem C3-Radio für heute. Die nächste Sendung gibt’s dann wie gewohnt am nächsten, ersten Montag im Monat. Das ist diesmal der 6. April. Dort widmen wir uns dann dem Thema Demokratie, und der Frage, wie man Demokratie demokratischer machen kann. 

Ich bedanke mich fürs Zuhören und wünsche Ihnen eine gute Zeit. Bis zum nächsten Mal! Bleiben Sie kritisch.