C3-Radio
C3-Radio, das entwicklungspolitische Radio aus dem Centrum für Internationale Entwicklung. Unser Radio-Host Klemens Lobnig beleuchtet einmal monatlich aktuelle entwicklungspolitische Themen für die Hörer_innen. Mit Interviews, Berichten, Hintergrundinformationen sowie Ausschnitten aus dem umfangreichen Veranstaltungsprogramm im C3.
Das C3-Radio ist eine Initiative der fünf Organisationen ÖFSE, BAOBAB, frauensolidarität, Paulo Freire Zentrum und Mattersburger Kreis im C3.
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Global Gateway: Wie die EU Entwicklungspolitik neu denkt
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04.05.2026
C3-Radio
Global Gateway: Wie die EU Entwicklungspolitik neu denkt
In dieser Ausgabe vom C3-Radio geht es um die Global-Gateway-Initiative der Europäischen Union – ein zentrales Instrument der aktuellen Entwicklungs- und Außenwirtschaftspolitik. Die EU will damit weltweit Investitionen in Infrastruktur, Energie, Digitalisierung und Bildung mobilisieren und gleichzeitig ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen stärken. Doch was bedeutet das für die Entwicklungspolitik?
Gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Lukas Schlögl (ÖFSE) ordnen wir die aktuellen Veränderungen ein und zeigen, wie stark Themen wie Rohstoffe, Lieferketten und geopolitische Konkurrenz heute im Vordergrund stehen.
Mit Aaron Gruber, Referent für Außenwirtschaftspolitik der Arbeiterkammer Wien schauen wir uns an, wie Global Gateway konkret funktioniert. Insbesondere das Zusammenspiel von öffentlichen Geldern und privaten Investitionen.
Am Beispiel des Bildungsbereichs wird schließlich deutlich, wie sich Prioritäten verschieben: Margarita Langthaler, Bildungsexpertin bei der ÖFSE zeigt, warum Bildung im Rahmen von Global Gateway zunehmend als Instrument für wirtschaftliche Entwicklung gedacht wird und welche Risiken das für soziale Ziele und Bildungssysteme im Globalen Süden mit sich bringt.
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Host: Klemens Lobnig
Stimmen: Aaron Gruber (AK Wien), Margarita Langthaler (ÖFSE), Lukas Schlögl (ÖFSE)
Musik by Alisia from Pixabay and Oleg Fedak from Pixabay
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Klemens Lobnig
Hallo und herzlich willkommen beim C3-Radio. Heute sprechen wir über ein zentrales Projekt der europäischen Entwicklungspolitik: die sogenannte Global-Gateway-Initiative. Die EU will damit weltweit Investitionen in Infrastruktur, Energie, Digitalisierung und auch Bildung fördern und gleichzeitig ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen stärken.
Doch was bedeutet das konkret für die Entwicklungspolitik? Verschieben sich hier die Prioritäten? Weg von klassischen Zielen wie Armutsbekämpfung, hin zu stärker wirtschaftlich und strategisch geprägten Ansätzen?
Um diese Veränderungen einzuordnen, beginnen wir mit einem Blick auf den größeren Kontext: Wie hat sich internationale Entwicklungszusammenarbeit in den letzten Jahren verändert? Darüber habe ich mit Lukas Schlögl gesprochen. Er ist Senior Researcher an der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung und beschäftigt sich dort mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik.
Klemens Lobnig
In den letzten Jahren hat sich die internationale Entwicklungszusammenarbeit stark verändert. Stichworte wären da zum Beispiel geopolitische Konkurrenz, Lieferketten oder auch strategische Rohstoffe. Wie ordnen Sie diese Veränderungen ein?
Lukas Schlögl
Naja, die Veränderungen sind definitiv spürbar. Ich würde sagen, es ist kein harter Bruch zu dem, was vorher da war, sondern hat sich langsam verändert, in diese Richtung beschleunigt in den letzten fünf bis maximal zehn Jahren. Aber insgesamt geht die Entwicklungspolitik durch einen Dauerwandel. Die „von der Leyen-Kommission“ ist angetreten explizit mit dem Selbstverständnis, eine geopolitische Kommission sein zu wollen. Die erste Entwicklungskommissarin unter von der Leyen hieß Jutta Urpilainen, das war noch eine klassischere Besetzung, eine finnische Sozialdemokratin, die war davor Finanzministerin unter anderem, die begann unter anderem das Global Gateway Projekt auch auszurollen. Die Team Europe Agenda kam da hinein und es wurde ein gemeinsames integriertes Budget geschaffen, das sogenannte NDICI Instrument, wo verschiedene Aussenfinanzierungstöpfe zusammengelegt wurden zu einem gemeinsamen Budget. Die zweite Etappe, die Konsolidierungsetappe sozusagen unter von der Leyen 2 hat dem noch einmal Nachdruck gegeben. Der Kommissar ist jetzt Jozef Sikela, der kommt aus dem Bankenbereich, der war früher Handelsminister in Tschechien. Auch das ist sozusagen schon mal, würde ich sagen, nicht nur Symbol, sondern eine Ansage. Das heißt, die ganze Investitionsagenda hat sehr stark an Gewicht gewonnen. Die Sprache hat sich stark verändert. Es wurde der Generaldirektorat für Entwicklung umbenannt in International Partnerships. Dass man den Entwicklungsbegriff gänzlich aus der Benennung des Ressorts streicht, ist noch einmal sozusagen ein stärkerer Schritt und auch eine Signalwirkung. Und jetzt mittlerweile, würde ich sagen, hat sich die Sprache und haben sich die Normen schon ziemlich stark gewandelt. Es sind viel stärker Themen der Energie, Migration, Geoökonomie, Systemkonkurrenz, Infrastruktur, Rohstoffe, Lieferketten in den Vordergrund getreten und haben eigentlich auch vieles, was, und das ist sozusagen die schwierige Spannung, die sich da aufbaut, vieles, was an rechtlichem und politischem Mandat da ist, überholt, wenn man so will.
Klemens Lobnig
Die EU spricht heute eben stärker von internationalen Partnerschaften und wirtschaftlicher Kooperation. Sie haben jetzt auch gesagt, das bedeutet auch gleichzeitig eine Abkehr von klassischen Entwicklungszielen, wie zum Beispiel der Armutsbekämpfung. Mich würde jetzt interessieren, welche Folgen diese Abkehr hat.
Lukas Schlögl
Ich muss es sozusagen relativieren, weil formal sind viele klassische Entwicklungsprinzipien immer noch da und sind immer noch institutionalisiert und wurden auch nicht abgeschafft, wenn man so will. Also die Armutsbekämpfung, die Verträge haben sich nicht geändert, das Armutsbekämpfungsmandat ist glasklar in den Verträgen drinnen, Die Bekenntnisse zu den SDGs und zum Multilateralismus sind da, die humanitären Prinzipien sind nicht außer Kraft gesetzt, der rechtsbasierte Ansatz, Politikkohärenz, das formale Bekenntnis eindeutig da. Und trotzdem hat man jetzt das Gefühl, es wird diskursiv einiges verschoben und auch in den Instrumenten findet eine Art Rekalibrierung statt. Der Tanker hat sich sozusagen wegbewegt und die neue Fahrrichtung ist eindeutig zu sehen und dadurch ergibt sich sozusagen eine Art Diskrepanz. Inwieweit das schon Auswirkungen hat, ist ein bisschen schwer zu sagen, würde ich, würde ich meinen. Es sind jetzt einmal die Instrumente und Anreizstrukturen und die Sprache geändert worden. Wenn man mit DG INTPA spricht, sagen sie: Naja, lassen wir die Kirche im Dorf, wir machen nach wie vor EZA Projekte. Andere sehen das deutlich kritischer, wenn man mit den NGO Dachorganisationen spricht, CONCORD und ähnlichen, die sind in absoluter Alarmstimmung. Die sehen auch, glaube ich, eine insgesamte Normenverschiebung, die nicht nur die EU betrifft, sondern die auch natürlich die Amerikaner betrifft. Dort ist überhaupt sozusagen die grundsätzliche Infragestellung der Entwicklungspolitik als Politikfeld und Modus der Zusammenarbeit und das Bekenntnis zum Multilateralismus schwerstens in Frage gestellt. Aber auch in Foren wie dem Development Assistance Committee, OECD, gab es Veränderungen im Regelwerk, indem zum Beispiel die Official Development Assistance gemessen wird, was überhaupt als öffentliche Entwicklungszusammenarbeit anerkannt ist, die schon Tabubrüche darstellen, würde ich sagen, da ist man abgekehrt zum Beispiel von dem Prinzip, dass das alles uneigennützig motivierte Zuschussleistungen im Wesentlichen sein müssen und hat. Privatsektor-Instrumente sind auch Teil dieses Konzepts. In diesem Fahrwasser, wenn man so will, bewegt sich das. Ich würde auch sagen, dieser Partnerschaftsbegriff hat eine gewisse Ambivalenz, weil einerseits ist das nachvollziehbar, man bewegt sich zum Glück weg von einem paternalistischen Nord-Süd Hilfsdiskurs, aber das kann auch ein bisschen verdecken, dass man sich sozusagen aus der Verantwortung stiehlt, dass es Prioritätensetzungen gibt, die stärker die Eigeninteressen der EU zum Beispiel betonen, die auch über de facto Macht und wirtschaftliche Asymmetrien ein bisschen hinwegtäuschen, weil die Asymmetrien gibt es nach wie vor. Man muss da sicherlich auch aufpassen, dass man nicht in eine Art neokoloniales System hineinkommt, wo der Globale Süden, ich denke jetzt insbesondere an den afrikanischen Kontinent, als eine Art Spielfeld der Geopolitik betrachtet wird, wo sich sozusagen Großmächte wieder bestimmte Einflusssphären aufteilen, wo es in erster Linie um Zugang zu günstigen Rohstoffen, Export und ähnliche Themen geht. Das hat einen bestimmten historischen Widerhall, auch wenn das, wie gesagt, in den Dokumenten nicht in aggressiver Sprache grundsätzlich rübergebracht wird, sondern diese Themen der Partnerschaftlichkeit und Armutsminderung immer auch noch mit da sind im Narrativ.
Klemens Lobnig
Die europäische Entwicklungspolitik befindet sich also im Wandel. Themen wie geopolitische Konkurrenz, Rohstoffe oder Lieferketten rücken stärker in den Vordergrund und damit auch die Interessen der EU selbst.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt dabei konkret die Global-Gateway-Initiative? Global Gateway gilt als das neue Flaggschiff der europäischen Entwicklungspolitik und soll Investitionen mobilisieren. Vor allem auch durch die Einbindung privater Unternehmen.
Was genau Global Gateway ist, wie dieses Modell funktioniert und wo die zentralen Kritikpunkte liegen, habe ich Aaron Gruber gefragt. Aaron Gruber ist Referent für Außenwirtschaftspolitik in der Arbeiterkammer Wien und beschäftigt sich dort mit Global Gateway und Entwicklungsfragen.
Klemens Lobnig
Die Global Gateway Initiative wird oft als neues Flaggschiff der europäischen Entwicklungspolitik beschrieben. Was genau ist Global Gateway und was will die EU damit erreichen?
Aaron Gruber
Global Gateway ist eine Initiative der EU Entwicklungspolitik, mit der Infrastrukturprojekte im Globalen Süden umgesetzt werden sollen, wobei private Investitionen europäischer Unternehmen eine wichtige Rolle spielen sollen. Die Initiative wurde 2021 ins Leben gerufen. Und das ursprüngliche Ziel lag darin, bis 2027 ein Gesamtvolumen von 300 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen zu mobilisieren, zu ermöglichen. Dieses Ziel wurde laut EU Kommission bereits im Oktober 2025 erreicht. Das neue Ziel liegt jetzt darin, bis Ende 2027 400 Milliarden Euro zu erreichen. Auf dem Papier ist das also mal worum es geht, Investitionen mobilisieren, um die globale Investitionslücke im Bereich der Infrastrukturentwicklung zu schließen. Aber natürlich verfolgt die EU damit auch ihre eigenen Ziele und das gibt sie auch ganz offen zu. Global Gateway soll ein Win-Win Modell sein, von dem die EU und die Partnerländer in gleichermaßen profitieren. Ganz grundsätzlich passiert das alles vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer und geoökonomischer Spannungen und Konflikte. Zentral ist der Wettbewerb der EU mit China, sowohl in ökonomischer Hinsicht als auch diplomatisch, wenn es um politischen Einfluss und um das Image der EU in Ländern des Globalen Südens geht. Hier soll Global Gateway ein Gegenangebot zu chinesischen Belt and Road Initiative sein und stellt damit auch ein Rebranding der EU-Entwicklungspolitik und EU-Außenwirtschaftspolitik gegenüber dem Globalen Süden dar. Ein ganz wichtiger Faktor ist die Absicherung von Lieferketten. Man könnte Global Gateway auch als Energie und Rohstoffdiplomatie oder als Teil dieser Diplomatie sehen. Von Global Gateway sollen auch europäische Unternehmen dann direkt profitieren, die an solchen Projekten beteiligt sein sollen.
Klemens Lobnig
Wenn ich das richtig verstanden habe, ist ein zentrales Element dieser Global Gateway Initiative der Plan, öffentliche Gelder dafür zu nutzen, um private Investitionen anzustoßen. Wie genau funktioniert denn dieses Modell und warum setzt die EU so stark darauf?
Aaron Gruber
Ja, diese Idee, mit öffentlichen Geldern private Investitionen zu hebeln, wie das auch genannt wird, die rückt seit den 2010er Jahren immer stärker in den Fokus entwicklungspolitischer Debatten. Ein zentraler Begriff ist hier De-Risking, also Risikoreduktion. In diesem Kontext geht es um unternehmerisches Risiko von privaten Akteuren im Globalen Süden. Die Risiken werden hier oft als so hoch wahrgenommen, dass Investitionen nicht zustande kommen. Wenn man jetzt öffentliche Gelder nimmt und zum Beispiel mit Hilfe einer sogenannten Garantie eine private Investition gegen Zahlungsausfall versichert, dann, so die Hoffnung, so die Idee, mindert man dadurch das Risiko so stark, dass eine Investition zustande kommt, die sonst nicht zustande käme. Das zentrale De-Risking Instrument von Global Gateway nennt sich EFSD Europäischer Fonds für nachhaltige Entwicklung Plus und der verfügt über einen Garantierahmen von 40 Milliarden Euro. Das sind 40 Milliarden Euro, die nicht direkt investiert werden, sondern mit Hilfe derer private und öffentliche Investitionen abgesichert werden sollen. Insgesamt sollen diese 40 Milliarden Euro Gesamtinvestitionen von 135 Milliarden Euro ermöglichen. Das wäre dann also knapp unter der Hälfte der ursprünglich angepeilten Gesamtsumme. Die andere Hälfte oder ein bisschen mehr als die Hälfte käme dann von den EU Mitgliedstaaten und deren Institutionen, also Entwicklungsbanken und andere. Wenn dieses Modell funktioniert, dann ist es natürlich sehr praktisch für die EU und für Geberländer allgemein, weil man kann mit weniger öffentlichen Mitteln mehr erreichen. Das Problem ist, dass es nicht so gut funktioniert, wie erhofft. Der Hebeleffekt, also wie hoch die gehebelten privaten und öffentlichen Investitionen pro investiertem Euro oder pro Euro an Garantie wirklich sind, das ist sehr umstritten. Die meisten Schätzungen gehen aber von Effekten aus, die deutlich unter den Zielvorgaben von Global Gateway sind. Global Gateway ist von einer frappierenden Intransparenz geprägt. Das Milliarden Euro Ziel, das ja angeblich bereits erreicht worden sei, ist überhaupt nicht nachvollziehbar, weil es gibt keine klare konkrete Aufschlüsselung, woher dieses Geld konkret stammt, also ob es private oder öffentliche Investitionen waren, wie gut das De-Risking und der Hebeleffekt wirklich funktioniert haben, wie viele Garantien aus dem EFSD+ ausgeschöpft wurden und welche Unternehmen konkret profitiert haben.
Klemens Lobnig
Die EU spricht ja von einem Win-Win Modell. Kritische Stimmen sagen jetzt aber, dass Global Gateway eigentlich stärker europäischen Wirtschaftsinteressen dient als der Entwicklung der Partnerländer. Wo sehen denn Sie die wichtigsten Kritikpunkte?
Aaron Gruber
Entwicklungspolitik war immer interessengeleitet und nie ein rein altruistisches Unterfangen. Aber man muss schon sagen, jetzt treten die EU Wirtschaftsinteressen immer mehr ins Zentrum der entwicklungspolitischen Agenda. Ein Grundproblem dabei ist, dass die Gelder der EU-Entwicklungszusammenarbeit laut EU-Recht primär der Armutsbekämpfung dienen müssen. Diese knappen Gelder werden jetzt verwendet, um europäische Unternehmen zu subventionieren und das Ganze noch auf sehr intransparente Weise. Es gibt da zum Beispiel ein Beratungsgremium, ein offizielles Gremium mit europäischen Konzernen. Da sind zum Beispiel Unternehmen wie Bayer drin, Siemens oder Öl und Gasunternehmen wie Total oder Enel. Und dieses Gremium berät die EU Kommission in Sachen Global Gateway Projektplanung. Einige dieser Unternehmen haben bereits Aufträge erhalten, die sind also direkt an Global Gateway Projekten beteiligt. Wie solche Projekte ausgewählt werden, welche Rolle die Unternehmen dabei spielen, das ist unbekannt. Die EU Kommission wird also hinter verschlossenen Türen von einem Gremium beraten, dessen Mitglieder direkt von den Geldern der EU Entwicklungspolitik profitieren.
Klemens Lobnig
Global Gateway zeigt also deutlich, wie stark wirtschaftliche und geopolitische Interessen heute mit Entwicklungspolitik verknüpft sind. Öffentliche Gelder sollen private Investitionen anstoßen. Gleichzeitig gibt es Kritik an Intransparenz und daran, dass soziale Ziele in den Hintergrund geraten könnten. Besonders sichtbar wird diese Verschiebung in einzelnen Politikfeldern. wie zum Beispiel im Bildungsbereich.
Denn obwohl Bildung offiziell einer der fünf Schwerpunkte von Global Gateway ist, stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt sie tatsächlich? Und wie verändert sich der Zugang der EU zu Bildungspolitik?
Darüber habe ich mit der Berufsbildungsexpertin Margarita Langthaler gesprochen, die an der ÖFSE zu Bildung und Entwicklung forscht und sich in einer aktuellen Studie mit den Veränderungen der EU-Entwicklungspolitik und deren Auswirkungen auf den Bildungsbereich beschäftigt. Hören wir rein!
Klemens Lobnig
Bildung gehört offiziell zu den fünf Schwerpunktfeldern von Global Gateway. Welche Rolle spielt der Bildungsbereich tatsächlich innerhalb dieser Strategie?
Margarita Langthaler
Es stimmt, dass Bildung eben einer dieser fünf Schwerpunktfelder sind. In der Praxis würde ich aber dennoch sagen, dass sich das nicht widerspiegelt, diese Prioritätensetzung der EU Kommission. Ein Beispiel. Im Jahr 2025 waren weniger als 7 Prozent aller Flagship Projekte des Global Gateway im Bildungssektor angesiedelt. Auch jetzt rein von der politischen Schwerpunktsetzung ist es auch wichtig zu sehen, dass Bildung eigentlich eher an Bedeutung verloren hat im Global Gateway. Früher war es ein wichtiger Sektor für Förderungen an sich, also sozusagen als sozialer Sektor. Heute spricht die EU-Kommission eher von einem instrumentellen Zugang. Also Bildung soll helfen, die Investitionsziele des Global Gateway zu erreichen und wird nicht mehr als wichtiger Sektor an sich betrachtet.
Klemens Lobnig
Sie schreiben in einer aktuellen Studie, dass sich der Fokus der EU Bildungspolitik zunehmend verschiebt, weg vom Bildung für alle hin zu stärker Arbeitsmarkt und investitionsorientierten Ansätzen. Was bedeutet denn das konkret?
Margarita Langthaler
Früher war der Bildungssektor an sich eben ein Interventionsfeld für die EU und es gab dort auch einen, sagen wir mal, systemischen Ansatz. Also es ging schon darum, die Bildungssysteme insgesamt zu stärken, auch mit einem Blick auf Chancengleichheit und auf einen Bildungszugang für alle. Also dieser Leitsatz „Bildung für alle“ war wichtig. Was jetzt im Fokus ist, ist etwas anderes, nämlich die Ausbildung von Arbeitskräften und die Stärkung von technischen Innovationskapazitäten für große Projekte des Global Gateway. Das heißt eben, wir haben diesen diese Verschiebung von einem sektoralen, systemischen Fokus zu einem instrumentellen Fokus der Bildungsförderung. Was das Risiko dabei ist, ist meiner Ansicht nach, dass die Bedeutung von funktionierenden und stabilen und breiten Bildungssystemen verkannt wird. Es gibt im Global Gateway den 360°-Ansatz. Das bedeutet eben, dass bei allen Vorhaben und Projekten unterschiedliche Prinzipien wahrgenommen werden müssen, eben zum Beispiel soziale Faktoren, Inklusion, Menschenrechte. Und dieser 360°-Ansatz dient eben dazu, dass es hier zu keinen Schieflagen kommt. Ich, aber nicht nur ich, sondern auch viele zivilgesellschaftliche Stimmen und auch kritische Wissenschafterinnen und Wissenschaftler haben aber durchaus Zweifel daran, dass dieser 360°-Ansatz ausreichen wird, um diese Schieflagen tatsächlich zu vermeiden oder zu verhindern. Was noch dazu kommt und vielleicht auch wichtig ist zu bemerken ist, dass die Förderlogik des Global Gateway an sich, die eben auf Investitionen fokussiert, nicht wirklich geeignet ist, um soziale Sektoren zu fördern. Es ist in allen sozialen Sektoren schwierig, private Investitionen zu bekommen, eben weil hier, also vor allem auch bei der Bildung geht es nicht um einmalige Infrastrukturinvestitionen, sondern die großen Kosten verursachen, eben die sogenannten „recurrent costs“, also die wiederkehrenden Kosten, vor allem Gehälter für Lehrkräfte, für Materialien und so weiter. Und es ist auch wenig Profit herauszuholen aus solchen Investitionen. Und das führt dazu, dass es schwierig ist, hier Privatinvestitionen zu bekommen. Ein zweiter Punkt, der wesentlich ist, ist, dass es eine Verschiebung gegeben hat oder gibt im Rahmen des Global Gateway von Förderinstrumenten weg von Zuschüssen hin zu Krediten oder Investitionsgarantien. Und das führt dazu, dass vor allem in afrikanischen Staaten und in den sogenannten „Least Developed Countries“ immer weniger Budget für öffentliche Ausgaben zur Verfügung steht. Das heißt, es gibt mehrere Faktoren, die dazu führen, dass Bildung als sozialer Sektor breite funktionierende Bildungssysteme, die die Möglichkeit des Bildungszugangs für alle beinhalten, dass die eben durch den Global Gateway weniger gefördert werden als früher. Ein weiterer Aspekt, der meiner Ansicht nach übersehen wird, der aber sehr wichtig ist, vor allem auch aus einer bildungspolitischen Perspektive, ist ein historisch strukturelles Problem mit den Bildungssystemen in vielen Ländern des Globalen Südens und auch insbesondere in Afrika. Die Bildungssysteme in den Ländern des Globalen Südens sind vielfach stark fragmentiert und sehr ungleich. Das bedeutet, dass diese Bildungssysteme dazu tendieren, dass sie soziale Ungleichheit eher reproduzieren, anstatt hier sozusagen eine Möglichkeit des Ausgleichs zu bieten. Die Wurzel dafür liegt darin, dass die meisten Bildungssysteme eben aus kolonialen Bildungssystemen sich entwickelt haben und dass dieses koloniale Erbe nach wie vor nachwirkt. Also die Kolonialbildungssysteme haben nicht dem Zweck gedient, die Gesellschaften insgesamt weiterzuentwickeln oder auch für alle Menschen in diesen Gesellschaften Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu bieten, sondern sie waren darauf ausgerichtet, kleine Eliten auszubilden, die in der Kolonialverwaltung gebraucht wurden. Und diese Elitenbildungsfunktion, die sehen wir nach wie vor ganz stark verankert in der Funktionsweise von Bildungssystemen. Durch eine stark punktuelle Förderlogik, eine stark projektorientierte Förderlogik wird eben die Möglichkeit verringert, dieser Ungleichheitsreproduzierenden Funktion dieser Elitenbildungsfunktion entgegenzuwirken.
Klemens Lobnig
Besonders stark wird derzeit im Bildungsbereich auf Berufliche Bildung und Qualifikation. Welche Chancen bietet denn dieses Feld und wo sehen Sie mögliche Probleme?
Margarita Langthaler
Berufliche Bildung war bisher eher ein untergeordnetes Feld für die EU Förderpolitik. Hier waren ja einzelne Mitgliedstaaten führende Player, allen voran Deutschland. Das hat sich geändert, zumindest diskursiv geändert. Jetzt ist eben sozusagen die Berufsbildung oder berufliche Bildung, Skills Development ein ganz wesentlicher Fokus. Und es wurde hier auch ein neues Konzept entwickelt, auf das stolz verwiesen wird, nämlich das sogenannte „Opportunity Driven VET“. Das deutet darauf hin, dass Berufsbildung in der Vergangenheit eben angeblich zu starr war und dass das auch dazu geführt hat, dass am Arbeitsmarkt vorbei ausgebildet wurde und viele Ausgebildete keine Jobs gefunden haben. Insofern klingt dieses „Opportunity Driven VET“ Konzept natürlich nach einem Fortschritt und es stimmt auch, dass die Berufsbildungssysteme oft von geringer Qualität sind und dass viele Ausgebildete danach keine Jobs finden. Der Grund liegt aber nicht nur und ich würde auch mal sagen nicht hauptsächlich in dem sogenannten „Skills Mismatch.“ Das ist sozusagen ein Begriff, der hier oft bemüht wird, dass Unternehmen Fachkräfte suchen würden und die Berufsbildung aber die falschen Skills ausbilden würden, also dass eben die Skills nicht zueinander passen würden. Das gibt es natürlich auch, das stimmt, aber es gibt, was sehr viel mehr ins Gewicht fällt, meiner Ansicht nach, ist, dass es einfach zu wenige Jobs gibt und dass diese Jobs auch oft keine gute Qualität haben, dass überhaupt insgesamt in dieser Diskussion zu wenig auf die Qualität des Arbeitsangebots geachtet wird. Und das Risiko, das es hier eben gibt, ist, dass wenn die Berufsbildung zu stark allein auf die Bedarfe einzelner Unternehmen, die eben sozusagen gerade Projekte aufbauen, wenn die Berufsbildung zu stark allein auf diese Bedarfe ausgerichtet wird, dann kann es natürlich sein, dass hier auch nur wenige Skills ausgebildet werden, wenn dieses Projekt dann abgeschlossen ist oder wenn die Firmen sich wieder zurückziehen, die Ausgebildeten dann auch sozusagen in eine Sackgasse führen, insofern als sie woanders dann keine Jobs finden. Und das ist insbesondere ein Problem in Ökonomien, die grundsätzlich weniger auf hochqualifizierten Jobs basieren, sondern eher sozusagen auf low skill, low quality Jobs. Und das ist ja in vielen afrikanischen Ländern eben leider der Fall. Das heißt, wenn hier nicht die Bildungspolitik auch gegenarbeitet und einen systemischen Ansatz verfolgt, dann kann es eben leicht sein, dass diese Förderlogik Skills Development und Berufsbildung tatsächlich zu einer Sackgasse werden lässt.
Klemens Lobnig
Die Entwicklungspolitik der EU verändert sich – sie wird stärker von wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen geprägt. Gleichzeitig zeigt sich, dass Bereiche wie Bildung zunehmend funktional gedacht werden, also als Mittel zum Zweck für Investitionen und Wachstum.
Damit stellt sich eine zentrale Frage für die Zukunft: Welche Rolle soll Entwicklungspolitik eigentlich spielen? Und vor allem: wem soll sie in erster Linie dienen?
Und das war es auch schon wieder mit dem C3-Radio für heute. Ab Schluss möchte ich noch etwas Persönliches sagen: Ich darf mich an dieser Stelle von allen treuen Hörerinnen und Hörern, den tollen Radiomacher*innen bei Radio Orange und meinen Kolleginnen und Kollegen im C3 verabschieden. Denn das war heute meine letzte Sendung als Moderator hier beim C3-Radio. Mich treibt es zukünftig nach Kärnten, wo mich ein neues Abenteuer erwartet. Ich möchte euch allen für die Treue und fürs Zuhören danken! Alles Gute!
Ab der nächsten Episode hört ihr dann eine neue Stimme hier im C3-Radio. Jakob Pallinger, ehemaliger Journalist und Podcaster beim Standard wird meine Rolle hier im Radio übernehmen. Der Sendungstermin bleibt der Gleiche. Die nächste Ausgabe vom C3-Radio hört ihr dann am 1. Juni.
Bis dahin: Bleibt kritisch und uns weiterhin treu verbunden! Danke!