Sachlich richtig
Einmal in der Woche schauen die vier etablierten Redakteure Annekatrin Mücke, Alexander Teske, Ole Skambraks und Peter Welchering auf einen aktuellen Aufreger in der Medienbranche und fragen, was sich aus dem Einzelfall lernen lässt und was dahinter steckt.
Die Medien-Insider berichten Internas aus dem Maschinenraum des Journalismus - egal ob Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk, Privat-TV oder Alternativmedien.
Sachlich richtig
Musk und der Messermann - die Berichterstattung über Belfast bei ARD und ZDF
Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.
Elon Musk verklagt das ZDF. Warum?
Es ist unsere letzte Folge zu viert. Wir haben uns zwei Stunden über aktuelle Ereignisse ausgetauscht und erzählen dann, warum wir bei der OAZ aufgehört haben und wieso Ole aussteigen wird. Wir werden die Folge in mehreren Teilen veröffentlichen.
Den Anfang macht die "Messeattacke" in Belfast durch einen "Geflüchteten", die in rechter Hetze und einer Jagd auf Ausländer durch den Mob endete, woran Elon Musk Schuld sei. So ähnlich könnte man zumindest denken, wenn man nur das ZDF und die ARD verfolgt hat. Aber hört selbst.
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Musk und der Messermann von Belfast so heißt, eine unserer letzten Folgen zu viert von sachlich richtig dem Medien-Podcast. Wir wollen sprechen vor allem darüber, wie die Medien berichten über die Ereignisse in Nordirland. Hört gerne rein, ist ein spannendes Gespräch geworden mit Annekatrin Mücke, Oles Gambrax und Peter Welchering. Und wenn euch der Kanal gefällt, abonniert ihn gerne, befreundet über Schenkungen und natürlich über eure Kommentare. Jetzt viel Spaß mit Musk und dem Messermann.
SPEAKER_04Sachlich richtig dumm. Mückes Gambrags-Teske Welchering sprechen über Meinungsfreiheit, Rundfunkbeitrag, Social Media.
SPEAKER_01Ihr habt das wahrscheinlich alle mitbekommen. In Belfast hat ein Mann aus dem Sudan stammend, einen anderen, wie ich erst heute gelesen habe, weil das tatsächlich immer ein bisschen untergegangen ist, bei das Opferkörperbehindert und eine Messerattacke. Der öffentlich-rechtliche nennt es eine Messerattacke. Wer möchte denn unseren Hörern erklären, was hinter der Messerattacke steckt?
SPEAKER_00Ja, das mache ich gerne, denn ich bin dafür auch von einigen ÖR-Kollegen heftig kritisiert worden, weil ich das Ganze in Taubtuksversuch nannte. Und die sagten, na, nee, also das kann es ja nicht sein, weil in Taubtugung ist ja so mit Schmackes und Schwert und so, ne? Und hier war ja null Messer. Dahinter steckt, am 8. Juni hat sich eben dieser besagte 30-jährige Sudanese, zunächst war von einem Somalia die Rede, auf der Kinnett Avenue in Belfast auf einen 44-jährigen Iren, Stephen O'Gilvy, mehr oder weniger gesetzt und ein Video ist zu sehen, das dann auch gefertigt wurde. Da werden auch mehr oder weniger, sind da wirklich Schneidebewegungen zu sehen. Und die ersten Posts mit diesem Videomaterial, die wurden so gegen 23 Uhr abgesetzt. Die sind dann unglaublich rumgelaufen, haben eine enorme Reichweite erzielt. Die BBC hat dann auch relativ früh am Tag drauf berichtet. War wohl auch eine der ersten. Bei uns gab es diese Berichte am 9. nicht, weder in den Nachrichtensendungen des 9. Juni noch in anderen Sendungen, sondern die erste Online-Meldung, die die Tagesschau dann abgesetzt hat, die war am 10. Juni, also am zweiten Tag danach, da um 3.02 Uhr in der Früh und dann folgte auch das ZDF mit ZDF heute, war ein bisschen später, kurz vor 6 in der Früh. Und vor allen Dingen wurde dann heftig kritisiert und ist auch zu kritisieren, dass eben beide Sender sich in ihren Berichten dann auf die sich an diesen Enthauptungsversuchenden anschließenden Tumulte in Belfast konzentriert haben. Und ganz nebenher, so irgendwann am Ende erwähnt haben, ach übrigens, Auslöser soll gewesen sein, eben eine Messeattacke gegen einen 44-jährigen Iren.
SPEAKER_01Das ist ja ein Muster, oder? Also dass man über die eigentliche Tat gar nicht berichten würde, weil das wäre ja, also man würde jetzt sagen, im Öffentlich-Rechtlichen dies zu klein, die ist nicht der Erwähnung wert und deswegen gehen wir auf die Proteste, aber ich erkenne da eher ein Muster, dass man dann eben nur über die Proteste berichten möchte. Und man muss schon sehr genau lesen und das sich zusammenreimen, um dann an die Ursache zu kommen. Und die tiefer liegenden Ursachen, die habe ich bis heute noch nicht in den Berichten entdecken können. Aber vielleicht habe ich auch was verpasst.
SPEAKER_00Nee, habe ich auch nicht so entdecken können, aber gerade in den Belfast, das ja eine, ich sag mal, wirklich gewalttätige Geschichte hat, ne, in Nordirland, da habe ich auch die Argumentation einiger öffentlich-rechtlicher Kollegen, die sagten, ja, mein Gott, sollen wir denn über jede Messeattacke in irgendeiner europäischen Stadt berichten? Diese Messeattacke hatte schon ein paar Besonderheiten, wenn man sie Messerattacke nennen will, nämlich solch einen Enthauptungsversuch, der ist schon eher selten. Und die Brutalität, mit der es ausgeführt wurde, ist auch selten. Und das, was da an auch Gewalttaten im Vorfeld war in anderen nordirischen Städten, auch in anderen englischen Städten natürlich auch, aber vor allen Dingen eben auch in anderen nordirischen Städten, das hat ja auch ein sehr exklusives Klima geschaffen. Und allein deshalb würde ich rein, wenn ich Nachrichtenfaktoren anlege, also wirklich ohne jedwede politische Stellungnahme, sondern nur rein nach den Nachrichtenwertfaktoren, würde ich sagen, gehört das natürlich schon in die nächst erreichbare Nachrichtensendung. Dann in den Folgesendungen natürlich auch über diesen Tumulten, die teilweise auch wirklich übel und heftig waren zu berichten. Das ist klar. Aber auch da sollte man dann die sozusagen diesen Tumulten letztlich zugrundeliegende Tat nicht so verharmlosen, dass er von halt zu einer Messeattacke oder sowas berichtet wird.
SPEAKER_03Ja, ich denke, das hat auch natürlich den Hintergrund, dass eben diese sehr, sehr massive Gewalt auf den Hals, ja. Das ist etwas, was, sag ich mal, in hiesigen Kriminalitätsstatistiken sonst eher selten vorkam. Also da wird dann mal gestochen oder man versucht am Oberschenkel irgendwie, ne? Das ist alles schlimm genug. Aber dieses Aufschneiden des Halses, das im Grunde genommen der Kopf mehr oder weniger ab ist, das ist schon eine Geschichte, die eben doch oft mit muslimischem Hintergrund passiert. Also ich erinnere an diesen Lehrer in Frankreich, der ist ja auch enthauptet worden. Könnt ihr euch erinnern an diese Geschichte von Muslims?
SPEAKER_01Oh ich glaube, das war tatsächlich eine Machete oder sowas.
SPEAKER_03Ja, aber diese Enthauptung und ich habe das leider Gottes hier ganz um die Ecke bei mir in Pankow vor, ich weiß jetzt nicht, so drei, vier, fünf Jahren mag das ja sein, wir haben hier ein Flüchtlingswohnheim um die Ecke, das ist 500 Meter Luftlinie, und da ist eine afghanische Frau am hellerlichten Tag, direkt vor der Flüchtlingsunterkunft, vor den Augen ihrer drei oder vier kleinen Kinder, von ihrem Mann ja mehr oder weniger geschächtet worden. Also auch wirklich so richtig so dieses fast enthauptet, ja, auf offener Straße. Und das ist schon nochmal ein Schockmoment mehr, der, ich weiß es nicht genau, ich kann es nicht genau sagen, aber ich glaube, dass das hier in Europa eigentlich eine eher seltene Art des Mordens ist.
SPEAKER_01Kann denn jemand von euch mal sagen, warum es so Proteste gab? Also warum, also es ist ja unbestritten, dass es dann dieses Video geteilt wurde und dass es natürlich auch durchaus zu rechter Hetze benutzt wurde. Aber es muss ja auf fruchtbaren Boden gefallen sein. Warum hat das so gezündet? Warum ist dann tatsächlich, also wurde dann geplündert und Molotov-Kicktails geworfen.
SPEAKER_00Also ich sehe da verschiedene Gründe. Zum einen in Belfast haben wir es mit einer Situation zu tun, wo es in der Vergangenheit schon des Öfteren durchaus zu, oder nicht nur in Belfast, sondern in Nordirland generell, muss man sagen, zu Gewalt hatten kam. Zum Zweiten, insbesondere in der Stadt Belfast, da haben viele Bewohner sich auch geäußert, dass sie überfordert sind von dem, was da an Zuwächsen, an Aufwächsen, Bevölkerungsaufwuchs an Möglichkeiten, Migranten in diese Stadt mit einzubeziehen, in den vergangenen Jahren auf sie zugekommen ist. Und diese Überforderung hat sich wohl inzwischen auch in so etwas wie eine Wut verwandelt. Das ist überhaupt keine Rechtfertigung, aber es gibt Prozesse, die kann man dann eben nachvollziehen. Weil die sehr häufig geführten Klagen im politischen, nicht im juristischen Sinne, und Bitten an der Situation noch was zu ändern, eben von der Politik einfach immer abgetan wurden. Und in Großbritannien generell fühlen sich immer mehr Briten, wie mir auch Kollegen von der BBC berichtet haben, von ihrer Regierung einfach im Stich gelassen. Ihr seht unsere Lebenssituation nicht mehr, ihr konzentriert euch nur auf die Lebenssituation noch von Migranten, heißt es da immer. Ob das nun so ist oder nicht so ist, aber es ist zumindest eine Erfahrung, die vorgetragen wird. Und wenn diese Erfahrungen eben, wie der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann es mal so schön gesagt hat, nichts nur Politik des Gehörtwerdens fühlt, also dass sich Leute mit ihren Anliegen dann auch angenommen fühlen und dass sie sehen, da wird auch politisch was gemacht, ich glaube, dann stachelt sich das so auf und dann führt das zu solchen Exzessen. Ohne dass damit diese Exzesse gerechtfertigt werden wollen, die sind nicht zu rechtfertigen. Aber dann entwickelt sich auch so eine Gruppendynamik und so eine Dynamik, die letztlich in furchtbarer Gewalt endet. Und da muss man den Politikern einfach sagen, Mensch, man kann sowas doch, wir haben die Instrumente dafür, in psychologischer, in soziologischer Hinsicht, setz sie doch an und wir haben vor allen Dingen auch die Früherkennungssysteme, dass ihr die so ignoriert, das verwundert mich dann immer wieder.
SPEAKER_02Ja, es gibt ja auch berechtigte Kritik daran, dass eben diese Tatsachen, Peter, die du gerade geschildert hast, nicht nur von der Politik ignoriert werden, sondern eben auch von den Medien. Und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist es zumindest so, dass da ja nicht nur die Ursache nicht genannt wurde, sondern es gab dann in dem ZDF heute, ich glaube, es war eine Frühsendung, eine ZDF Heute-Sendung, in der eine Moderatorin gesagt hat, Elon Musk und ein britischer Rechtsextremist hätten daraufhin zu der Jagd auf Migranten aufgerufen. Und das ist auf jeden Fall eine krasse Fehldarstellung. Also es gibt einen Tweet, in dem Musk einen Post auf X von Tommy Robinson teilt, und das ist die Zeiten und die Orte dieser Demonstrationen werden da durchgegeben. Und im Wortlaut schreibt er, only by protesting repeatedly and loudly will there be any change. Also nur, wenn man wiederholt, erneut und erneut und laut protestiert, wird es Veränderung geben. Ja, da kann man sich jetzt drüber streiten, aber in dieser Art geframedt, das hat selber der NDR-Kollege Sebastian Eberle nicht gut gefunden und antwortete an die Kollegen in Mainz bei allem Respekt, das geht so nicht. So können und so dürfen wir nicht arbeiten. Das ist völlig inakzeptabel.
SPEAKER_03Genau, was nämlich völlig fehlt, ist das, was man aber in sozialen Netzwerken immer wieder zu sehen bekommt, dass es offensichtlich in Großbritannien, ob das jetzt in Irland war, das weiß ich nicht zu sagen, aber ich kann mich erinnern, solche Videos gesehen zu haben, dass sich da die Polizei schon teilweise in gewisse Stadtviertel nicht mehr reintraut, weil dort migrantische Männer die Autofahrer abzocken, ausplündern, die da durchfahren wollen. Also es scheint wirklich Gebiete zu geben, in denen permanenter Ausnahmezustand herrscht und im Grunde genommen das britische Recht überhaupt nicht mehr gilt. Und das müsste man an der Stelle natürlich dann auch mal beleuchten und wirklich ehrlichen Herzensjournalistisch fragen, wo sind denn die Ursachen? Wie kann es denn sein, dass das so hochkocht und so explodiert, dass offensichtlich wirklich ein, ich will jetzt diesen Mordattacke, also diese Fastmordattacke, jetzt nicht kleinreden, das ist kein kleines Zündholz, ja. Aber es ist ja doch, sage ich mal, ein Ereignis, das so eine Welle auslöst und dann sollte man sich ja eben schon fragen, was sind denn da die Ursachen dafür? Und dann zu sagen, es war der böse Elon Musk, der hat das mit Hilfe eines Posts irgendwie entflammt. Also Entschuldigung, das ist ja auch einfach wirklich naiv zu glauben, dass das irgendjemand für bare Münze nimmt.
SPEAKER_01Es hat ja auch was mit dem Framen eben zu tun im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Da wird dann der Täter ein Geflüchteter genannt. Jetzt muss man wissen, der Mann ist aus dem Sudan nach Paris gekommen. Wir wissen nicht wie, aber wir wissen, dass er einen Linienflug genommen hat von Paris nach Dublin und von dort wohl mit dem Bus über die Grenze nach Nordirland gekommen ist und in Großbritannien einen Duldungsstatus erlangt hat bis 2028. Und das ist offenbar eben kein Einzelfall. Und deswegen sind so viele Menschen empört. Vielleicht nochmal zum Hintergrund: Großbritannien hat ja für den Brexit gestimmt und man hätte zwischen Irland und Nordirland eine harte Grenze machen müssen, wollte man aber eben nicht, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen. Und deswegen ist die Grenze nach wie vor zwischen der EU und Nordirland eben an dieser Stelle offen. Und was für Geflüchtete oder wie auch immer man sie dann eben bezeichnen möchte, ein Einfallstor ist. Und deswegen gibt es dieses Problem in Nordirland offenbar jetzt recht geballt. Das vielleicht nun mal so, wie ich es mir jetzt bin ja absolut kein Experte, so auf die Schnelle angelesen habe. Und dass es genau dieser Passus, ich glaube, das dauert jetzt nicht allzu lange, das mal zu erklären im Öffentlich-Rechtlichen, was ich vermisse. Und dann vielleicht auch einfach mal zu sagen, das Opfer zwar jetzt außer Lebensgefahr hat aber ein Auge verloren und was man, wie man das psychologisch verarbeiten soll, bleibt mir ein Rätsel.
SPEAKER_00Ja, und die Sendung, die Ola angesprochen hat, das war ZDF heute live und ich habe mir diese 31 Minuten angeschaut. Tatsächlich war es eine 31-minütige Sendung gegen Elon Musk. Und das sollte man eben nicht tun. Auch dieser Aufruf, das wird dann nicht nur von der Moderatorin zu Beginn der Sendung gemacht, sondern auch in einem Beitrag nimmt eine Autorin das nochmal auf. Und in einem Interview, das dann mehrfach durch einen Spieler noch unterbrochen wird, mit einem Vertreter eines Instituts sehr NGO-mäßig ausgerichtet, wird das Ganze dann auch noch ständig eben tatsächlich auf diese Person Elon Musk gewendet. Also ich hätte nichts gehabt gegen eine halbe Stunde. Was steckt denn hinter diesen massiven, exzessiven Tumulten in Nordirland? Und wie hat sich das denn in den letzten Jahren sozusagen zusammengebraut? Und unter Umständen auch noch, gibt es denn da auch nicht doch noch Ansätze für Lösungen? Das wäre eine halbe Stunde gewesen, die hätte ich sofort begrüßt, aber diese halbe Stunde von ZTF heute live war wirklich nur eine Anti-Mask-Sendung. Und dann muss man sich fragen, was hat das noch mit Journalismus zu tun? Ich habe da dieses Format, das habe ich eher als Agitrop-Format erfahren und eben nicht als eine journalistische Sendung.