Smartphone Sprechstunde

#6 Ist mein Kind handysüchtig? Die wichtigsten Warnzeichen, erklärt vom Suchtexperten

Niki Löwenstein & Andrea Buhl-Aigner Season 1 Episode 6

Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.

0:00 | 30:36

"Jetzt leg bitte endlich das Handy weg!"
Wer kennt´s nicht? Das Kind hängt wieder einmal stundenlang am Smartphone oder PC und die Eltern sorgen sich: "Ist das noch normal… oder schon ein Problem?"

Ab wann wird das Handy vom praktischen Begleiter zum Suchtmittel, worauf können wir achten und wie funktioniert im Alltag ein gesunder Umgang?

Die 11-jährige Tochter von Dr. Oliver Scheibenbogen darf kein Smartphone benutzen. Warum? Was macht das Handy mit jungen Menschen? 
Wir befragen den klinischen Psychologen: Wie funktionieren Sucht und  Gewohnheiten im Gehirn? 

Das nimmst du aus dieser Episode mit:

  • Kann das Handy süchtig machen und woran erkenne ich Sucht?
  • Was ist eine normale Nutzung, ab wann wird’s ungesund?
  • Welche Voraussetzungen begünstigen oder bremsen exzessive Nutzung?
  • Wie bereitet man sich als Familie vor, wenn das erste Smartphone einzieht?

Kapitel:

0:44 Wie oft hängt dein Kind am Handy?

2:08 Vorstellung Dr. Oliver Scheibenbogen 

2:56 Wie nutzt der klinische Psychologe sein Handy? 

5:24 Wir ordnen die Begriffe: Was ist eine normale Nutzung? Was bedeutet exzessiv? Wann wird’s pathologisch? 

7:25 Wie viele Menschen sind betroffen? 

09:01 Ist es erst ab Sucht gefährlich? Wann beginnen negative Folgen?

11:18 Für alle, die sich jetzt Sorgen machen: Worauf es bei Sucht ankommt.  

13:21 Was passiert im Gehirn?

18:40 Ab wann bekommt ein Kind ein Handy? 

26:29 Das Smartphone ist da: Wie bereitet man sich vor?

29:16 Ausblick auf die nächste Episode mit Teil 2 des Interviews.

Links & Studien:
Gewohnheiten Glas Wasser

How are habits formed: Modelling habit formation in the real world by PHILLIPPA LALLY* et al, University College London, London, U
European Journal of Social Psychology, Eur. J. Soc. Psychol. 40, 998–1009 (2010)

Published online 16 July 2009 in Wiley Online Library (wileyonlinelibrary.com)
https://doi.org/10.1002/ejsp.674 

Parental Concerns about Children’s Smartphone Use: From Personal Misuse to Societal Impacts 
Journal of Child and Family Studies (2025) 34:2276–2289

https://doi.org/10.1007/s10826-025-03130-y

Ab 2 Stunden Handynutzung negative Auswirkungen

Screen time: two hour daily limit would improve children’s cognition, study finds Associations between screen use, learning and concentration among

children and young people in western countries: a scoping review
BMJ 2018; 362 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.k4070 

Screen time woes: Social media posting, scrolling, externalizing behaviors and anxiety in adolescents
Applied Psychology, Faculty of Education, Western University, London, Canada
https://doi.org/10.1016/j.chb.2025.108688 

Handy als Wecker oder statt einer Armbanduhr
The importance of analogue zeitgebers to reduce digital addictive tendencies in the 21st century

https://www.pta-forum.de/ausgabe-092017/smartphone-nicht-als-uhr-benutzen/

Lass von dir hören!
Schreib uns gerne direkt auf www.smartphone-sprechstunde.at oder über Instagram https://www.instagram.com/smartphonesprechstunde/

Abonniere unseren Podcast und gib uns gerne 5 Sterne, um sichtbar zu sein und viele weitere Episoden produzieren zu können. Danke für deine Unterstützung!

Gefördert durch die Wirtschaftsagentur Wien. Ein Fonds der Stadt Wien, realisiert in redaktioneller Unabhängigkeit.

Schick uns eine Nachricht!

SPEAKER_00

Ich kann kaufsüchtig sein über das Smartphone, ich kann glücksspielssüchtig sein über das Smartphone, ich kann pornossüchtig sein über das Smartphone, ich kann social media süchtig sein über das Smartphone und ich kann gaming-süchtig sein über das Smartphone. Jeder dritte hat zumindest ein überdurchschnittliches Nutzungsverhalten, das schon auch für die ersten Probleme

Einführung in die Smartphone-Sprechstunde

SPEAKER_00

sorgt. Das Dopamin ist ein geiles Zeug, weil das lässt uns wirklich gut fühlen. Das psychische Wohlbefinden deutlich gestört ist, wenn Kinder vor dem 13. Lebensjahr ein Smartphone bekommen.

SPEAKER_02

Was ist an einem Smartphone genial?

SPEAKER_00

Nix.

Der Umgang mit Handys und Suchtverhalten

SPEAKER_02

Hand aufs Herz. Wie oft hängt dein Kind am Handy und sagt, nur noch kurz, nur noch fünf Minuten und zack! Ist wieder eine Stunde vorbei und die Diskussion beginnt. So viele Eltern kennen doch diese Frage, ist das noch normal oder schon ein Problem? Ab wann wird das Handy vom praktischen Begleiter zum Suchtmittel? Worauf können wir achten? Und wie funktioniert im Alltag ein gesunder Umgang? Genau, darüber sprechen wir jetzt mit unserem allerersten Gast, den wir uns so sehr gewünscht haben. Das hat geklappt, jawohl! Ich bin Niki Löwenstein, euer Host. An meiner Seite ist Smartphone Coach Andrea Boleigner. Andrea, holst du unseren Gast in die Sprechstunde?

SPEAKER_01

Ja, ich hole ihn und ich freue mich schon

Vorstellung des Experten Oliver Scheibenbogen

SPEAKER_01

auf das Gespräch. Es geht los.

SPEAKER_02

Smartphone Sprechstunde. Orientierung im digitalen Wahnsinn. Der Podcast für Familien, die im Bildschirmstress den Durchblick behalten.

SPEAKER_01

Hello an alle und danke dass ihr uns wieder zuhört. We are heute mal ausnahmsweise nicht in Nikis Wohnzimmer oder wie ich sonst gerne sag, in unserem Studio. Sondern wir sind heute bei Oliver Scheibenbogen, klinischer and gesundheitspsychologe und experte für Suchtverhalten. Willkommen in der Smartphone-Sprechstunde,

Sucht und digitale Medien im Fokus

SPEAKER_01

Oliver.

SPEAKER_00

Ja, herzlichen Dank für die Einladung. Schön, dass ihr hier seid.

SPEAKER_01

Eigentlich sind wir ja gerade bei dir in der Sprechstunde. Bei uns ist heute Dr. Oliver Scheibenbogen. Er ist klinischer Psychologe and Gesundheitspsychologe. Er arbeitet unter anderem am Anton Proksch-Institut in Wien. Das ist eine der führenden Suchtkliniken Europas. Die behandeln und erforschen alle Formen der Sucht, zum Beispiel die sogenannten stoffgebundenen Suchtformen wie Alkoholsucht oder Drogenabhängigkeit, aber auch die nicht stoffgebundenen Suchtformen, wie die Spielsucht, Internetsucht oder Arbeitssucht. Für die Internetsucht interessieren wir uns heute besonders. Wir möchten mit ihm über Sucht und digitale Medien sprechen. Wir wollen heute zuerst auch über deinen Umgang mit deinem Handy sprechen, wenn wir so einsteigen dürfen. Kannst du uns mal sagen, welche Rolle spielt dein Smartphone in deinem Leben?

SPEAKER_00

Bei mir schlagen eh zwei Herzen in einer Brust. Das eine ist, ich habe Nachrichtentechnik-Tail gemacht, das heißt, ich habe schon eine sehr hohe Affinität zur Technik, musste auch bei der Matura eine digitale Telefonanlage entwickeln, als einer der ersten. War ganz ergeben, als ich damals mit der Schule bei der Firma Siemens war und den 1 Megabyte-Chip in München begutachten durfte.

SPEAKER_02

Jetzt habe ich mich gerade so mit der Technik geplagt, du hättest das einfach aus dem Ärmel geschüttelt.

SPEAKER_00

Naja, heutzutage nicht. Dann habe ich mich der seriösen Psychologie zugewandt. Und das andere ist, natürlich verwende ich das Smartphone sehr, sehr oft. Ich habe zu meinen besten Zeiten vier Sim-Karten besessen, jetzt sind es nur mehr zwei. Aber ich versuche halt hier auch zu trennen, eben das Diensthandy da am Anton Brock-Institut, von meinem privaten Handy, von dem, was Ordination betrifft und al anderen Funktionen, die halt da sind.

SPEAKER_02

Da muss ich kurz nachfragen, verschiedene SIM-Karten ein Gerät?

SPEAKER_00

Ja, ich habe teilweise zwei SIM-Karten in einem Gerät gehabt.

SPEAKER_02

Nicht schlecht. Wir würden gern mit ein paar Fragen anfangen in einem WordWrap. Das heißt, kurze, knackige, schnelle Antworten aus dem Bauch heraus. Okay. Und die betriffen dein eigenes Smartphone-Verhalten. Wo ist jetzt gerade dein Handy? Weißt du das?

SPEAKER_00

Ja, am Schreibtisch ausgeschaltet.

SPEAKER_02

Und der ist zwei Meter von uns entfernt. Ja, aber doch aus der Sichtweite. Wie lange war deine Bildschirmzeit gestern ungefähr?

SPEAKER_00

Inklusive Arbeit? Zweieinhalb, drei Stunden würde ich schätzen.

SPEAKER_02

Wow, das ist wenig. Oder?

SPEAKER_00

Ich glaube schon, viel mehr wird es nicht gewesen sein.

SPEAKER_02

Was ist an einem Smartphone genial?

SPEAKER_00

Nix.

SPEAKER_02

Das ist auch eine Antwort. Und gibt es Angewohnheiten rund um dieses Gerät, die du gerne loswerden würdest?

SPEAKER_00

Gute Frage. Ich lese sehr viele Nachrichten übers Handy. Das glaube ich, könnte man ein bisschen reduzieren. Also es wäre irgendwie schön, lieber im Kaffeehaus zu sitzen, die Zeitung aufgespannt auf seinem Zeitungshalter zu lesen. Das wäre irgendwie wesentlich angenehmer. Aber das ist heutzutage schon kaum möglich.

SPEAKER_01

Das klingt schön, mache ich auch gerne im Kaffeehaus sitzen und Zeitung lesen. Leider viel zu selten. Du, wir nutzen im Alltag häufig ganz salopp Begriffe, sowas wie Handysucht oder Rumsüchteln, kenne ich auch so aus meiner Familie, wenn Kinder lang im Handy

Einordnung der Nutzung: Normal oder exzessiv?

SPEAKER_01

sind. Kannst du uns bitte mal genauer einordnen bei Tätigkeiten wie Onlinespiele zocken, Kurzvideos schauen, texten, snappen, kommunizieren, Social Media. Wo beginnt eine hohe Nutzung? Ab wann sagt man exzessive Nutzung? Dann kenne ich noch den Begriff pathologische Nutzung, was ist das? Und ab wann ist es sucht? Bitte um eine Einordnung.

SPEAKER_00

Also im Prinzip muss man hergehen und sagen, es gibt ein normales Nutzungsverhalten. Das hat auch sehr viel mit Genuss zu tun. Dann gibt es den Shift hin zum Problematischen und dann zum Pathologischen. Das Problematische bezeichnet man auch als missbräuchliches Verhalten, also von Gebrauch in den Missbrauch kommen und dann in die Abhängigkeit, pathologisch und Abhängigkeit ist mehr oder weniger ident. Der Suchtbegriff ist einer, der gerade wieder ein bisschen en vogue wird, wie ich angefangen habe, vor 30 Jahren im Suchtbereich. Da hat man eher von Abhängigkeit gesprochen. Sucht war irgendwie ein verpönter Begriff. Heutzutage sagt man eh schon, jeder ist irgendwie süchtig und es ist viel zu inflationär, der Begriff. Wichtig ist, dass man unterscheidet zwischen dem, was man so in der Allgemeinbevölkerung kommuniziert, umgangssprachlich, und dem, was es dann letztlich fachlich aus der Behandlungsperspektive ist. Und da ist es ganz klar, wir diagnostizieren hier in Österreich immer noch nach dem alten ICD-10-Kodierungscode. Und da ist es so, dass von sechs Kriterien zu mindestens drei zutreffen müssen und die ganz wichtige Information hat, das muss über zwölf Monate, also heißt ein ganzes Jahr, zutreffen. Das, was wir oft sehen, ist schon exzessives Nutzungsverhalten, aber meistens nur über einen bestimmten kurzen Zeitraum. Und dann sagen viele, beispielsweise auch die Eltern Jesus, nein, mein Kind ist schon süchtig. Und das ist es aber in Wirklichkeit nicht. Das ist schon vielleicht ein problematisches Nutzungsverhalten oder ein exzessives, aber süchtig ist es dann noch nicht. Und wichtig ist es, wir brauchen ja zur Behandlung hier am Anton-Prox-Institut

Die Dimension der Smartphone-Nutzung

SPEAKER_00

braucht es auch eine Diagnose. Also es muss wirklich krankheitswertig sein, die Störung, die Problematik, die dahinter ist.

SPEAKER_02

Wie groß ist das Thema denn eigentlich wirklich? Sucht ist in aller Munde, die Kinder sagen gerne mal auch so ein bisschen spaßeshalber, du bist ja ein Süchti. Wie viele Menschen und vor allem auch junge Menschen sind denn tatsächlich betroffen?

SPEAKER_00

Also wenn man auch da wieder großen internationalen Studien Glauben schenken darf, dann haben wir ein Problem im Bereich von fast 30%. Das heißt, das sind die, die problematisch sind und die, die schon pathologisch nutzen. Das heißt, jeder dritte hat zumindestens ein überdurchschnittliches Nutzungsverhalten, das schon auch für die ersten Probleme sorgt. Das ist relativ hoch im Vergleich dazu beispielsweise Alkohol haben wir 5%, die tatsächlich krank sind in Österreich. Und dann kommen nochmal 13, 14% dazu, die problematisch. Das heißt, wir haben da 18% im Vergleich zu 30% beim Smartphone. Warum?

SPEAKER_01

Molim. 30%.

SPEAKER_00

Warum ist das so? Weil das ja ganz viele Funktionen beinhaltet. Weil ich kann kaufssüchtig sein über das Smartphone, ich kann glücksspielssüchtig sein über das Smartphone, ich kann pornossüchtig sein über das Smartphone, ich kann Social Media süchtig sein über das Smartphone und ich kann gaming-süchtig sein über das Smartphone und habe alles griffbereit. Das ist so, wie wenn ein Alkoholkranker mit seinem Sexertrager die ganze Zeit durch die Stadt rennt und hat es immer eingesteckt. Und noch dazu eigentlich so, dass man es gar nicht sieht und dass man es auch heimlich nutzen kann.

SPEAKER_01

Als würden wir alle so einen Helm tragen, wo links und rechts zwei Bierdosen drin sind.

SPEAKER_00

Genau.

SPEAKER_01

Okay. Wahnsinn, 30 Prozent hätte ich jetzt auch nicht gedacht, dass das so hoch schon ist. Egal wie meine Nutzung jetzt begonnen hat, damit ich mir helfen lassen kann, muss ich als süchtig eingeordnet werden. Laut diesen Kriterien, dann ist das behandelbar, dann ist das auch wahrscheinlich abrechenbar über Krankheit. Ist es aber erst absucht bedenklich oder schädlich oder schon davor?

SPEAKER_00

Es ist schon davor, letztlich bedenklich, weil sozusagen problematischer Konsum ja dann schon auch die Vorstufe dazu ist, dass es dann irgendwann mit einer höheren Wahrscheinlichkeit dann in die Krankheit

Negative Folgen und Kontrollverlust

SPEAKER_00

mündet. Das ist wie ein Kontinuum, das zieht sich eben von normal bis ganz pathologisch. Und wo da ganz genau die Grenzen sind, du hast gerade nach den Grenzen gefragt. Das ist etwas, was man ganz individuell in den Gesprächen mit den Betroffenen wirklich herauskriegen muss. Das ist nicht ganz so einfach, auch zu schauen. Und das, was aus meiner Sicht immer so das große Thema ist, wir haben schon viele Verhaltensweisen, die mit dem Handy zusammenhängen, die langfristig schon negative Auswirkungen haben. Das ist unbestritten, das wissen wir heutzutage aus der Wissenschaft ganz genau. Trotzdem ist es noch keine Krankheit an sich, sondern wenn ich so weiter tue, wird erst später die Krankheit entstehen. Haben wir dasselbe beim Alkohol ja auch im Prinzip. Ich kann schon auch einmal über die Gefährdungsgrenze hinaus eine Zeit lang trinken und dann dauert es in der Regel fünf bis zehn Jahre, bis ich dann wirklich zum Beispiel auch körperliche Folgerkrankungen entwickle. Das heißt, in der Zukunft habe ich negative Aspekte. Und von diesen Kriterien denke ich, das allerwichtigste Kriterium, das es gibt, ist der Kontrollverlust. Das heißt, ich nehme vor, zum Beispiel jetzt weiß ich nicht, auf TikTok nur eine halbe Stunde, mehr habe ich nicht, nachher muss ich arbeiten oder Schule oder sonst irgendetwas machen. Und aus der halben Stunde wären dann plötzlich zwei, drei, vier Stunden. Und ich kann es nicht mehr kontrollieren. Dann ein wesentliches Kriterium sind die Entzugserscheinungen. Das heißt, wenn ich das absetze, wenn ich es nicht mehr tue, wenn ich reduziere das Konsumverhalten, dann bekomme ich, gerade bei Handy Smartphone sucht, sind es halt vor allem psychische Entzugserscheinungen. Das heißt, Gereiztheit, Nervosität, Unruhe, ich weiß nicht mit mir nichts mehr anzufangen, kommt da eigentlich kaum drüber hinweg. Und das ist etwas, was wir zum Beispiel auch beim Handy-Experiment gesehen haben, was ungefähr eine Woche anhält. Geht aber sogar bis zu körperlichen Entzugserscheinungen, wie zum Beispiel Kopfschmerzen oder dergleichen.

SPEAKER_02

Unser Podcast ist ja auch deshalb ins Leben gerufen worden von uns, weil wir genau diese Prävention fördern möchten, dass man früh genug hinschaut, sich früh genug Gedanken macht, aufmerksam sein kann. Und ich vermute mal, das, was du jetzt gesagt hast, dass da viele Eltern zuhören und sich denken, oh, Moment mal, stundenlang scrollen, Jack kommt bei uns vor, Streit, wenn aufgehört werden muss, Jack aber sowas von. Und Entzugserscheinungen im Sinne von, das Kind will halt immer wieder zum Gerät hin, kennen auch die meisten. Was kannst du diesen Eltern, die jetzt ganz viele Red Flags in ihrem Gehirn haben, mitgeben?

SPEAKER_00

Ein bisschen Entwarnung, weil es immer so ist, also wenn ich über Burnout rede, hat auf jeden Fall jeder ein Burnout. Wenn wir über ADS reden, hat jeder ADAS. Also man muss schon ein bisschen aufpassen, was das betrifft. Das Wichtige bei der Sucht ist, es muss wirklich tatsächlich auch negative Konsequenzen geben, die für den User auch wirklich vorhanden sind. Das heißt eben, Nachlassen in der Schule beispielsweise, nachlassen, was Sozialkontakte betrifft. Auf einmal sind Freunde nicht mehr so wichtig. Freizeitverhalten, früher bin ich Fußballspielen gegangen oder ins Ballett oder sonst was und auf einmal interessiert mich das alles nicht mehr. Am Arbeitsplatz, bei den Älteren gibt es Probleme. Und es entstehen wirklich negative Konsequenzen. Und das ist auch etwas ganz Wichtiges, weil dann sind wir nicht mehr auf dieser Schiene, dass wir werten. Ja, weil dein Verhalten ist jetzt normal und deins nicht. Fernsehen ist okay, aber Internet ist vielleicht nicht okay oder Handy ist nicht okay, sondern weil das sind alles Wertungen in Wirklichkeit. Wir müssen nämlich aufpassen, dass man da jetzt nicht so der Grumpy Old Man, der ich ja schon bin, zumindest Old Grumpy manchmal, dass ich da nicht in eine Wertung komme, sondern wirklich klar sage, okay, da entsteht schon ein Leidensdruck.

Leidensdruck und Diagnosekriterien

SPEAKER_00

Und ohne diesen Leidensdruck kann ich auch die Diagnose nicht stellen.

SPEAKER_02

Aber Leidensdruck kann auch bei den Eltern vorhanden sein oder muss es bei dem oder der Betroffenen sein?

SPEAKER_00

Das ist sozusagen ein bisschen die Tücke an der Geschichte. Oft sind es ja bei Suchterkrankungen zuerst die Angehörigen, die darunter leiden und dann erst die Betroffenen, wenn das Maß dann noch stärker wird, wenn jemand noch fünf stärker in diese Sucht hineinkommt.

SPEAKER_01

Kannst du mit uns mal gemeinsam ein bisschen genauer ins Gehirn reinschauen? Was passiert im Gehirn bei einer exzessiven Nutzung? Warum wirken so Dinge wie Kurzvideos, Spiele, Social Media so stark? Was passiert da im Gehirn?

SPEAKER_00

Also im Prinzip das Gleiche wie beim Alkohol oder bei illegalen Drogen. Im Prinzip ist es so, das Belohnungszentrum wird durch die Substanceinnahme oder durch die Verhaltensgeschichten wie eben TikTok oder so, das Belohnungszentrum wird aktiviert. Es werden körpereigene Endorphine ausgeschüttet, die über das Dopamin gesteuert werden. Und auf einmal fühle ich mich besser. Das Dopamin ist ein geiles Zeug, aber das lässt uns wirklich gut fühlen. Der Nachteil von dem Dopamin ist, es flutet relativ schnell an. Der Pegel wird ziemlich schnell erhöht. Aber, und jetzt kommt die Kehrseite der Medaille, es ist ziemlich schnell wieder weg. Und alles, was einen relativ schnellen Abfall wieder hat, sorgt aber dann dafür, dass wir sozusagen den Schrei nach mehr immer mehr spüren. Und das heißt, ich muss nachlegen. Das heißt, es muss das nächste Video her. Und wenn das nicht reicht, dann muss das noch ein Video her und noch eins und immer schneller und immer mehr und immer mehr Likes und immer mehr Follower und immer mehr andere Belohnungsgeschichten, um sozusagen diesen Dopaminpegel dann auch wirklich halten zu können. Es macht also kurzfristig so ein Glücksgefühl. Das, was wir Menschen aber zum Leben so schön brauchen, ist Zufriedenheit. Das würde ich vielen wirklich so ans Herz legen, an dieser Zufriedenheit zu arbeiten. Und Zufriedenheit ist nicht Dopamin, sondern Serotonin. Wieder ganz andere Botenschutz.

SPEAKER_01

Wie bekomme ich Serotonin?

SPEAKER_00

Serotonin ist etwas, das bekomme ich nur, wenn ich dafür sorge, dass ich wirklich rundum ein halbwegs freudvolles Leben führe. Ausgeglichenheit, Gelassenheit habe. Und das sind Dinge, die langfristig sind. Serotonin flutet doch ganz langsam an im Gehirn und der Pegel wird doch ganz langsam wieder gesenkt.

SPEAKER_01

Das klingt nach einer langen Aufgabe, die jetzt nicht so schnell zu erledigen ist, wie ich lege jetzt mein Handy weg am Abend.

SPEAKER_00

Ja, eben. Ein freudvolles Leben zu führen, da muss man sich schon ein bisschen länger anstrengen.

SPEAKER_01

Warum fällt es uns aber dann so schwer, das Handy wegzulassen? Also das mit dem Dopamin verstehe ich, das gefällt uns, davon wollen wir mehr haben. Aber ist er so stark, dass das alle meine Willenskraft und meine Reaktionsfähigkeit ausschaltet? Oder kann ich das als Erwachsener schon besser als als Kind?

SPEAKER_00

Ja, die Erwachsenen können es in der Regel schon ein bisschen besser, aber das sind Nuancen, weil wir sozusagen als Erwachsene ein bisschen besser sozusagen negative Konsequenzen vorwegnehmen können, weil wir ein bisschen besser planen können, ein bisschen strukturierter sind, gibt es ziemlich viele individuelle Unterschiede. Wenn jemand sehr impulsiv ist, dann kann er das vielleicht auch manchmal nicht so gut. Aber Kindern fehlt das oft ein bisschen, weil das Frontalchen sich erst entwickeln muss. Und das Frontalchen ist jene Instanz, die unser Gefühlszentrum hemmt ein Stückchen und sagt, ja, weiß ich nicht, nicht bei deinem ersten Hauch von Langeweile springe ich in der Schule auf und renne herum, sondern ich weiß, okay, das hört sich jetzt nicht, das wäre wichtig zuzuhören, dann verpasse ich was, wenn ich nicht zuhöre und so. Also dieses planvoll vorausschauende Denken, diese Exekutivfunktionen, wie man auch sagt. Und das ist erst ungefähr mit 28, 30 wirklich ausgewachsen.

SPEAKER_02

Ja, die Andrea macht gerade ganz große Augen. Das erste Smartphone.

SPEAKER_00

Geht sich knapp aus, ne?

SPEAKER_02

Das erste Smartphone in Österreich ist auf den Markt gekommen, als die Andrea und ich gerade unser Studium beendet haben, 2008. Da waren wir gerade fertig, da war das Gehirn dann schon so Richtung ausgereift sein. Heute haben ganz, ganz viele Volksschulkinder Smartphones und zwar sehr selbstverständlich. Und das Gehirn, so wie du gerade gesagt hast, ist weit weg von Ich bin fertig. Was macht dieses Kastel in der Schultasche, in der Hosentasche, in der Hand mit dem jungen Gehirn?

SPEAKER_00

Die Reiz, die da entstehen durch das Smartphone, kann ich mich als Junger oder Jungjugendlicher kaum widersetzen. Das heißt, ich komme sehr schnell genau in diesen Kontrollverlust, von dem wir vorher gesprochen haben. Ich komme viel mehr in dieses Konsumieren hinein, wissen mittlerweile, dass allein die Präsenz von dem Smartphone reicht schon aus, auch wenn es nicht einmal eingeschaltet ist, damit ich abgelenkt bin, damit Lernen nicht mehr so gut funktioniert. Das ist nämlich auch dieses Dopamin wieder. Und Dopamin wirkt dann verstärkend. Das ist wie so eine positive Verstärkung. Wenn ich jetzt rede und du nickst mir zu in unserem Interview, weiß ich, ich darf weiterreden, ist ja auch eine Verstärkung. Das heißt, du bist jetzt mein Dopamin sozusagen so ein Stückchen.

SPEAKER_02

Gerne. Das hat doch niemand zu mir gesagt.

SPEAKER_00

Was für ein Kompliment. Das Problem dabei ist, dass wir lernen dann, dass es nur bei der Ankündigung des Reizes wird das Dopamin dann schon ausgeschüttet. Es muss gar nicht der Reiz selber da sein. Und die Ankündigung heißt, das Handy liegt jetzt eh so, wie es bei mir eigentlich falsch ist, da am Schreibtisch in Sichtweite. Und damit ist die Konzentrationsfähigkeit schon nicht mehr so stark da. Und da reicht es nicht einmal vom Verstand her zu wissen, es ist nicht einmal mein Handy, oder es ist ausgeschalten. Ja, weil da muss der Verstand sich über das Gefühl nochmal drübersetzen. Das Gefühl ist aber viel schneller als der Verstand. Und damit habe ich schon dieses Thema, bin schon abgelenkt. Jemand, der da schon eine hohe Affinität dazu hat, der vielleicht schon eine Suchterkrankung hat, der reagiert viel, viel sensitiver auf Suchtassoziierte Reize, die da sind. Und das geht im Bruchteil von Sekunden, da reden wir im Millisekundenbereich davon. Und da kann ich mich dem kaum widersetzen. Und das ist auch ein Prozess, der, wenn er einmal ins Rollen gebracht worden ist, kaum mehr wieder wegzutrainieren ist. Und deswegen glaube ich, es ist so ganz wichtig jetzt von der gesellschaftlichen Seite her, dass wir uns wirklich überlegen, ab wann bekommt ein Kind ein Handy, ab wann ist sozusagen das Gehirn, das ist ja nur ein Aspekt davon, sozusagen in der Lage, da dem Reiz noch

Gesellschaftliche Verantwortung im Umgang mit Handys

SPEAKER_00

was entgegenzusetzen. Aber wie machen wir das auch gesellschaftlich? Weil im Suchtbereich kennen wir das. Gegen eine Sucht allein zu kämpfen, das ist eher ungut. Selbst wir Professionisten haben da oft dann unsere Probleme, wenn das aber in Gemeinsamkeit erfolgt, Psychologe, Psychotherapeut mit dem Arzt zusammen, mit den Angehörigen, mit den Betroffenen zusammen, dann haben wir eine super Chance in der Behandlung. Und das gilt letztlich auch für die Prävention schon. Wenn wir als Gesellschaft Normen entwickeln, wo dann ein Elternteil nicht mehr allein kämpfen muss, weil es, weiß ich nicht, dass das Kind das einzige Kind ist in der ganzen Schule, das kein Handy mehr hat, und dementsprechend angefeindet wird, das Kind, und auch letztlich die Eltern für diese Entscheidung. Wenn wir das als Gesellschaft tragen und sagen, okay, bei uns gibt es das nicht. Und es gibt ja erste Schulen auch, die sagen, man kann sein Kind nur anmelden in der Schule, wenn das Kind noch kein Handy hat und die Eltern unterschreiben auch, dass das Kind erst mit 14, 16 das Handy bekommt. Da entstehen sozusagen Kollektive der Gleichgesinnten, um sich da über diese Schiene stärker zu fühlen und stärker letztlich auch gegen sozusagen diese Bedrohung durch das Handy ein bisschen auch ankämpfen zu können.

SPEAKER_02

Oliver, ich sitze hier auch in meiner Funktion als Mama und zwar einer Zwölfjährigen, die gerade Geburtstag gehabt hat und zu diesem zwölften Geburtstag ihr erstes Smartphone bekommen hat. Das war ein riesiges Thema. Und in Vorbereitung auf unser Interview habe ich ein Gespräch

Altersgrenzen für Smartphone-Nutzung

SPEAKER_02

mit dir gehört. Da hast du erzählt, du hast eine elfjährige Tochter, also ein Spur-Jünger, und die hat kein Smartphone. Aus guten Gründen. Erzähl mal, was deine Gedanken dahinter sind und wo wirklich konkret die Altersgrenze ist, wo du sagst, ab hier ist es jetzt dann okay.

SPEAKER_00

Genau, also im Prinzip sind das viele, viele unterschiedliche Aspekte, die man berücksichtigen muss. Ganz grob, es gibt große Meta-Analysen, also viele Studien in einer Studie integriert, die weltweit eigentlich zeigen, dass das psychische Wohlbefinden deutlich gestört ist, wenn Kinder vor dem 13. Lebensjahr ein Smartphone bekommen. Und wenn das Kinder intensiv nutzen, vor allem die sozialen Medien dabei nutzen, dann sieht man zehn Jahre später erhöhte Werte in Depression, teilweise sogar in Suizidgedanken, teilweise sogar in Halluzinationen, bis hin zu diesem Gefühl, ich bin der Welt entfremdet, ich gehöre zu der Welt nicht mehr dazu. Und da haben wir ja dieses ganz große Thema, das uns Erwachsene ja von den Kindern unterscheidet. Wir haben ja Kulturtechniken und soziale Interaktion gelernt, face-to-face in der Realität. Wenn wir das aber Kindern nicht mehr anbieten, dann haben Kinder keinen Zugang zur Realität. Und wir haben mittlerweile so Phänomene, ich kenne das auch von Kollegen, die vor allem mit Jugendlichen arbeiten, die dann in der Therapie, versuchen wir ja auch oft ressourcenorientiert zu arbeiten und dann sagen, okay, Naturerlebnisse auch wieder zu propagieren und zu implementieren ins Leben. Und der ist Alpakawa dann gegangen mit den Kindern und Jugendlichen und ihm das völlig verweigert, weil da viele dabei waren, die mit Natur und Tieren nichts mehr anfangen. Und dann wirken die auch nicht mehr entspannen. Beruhigend, dann können wir solche Dinge in der Therapie nicht mehr nutzen. Und schon gar nicht dann auch selbst, wenn ich sage, ich möchte mich regenerieren, ich möchte mich erholen oder so etwas. Wie soll ein Kind denn das lernen, wenn ich überhaupt keinen Bezug mehr habe dazu? Und deswegen denke ich, ist es ganz wichtig, gerade bei Jugendlichen und bei Kindern, reality first. Das heißt, ich muss schauen, dass ich diese Erlebnisse tatsächlich in der Realität habe und dann kann Add-on ja noch was dabei sein. Deswegen sieht man sozusagen, psychisches Wohlbefinden wird durch einen intensiven Internet-Handykonsum nach dem 13. Lebensjahr deutlich weniger belastet, als das halt in früheren Phasen des Lebens der Fall ist. Deswegen denke ich, ist da so eine Grenze 13, 14 Jahren. Also eh das, was jetzt momentan noch gerade Social Media Verbot diskutiert wird, da fallen halt dann noch andere Aspekte mit rein, wie juristische Aspekte beispielsweise, wann kann ich abos abschließen, wann bin ich vertragsfähig und so weiter als Kind. Das kommt auch noch mit dazu. Aber ich glaube, dass das ganz ein wesentlicher Teil ist zu sagen, so lange wie möglich kein Smartphone. 14 scheint so irgendwo die Grenze zu sein, jetzt was die psychische Gesundheit betrifft. Und wir kennen das ja aus dem Suchtbereich

Die intelligenteste Droge: Smartphones

SPEAKER_00

ein Early Onset. Wenn ich also früh anfange, Alkohol zu trinken, wenn ich früh anfange, irgendwie Cannabis zu rauchen, wenn ich früh anfange, Zigaretten zu konsumieren, dann ist die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Suchterkrankung deutlich höher. Und auch in der Behandlung ist es teilweise wesentlich schwieriger, dass jemand wieder von diesen Substanzen wegkommt oder hat dann auch oft so ein Drehtürphänomen und immer wieder rezitiv und immer wieder Rückfälle.

SPEAKER_02

Oliver, in der Vorbereitung bin ich auf ein Zitat von dir gestoßen, das mich wirklich geflasht hat, nämlich das Handy ist die intelligenteste Droge. Kannst du das erklären?

SPEAKER_00

Im Suchtbereich ist es so, das Alkohol ist eine uralte Substanz, die kennen wir. Und im Prinzip ist es bis auf Kleinigkeiten ziemlich irrelevant, ob ich jetzt Bier oder Wein trinke. Beim Schnaps ist es ein bisschen hochprozentiger, da wirkt es ein bisschen, flutet es schneller an, aber das sind auch nur Nuancen in Wirklichkeit. Das Handy ist so komplex, dass wir in der Behandlung kaum hinterherkommen, weil wir viele von diesen neuen Applikationen noch gar nicht kennen, bevor es unsere Patienten bringen. Neue Plattformen entstehen und so weiter. Und da ist es schon so, dass wir uns als Therapeuten auch damit wirklich intensiv auseinandersetzen müssen, um das zu verstehen auch von den Dynamiken. Und jetzt gehen wir her bei TikTok und sagen Autoplay-Funktion beispielsweise. Oder keine Cooldown-Phasen, die es gibt. Und es ist interessant, weil ich behandle auch Patienten mit Glücksspielabhängigkeit und am Automaten ist es so, dass seit 2010, am Glücksspielautomaten, ist eine Autoplay-Taste verboten. Früher konnte man auch irgendwie sein Geld reinschieben und dann hat man auf Autoplay gedrückt und hat automatisch der Automat das Geld verspielt. Und dass man drauf kommen, Hoppala, das ist ein bisschen gariskant. Das Geld ist ziemlich schnell weg bei der Geschichte und hat das verboten per Gesetz. Und genau das gleiche gehört in Wirklichkeit auch bei diesen Plattformen gemacht. Das heißt, Autoplay gibt es nicht. Sondern ich muss mir das selbst die Entscheidung treffen können, so und ich schaue mir das nächste Video an. Das heißt, wir wissen eigentlich, was gut wäre, setzen es aber noch nicht um aufgrund vieler, vieler Handicaps, die da einfach da ist. Und das macht so kompliziert. TikTok wird nicht das Einzige sein, es wird die nächste Applikation kommen. Jetzt haben wir das ganz große Thema KI, wo wir auch merken, ein bisschen ein Shift weg von den sozialen Medien bei Jugendlichen hin zu KI-Applikationen. Da werden wir uns das dann auch anschauen. Ich erlebe das oft auch schon in der Therapie, dass KI auch da mittlerweile ein Thema ist. Ich habe Patienten, die sich teilweise viel lieber mit der KI unterhalten als mit mir. Das ist eine große Kränkung, die da natürlich erfolgt. Aber wenn ich dann nachfrage, was da passiert, ist das so, naja, da brauche ich keine negativen Konsequenzen erwarten. Da kriegt man nicht unmittelbar eine Rückmeldung. Eine KI kann ich nicht enttäuschen, sie kann ich schon enttäuschen, wenn ich einen Rückfall habe. Die KI, da verstehe ich es besser, wenn die mir was zurückgeben. Aber völlig unreflektiert, ob das wirklich stimmt oder nicht, was die KI sagt, ist dann wieder eine andere Geschichte.

SPEAKER_02

Kurzer Zwischenruf, an dieser Stelle müssen wir verweisen auf unsere dritte Folge Kinder und KI.

SPEAKER_00

Wunderbar, genau, super.

SPEAKER_01

Okay, wir merken uns jetzt mal, so lange wie möglich warten bei Kindern. Aber irgendwann ist es soweit, jetzt kommt das Handy, man kann irgendwie nicht mehr warten oder es gibt einfach auch Einsatzmöglichkeiten im Alltag, wo man nicht mehr so gut auskommt. Also das Kind bekommt

Vorbereitung auf das erste Smartphone

SPEAKER_01

jetzt ein Smartphone. Wie kann man sich als Familie darauf vorbereiten, wenn jetzt sozusagen die smarten Geräte auch für die jüngeren Familienmitglieder zu Hause einziehen dürfen? Wir waren beide jetzt kürzlich gemeinsam auf einer Veranstaltung von der Promenta in Oberösterreich und da hast du was gesagt, das ist mir richtig im Gehirn hängen geblieben. Vielleicht kannst du uns das nochmal erzählen. Da ging es darum, das Handy ein bisschen anders zu betrachten, wenn es in den Haushalt einzieht.

SPEAKER_00

Also das ist so die Domestizierung, das heißt, in Wirklichkeit ist es so ähnlich wie wenn ein Tier in den Haushalt mit einzieht. Da braucht es einmal eine Vorbereitung. Wenn das eine Katze ist, dann brauche ich einen Katzenkistel, dann brauche ich die Nahrung schon dafür, einen Schlafplatz, einen Kratzbaum und so weiter. Das muss ich mir beim Handy in Wirklichkeit auch überlegen. Wenn ein Handy jetzt in die Familie mit einzieht, gerade bei jungen Kindern, dann muss man überlegen, wie gehen wir dann um, welche Regeln gibt es denn da? Und da ist es aus meiner Sicht ganz wichtig, das ist so ähnlich wie beim Alkohol ist es beispielsweise auch so. Alkohol ist ab 16 erlaubt, aber auch nur niederprozentige Alkoholiker. Und erst mit 18 ist dann zum Beispiel Schnaps erlaubt, dass von der Dynamik her viel stärker dafür geeignet ist, ein Kontrollverlust dann aufgrund der hohen Promilgrenze dann auch auszulösen. Und deswegen ist zum Beispiel ganz wichtig, auch beim Handy, jetzt kann man sich ziemlich abgucken davon, dass man zum Beispiel sagt, okay, ich fange jetzt einfach an, mal mit einem alten Cellphone, das heißt ohne Internetfunktion, und wir üben so diese direkte Kommunikation über das Handy, diese Synchrone Übersprechen, mache ein bisschen SMS vielleicht, das ist aber gar nicht so einfach, mit diesen drei Buchstaben pro Taste damit zurechtzukommen. Das ist schon motorisch eine ziemliche Herausforderung, zumindest für mich.

SPEAKER_02

Spiele ein bisschen Snake.

SPEAKER_00

Genau, genau. Gefang mit Spielen an, die nicht so einen hohen Anreizwert haben, wo ich vielleicht wieder ein bisschen besser aufhören kann, auch damit. Und fange so an, das zu üben und zu trainieren. Das ist so ähnlich wie wenn ich, wenn ich ein Smartphone unbegrenzt mit allen Features und Applikationen ein Kind in die Hand gedrückt, ist es so ähnlich, als ob ich es auf ein Rennmotorrad setze und sage, fahr los. Und ich glaube, dass wir uns da ganz genau überlegen müssen, welche Schritte setzen wir. Und da gibt es halt viele, viele Optionen, weil aus meiner Sicht ist schon mal ein Riesenunterschied zwischen Handy und iPad. Weil ein iPad ist etwas, besonders wenn es nur eine WLAN-Funktion hat und Kasim-Kartenfunktion hat, dann ist das lokal gebunden an die Wohnung zum Beispiel oder das Haus. Und dann ist das etwas, wo das Kind sagt, so, jetzt bin ich mit der Schule fertig, komme von der Schule nach Hause und dann habe ich vielleicht eine Zeit, wo ich dann auch konkret spielen darf. Und dann muss ich mir das auch hernehmen, das ist nicht griffnäheständig, es ist nicht ständig verfügbar. Das ist viel leichter zu dosieren und eine Kompetenz zu entwickeln, als wenn das ein Smartphone ist, das ich immer bei mir trage.

SPEAKER_02

Ja, und bei einer Sache ist das Smartphone in Griffweite natürlich absolut sinnvoll beim Podcast

Ausblick auf den zweiten Teil des Interviews

SPEAKER_02

hören. Deshalb hör bitte nächste Woche wieder bei uns rein, beim zweiten Teil des großen Interviews rund um Handysucht. Und es bleibt richtig spannend. Wie gehst du damit um, wenn dein Kind längst Gewohnheiten entwickelt hat, die dir Sorgen bereiten und geändert werden müssen? Und welche Inhalte am Handy können richtig gefährlich werden. In Episode 7 sprechen wir genau darüber. Welche Regeln helfen wirklich und wie kannst du dein Kind gelassen als Schamane begleiten? Wie bitte? Was? Als Schamane? Ja. Das empfiehlt unser Suchtexperte. Was er damit meint, verrät er in der nächsten Folge.

SPEAKER_01

Und wenn du dein Handy gerade in der Hand hast, gib uns fünf Sterne oder hinterlass uns einen Kommentar. Schreib uns deine Gedanken. Oder besuch uns auf Instagram oder auf unserer Website smartphone-sprechstunde.at. Und falls dir jemand einfällt, den das auch interessieren könnte, empfiehl uns gerne weiter. Deine Beteiligung ist für uns total wichtig, damit wir noch viele weitere Episoden machen können. Alle Infos sind wie immer auch unten in den Shownotes.

SPEAKER_02

Die Smartphone-Sprechstunde erscheint immer Donnerstag früh. Bis zum nächsten Mal. Wir begleiten euch durch den digitalen Wahnsinn.